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Die Behandlung der Sinti und Roma in den ersten Monaten nach dem Krieg 1945 The Treatment of Sinti and Roma
in the first Months after the Second World War
Copyright © Karin Guth, Hamburg
Die Behandlung der Sinti und Roma in den ersten Monaten nach dem Krieg 1945
Kommentar
Einigen Sinti gelang es im Januar/Februar 1945 den Lagern im Generalgouvernement zu entkommen und nach Hamburg zurückzukehren. Sie
wurden sofort wieder verfolgt und von der Kriminalpolizeileitstelle erfasst. Kriminalinspektor Jehring, der an der Verfolgung und den
Deportationen maßgeblich beteiligt war, behielt seinen Posten auch nach Kriegsende. Den Dokumenten ist zu entnehmen, dass die
maßgeblichen Behörden die Verfolgung der Überlebenden der Vernichtungslager sofort weiter betrieben. Bezeichnend ist, dass unter der
Führung der Polizei die "Zentralbetreuungsstelle für ehemalige KZ-Häftlinge" eingerichtet wurde. Die Menschen, die jahrelange Leiden in
den KZs ausgesetzt, die körperlich und seelisch am Ende ihrer Kraft waren, wurden wieder im selben Geist der Täter behandelt, erneut
verfolgt und schließlich sogar am 28. August 1945 wieder gegen ihren Willen aus Hamburg deportiert.
Die Dokumente machen deutlich, dass Sinti und Roma als Opfer des Nazi-Regimes, anders behandelt wurden, als die andere große Opfergruppe
der Juden, obwohl beide Gruppen aus rassistischen Gründen verfolgt und ermordet wurden. Das Unrechtsbewusstsein war bei vielen Tätern
nach Beendigung des Krieges nicht vorhanden. Die Weltöffentlichkeit verhinderte Rechtfertigungsversuche der Verfolgung oder gar
Fortsetzung rassistischer Diskriminierung gegenüber den Juden. Für die 500 000 aus rassistischen Gründen ermordeten Sinti und Roma gab
es keine Weltöffentlichkeit, die der erneuten Stigmatisierung und Diskriminierung Einhalt geboten hätte.
Für die Überlebenden Sinti und Roma aus Auschwitz-Birkenau, aus Buchenwald, Ravensbrück, Bergen-Belsen, Belzec, Krychow und den vielen
anderen KZs gab es keine Unterstützung. DAS ist der Grund, weshalb manche von ihnen am Stadtrand notdürftig hausend sich hin und wieder
in einem fremden Garten mit Gemüse oder Wasser (!) versorgten. (Siehe Dokumente) Ein mühsamer Kampf um Entschädigungszahlungen begann
und dauerte oft Jahrzehnte. Dieser Kampf ist bis heute nicht beendet, denn auf die 2. Rate des so genannten Zwangsarbeitergeldes warten
alle hochbetagten noch lebenden Sinti und Roma. Manche von ihnen haben die erste Rate noch nicht einmal erhalten. Einige, die von der
Ausschlussfrist der Antragstellung nicht wussten, kommen auch fast 60 Jahre nach Kriegsende nicht zu ihrem Recht.
In weiten Kreisen der Bevölkerung dauert die Stigmatisierung der Sinti und Roma an, was manche nicht daran hindert, das traute Heim mit
romantisierenden und deshalb falschen Bildern dieser Minderheit zu schmücken. Je ängstlicher, konformistischer und autoritätshöriger
eine Gesellschaft ist, desto interessierter (neugieriger) ist sie, Abweichungen aufzuspüren und (vermeintlich) anders Lebende zu
entdecken, um sie sofort auszugrenzen, damit die eigene Angst vor dem Anderen nicht ins Unerträgliche gesteigert wird. Eine besonders
deutsche Eigenschaft?
Copyright © Karin Guth, Hamburg
English translation copyright © Struan Robertson
The Treatment of Sinti and Roma in the first Months after the Second World War
Comment
In January/February 1945 some Sinti succeeded in escaping from the camps in the General Government in occupied Poland and in returning
to
Hamburg. They were again immediately pursued and registered by the Criminal Police headquarters. Hamburg Criminal Police Inspector
Jehring, who was directly involved in the persecution and deportation of Sinti in Hamburg, retained his position after the end of
war. The documents verify that, after the war, the authorities continued to persecute the Sinti Holocaust survivors. It is
characteristic
that under the guidance of the police the "Central Office for the Supervision of former Concentration Camp Prisoners" was
established. The individuals, who had suffering years in the concentration camps and who were physically and mentally debilitated, were
once again persecuted in the same manner and by the same perpetrators. On 28 August 1945 some were once again deported from
Hamburg against their will.
