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  Die Halbstarken, BRD 1956, ca. 92 Min., s/w

mit Horst Buchholz (Freddy Borchert), Karin Baal (Sissy Bohl), Christian
Doermer (Jan Borchert), Jo Herbst (Günther), Viktoria von Ballasko
(Mutter Borchert), Stanislaw Ledinek (Antonio Garezzo) Regie: Georg
Tressler Drehbuch: Will Tremper, Georg Tressler nach einer Erzählung von
Will Tremper Kamera: Heinz Pehlke Musik: Martin Böttcher FSK ab 16
Erstaufführung: 27.9.1956, 15.2.1964 (ARD)

Zur Einführung eine Inhaltsangabe und Kurzkritik aus dem Lexikon des
internationalen Films, Rowohlt, 1998:

„Berlin in den 50er Jahren: Von seiner Freundin angetrieben, begeht ein
Heranwachsender mehrere Überfälle, zieht seinen Bruder mit in seine
Machenschaften und gerät immer mehr in eine auswegslose Situation. Als
er sich weigert einen Zeugen zu töten, wird er von seiner Freundin
angeschossen und stellt sich der Polizei.
Weniger eine Jugendstudie als ein Film über kriminelle Jugendliche , der
trotz zu einfacher Erklärungsmuster - zerrüttetes Elternhaus, falsche
Freunde - einen interessanten Blick in die Gefühlswelt der Jugendlichen
zur Zeit des Wirtschaftswunders bietet. Bei allen vergröbernden
Tendenzen ein bemerkenswerter Film mit ausgezeichneter Kameraarbeit,
guten Darstellern und einer nicht zu unterschätzenden unterhaltenden
Intensität.“
 

Wie immer beim hgv-Filmclub, haben uns nicht die oben erwähnten Merkmale
‚ausgezeichnete Kameraarbeit‘,  ‚gute Darsteller‘ oder die ‚nicht zu
unterschätzende unterhaltende Intensität‘ zu interessieren, sondern der,
bei uns allen mehr oder weniger geschärfte, volkskundliche, oder wie
immer häufiger an diesem Institut zu hörende, kulturwissenschaftliche
Blick auf das vorliegende Kunstprodukt steht hier im Vorder-grund.
Es ist die oben erwähnte  ‚Gefühlswelt der Jugendlichen zur Zeit des
Wirtschafts-wunders‘ und ihre pädagogisierte Präsentation durch die
Erwachsenen,  die ich hier unter besonderer Berücksichtigung der
alltäglichen Lebenswelt an ein paar Punkten einführend beleuchten
möchte.

Im Vorspann des Films werden einführende Worte eingeblendet und ein
Realitätsbezug hergestellt:

„Die Mehrheit der Jugend hat mit der Erscheinung der Halbstarken nichts
zu tun. Die Minderheit aber fällt auf, und deshalb spricht man von ihr.
Dieser Film berichtet über die Taten einzelner Jugendlicher und ihres
kriminellen Anführers, im Zwielicht von Erlebnis-drang und Verbrechen.
Die Geschehnisse entsprechen tatsächlichen Ereignissen der jüngsten
Vergangenheit und sollen eine Warnung sein für alle jungen Menschen, die
in Gefahr sind, auf Abwege zu geraten.“

