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„Pappa ante Portas“ von Loriot

Heinrich Lohse: Loriot, Renate Lohse: Evelyn Hamann, Dieter Lohse: Gerrit Schmidt-Foss, Hellmut: Hans-Peter Korff, Buch und Regie: Loriot, Kamera: Gerard Vandenberg, Produzent: Horst Wendtlandt, Produktion: Rialto Film/Bavaria Film, Deutschland 1991, ca. 86 Minuten, FSK: ohne, EA: 20.02.1991

«Jeden Rabatt ausnutzend, beschert Einkaufsdirektor Heinrich Lohse seiner Firma Schreib-maschinenpapier für die nächsten 40 Jahre im voraus. Daraufhin vorzeitig in den  Ruhestand versetzt, steht Pappa mittags vor der Haustür und verkündet die „freudige“ Überraschung. „Ab sofort werde er seine Erfahrungen dem Haushalt und der Familie zur Verfügung stellen“.
LORIOT in Bestform! Mit seinem unnachahmlichen Humor versteht er es wie kein anderer die Tücken des Alltags aufzuspüren und mit Liebe zum Detail zu porträtieren.»
So schildert der Klappentext der Videoausgabe von „Pappa ante Portas“ der Warner Home Video GmbH Vicco von Bülows alias Loriot zweiten Spielfilm. Der 1923 in Brandenburg an der Havel geborene Humorist ist uns allen durch seine Cartoons und Sketche aus Funk und Fernsehen bekannt. Die beiden Herren in der Hotelbadewanne und die berüchtigte Nudel sind Synonyme für seinen Humor, vielleicht sogar für Humor in Deutschland.
Uns, den volkskundlichen Filmanalysten,  sticht natürlich eine Formulierung aus dem Klappentext sofort ins Auge. Hier ist von den „Tücken des Alltags“ die Rede. Ist das nun eine Redewendung der Alltagssprache? Achte, da war es schon wieder, dieses verflixte Wort „Alltag“. Oder ist hier etwa ein Volkskundler bei Warner Home Video als Klappentextschreiber gelandet, weil er keine Stelle in einem Museum gefunden (laut Proseminar klassisches Betätigungsfeld für Volkskundler) und das mit dem Kulturmanag-ment auch nicht so ganz geklappt hat.
Scherz bei Seite. Die Frage ist, ob sich bei einer Komödie der volkskundliche Hebel ansetzen lässt und, noch wichtiger, wo. Bei meinen Recherchen zu diesem Vortrag wurde mir schnell klar, daß ich nicht auf Unmengen tief volkskundlicher Literatur unter den Schlagworten Humor, Alltagssatire, Parodie, Alltag im Film und Loriot sowieso nicht, zurückgreifen kann.
Meine Analyse ist daher hauptsächlich werkimmanent (Deutschunterricht 10. Klasse).
Halten wir noch mal fest: es soll hier um Alltag gehen. Alltag? Auf jeden Fall volkskundlich, oder?
Gut, die Filmreihe dieses Semesters heißt: „Bullen, Bürger, Spießer. Parodien auf gesellschaftlich normierte Lebensentwürfe im deutschen Spielfilm.“ Wer hat sich eigentlich diesen Titel ausgedacht? Heinrich Lohse ist ein Bürger, vielleicht sogar ein Bildungsbürger. Gut, passt auch.
Im Film geht es die ganze Zeit um die Beziehung zwischen Mann und Frau als Lebensgemeinschaft, aber auch um Mann und Mann, Mann und Mutter, Junge und Mädchen, etc. Ist das etwa Gender Studies? Ja? Na, bravo.
Der volkskundliche Hebel ist angesetzt, wenn auch mit der Brechstange. Jetzt kann es ja losgehen mit dem Analysieren. Moment...
Entschuldigt meine flapsige Einführung.  Ab jetzt ganz ernst. Ich möchte nun an drei Punkten verdeutlichen, dass man auch Komödien volkskundlich analysieren  kann.

Deutscher Alltag
In einem Gespräch mit Robert Gernhardt aus dem „stern“ wurde Loriot 1993  gefragt, ob seine Kinofilme auch im Ausland gezeigt wurden. Darauf Loriot:
„Nein, wir haben ja auch  nie versucht, sie zu synchronisieren, weil sie ganz auf deutsche Verhältnisse zugeschnitten sind, auf das deutsche bürgerliche Verhalten. Das trifft eigentlich für alles zu, was ich gemacht habe. Mich hat das immer am meisten interessiert.“
Der bürgerliche Alltag ist nicht erst seit Louis Bunuels „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ fester Bestandteil der Filmgeschichte. Alltag ist seit jeher fester Bestandteil der Volkskunde, aber auch der Alltag der Bürger? Nein, diese wurden bisher außen vor gelassen bei der Betrachtung von Alltagsleben. (korrigiert mich, wenn ich falsch liege) Es waren immer die Bauern und Arbeiter die das Forschungsfeld beherrschten. Bürger waren die Forscher selbst, es fehlte meist die Distanz zum Feld, die das Forschen leichter macht. Meiner Meinung nach ist diese Bevölkerungsgruppe immer stark vernachlässigt worden. Loriot hat hier keine Berührungsängste. Er ist,  schaut man sich seine Vita an, der Bürger schlechthin. Er erzählt von seinen Leuten. Es sind die, die er am besten kennt. Und das tut er auf so vorzügliche Weise, wenn er zum Beispiel die Frankfurter Allgemeine sortiert oder die Anleitung für die Küchenmaschine auf Englisch vorliest, obwohl es auch eine deutsche gibt. Lohses Wirken im Haushalt zeichnet sich durch Lebensunfähigkeit und Naivität aus. Er läßt Hausierer ins Wohnzimmer und empfängt sie wie Geschäftsfreunde, organisiert den Haushalt nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten neu und kauft 150 Gläser Senf, wegen einer Ersparnis von 6 Pfennig pro Glas.

