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Martha W.
Martha W.Kindheit In Hamburg-Rothenburgsort habe ich zusammen mit meinen Eltern und einem Bruder in der Marckmannstraße gewohnt. Dort bin ich aufgewachsen und zur Schule gegangen. Ich hatte einen Bruder, der eineinhalb Jahre jünger war als ich. Wir gingen beide in die Volksschule in der Marckmannstraße. Er ging in die Schule für Knaben und ich nebenan in die Mädchenschule. Nach Abschluss der Schule besuchte ich dann die Allgemeine Haushaltungsschule am Ausschläger Weg. Mein Vater, F. G., war Soldat im Ersten Weltkrieg und hatte sogar das Eiserne Kreuz als eine besondere Auszeichnung bekommen. Das hing bei uns im Wohnzimmer an der Wand, bis eines Tages Polizisten kamen und die Urkunde von der Wand rissen. Sie sagten, dass mein Vater nicht würdig sei, eine solche Auszeichnung zu haben. Auf einmal war mein Vater nicht mehr würdig. Mein Sohn hat noch den Wehrpass von meinem Vater, wo drin steht, welche Kämpfe er alle mitgemacht hat.
Vater Nachdem sie meinen Vater nach Sachsenhausen gebracht haben, musste meine Mutter sehen, wie sie mit uns durch kam. Arbeit hat sie nicht gekriegt. Ich natürlich auch nicht. Außerdem konnte ich die Kinder ja nicht allein lassen. Wenn sie irgendwo gehört haben "Zigeuner", haben sie dir überhaupt keine Arbeit gegeben. Mein Bruder hatte schließlich doch Glück. Er fand Arbeit als Schildermaler. Er hat die Reklame an den Autos gemalt. Er hatte einen guten Chef. Fast zwei Jahre hat er bei der Firma gearbeitet. Dann hieß es plötzlich, dass wir nach Polen sollten. Der Chef hat sich sogar noch dafür eingesetzt, dass er nicht wegkommt, sondern dass er weiter bei ihm arbeiten kann. Er hat der Polizei gesagt, dass sie ihn brauchen, weil er gute Arbeit macht. Aber es war nichts zu machen. Das hat alles nichts genützt. Mein Bruder war noch nicht 17 als wir deportiert wurden. Ich war knapp 19. Meine Mutter war schon fast 50.
Deportation
Und nichts war. Als wir da angekommen sind, stand die SS um den Zug rum. Die standen alle schon da und haben uns aus den Waggons getrieben. Es waren auch viele Polizisten mitgekommen. In jedem Waggon waren zwei Polizisten (möglicherweise in den Bremserhäuschen am Ende einiger Waggons). Die haben uns ja nicht einfach so fahren lassen. Die haben gedacht, wir steigen aus oder reißen aus. Das wäre ja auch so gewesen. Die Polizisten, die zur Bewachung mit uns gekommen waren, die standen wie die begossenen Pudel da, als sie die SS sahen und wie sie hörten, wie der SS-Kommandant, das war so ein kleiner Mann, der stand mit der Peitsche da und schrie gleich "Wenn ihr nicht gehorcht!". Ach, was er alles gesagt hat. Er hat gesagt, wir wären wie Hunde und so werden wir auch behandelt. Das war so schrecklich. Und die Polizisten aus Hamburg, die haben da auch gestanden und waren ganz sprachlos. Ich nehme an, die haben das alles gar nicht so gewusst, was sie da in Belzec mit uns machen. Wir mussten dann in eine riesige Scheune oder es war mehr ein riesengroßer Schuppen. Da war nur altes Stroh auf dem Boden. Da mussten wir alle rein. Draußen davor standen SS-Posten.
