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Mord durch Hunger: "Wilde Euthanasie" und "Aktion Brandt" am Steinhof in der NS-Zeit


Recherchen und Quellenlage

Eingangs muss festgestellt werden, dass die "wilde Euthanasie" in der Heil- und Pflegeanstalt Am Steinhof [1] bislang überhaupt kein zentrales Forschungsinteresse darstellte. In den letzten Jahren sind immerhin zwei Publikationen erschienen, die sich mit bestimmten Aspekten der NS-Euthanasie am Steinhof beschäftigten:

Zum einen thematisiert die Dissertation von Susanne Mende [2] schwerpunktmäßig die Vorgänge in der Anstalt Steinhof im Zusammenhang mit der Aktion "T4" (Erwachseneneuthanasie), zum anderen hat Matthias Dahl [3] in seiner 1996 vorgelegten und mittlerweile als Buch erschienenen Dissertation die Kinderfachabteilung "Am Spiegelgrund" und insbesondere die dort von Ärzten und PflegerInnen vorgenommenen Tötungen behinderter Kinder sowie die damit in Verbindung stehenden medizinischen Forschungen analysiert und dargestellt. Auf die Tötungen von geistig und körperlich Behinderten nach dem so genannten Euthanasiestopp gehen die Arbeiten von Mende und Dahl nur peripher ein, da ihnen eben andere Fragestellungen zugrunde liegen.

Die wilde Euthanasie blieb nicht nur ein Forschungsdesideratum, sie spielte auch bei der 1945 einsetzenden gerichtlichen Ahndung der NS-Euthanasieverbrechen - was den Steinhof betrifft - eine absolut untergeordnete Rolle. In den einschlägigen Gerichtsakten wird kaum Bezug auf dieses Thema genommen, es wurde nicht als Tatbestand erfasst, folglich gab es auch keine ernsthaften Ermittlungen in diese Richtung. Bei genauem Studium der Akten zeigt sich, dass die wilde Euthanasie in zwei Verfahren, die jedoch ohne Urteil eingestellt wurden, thematisch gestreift wurde, und zwar im Verfahren gegen Hofrat Dr. Alfred Mauczka u. a. wegen versuchter Euthanasie [4] und im Verfahren gegen Dr. Alfons Huber u. a. wegen Sterilisierungen [5]. Aber auch in den Verfahren gegen die Leiter der Arbeitsanstalt für asoziale Frauen, Dr. Alfred Hackel und Dr. Max Thaller [6], finden sich wichtige Zeugenaussagen, die die Ernährungssituation der gesamten Anstalt im Krieg betreffen.