Bürgerlichkeit
Zuhause und in seiner Firma scheinen die Verhältnisse klar. Morgens im Flur seines Hauses stellt Lohse seine Sicht der Dinge scherzhaft dar: „Der Mann geht tagsüber mit seiner Keule auf die Jagd und die Familie wartet in der Höhle.“  Seine Keule, einen Regenschirm, vergißt er beim verlassen des Hauses. Darauf seine Frau kaltschnäuzig erinnernd: „Deine Keule.“
Im Büro erweisen dem senilen Einkaufsdirektor seine weiblichen Mitarbeiter ehrfürchtige Demut. Seine Vorzimmerdame muss sich sogar um die Behebung des groben Unfugs, welchen ihr Chef verursacht, kümmern.
Renate Lohse, des ehemaligen Einkaufsdirektors Gattin, organisiert Literaturabende, das heißt Lesungen bekannter Autoren. Wie in Fontanes „ Frau Jenni Treibel“ labt sich hier der Bürger an der Hochkultur. Der Literat Lothar Frohlein ist im Bergriff sein Publikum, Lohse gehört seit neustem auch dazu, mit einer immensen Masse seines Werkes zu  langweilen, da ereilt ihn ein heftiger Schluckauf. Lohse heilt ihn indem er ihn fragt, was er gestern abend gegessen hätte. Abgelenkt sinniert Frohlein: „Gedünsteten Kohlrabi mit Fischstäbchen und Remouladensoße.“  Hier wird die Profanität der Situation klar und Loriot entzaubert die Kulturveranstaltung auf vorzügliche Weise.
 

Lebensformen – Lebensgemeinschaften
Das während des ganzen Films dominierende Motiv ist das Zusammenleben von Mann und Frau in erster Linie, aber auch von Mann und Mann, Frau und Frau, etc. Hierzu fragt André Müller Herrn Bülow bei einem Interview für die „Zeit“ im Jahre 1992:
„Ein häufig wiederkehrendes Thema Ihrer Arbeit ist der zur Groteske gesteigerte, meist katastrophal endende Ehestreit.“  Loriot hierzu kurz: „Ja, ich bin der Meinung, daß Frau und Mann nicht zusammen passen.“
Loriot geht es im Gegensatz zu uns in seinen Filmen um die Erzeugung von Lachen anhand von übersteigerten Alltagssituationen, die jeder kennt. Wir als Alltagsforscher wollen das Beobachtete möglichst wirklichkeitsnah wiedergeben. Parallelen im Beobachteten findet man aber zu Genüge. Am ausgeprägtesten beim Thema Mann – Frau und deren Formen des Zusammenlebens.
Nachdem ihr Mann das Eheleben durch sein Ausscheiden aus der Firma deutlich durcheinander gebracht hat, gesteht Renate Lohse einer Freundin: „Ich war 16 Jahre sehr gemütlich verheiratet und nun sowas....“
Die Lebenswelten von Lohse und seiner Frau sind streng zeitlich und räumlich voneinander  getrennt. Dies verdeutlicht sich in einer Szene. Nachdem Lohse wegen seiner nicht mehr zu verantwortenden Aktionen bei der Deutschen Röhren AG in den Vorruhestand versetzt wird, kehrt er, natürlich viel früher als sonst, nach Hause zurück. Seine Frau erschrickt er fast zu Tode. Darauf Lohse: „Ich wohne hier.“  Seine Frau: „Aber doch nicht um diese Zeit.“
Hier ist etwas gründlich durcheinander gekommen. Die neuen Verhältnisse innerhalb der Ehe Lohse verstören beide Partner zutiefst. Die Wirkungsbereiche haben sich verschoben, das führt zu Konflikten.
Loriot demontiert in „Pappa ante Portas“ das Ideal der bürgerlichen Ehe und spiegelt diese Lebensgemeinschaft oder Partnerschaft an vielen Beispielen von Formen des Zusammenlebens. Lohses Sohn wechselt die Freundinnen, wie andere die Hemden oder es wird ein glückliches schwules Paar dargestellt. Am Ende hält Loriot doch zum Ideal.  Aber wie möchte ich noch nicht verraten. Seht selbst.

Tobias Knubel
 

 
 
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