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"Wiedergutmachung"
"Wiedergutmachung"Wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verhandelten der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Nachum Goldmann, und der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer über die Entschädigung von Holocaust-Opfern. Die verantwortlichen Politiker der jungen Bundesrepublik hatten schnell eingesehen, dass sie das singuläre Menschheitsverbrechen der Nazis, die sechs Millionen Juden ermordet und weitere Millionen Menschen in Konzentrationslagern versklavt und gequält hatten, nicht mit den bisher üblichen Reparationszahlungen an betroffene Staaten "wiedergutmachen" konnten. Erstmals in der Geschichte war ein Staat bereit, individuelle Entschädigungsleistungen an überlebende NS-Opfer zu zahlen - doch Adenauer dachte da eher an einen symbolischen Betrag. Und so kam es, dass im Bundesentschädigungsgesetz von 1953 festgelegt wurde: Pro Tag im KZ, Ghetto oder Zuchthaus gab es fünf Mark Entschädigung für "Freiheitsentzug". Also 150 Mark pro Monat in Auschwitz. Ob der Transport im Viehwaggon ins KZ schon zum "Freiheitsentzug" zählte, war zunächst freilich umstritten.Doch niemand protestierte. Die Opfer waren froh um jede Mark, die ihnen nach den traumatischen Höllenqualen den Start in ein neues Leben erleichterte. Der junge, wirtschaftlich arg gebeutelte Staat Israel und die jüdischen Organisationen brauchten dringend Geld. Im Luxemburger Abkommen von 1952 akzeptierte Israel eine Globalzahlung in Höhe von drei Milliarden Mark, die Jewish Claims Conference, ein Interessenverband nicht in Israel lebender Juden, erhielt 450 Millionen Mark. Damit waren alle Forderungen abgegolten. Die deutschen Politiker waren zufrieden, denn Adenauer hatte am 27. September 1951 im Bundestag erklärt, schließlich müssten ja auch "die Grenzen berücksichtigt werden, die der deutschen Leistungsfähigkeit durch die bittere Notwendigkeit der Versorgung der zahllosen Kriegsopfer und der Fürsorge für die Flüchtlinge und Vertriebene gezogen sind". Auch mit elf westeuropäischen (nach 1990 zudem Polen, Russland, Weißrussland und die Ukraine) wurden Globalabkommen vereinbart, mit denen alle Ansprüche abgegolten waren. Diese Abkommen umfassten etwa 1,5 Milliarden Euro. Für die Rückerstattung geraubten Vermögens auf deutschem Gebiet gab die Bundesrepublik etwa zwei Milliarden Euro aus. Der größte Posten aber ist der individuelle Ersatz für Haftzeiten, Gesundheitsschäden und "erlittene Nachteile" in Form von Einmal- oder fortlaufenden Rentenzahlungen. Hierfür wurden bisher mehr als 58 Milliarden Euro aufgewendet - doch gerecht ging es dabei nicht immer zu. Experten schätzen, dass mehr als die Hälfte dieses Geldes an weniger als ein Drittel der Empfänger ausgezahlt wurden, vor allem an Deutschstämmige und solche NS-Opfer, die dem deutschen Sprach- und Kulturkreis zugerechnet werden. Viele Anspruchsberechtigte (etwa Opfer der Wehrmachtsjustiz, Sinti und Roma, Zwangssterilisierte) wurden bis heute nicht berücksichtigt, für sie gibt es immerhin Härtefallfonds. Besonders schlimm traf es die ehemaligen Zwangsarbeiter aus Osteuropa. Erst nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs und Klagedrohungen bekamen mehr als 1,66 Millionen Menschen von der gemeinsamen Stiftung des Bundes und der deutschen Wirtschaft in den Jahren 2001 bis 2006 etwa 4,4 Milliarden Euro ausbezahlt. Nicht wenige bezeichnen dies als die einzig wirklich erfolgreiche Großaktion der Regierung Gerhard Schröder. Weniger gut klappte es bei den ehemaligen jüdischen Ghettoarbeitern; sie können seit 2002 eine Rente beantragen, doch die Ablehnungsquote liegt bei 90 Prozent, es laufen Tausende Gerichtsverfahren. Dennoch gibt es auch 64 Jahre nach Kriegsende noch "vergessene Opfer", die größte Gruppe sind die ehemals mehr als drei Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen. Noch immer kämpfen sie um Anerkennung als NS-Opfer. Ebenso fordern die ehemaligen Italienischen Militärinternierten, die 1943/44 nach Deutschland verschleppt wurden, eine Entschädigung, es gibt diesbezüglich diverse Gerichtsverfahren und Verhandlungen zwischen Deutschland und Italien. Einen "finanziellen Schlussstrich" unter die Vergangenheitsbewältigung wird es daher so schnell nicht geben. Zyniker sprechen mit dem Hinweis auf das hohe Alter der meisten NS-Opfer jedoch gern von einer baldigen "biologischen Lösung". Insgesamt hat die Bundesrepublik bisher 65,1 Milliarden Euro für Entschädigungsleistungen ausgegeben, da die Rentenzahlungen weiterlaufen, werden im Lauf der Jahre noch einige Milliarden dazukommen. Die Ausgaben machten zu keinem Zeitpunkt mehr aus als 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts oder sieben Prozent des Bundeshaushalts. Der Publizist Raul Teitelbaum hat ausgerechnet, was dies den einzelnen Bundesbürger gekostet haben mag. "Im Laufe von mehr als 50 Jahren entfielen auf jeden Deutschen alles in allem umgerechnet 984 US-Dollar. Das sind 19 Dollar pro Jahr und 1,60 Dollar pro Monat, weniger als ein Glas Bier. Mann kann also schlecht behaupten, dass der Preis, den die Deutschen aus eigener Tasche entrichten mussten, ein finanzielles Opfer darstellte, zumal Deutschland für dieses Taschengeld die ‚moralische Eintrittskarte' für die Völkergemeinschaft erhielt."