Aufgrund des Fehlens eines zentralen Gerichtsaktes habe ich mich zunächst der wichtigen Frage nach der Ernährungslage zugewandt. Ich habe den Versuch unternommen, die spezifische Ernährungssituation der Wiener Zivilbevölkerung, der PatientInnen der Wiener Krankenanstalten und der Pfleglinge der Heil- und Pflegeanstalt Am Steinhof jeweils in der NS-Zeit und in den ersten Nachkriegsjahren umfassend zu rekonstruieren und sodann zu vergleichen. Ich möchte nicht verschweigen, dass ich auch hier quellenmäßig sehr rasch an unüberwindbare Grenzen gestoßen bin: Die Schlüsselquelle in diesem Bereich, die Akten des so genannten Haupternährungsamtes Wien, das seit Ende August 1939 im Rahmen der Kriegswirtschaft für die Lebensmittelversorgung und -verteilung für den Reichsgau Wien zuständig war, scheint zwar im Verzeichnis des Wiener Stadt- und Landesarchivs (MA8) auf [7], der Bestand selbst ist allerdings nach Aussage von Prof. Dr. Csendes [8] nicht vorhanden. Die einzige wissenschaftliche Arbeit auf diesem Gebiet stellt die 1988 von Berta Neuber verfasste Dissertation mit dem Titel "Die Ernährungssituation in Wien in der Zwischenkriegszeit, während des Zweiten Weltkrieges und in den ersten Nachkriegsjahren" [9] dar, die aber gleichfalls keine große Hilfe bietet, da einerseits in Neubers Studie volkskundliche Aspekte im Vordergrund stehen und andererseits von ihr der thematische Bereich der Versorgung der Krankenanstalten, die Krankenernährung in der Kriegs- und Nachkriegszeit, bewusst ausgespart wurde [10]. Auch im Archiv des Psychiatrischen Krankenhauses Baumgartner Höhe existieren keine Unterlagen - etwa der Wirtschaftsabteilung - mehr, die über die tatsächliche kriegswirtschaftliche Versorgung der Patienten mit Lebensmitteln oder über die tatsächliche Verpflegungstangente, d. h. die finanzielle Aufwendung pro Patienten pro Tag, Aufschluss geben, so dass bislang auch noch kein verbindlicher durchschnittlicher Kalorienverbrauch pro Patient pro Tag errechnet werden konnte. Wohl enthalten die Direktionsakten, die sich im Wiener Stadt- und Landesarchiv befinden und von mir ausgewertet wurden, zahlreiche Hinweise auf Lebensmittelkürzungen und -rationierungen, Einsparungen von Medikamenten, Verbandsstoffen, Textilien sowie von Heiz- und Brennmaterial etc. Doch diese Informationen betrafen meist die Gesamtanstalt, konkrete Lebensmittelzuwendungen an die Patienten konnten aus ihnen nicht entnommen werden. Über die Ernährungssituation der Patienten kann man sich am besten ein Bild machen, wenn man hierbei die Krankengeschichtsakten des Archivs des Psychiatrischen Krankenhauses Baumgartner Höhe [11] aus dem fraglichen Zeitraum als Quelle heranzieht. Die Eintragungen der Ärzte in den Krankengeschichtsakten, die Beschreibung der Krankheitssymptome wie Durchfall, Ödeme oder einfach Eintragungen wie "Patient klagt über Hunger" oder "Patient stiehlt dem Nachbarn das Essen", ferner die in den Krankengeschichtsakten enthaltenen Gewichtstabellen, die seit 1942 für einen großen Patientenkreis in aller Regel beachtliche Gewichtsabnahmen registrieren, schließlich Dokumente der Pfleglinge selber, meist von ihnen verfasste Briefe, in denen sie über ihre Situation klagen, die niemals abgeschickt wurden und so bis heute den Krankengeschichtsakten beiliegen, zeigen die individuelle Dimension der Hungerkrise am Steinhof auf. Der deutsche Psychiater Heinz Faulstich hat es für seine über 750 Seiten umfassende Studie "Hungersterben in der NS-Psychiatrie 1914-1949" [12] offenbar mit einer sehr viel besseren Quellenlage in den diversen deutschen Anstalten zu tun gehabt, was eine besonders gute Rekonstruktion der jeweils konkreten Ernährungssituation bzw. des tatsächlichen Kalorienverbrauchs von Patienten und Patientengruppen der verschiedenen Anstalten ermöglichte. Ich halte Faulstichs Studie - notabene - für ein vorbildliches Werk, an dem ich auch meine Recherchen orientiere.

Ein anderer Punkt, der meine Recherchen spürbar einschränkt, ist die Tatsache, dass die Personalakten einer Reihe von leitenden Ärzten am Steinhof, der ärztliche Direktor HR Dr. Mauczka und die Ärztin Dr. Baader, die damals in der Pflegeabteilung Männer ihren Dienst versah, ausgenommen, weder im Archiv des Psychiatrischen Krankenhauses Baumgartner Höhe [13] noch in der Magistratsabteilung 2 [14] (MA 2: Personalabteilung der Stadt Wien) noch in der Magistratsabteilung 8 [15] (MA 8: Wiener Stadt- und Landesarchiv) der Stadt Wien auffindbar sind. Es handelt sich dabei insbesondere um die Personalakten von Prim. Dr. Leopold Pawlicki, Prim. Dr. Alfons Huber, Prim. Dr. Ernst Gabriel, Prim. Dr. Franz Bruha, Prim. Dr. Wilhelm Podhajsky sowie der Chefärztin und Prosektorin Dr. Barbara Uiberrak.

In diesem Zusammenhang soll darauf hingewiesen werden, dass bereits vor dem drohenden Zusammenbruch der NS-Herrschaft eine Aktenvernichtung in großem Stil am Steinhof eingesetzt haben dürfte. Der Vernichtung fiel u. a. - nach Angaben von Matthias Dahl [16] - die gesamte Korrespondenz der Anstaltsleitung mit der Zentraldienststelle "T4" in Berlin anheim. Vor Gericht gab der spätere Anstaltsleiter Dr. Podhajsky als Zeuge im Verfahren gegen Dr. Alfred Hackel 1948 zu Protokoll, dass jeder in seinem Bereich Aktenmaterial verbrennen solle, von dem anzunehmen sei, dass es belaste. [17] Vernichtung von Akten, insbesondere von Personalakten, ist im Psychiatrischen Krankenhaus auch lang nach 1945 noch Usus gewesen. So entdeckte ich im Zuge meiner Recherchen in einem Archivkeller der Personalabteilung des Psychiatrischen Krankenhauses eine Niederschrift vom 18. Oktober 1971, wonach die in der beiliegenden Liste angeführten 1157 Personalakte mit selbigem Datum im Kesselhaus des Psychiatrischen Krankenhauses verbrannt wurden. [18] Die ausstehenden Personalakte der zuvor erwähnten Ärzte befanden sich allerdings nicht darunter. Susanne Mende hatte in ihrer Dissertation im Bereich der Rekonstruktion der Transporte und Transporttermine vom Steinhof im Rahmen der Aktion "T4" große Probleme. Dies war zum überwiegenden Teil dadurch bedingt, dass ihr zum Zeitpunkt ihrer Recherchen die Patientenindexbücher/Standesprotokolle 1940/41 nicht vollständig zur Verfügung standen. [19] In diesem Zusammenhang möchte ich festhalten, dass ohne Patientenindexbücher mein Thema überhaupt nicht befriedigend zu bearbeiten wäre - v. a. hinsichtlich der Transporte der "Aktion Brandt" -, dass die Patientenindexbücher neben den Krankengeschichtsakten und neben den Direktionsakten in der MA 8 zu den Kardinalquellen meines Dissertationsprojekts zählen.

