Wilhelm Mosel 1937-1999

An obituary for Wilhelm Mosel who tirelessly committed himself to keeping alive the memory of the Hamburg Jewish victims of the Holocaust.


Ursula Randt, Hamburg ©

At the end of October 1999 the media reported that a 62 year old man had been found dead in his terraced house in Hamburg-Harburg. It was not known how long he had lain there. Nobody had missed him. The circumstances of death and an autopsy determined "death by natural causes". The deceased was our colleague Wilhelm Mosel. He was a teacher and political scientist. He had been early retired for some time.

At the end of the 1970's he began researching former Jewish life in Hamburg and from then on this topic never let him loose. He spent every free minute researching in the Hamburg state archives, interviewing eye-witnesses, sat for nights at his typewriter, dispensed without holidays and worked with obsession without regard for his own health. He was the first person in Hamburg to lead walking tours on the topic of the history of the Jews: in Neustadt/St. Pauli, in Eimsbüttel, and particularly through the Grindel quarter. By and by three comprehensively written and illustrated booklets of the city walks appeared, the fruits of his research, which was mostly pioneer work. An historian from Israel esteemed the booklets by naming them "a Jewish Baedecker". But acknowledgment was rare. Wilhelm Mosel was a difficult man, contentious and intransigent. He had disputes with both individuals and institutions of the city. He found little support in Hamburg, not due to his topic of research but due to his determination not to sacrifice his personal commitment for a so-called "academic objectivity". He nevertheless prevailed in having numerous memorial plaques and memorial stones established throughout Hamburg. They are to be found everywhere, e.g. on the side wall of 1 Allende Platz, at 37 Laufgraben, the former Jewish girls' orphanage; at the Altona Station, from where on 28 October 1938 the deportation of the victims of the "Poland Action" departed.

As with the booklets (Wegweiser - guides) the memorial plaques do not carry his own name but that of the "Deutsch-Jüdische Gesellschaft Hamburg e.V." through whom he was able to apply for the necessary financial means. Wilhelm Mosel also fought for human rights, whereby his vehement commitment was to the Palestinians. He repeatedly pilloried the State of Israel. That alienated many people. Friends in Israel turned their back on him.

During his last years he travelled a great deal. He traced the routes of the deported Hamburg Jews to the ghettos and concentration camps. Nobody knew the precise details of the deportation assembly buildings and the deportation routes to death than Wilhelm Mosel. Three further booklets appeared: Lodz, Minsk, Riga. These were the first deportation destinations from Hamburg in the autumn of 1941. He also had memorial stones established in these places. The booklets document the horror. Through his journeys to Eastern Europe he became acquainted with the plight of the native population. He organized food transports. In order to save money he slept overnight in his car. His commitment can be traced through the 51 memorial stones and plaques in Germany and Eastern Europe.

Very few knew of Wilhelm Mosel's fate: he was born in 1937 in the Rhineland as a son of a Jewish father and an "Aryan" mother. The Nuremberg Laws were passed in 1935, of which the "Law for the Protection of German Blood and German Honour" prevented his parents marrying. They fled to Antwerp, with their son, to escape being prosecuted for "violating the race". The German Reich exiled the family. When in 1940 the Germans invaded Belgium both parents were arrested and imprisoned in separate concentration camps. Both died. Wilhelm Mosel survived, hidden in a catholic children's home in Belgium. After the war two sisters of his mother brought him to south Germany and gave him a strict catholic upbringing. His relentless commitment to keeping alive the memory of the Jewish victims of Nazi persecution personally included the memory of his parents.

In Hamburg he remained almost completely unacknowledged. But it was not only in Eastern Europe that he found recognition: Yad Vashem, the memorial museum for the victims of the Shoah in Jerusalem, knew him and prized both his painstaking research work and memorial work. Yad Vashem is sure his work will be venerated by later generations.

Ursula Randt, ©


Wilhelm Mosel 1937-1999

Der verstorbene Kollege setzte sich unermüdlich für das Gedenken an die Opfer der Judenverfolgung ein. Ein Nachruf.


Ursula Randt, Hamburg ©

Ende Oktober 1999 ging eine Meldung durch die Medien, wie man sie immer wieder einmal hört: ein 62-jähriger Mann war in seinem Reihenhaus in Harburg tot aufgefunden worden. Wie lange er dort schon gelegen hatte, ließ sich nicht mehr feststellen. Niemand hatte ihn vermisst. Äußere Umstände und Obduktionsbefund wiesen auf eine "natürliche Todesursache" hin. Der Tote war unser Kollege Wilhelm Mosel. Er war Lehrer und Diplom-Politologe. Schon vor längerer Zeit war er pensioniert worden.