Bełżec Das Essen war furchtbar. Einer von den Zigeunern sollte für alle kochen. Die SS hat Krähen oder Raben geschossen und so wie sie waren in den großen Topf geworfen. Und das wollte der Mann nicht machen, weil man die Vögel doch nicht einfach so kochen kann. Da haben sie ihn so gehauen, dass das Blut aus seinen Hosen unten rausgelaufen ist. Und eines Tages mussten wir uns anstellen, alle die, die Kinder hatten, weil es etwas Besonderes für die Kinder zu essen geben sollte. Ich hatte ja zwei Kinder. Meine Tochter war zwei Jahre alt und mein Sohn ein Jahr. Jeder kriegte eine Schale. Da war Brot in Milch eingebrockt. So sah das jedenfalls aus. Das war extra für die Kinder. Ja, und ein Kind nach dem anderen ist in den nächsten Tagen gestorben. Da war ein Wehgeschrei, ein Klagen und Weinen. Kurz nachdem die Kinder das gegessen hatten, bekamen sie keine Luft mehr, sie erstickten. Zuerst starb mein kleiner Junge. Ich bin morgens aufgewacht. Irgendjemand hatte mich geweckt, weil das Kind sich aufgestrampelt hatte und jemand wollte es wieder zudecken. Ich wachte davon auf und wollte den Jungen hoch nehmen. Da war er schon ganz steif. Ich war ganz fassungslos und wusste gar nicht, was ich machen sollte. Eine Cousine von mir, Frau Böhmers Schwester, hat ihn hochgehoben und da kam ein großer Klumpen Eiter aus seinem Hals. Das haben die Kinder alle gehabt, die da gestorben sind. Meine Tochter, die zwei Jahre alt war, ist am nächsten Tag genauso gestorben.
Krychow Als wir da ankamen, mussten wir erst mal unsere Behausung herrichten. Es sollte auch eine Küche gebaut werden. Wir mussten dafür große Steine tragen. Dafür mussten wir uns ein Brett auf die Schulter legen und darauf haben sie dann die Ziegelsteine gelegt. Das mussten nur die Frauen machen. Die Männer mussten andere Arbeiten machen. Die Ziegelsteine waren natürlich furchtbar schwer. Später mussten wir im Moor arbeiten. Wir haben mit den Beinen im Moor gestanden. Ich hab heute noch die Narben davon an den Beinen. Das sind alles helle Flecken, bis oben hin, denn wir standen ja fast bis zur Hüfte im Moor. Meine Beine waren ganz vereitert. Wir mussten da schaufeln. Ich hatte so etwas natürlich noch nie vorher gemacht und wusste ja gar nicht, wie ich mit der Schaufel umgehen sollte. Obwohl meine Beine so kaputt waren, musste ich natürlich immer wieder zur Arbeit. Dann hat sich alles entzündet. Meine Mutter hat von irgendwoher einen Kissenbezug bekommen, ich weiß nicht woher sie den hatte, jedenfalls hat sie den in Streifen gerissen wie Binden und mir damit die Beine umwickelt. Mein Bruder musste da auch arbeiten. Und ich weiß heute nicht, wie das kam, sie haben ihn jedenfalls erschossen. Im Lager haben wir von jemandem erfahren, dass mein Vater 1941 in Dachau gestorben ist. Er kam erst nach Sachsenhausen, von da nach Mauthausen. Da musste er im Steinbruch arbeiten. Mein Vater war schon 58. Das war schwere Arbeit. Von Mauthausen ist er nach Dachau gekommen. Wie er da gestorben ist, weiß ich nicht genau. Wir haben im Lager jemanden getroffen, der war im Alter meiner Mutter. Er hat erzählt, dass mein Vater in eine Art Bunker gekommen ist, wo man ihn eingesperrt hat. Da hat er nichts zu trinken und zu essen gekriegt, weil die sehen wollten, wie lange ein Mensch ohne Essen und Trinken das aushält. Er hat erzählt, dass man ihn nicht wieder erkannt hätte. Er war ganz klein und verschrumpelt. Dann ist er gestorben.