The documents clearly demonstrate that the Sinti and Roma victims of the Nazi regime were treated differenty after the war than the
other
major group of victims, the Jews, despite the fact that both groups were persecuted and murdered for reasons of race. Even after the
end of the war the perpetrators did not recognise that injustice had been done to the Sinti. The climate of public opinion
worldwide prevented attempts to justify the persecution and any post-war racial discrimination of the Jews. In contrast the racially
motivated murder of the 500,000 Sinti and Roma did not receive public attention. Had this happened it may have prevented the renewed
stigmatisation and discrimination of this minority.
The Sinti and Roma survivors of Auschwitz-Birkenau, Buchenwald, Ravensbrück, Bergen-Belsen, Bełżec,
Krychow and the many other concentration camps and ghettos received no support. THAT is the explanation why some of them, reduced to
living in a shanty on the outskirts of Hamburg, now and then helped themselves to vegetables or water! from private gardens. (See
documents). A laborious fight for compensation began which often stretched over decades.
Today stigmatisation of the Sinti and Roma persists thoughout all levels of society which does not prevent some people from decorating
their homes with romantic pictures (i.e. stereotypical) of "Gypsy scenes". The more fearful, more conformist and authoritarian a society
is the more concerned it is with seeking out "deviations" and peoples with "foreign life styles" in order to immediately ostracise them,
so as to prevent the "fear of the other" becoming overwhelming.
Is this is not pecularly German but, following the Holocaust, a particularly disturbing aspect of the German character.
Hamburger Allgemeinen Zeitung von 3. Dezember 1946
Hamburg Ärzte Sterilisiert Zigeuner
Prozessbeginn vor dem Oberen Militärgericht - Angeklagte erklären sich nichtschuldig
Ein in seiner Art erstmaliger Prozess nahm am 2. Dezember im Hamburger Strafjustizgebäude von dem Oberen Militärgericht seinen Anfang. Sieben Hamburger Ärzte und zwei ehemalige Polizeibeamte stehen unter de Anklage Verbrechrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben. In der Zeit von 1. November 1944 bis zum 1. Januar 1945 sollen Professor Dr. Hinselmann, Frau Bessin, Dr. Schüppel, Dr. Wirths, Dr. Beyer, Dr. Günthe und Frau Dr. Goldbeck gesetzwidrige Operationen (Sterilisationen) an Zigeunern und Zigeunermischlingen veranlasst oder ausgeführt haben. Die ehemaligen Polizeibeamten Everding und Krause sind beschuldigt durch Drohungen die Unterschriften unter die Sterilisierungs-Einverständniserklärungen erpresst zu haben.
"Unterschreiben oder KZ, so hieß es", lauten die Aussagen der bisher vorgenommenen Zeugen. Alle Anklagten bekennen sich für "Nichtschuldig". Sie Erklären auf höheren Befehl gehandelt zu haben, Weigerung hätte Berufsverbot und KZ zur Folge gehabt. Dem gegenüber weis der Ankläger Dr. Bund darauf hin, dass seit Hipokrates die Ärzte die heilige Verpflichtung haben, zu helfen und zu heilen. Jeder Verstoß sei ein Verrat am ärztlichen Beruf. Der schlimmste Fall sei darin zu erblicken, dass ein 16jähriges Mädchen dessen Pflegevater die Sterilisation abgelehnt habe, von der Polizei vom Arbeitsplatz fort ins Krankenhaus geholt worden sei und nach ärztlicher Untersuchung zwei Tage später zwangsweise sterilisiert wurde, ohne dass sie selbst zu diesem Zeitpunkt gewusst hätte, was mit ihr geschehen sei. Einmütig erklären die Zeuginnen, im Alonaer Krankenhaus von den Ärzten gut behandelt worden zu sein. Nur die wenigsten können angeben, wer die Operationen an ihnen durchgeführt hat. In zwei Fällen werden Dr. Wirths and Dr. Beyer genannt.