Ende der 70er Jahre war er auf die Spuren ehemaligen jüdischen Lebens in Hamburg gestoßen, und seitdem ließ ihn dieses Thema nicht mehr los. In jeder freien Minute recherchierte er im Staatsarchiv, befragte Augenzeugen, saß nächtelang an seiner Schreibmaschine, verzichtete auf Ferienreisen und arbeitete mit Besessenheit ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit. Wohl als er erster in Hamburg führte er Stadtgänge zur Geschichte der Juden durch: in Neustadt/St. Pauli, in Eimsbüttel, vor allem in Grindelviertel. Nach und nach erschienen drei gründlich betexte und illustrierte Hefte zu den Stadtgängen, Ergebnis seiner Forschung, die oft Pionierarbeit war. "Ein jüdischer Baedecker" nannte ein Historiker aus Israel die Hefte aberkennend. Aber Anerkennung blieb selten. Wilhelm Mosel war ein schwieriger Mann, streitbar und kompromisslos. Er überwarf sich mit fast allen, mit Menschen und mit Institutionen der Stadt. Wenn er in Hamburg wenig Unterstützung fand, dann lag es nicht an dem Thema "Juden", sondern oft an seiner starren Unnachgiebigkeit bei dem Versuch, Vereinbarungen mit ihm zu treffen. Dennoch setzte er durch, dass in Hamburg zahlreiche Gedenktafeln angebracht und Gedenksteine gesetzt wurden. Man findet sie überall: z.B. an der Seitenwand des "Pferdestalls" am Allende-Platz; am Haus Laufgraben 37, dem frühren jüdischen Mädchen-Waisenhaus; am Bahnhof Altona, wo am 28. Oktober 1938 die Todesfahrt der Opfer der "Polen-Aktion" begann.

Wie bei den Wegweisern zu den Stadtgängen, so trat auch bei den Gedenktafeln sein eigener Name der von ihm gegründeten "Deutsch-Jüdische(n) Gesellschaft Hamburg e .V.", mit deren Hilfe er notwendige finanzielle Mittel aufbringen konnte. Und - Wilhelm Mosel kämpfte für Menschenrechte, wobei sein leidenschaftlicher Einsatz vor allem den Menschenrechten der Palästinenser galt. Immer wieder prangerte er den Staat Israel an. Das befremdete viele. Freunde aus Israel wandten sich von ihm ab.

In den letzten Jahren ist er viel gereist. Er folgte den Spuren der aus Hamburg deportierten Juden in die Gettos und Lager. Niemand kannte die Deportationssammelstellen und die Wege der Deportierten in den Tod genauer als Wilhelm Mosel. Drei weitere Hefte erschienen: Lodz, Minsk, Riga. Das waren in Herbst 19841 die ersten Deportationsziele von Hamburg aus gewesen. Auch dort ließ er Gedenksteine setzen. Die Hefte sind Dokumentationen des Grauens. Bei seinen Reisen nach Osteuropa lernte er die Not der dortigen Bevölkerung kennen. Er organisierte Lebensmitteltransporte. Um Geld zu sparen, übernachtete er im Auto. Seine eigene Spur ist durch 51 Gedenksteine und -tafeln in Deutschland und Osteuropa gekennzeichnet. Nur wenige wussten von Wilhelm Mosels Schicksal: 1937 wurde er im Rheinland als Sohn eines jüdischen Vaters und einer "arischen" Mutter geboren. Längst waren die Nürnberger Gesetze in Kraft und verhinderten die Heirat der Eltern. Sie flüchteten vor dem drohenden "Rassenschande"-Prozess mit ihrem Kind nach Antwerpen. Das Deutsche Reich bürgerte die kleine Familie aus. Als 1940 die Deutschen in Belgien einfielen, wurden beide Eltern verhaftet und in getrennten Lagen inhaftiert. Beide kamen um. Wilhelm Mosel überlebte - versteckt in einem katholischen Kinderheim in Belgien. Irgendwann holten ihn zwei Schwestern seiner Mutter zu sich nach Süddeutschland und zogen ihn streng katholisch auf. Sein unermüdliches Bemühen, das Gedenken an die Opfer der Verfolgung wach zu halten, galt immer auch der Erinnerung an die ermordeten Eltern. In Hamburg ist ihm die Anerkennung fast ganz versagt geblieben. Aber nicht nur in Osteuropa hatte er "einen großen Namen": In Yad Vashem, der großen Gedenkstätte für die Opfer der Shoa in Jerusalem, kannte man ihn und schätzte seine akribische Forschungsarbeit ebenso wie seine Gedenktafeln. Eine andere Generation, so sagte ein Mitarbeiter von Yad Vashem, werde sein Werk zu würdigen wissen.

Ursula Randt ©