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Beatrice Tobler (Vortrag vom Mittwoch, 3.2.1999)
Live dabei im Netz. Blicken und Angeblickt-Werden im Internet. Eine Anleitung zum Surfen.
Live Kameras im Internet, auch Web Cams genannt, stellen eine neue Form von Bildern in und von unserem Alltag dar. Wenn wir von Bildern reden, haben wir es meist mit einer dreifachen Realität zu tun: Da ist erstens die Realität des Bildes selbst, das heisst, seine Materialität und Beschaffenheit, zweitens eine sich dahinter befindende Realität, auf welche das Bild verweist und drittens die Realität der betrachtenden Person, welche in ihrer Wahrnehmung dem Bild eine Bedeutung gibt.
Die Realität hinter den Bildern: Web Cams können Verschiedenes zeigen: private Personen in Innenräumen, Landschaften und Aussenräume oder öffentliche Räume, Gebäude und Plätze.
Webcam-Suchmaschine: http://www.earthcam.com
Blick auf den Hamburger Hafen: http://www.stern.de/webguide/webcam/weltreise/europa/deutschland_hamburg.html/
Die einen sind rein informativ, geben z.B. Auskunft über das Wetter, die anderen erlauben einen voyeuristischen Blick auf Privatpersonen.
Die Inhalte der privaten Kameras sind geschlechtsspezifisch: Bei Seiten von Frauen ist die Erotik immer mitgedacht. Männer sind ihrer Selbstdarstellung nüchterner, oft auch langweiliger, was bisweilen schon die Titel ihrer Sites verraten. Sexualität ist auf Männerseiten kein Thema, es sei denn sie sind schwul.
Jenny Cam: http://www.jennycam.org
Ana Cam: http://www.anacam.com
Boring Guys Webcam: http://www.boringguys.com/
Ned's Annoying Homepage: A Normal Guy And His Dog: http://www.users.fast.net/~nedward/cam.htm
Der voyeuristische Blick: Entsprechend den Inhalten ist auch der Blick geschlechtsspezifisch. Die Richtung des Blicks gibt Auskunft über bestehende Machtverhältnisse: Er blickt, sie wird betrachtet. Auch dort, wo es nicht primär um Erotik geht, ist der Mann Subjekt, die Frau Objekt des Blickens. Kameras von lesbischen Frauen für Frauen gibt es nicht.
Web Cams konfrontieren uns mit schlechten, unbewegten Bildern. Wie ein Voyeur hinter Büschen müssen wir beim Betrachten von Web Cam Bildern gewisse Strapazen - Ladezeiten und schlechte Sichtverhältnisse - auf uns nehmen. Zudem wissen wir nicht, ob gerade etwas läuft. Eine Frage, die sich beim Fernsehen mit seinen Dutzenden von Kanälen nicht mehr stellt. Von Web Cams lässt man sich nicht Bier trinkend berieseln. Man guckt aktiv durch ein virtuelles Fernrohr. Fasziniert richten wir das Präsens des Blicks auf das scheinbar Uninszenierte. Das Bild und mit ihm der Blick haben die Unmittelbarkeit zurückgewonnen, die ihnen durch die inszenierten Medienbilder und die digital generierten und manipulierten Bilder in unserer Gegenwart abhanden gekommen ist.
Die Langsamkeit des Bildaufbaus ist erholsam in einer Zeit der unsteten Bilder im Fernsehen, die mit ihrer Geschwindigkeit die Grenze der Wahrnehmbarkeit häufig durchbrechen. Grafisch primitive Bilder, die man sich geduldig im Internet besorgen muss, sind auch spannender als Hochglanzprospekte, die einem nachgeworfen werden. Sie lassen mehr Raum für die eigene Phantasie und sind unmittelbar, authentisch, einzigartig.
Die Realität des Betrachters: Ein Kunstprojekt zeigt »live« ein Stadtbild von Leipzig. Es will den Aufbau im Osten dokumentieren. Wer oft vorbeischaut, soll Veränderungen feststellen können. In Wirklichkeit werden die Bilder aber aus einem Archiv geladen und zeigen ironisch, wie Gebäude in 10 Minuten zu Hochhäusern wachsen. Im Gästebuch hinterlassen gutgläubige BesucherInnen der Site ihre Kommentare, gespeist aus Erinnerungen an den Besuch der Stadt. Nur wenige erkennen den Schwindel. Die Bilder selbst sagen so wenig aus, dass wir gezwungen sind, ihnen durch unsere Erinnerungen und Vorstellungen Sinn zu verleihen. Die Faszination von den Möglichkeiten eines neuen Mediums, das uns erlaubt, Augenzeugen am anderen Ende der Welt zu werden, lässt uns darüber hinwegsehen, dass seine Inhalte banal sind.
Live Bilder aus Leipzig: http://www.hgb-leipzig.de/projekt/livesource/default.htm
Die Realität des Bildes: Die Beliebigkeit und Belanglosigkeit von Web Cam Bildern sind Thema eines weiteren Internet-Kunstprojektes: Der »Multi-Cultural Recycler« erlaubt es, einen eigenen »kulturellen Kompost« aus Web Cam Bildern herzustellen. Aus einer Liste können einzelne Web Cams ausgewählt werden. Die Bilder dieser Cams werden per Mausklick zu einem Kunstwerk wiederverwertet. Das Bild wird auf seine Materialität, die Pixel, reduziert. Die abgebildeten Realitäten hinter den Kamerabildern sind unbedeutend, sie sind Abfall. Sinn entsteht erst durch den Vorgang der »Kompostierung« der materiellen Realität.
The Multi-cultural Recycler: http://shoko.calarts.edu/ ~alex/recycler.html
Wir laden nicht ein Bild von Leipzig aus dem Internet, weil wir sehen wollen, wie es dort aussieht, sondern weil uns der Gedanke fasziniert, die Gegenwart, also die zeitliche Nähe in der räumlichen Distanz einzufangen. Wir schauen nicht in fremde Wohnzimmer, um etwas über die Personen zu erfahren, die sie bewohnen, geschweige denn, um sie als Beispiel einer Alltagsgeschichte zu verstehen. Der Inhalt ist nicht die Botschaft (Marshall McLuhan). Das Phänomen, dass Bedeutung nicht mehr eindeutig ist und nicht mehr mitgeliefert wird, ist in verschiedenen Medien zu beobachten. Bedeutung müssen wir individuell aktiv konstruieren.
Einen möglichen Kontext bauen wir uns bei den Web Cams in unserer Phantasie. Der Kompost wird zum Nährboden für unsere Vorstellung: Wir machen die fremden Leute am anderen Ende der technischen Seherweiterung zu BewohnerInnen unserer eigenen Phantasiewelten und erleben dabei in der Sicherheit der Legalität und der eigenen Wohnung den Thrill eines Voyeurs.
Beatrice Tobler