Die Empörung richtet sich gegen Everding und Karause. "Sie sind beide Mörder!" ruft die 37jährige Zeugin Anna Lutz und bedauert kein Mann zu sein, sonst wäre mit den beiden Angeklagten bereits etwas anderes geschehen. "Was sollen die Zigeuner hier? Sie sollen alle im KZ vernichtet werden!" soll Krause gesagt haben. Er habe ihre Mutter geohrfeigt, ihrem Vater einen Kinnhaken gegeben und beide in den Keller gesperrt. Ähnlich lauten die Aussagen des gleichfalls sterilisierten Ehemannes Karl Lutz, dessen Vater ein Bayer war. Krause habe ihm nahegelegt sich scheiden zu lassen, dann würde er für deutsch erklärt werden. Dann wurde er vor die Wahl gestellt, für sich selbst und seine 16jährige Tochter Sonja das Einverständnis zur Unfruchtbarmachung zu unterschreiben oder nach Auschwitz zu kommen. Nicht anders lauten die Aussagen über Everding. Dorothea Rosenberg berichtet von ihrer Tochter, dass sie infolge Schwangerschaft und Krankheit von ihrer Arbeitsstätte ferngeblieben sei. Everding erschien in der Wohnung der Zeugin und forderte sofortige Arbeitswiederaufnahme. Er soll dabei erklärt haben: "Wenn sie morgen nicht zur Arbeit erscheint, kommt sie nach Ravensbrück und in acht Tagen bekommen Sie die Asche zurück und können sich die Zähne damit putzen." Fast alle Zeuginnen klagen über Leiden, die sie von der Unfruchtbarmachung zurückbehalten haben wollen. Sie erklären sich mit einer Widerfruchtbarmachung für sich und ihre Töchter einverstanden.
Das Verfahren gegen den angeklagten Arzt Dr. Beyer, der zur Zeit erkrankt ist, wurde abgetrennt. Die Verhandlung wurde auf Dienstag vertagt.
English translation copyright © Struan Robertson
Hamburger Allgemeinen Zeitung from 3 December 1946
Hamburg doctors sterilise Gypsies
Trial begins before the British Military Court - the accused plead not guiltily
On 2 December 1945, a prosecution, the first of its kind, was opened by the British Military Court sitting in the Hamburg Criminal Justice Court building. Seven Hamburg physicians and two former police officers stand accused of crimes against humanity. Professor Dr. Hinselmann, Mrs. Bessin, Dr. Schüppel, Dr. Wirths, Dr. Beyer, Dr. Günthe and Dr. Goldbeck are accused of causing or carrying out illegal operations (sterilisations) on Gypsies and Gypsy half-breeds between 1 November 1944 and 1 January 1945. The former police officers Everding and Krause are accused of extorting the signatures on the declarations of consent to sterilisation under threat.
The witnesses, who have so far made statements, tell how they were threatened with, "Signature or concentration camp". The accused plead "not guilty". They declare they were following orders whose refusal would have meant a professional ban and concentration camp. The prosecutor, Mr. Bund, pointed out that the Hippocratic Oath obligates doctors to help and heal, infringement of the oath being a betrayal of the medical ethic. The most heinous case is that of a 16-year-old girl who, her foster father having refused the sterilisation, was taken from work and delivered to hospital by the police and, after medical examination, forcefully sterilised two days later without her knowing what was being done to her. The witnesses unanimously report to having been well treated by the doctors in the Alonaer Hospital. Only a few can name the doctor who operated on them. In two cases Dr. Wirths and Dr. Beyer were named.
Witnesses reacted in outrage to Everding and Krause. "You are both murderers!", 37-year-old witness Anna Lutz shouted and regretted not being a man, then they would have been dealt with otherwise by now. "Gypsies have no right to be here! They should all be exterminated in a concentration camp", Krause said. He slapped my mother and punched my father in the jaw, and locked them both in the cellar. Her husband, Karl Lutz, also sterilised, gave similar evidence. Krause advised his father, who was Bavarian, to divorce so that he would then be classified German. Karl Lutz was given the choice of signing the declaration of consent for sterilisation, for both himself and his 16-year-old daughter, or of being deported to Auschwitz. Evidence regarding Everding was similar. Dorothea Rosenberg told how her daughter, being pregnant and ill, did not go to work. Everding appeared at her apartment and demanded that she immediately return to work. He said, "If you do not appear at work tomorrow you will find yourself in Ravensbrück and in eight days your ashes will be returned to you with which you can clean your teeth." Nearly all witnesses pretend they are suffering from the forced sterilisation. They agree to a reversal of the sterilisation for themselves and their daughters.
The case against Dr. Beyer, who is presently ill, is to be conducted separately. The proceedings were adjourned until Tuesday.
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