Die Subkultur der Halbstarken

Über die potentiell vorbildhafte Wirkung ihrer ‚coolen‘, oder um den
50ern auch sprachlich treu zu bleiben ‚duften‘ Typen/Protagonisten
bewusst, stellen die Autoren Tressler und Tremper gleich zu Beginn klar
welche Absicht der Film ‚Die Halbstarken‘ haben soll, sie versuchen
gleich Missverständnisse auszuschliessen und geben sich realitätsnah, ja
fast dokumentarisch (der Regisseur Georg Tressler war lange
Dokumentarfilmer), indem klargestellt wird, dass die ‚Geschehnisse
tatsächlichen Ereignissen der jüngsten Vergangenheit entsprechen‘.
Hiermit wird auf die sogenannten Halbstarkenkrawallen zwischen `56 und
`58 angespielt. In deutschen Grossstädten fanden damals gewalttätige
Auseinandersetzungen mit bis zu 1500 beteiligten Jugendlichen statt.
Die, fast ausschliesslich den unteren sozialen Schichten zugehörigen,
Halbstarken - es waren meist 16- bis 19-jährige Lehrlinge und angelernte
Arbeiter - forderten bei Rock`n`Roll-Konzerten (Bill Haley) oder, zum
Beispiel, nach einer Vorstellung des Films „Der Wilde“ (mit ihrem Idol
Marlon Brando) die Anerkennung ihrer materiellen und sozialen
Bedürfnisse in einer sich verändernden Welt. Sie machten mit ‚Krawall‘
auf ihre gesellschaftliche Marginalisierung durch die Gross- und
Kleinbürger aufmerksam. Bei diesen, nicht immer gewalttätigen
Zusammenkünften, ging es darum, das ,etwas passiert‘, das heisst
einerseits spielte Spass an körperlicher Auseinandersetzung oder
‚aufmucken‘ gegen Autoritäten eine Rolle, andererseits werden die
Halbstarken-Krawallen als Ausdruck von politischer, materieller und
sozialer Unzufriedenheit gewertet. Diese, durch Kleidung und Habitus
(sie orientierten sich hierfür meist an amerikanischen Vorbildern wie
Elvis Presley oder Marlon Brando), sich definierende subkulturelle
Gruppe stellte eine moralische Bedrohung der heilen Welt der
Wirtschaftswunderjahre im Nachkriegsdeutschland dar. Die Presse
reagierte über und es machte sich ein dämonisches, von Klischees und
Vorurteilen genährtes Bild dieser Gruppe in der Bevölkerung breit. So
schlimm war das aber garnicht. Die meisten der Halbstarken wurden nicht,
wie angenommen, kriminell, sondern wuchsen mit wachsendem Alter in
tradierte Gessellschaftsschemen, wie Familie und geregelte Arbeit,
hinein und aus ihrer ‚wilden‘ Jugend heraus.

Alltagsorte und Lebenswelt der Jugendlichen im Film „Die Halbstarken“

Treffpunkte der Halbstarken

Das erste Motiv ist ein Hallenbad  - hier treffen wir auf die Gruppe um
den Anführer Freddy und hier trifft sich die Gruppe anscheinend öfters.
Sie benehmen sich wie sie wollen, rauchen, obwohl es verboten ist,
verprügeln die Bademeister und flirten mit den anwesenden Mädchen. Sie
machen den öffentlichen Raum zu ihrem Revier und übernehmen die
Autorität von den Erwachsenen, die sich gegen diese Agression
jugendlicher Stärke nicht erwehren können.
Die Tankstelle  ist Freddies Welt. Hier arbeitet er gelegentlich und
trifft hier auch seine ‚Geschäftspartner‘. Besonders der sich dort
befindliche Buick, einer grosser Ami-Schlitten hat es ihm angetan.
Freddy kümmert sich für einen dubiosen Freund um den Wagen und hat
dessen baldigen Erwerb in Aussicht. Die Tankstelle ist hier symbolhaft
für das moderne, schnelle Leben, was langsam in die
Nachkriegsgesellschaft Einzug erhält, zu sehen.
Freddies braver Bruder Jan lädt Sissy, Freddies Freundin, in die
Eisdiele  ein. Hier wird Coca-Cola geschlürft und der Spezial-Becher
verdrückt. Kein anderer Ort ist als so typisch für den Treffpunkt junger
Leute in den 50er Jahren überliefert wie dieser. Hier werden
Spezialitäten aus dem Ausland konsumiert, was lange unmöglich war in
unserem Land.
Die Bar ‚Espresso‘   toppt all die oben erwähnten Orte an
Anziehungskraft für die Halb-starken. Es ist ihr Paradies, welches sie
sich auch schon vor der offiziellen Eröffnung einverleiben. Wie im
Hallenbad wird der erwachsene Besitzer eingeschüchtert und zum Diener
gemacht. Denn hier gibt es alles wonach sich die Gruppe sehnt:
Rock`n`Roll aus der Jukebox, Alkohol und eine mondäne Einrichtung.
Besonders in ihren Unterhaltungen dort zeigt sich die materialistische
Ausrichtung der Jugendlichen: ständig geht es um Geld, um den schnellen
Erwerb dessen und wie man es in Luxusgütern anlegen kann.
Für Freddy hat auch seine Wohnung  eine wichtige Bedeutung. Die immer
wieder auftauchenden Parallelen zum Verhalten seines verhassten Vaters
treten hier besonders zum Vorschein. Der sonst so wilde, unabhängige
junge Mann lässt sich hier von seiner Freundin bekochen und spielt dort
heile Familienwelt. Die heimische Wohnung tritt hier als Symbol für
Sicherheit und Tradition in den Vordergrund.

