Verfolgung durch die Sozialbehörden.
The Persecution of the Sinti and Roma by the Hamburg Social Welfare Departments.


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Verfolgung durch die Sozialbehörden


Kommentar:

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 übernehmen die Sozialbehörden die absolute Kontrolle, Überwachung und Verfolgung der Hamburger Sinti und der wenigen in Hamburg lebenden Roma bis in die Familien und deren Alltag hinein. Der vorurteilsbehaftete Blick von Fürsorgeschwestern, Hebammen, Ärzten, Lehrern oder Schreibtischkontrolleuren sieht sich bestätigt, wenn beim unangemeldeten Hausbesuch Brotkrümel (!) auf dem Tisch liegen oder die Bettdecken nicht glatt gezogen sind. Dieser Blick auf die Menschen ist "asozial", nicht die Menschen, die betrachtet werden.

Wurde Sinti-Familien Unterstützung gewährt, bekamen sie aufgrund der rassistischen Behandlung die Hälfte des üblichen Satzes. Manche allgemein übliche Unterstützung, wie z.B. Milchmarken und "Reichsspeisefettscheine" für Kleinkinder, wurde grundsätzlich nicht gewährt.

Da den Sinti und Roma die selbständige Tätigkeit verboten war, sie deshalb also keinen Gewerbeschein erhielten, war ihnen die Möglichkeit genommen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Eine Anstellung fanden sie in der Regel aufgrund der herrschenden Vorurteile nicht. Dennoch werden in Hamburg 1934 nur 85 Personen unterstützt, unter ihnen 48 Kinder. 1939 erhalten nur noch 12 Hamburger Sinti Familien minimale finanzielle Hilfen, bis auch diese schließlich eingestellt werden. Durch das indirekte Arbeitsverbot aufgrund des Entzugs der Gewerbeerlaubnis und die Streichung jeglicher Unterstützung sowie die Diskriminierung in allen gesellschaftlichen Bereichen werden die Familien der Armut ausgeliefert. Diese Realität muss man sich bewusst machen, wenn man in den Dokumenten davon liest, dass Frauen versuchen, sich und ihrer Familie das Überleben etwa durch Wahrsagen oder auch durch Anbieten von Waren zu ermöglichen.


Auszug aus der Fürsorgeakte Julius Bamberger, 30.09.1935


Otto Beckendorf aus der "Abteilung für Wohnungslose und Wanderer" halt die übliche Fürsorgeunterstützung dieser Familie "aus grundsätzlichen Erwägungen für Zigeuner nicht angebracht"

Es handelt sich zwar um eine Zigeunerfamilie, jedoch besitzt Bamberger die deutsche Staatsangehörigkeit. Wochenhilfe ist daher nur zu versagen, wenn asoziales Verhalten vorliegt und die zweckmäßige Verwendung des Geldes ungenügend gesichert erscheint. Nach der Akte wird die Familie etwas widersprechend beurteilt. Verhältnisse ärmlich und schmutzig, aber doch im Gegensatz zu anderen Zigeunerfamilien noch geordnet. Bamberger selbst soll arbeitsfreudig sein. Wenn daher das Verhalten der Familie nicht dagegen spricht, wird mit Wochenhilfe einzutreten sein.

Abteilung IIa

30.09.1935
(gez) Unterschrift
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Abteilung IIa
unter Hinweis auf die dort getroffene Verfügung vom 30.09.1935. B1.146 R. wieder vorlegt.

Ich halte Gewährung von Wochenhilfe in dem Umfang, wie sie arischen Familien gewährt wird, aus grundsätzlichen Erwägungen für Zigeuner nicht für angebracht. Bislang sind auch in diesen Fällen unsere Fürsorgeleistungen auf das Mindestmass, also Übernahme der Hebammenkosten, Bewilligung von Säuglingsbündeln und in Höchstfälle Gewährung von Milchkarten für das Kind beschrankt worden. Darüber hinauszugehen halte ich in keinem Falle für richtig.

Im Falle Bamberger wird auf die vorseitige Niederschrift verwiesen. Bamberger hat versucht durch Vorlage einer gefälschten Mietequittung die volle Unterstützung zu erhalten.

Um baldige Aktenrückgabe wird gebeten.

Abteilung für Wohnungslose und Wanderer

(gez) Beckendorf


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English translation copyright © Struan Robertson

The Persecution of the Sinti and Roma by the Hamburg Social Welfare Departments.


Comment:

With the seizure of power by the National Socialists in 1933 the Hamburg Social Welfare Departments acquired absolute control, monitoring and persecuting the Sinti and the few Roma resident in Hamburg. The prejudiced attitude of social welfare nurses, midwives, doctors, teachers and bureaucrats is evident through the comments recorded in reports of unannounced home visits, i.e. breadcrumbs(!) on the table or the blankets on the bed not smoothed out enough. These observations are "asozial", and not the people being reported on.

When welfare was granted to Sinti families they only received half the statutory welfare due to racist treatment. Some statutory provision, such as milk coupons and "Reich edible fat vouchers" for infants, was not granted at all.

With the withdrawal of trading licences the Sinti and Roma lost their independent means of livelihood. They generally did not find alternative employment due to prevailing prejudice. Despite this, in Hamburg in 1934, only 85 persons were in receipt of welfare, among them 48 children. In 1939 only 12 Hamburg Sinti families were in receipt of minimum financial assistance, until these were also cut off. Work prohibition due to the withdrawal of trading licences, cancellation of welfare support and discrimination reduced these families to abject poverty. This must be kept in mind when documents report of women fortune telling or trading goods in an attempt to support their families.


Excerpt from Julius Bamberger's Welfare Service file, 30.09.1935

Otto Beckendorf from the "Department for Homeless and Vagrants" refuses the statutory welfare support for the Bamberger family on the grounds that it is "inappropriate for Gypsies, due to general considerations".

This case concerns a Gypsy family; however Bamberger is a German national. Maternity benefit is only to be denied if behaviour is deemed to be asocial and when there is no guarantee that the money will be put to its proper use. The file on the family presents a somewhat contradictory picture. Circumstances poor and dirty, but nevertheless, contrary to other Gypsy families, still orderly. Bamberger is said to be eager to work. As the family's conduct is no hindrance, maternity benefit will have to be granted.

30.09.1935
(signed) Signature
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Department IIa
Re. the decision arrived at on 30.09.1935. B1. 146 R. resubmitted

I consider the granting of maternity benefit to the amount prescribed to Aryan families as inappropriate for Gypsies, due to general considerations. To date, in these cases our welfare benefit has been restricted to the minimum, that is, the assumption of midwife costs, diapers and at the very most milk coupons for the child. I consider anything addition as inappropriate.

In case of Bamberger to the attached record has been taken into consideration. Bamberger submitted a falsified receipt for rent in the attempt to obtain full support.

a prompt return of the case file is requested

Department for Homeless and Vagrants

(signed) Beckendorf