Bis zum heutigen Zeitpunkt ist es mir nicht gelungen, für meine Untersuchungen Zeitzeugen zu finden. Für meine Themenstellung kämen in erster Linie Zeitzeugen in Frage, die sich als Pfleglinge oder als Angestellte in der Heil- und Pflegeanstalt befunden haben. Bislang sind mir nur überlebende Zöglinge der Erziehungsanstalt Am Spiegelgrund bekannt, mein Personenkreis müsste sich aber auf die Heil- und Pflegeanstalt beziehen. Entsprechende Aufrufe bzw. Anfragen via diverse lokale Zeitungen sind von meiner Seite geplant. Bei meinen Bemühungen habe ich auch die neben Dr. Heinrich Gross einzige noch lebende Ärztin Dr. Marianne Türk, die zwar wie Dr. Gross hauptsächlich in der Nervenkinderklinik Am Spiegelgrund tätig war, aber während der Kriegszeit mit größter Sicherheit auch in der Heil- und Pflegeanstalt ärztlichen Aushilfsdienst leisten musste, um ein Interview ersucht. In einem Brief vom 21. Februar 2000 hat sie ihre ablehnende Haltung folgendermaßen begründet: "Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass ich nicht in der Lage bin, Ihrem Ersuchen an mich nachzukommen. In der Heil- und Pflegeanstalt war ich nur am Anfang meiner beruflichen Tätigkeit von 1939 bis 1941, später in der Anstalt Am Spiegelgrund, die mit der Anstalt Am Steinhof nicht in Verbindung stand. Von einer Hungersnot dort, sowie von den zahlreichen Todesfällen an Tbc habe ich nie etwas erfahren, ebenso wenig wie ich von einer Aktion T4 je etwas gehört hätte." [20] Frau Dr. Türk ist in dieser Verweigerungshaltung kein Einzelfall. Der Pflicht zur Erinnerung und Aufklärung haben sich auch alle anderen damals am Steinhof verantwortlichen Ärzte entschlagen. Keiner von ihnen hat persönliche Aufzeichnungen oder Berichte über die Ereignisse am Steinhof in der NS-Zeit hinterlassen, keiner wollte offenbar sein Wissen mit anderen oder mit der Nachwelt teilen.

Parallel zur späten wissenschaftlichen Aufarbeitung zieht das Thema "wilde Euthanasie" - 55 Jahre danach - nun doch auch gerichtliche Schritte nach sich. Seit Anfang dieses Jahres sind die dezentralen Anstaltsmorde in der Heil- und Pflegeanstalt Am Steinhof Gegenstand gerichtlicher Voruntersuchungen, die am LG Wien von Frau Mag. Frank geleitet werden. Sukzessive scheint der Themenkreis "wilde Euthanasie" ins öffentliche Bewusstsein gehoben zu werden. Vorbei sind hoffentlich die Zeiten der Verdrängung, als beispielsweise der damalige Direktor Prim. Dr. Wilhelm Podhajsky in seiner Festrede anlässlich der Feier des 50-jährigen Bestehens der Heil- und Pflegeanstalt Am Steinhof am 8. Oktober 1957, den Abtransport von 3.200 Pfleglingen im Rahmen der Aktion "T4" mit zwei Sätzen und das Massensterben infolge von "Hunger und Kälte" (wie er handschriftlich auf einer Anstaltsstatistik notiert hatte [21]), dem mit Sicherheit mehr als 3.500 PatientInnen im Zeitraum 1942-1945 zum Opfer fielen, mit keinem Satz bedachte. [22]

Kugel Begriffsdiskussion: "Wilde Euthanasie" versus "Aktion Brandt"