English translation copyright © Struan Robertson
Compensation on the Cheap
Compensation on the CheapOnly a few years after the end of the Second World War Nachum Goldmann, President of the Jewish World Congress, negotiated with German Federal Chancellor Konrad Adenauer over compensation for Holocaust victims. Politicians of the newly founded Federal Republic of Germany quickly realised that the singular crime against humanity perpetrated by the Nazis, who had murdered six million Jews and enslaved and maltreated further millions in concentration camps, could not be "made good" with the customary reparation payments made to affected countries. For the first time in history a country was prepared to make individual compensation payments to survivors of the Nazi terror - however Adenauer reckoned with a symbolic payment. And so it came about that the Federal Indemnification Law from 1953 specified: 5 Marks per day of compensation for "denial of freedom" in a concentration camp, ghetto or prison. That meant 150 Marks for each month in Auschwitz. Whether the journey in a cattle wagon to the concentration camps also counted as "denial of freedom", was initially disputed. But nobody protested. The victims were grateful for each Mark which, after their traumatic experience, facilitated the start of a new life. The newly established, economically burdened, State of Israel and the Jewish organisations were in urgent need of finance. In the Luxemburg Agreement of 1952 Israel accepted a total payment of 3 billion Marks; the Jewish Claims Conference, representing Jews outside Israel, received 450 million Marks. All demands were thereby deemed conclusively met. German politicians were content when, on 27 September 1951 in the Federal Parliament, Adenauer declared that after all "the limits of German capacity for indemnification had to be taken into account due to the dire necessity of providing accommodation for the countless German war victims and for the care of refugees and exiles". General agreements were also made with eleven West European countries (after 1990 additionally Poland, Russia, Belarus and the Ukrain) with which all demands were deemed conclusively met. These agreements comprised around 1.5 billion Euros. The Federal Republic paid around 2 billion Euros in restitution of property stolen within Germany. The largest item however is the individual compensations for terms of imprisonment, impairment to health and "suffered disadvantages" in the form of single or continuous pension payments. To date more than 58 billion Euros heve been expended - however this has not always been fair. Experts estimate that more than half of the money has been paid to less than a third of the recipients, in particular to ethnic Germans and to individuals attributed to the German speaking and cultural area. Many of those entitled to compensation (such as victims of Wehrmacht military law, Sinti and Roma, and those sterilised against their will) have, until today, been excluded; there are hardship provision funds for these cases. The former forced labourers from Eastern Europe especially suffered. Only after the opening of the Iron Curtain and threatened lawsuits did more than 1.65 million individuals benefit from the common Foundation of the German state, Industry and Society, the Foundation "Remembrance, Responsibility and Future" when between 2001 and 2006 around 4.4 billion Euros were paid out. Many see this as the only really major policy success of Chansellor Gerhard Schröder's period of office. The former Jewish ghetto workers have been less successful, since 2002 they have been able to apply for a pension but the refusal rate is as high as 90 percent; thousands of idividuals have taken legal action. Nevertheless, in 2009, 64 years after the end of the war, there are still "forgotten victims", the largest group being the more than 3 million Soviet prisoners-of-war who are still fighting for recognition as Nazi victims. Likewise former interned Italian soldiers, who were deported to Germany in 1943/44, demand compensation; as a consequence there are various legal proceedings and negotiations currently taking place between Germany and Italy. In this regard a "financial conclusion" within the process of coming to terms with the past will not succeed so quickly. Cynics, however, speak of an imminent "biological solution" regarding the advanced age of most Nazi victims. To date, the Federal Republic of Germany has expended 65.1 billion Euros on compensation, and, as pension payments continue, in future years still further billions will be added. However, The entire expenditure has at no time amounted to more than 0.7 percent of the Gross Domestic Product or 7 percent of the Federal Budget. Author Raul Teitelbaum has calculated what this may have cost the individual German citizen. "Over the course of more than 50 years each German citizen's share has been, all in all, 984 US Dollars. This amounts to 1.60 Dollars per month or 19 Dollars per year, less than the cost of a glass of beer. It is therefore difficult to argue that the price that individual Germans have had to pay constitutes a financial sacrifice, particularly as when, with this pittance, Germany obtained its 'moral readmission' to the international community."
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