Sprache als distinktives Element und Abgrenzung gegen die Erwachsenen

Mit Hilfe einer distinkten Sprache der Gruppe um Freddy werden deren
Abgrenzungsversuche gegenüber der Erwachsenenwelt  besonders deutlich.
Durchgehend stehen die Halbstarken in krasser Opposition zu den Normen
und Werten der sozial bestimmenden Generation der 40-60jährigen. Diese,
wiederrum, verstehen die Jugendsprache nicht und sind deswegen um so
mehr von den plötzlichen Gewaltausbrüchen überrumpelt. Mit Hilfe eines,
für Aussenstehende, unverständlichen Codes, demonstrieren die Jungen
Überlegenheit. Mit verbaler Gewandtheit und Wortschöpfungen schliessen
sie die Generation ihrer Eltern aus. Die Erwachsenen werden in fast
jeder konfrontativen Situation als unterlegen dargestellt. Sie verlieren
jeden alltäglichen Kampf, da es ihnen an Tempo und Kraft mangelt, sei es
in der Schlange bei der Lottoannahmestelle oder bei der Schlägerei im
Schwimmbad.  Die elterliche und staatliche Autorität wird von den
Jugendlichen durch Witz und Gewalt untergraben. Die Autoren Tressler und
Tremper erwecken den Eindruck die Jugendsprache authentisch
wiedergegeben zu haben. Das trägt entscheidend zur Qualität des Films
bei.

Schlussbemerkung

Einerseits ist die Umwelt der Jugendlichen in „Die Halbstarken“ noch
durch die Trümmerwelt West-Berlins geprägt. Andererseits wird das Leben
immer mehr von den Errungenschaften des sogenannten Wirtschaftswunders
bestimmt. Konsumgüter wie wasserdichte Uhren, dicke Autos und besondere
Kleidung sind für Freddy und seine Bande identitätsstiftend. Über den
Samstag als einzigen Badetag in der Woche - bis dahin gültige Norm -
macht sich Freddy lustig, in der sich entwickelnden
Wohlstands-gesellschaft kann man, wann immer man möchte, ein Bad nehmen.
Die Eltern Borchert sind Repräsentanten der armen alten Welt, mit ihren
überkommenen Werten und ihrer ärmlichen Lebensweise. Freddy und Jan, die
beiden Söhne, versuchen auszubrechen und ihren Weg in die neue,
glitzernde Warenwelt zu finden, die sie überall zu sehen bekommen.
Hierbei stossen sie immer wieder auf die Erwachsenen, die ihren
‚Erlebnisdrang‘ (Tressler) und ihre Aggressivität stoppen wollen. Die
Halbstarken zeigen sich zunächst als die Sieger in diesem Konflikt. Nur
am Ende bleibt die Erwachsenenwelt mit ihren Machtmitteln scheinbar
souverän und Freddy und Jan werden festgenommen. Die allerletzte Szene
wiederrum, gestaltet sich als düsterer Ausblick in die Zukunft: während
der Festnahme fährt schon die nächste Halbstarken-Bande lachend auf
ihren Motorrädern vorbei. In diesem Umbruch der Lebenswelt am Ende der
50er Jahre und den daraus entstehenden Bedürfnissen kommt es zu
Verunsicherungen und Aggressionen. Dies zeigt der Film „Die Halbstarken“
mit all seinen Charakteren sehr eindrucksvoll.

Tobias Knubel
 

 
 
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