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Die Hamburger Gesellschaft für Volkskunde bietet seit Januar 1999 ihren Mitgliedern und Freunden Filmabende an, um die gezeigten Filme anschließend unter volkskundlich-kulturwissenschaftlicher Perspektive zu diskutieren. Auch heute wird kein ethnographischer Dokumentarfilm gezeigt, sondern der 1996 entstandene Spielfilm „Heidengeld“. Wie Helga Stachow im Januar betont hat, sind Filme für uns als audiovisuelle Medien und als Zeitdokumente eine Quelle unter vielen, in ihrem Quellenwert gleichwertig mit den klassischen Quellengattungen wie z.B. archivalischen Überlieferungen oder mit empirisch erhobenen Daten und Narrationen.
Ehe ich nun einige einführende Stichworte zum Film gebe, möchte ich kurz und knapp die Regisseurin vorstellen, die hier und heute anwesend ist, um im Anschluß an die Vorführung des Films mit uns in einen Diskurs zwischen Filmschaffenden und Filmanalysierenden zu treten. Frau Kamlah wird gleich noch einige Fragen an uns formulieren.
Dagmar Kamlah hat in Marburg Germanistik und Philosophie studiert und mit einer Arbeit über Sigfried Krakauer abgeschlossen. Seit 1985 dreht sie Kurzfilme. „Heidengeld“ ist ihr erster abendfüllender Spielfilm, genau 75 Minuten lang. Mit diesem Film gewann sie den hessischen Filmpreis. Folgend nur einige Gedankensplitter zum Film.
Essen, Liebe, Geld -. der Kreislauf verschiedener Modi des Lebens finden ihre Darstellung in dem Film „Heidengeld“. Wir sehen in kontinuierlicher Wiederholung Motive wie einen Spiel-Kreisel, der die Welt erklärt, eine kleine Blechspielzeug-Eisenbahn, die Doppelkreise zieht, ein Karussell, das sich dreht. Das Kreiseln vermittelt einen Ausdruck der Harmonie und des Einsseins mit sich selbst, aber trägt er nicht dem Zuschauer auf ein spezifische Bild vom Funktionieren der Welt, ein zirkuläres Geschichtsbild an?
Die Protagonisten von HEIDENGELD sind fünf mehr oder weniger „arme“ junge Leute, deren Charaktere in aufreizend eindimensionaler Weise angelegt sind. Sie bewegen sich fast raum- und zeitlos umeinanderkreisend, aneinander vorbei, und sie sind in vielfältigen Verweisungen miteinander verknüpft, aufeinander bezogen.
Eine etwas ältere Millionärin wirft einen strukturalistisch geschulten Blick auf die Welt und auf das Geld. Gerade wegen der kontinuierlich aufgegriffenen Geld-Symbolik und Geld-Metaphorik wird das GELD aber als Transmissionsriemen sozialer Beziehungen fragwürdig. Der Film fragt vielmehr mit dem Kreiselmotiv nach dem Sinn des Lebens. Das zeigt in wunderbarer Weise der Charakter des Protagonisten Georg, der den ganzen Film hindurch als Fahrradkurier quasi um sein Leben radelt, bis er schließlich im wörtlichen Sinne vor den Kopf gestoßen und so auf den Sinn des Lebens zurückgeworfen wird.
Als Film unter dem Titel „Heidengeld“ können wir aber mit kulturwissenschaftlichem Zugriff fragen, mit welchen zeitspezifischen Bildern werden wir als Zuschauer auf das Alltagsphänomen Geld verwiesen. Wieso spielt der Film in der Stadt, dazu noch in der Banken- und Börsenmetropole Frankfurt. Wie und wann wird „viel“ Geld nicht nur durch „Bär und Stier“ vor der Frankfurter Börse oder einen Geldtransporter imaginiert, sondern gewissermaßen als „kleines“ Geld im Bild gezeigt, als Münzen, Scheine, auch als Preise oder Bankauszüge ? Wieso heißt es eigentlich HEIDEN-Geld ? Steckt hierin nicht ein gerüttelt Maß an Kulturkritik, Geld als ‘schnöden Mammon’, als profanisiertes Medium gesellschaftlicher Kommunikation zu sehen ? So auch stellt sich auch dieselbe Frage, wenn Solange, die Millionärin, und Jo, der Student der Ethnologie zu der Auffassung gelangen, daß dem Geld eine Opfermentalität entspricht, daß das Reden über Preise einem Gebet gleichkomme ? Opfer und Gebete an einen weltlichen Gott ?
Und wir müssen Fragen: Welchen Nutzen hat hierbei in der Konstruktion des Filmes der „fremde Blick“ des Ethnologen, welchen Nutzen hat der Vergleich mit fremden oder mit fernen Kulturen ?
Betrachtet man den Film insbesondere als Zeitdokument der 1990er Jahre, als Ausdruck von spezifischen Lebenswelten und Weltinterpretationen, dann scheint mir die kritische Thematisierung von Geld signifikant. Ebenso kennzeichnend für die postmoderne Weltsicht scheint die filmische Frage nach dem Sinn und der Ordnung, die Absage an Karriere, Egoismus und Hedonismus, der Einbezug der interkulturellen Vergleiche und die Verweise auf die multikulturelle Gesellschaft. Uns als Kulturwissenschaftlerinnen und Kulturwissenschaftlern muss zudem das explizite Hinzuziehen und Zitieren des französischen Strukturalismus, müssen Namen Foucault, Fourier, Motte-Fouqué, Benjamin, aufhorchen lassen.
Dr. Leonie Koch-Schwarzer

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