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Johanna Rolshoven (Vortrag vom Freitag, den 18.12. 1998)
Der Rausch
Kulturwissenschaftliche Blicke auf die NormalitätAusgangspunkt des Vortrages war die diskursive Pathologisierung der Trunkenheit in unserer Gesellschaft, an der sich die Medizin als neue bürgerliche »Naturwissenschaft« seit dem 19. Jahrhundert maßgeblich beteiligt hat. Bestimmte gesellschaftliche Gruppen: Unterschichtsangehörige, Frauen und Jugendliche waren (und sind) von der Verunglimpfung besonders betroffen. Der Diskurs über das Trinken – so die zentrale Annahme – übersetzt herrschende Werte und Organisationsprinzipien in einer Gesellschaft; im Fall der unseren ist es namentlich die Angst vor Unordnung. In der kulturwissenschaftlichen Analyse von Rauschverhalten und Rauschbewertung ist zum einen die geschichtliche Fundierung unentbehrlich. Am Beispiel des Weinkonsums kann die historische Bedingtheit modernen Rauschempfindens aufgezeigt werden. Zum anderen veranschaulichen ethnologische Ansätze die Kulturbedingtheit des Phänomens: sowohl das reale Verhalten im Zustand der Trunkenheit als auch seine individuelle und gesellschaftliche Bewertung unterscheiden sich in Abhängigkeit vom kulturellen Kontext sowie von Geschlecht, Status und Alter der »Betroffenen«. Beide methodisch-theoretischen Herangehensweisen widerlegen die in unserer Gesellschaft herrschende Annahme von der physiologischen Determiniertheit der Auswirkungen von Alkoholkonsum.
Johanna Rolshoven
Zurück zur Homepage urs keller 21.03.1999