Flucht Als wir schon ziemlich weit weg vom Lager waren, haben wir einen Juden getroffen, der auch geflohen war. Der hatte wohl gesehen, dass wir oben im Wald, ziemlich versteckt, ein kleines Feuer gemacht hatten. Er kam dann und hat sich zu uns gesetzt und hat meine Mutter gefragt, ob er nicht bei uns bleiben könnte, mit uns gehen könnte. Meine Mutter sagte ihm dann aber: "Das geht nicht. Gehen Sie besser allein und ich mit meiner Tochter allein, denn wenn wir zusammen gehen, dann kriegen sie uns bestimmt." Sie meinte, je mehr wir sind, umso gefährlicher wird es, dass sie uns finden. Wir haben uns dann zu den Bauern getraut. Manchmal konnten wir bei der Arbeit helfen. Dafür haben wir dann was zu essen gekriegt. Wir mussten uns ja immer verstecken und durften uns ja nicht sehen lassen. Oft war das so, dass die Bauern uns weg geschickt haben. Sie hatten wohl Angst, sie könnten Schwierigkeiten kriegen, wenn sie uns was geben oder uns helfen. Eines Nachts haben wir wieder im Wald geschlafen, das war so am Waldrand, das war nicht so ein dichter Wald. Frühmorgens kam ein Bauer mit seinem Pferdewagen und hielt bei uns an. Er hatte uns gesehen, ist abgestiegen, kam zu uns und sagte: "Was macht ihr denn hier? Gestern war die SS hier und hat ganz viele Juden hergebracht und sie alle erschossen. Sie können sie sehen. Gucken Sie mal dahinten." Ich hatte natürlich Angst und bin nicht hingegangen. Aber meine Mutter ist hingegangen, wo er gezeigt hat und sie hat die Schuhspitzen von den Toten gesehen, die in einer Grube lagen. Wir sind vor Schreck sofort weiter gelaufen. Das war schrecklich. Die ganze Zeit war furchtbar. Immer mussten wir weiter. Mein Vater war tot, mein Bruder, meine beiden Kinder. Wir hatten kein Zuhause. Wir mussten uns immer verstecken. Das war eine schlimme Zeit. Von 1942 bis Kriegsende, bis 45 waren wir so unterwegs. Auf der Flucht haben wir meinen späteren Mann wieder getroffen. Das war in der Nähe von Warschau. Er war auch in Krychow im Lager gewesen, zusammen mit seiner Frau. Wir kannten uns von Hamburg. Er wohnte damals in der Stresemannstraße. Seine Frau starb im Lager und er war allein. So ist es gekommen, dass wir uns dann näher angefreundet und dann auch geheiratet haben.
Nachkriegszeit Mein Mann hat immer nach Bekannten geguckt und er hat seine Brüder gesucht. Er hatte fünf Geschwister. Er wollte wissen, was aus denen geworden war, ob sie noch lebten. Und tatsächlich, nachdem wir schon acht Tage in Hamburg in diesem Auffanglager waren und wirklich jeden Tag durch die Stadt gelaufen sind und versucht haben jemanden zu finden, gehen wir so die Reeperbahn runter und auf einmal ruft jemand hinter uns: "Erwin, Erwin!" Und wir gucken uns um, und das war ein Bekannter. Und er konnte ihm sagen, dass der Bruder von meinem Mann, Oskar, auch in Hamburg ist. Er sagte zu uns, dass der meinen Mann auch überall sucht. Wir haben ihn dann auch getroffen. Er wusste dann, dass es in Bayern eine Möglichkeit für uns geben sollte. Wir sind dann zusammen nach Bayern. Das war nicht weit von Lichtenfels. Da gab es Baracken, in die wir einziehen konnten. Die haben wir uns aufgeteilt. Meine Mutter ist zusammen mit uns nach Bayern gegangen. Da war auch noch ein anderer Bruder von meinem Mann. Wir haben uns da alle angemeldet und haben auch Lebensmittelkarten bekommen. Viel zu essen gab es nicht, aber manchmal gab es sogar Obst oder Kaffee. Überhaupt gab es nicht viel 1945.
Wiedergutmachung Wir mussten uns einen Rechtsanwalt nehmen, um die Wiedergutmachung zu bekommen. Das war Dr. Hollebach. Wir hatten Anspruch auf 6.000 Mark, mein Mann 6.000 Mark und ich auch. Es hat furchtbar lange gedauert. Der Anwalt hat uns immer wieder vertröstet, wenn wir nachgefragt haben. Schließlich kam heraus, dass er sich mit dem Geld in die damalige Ostzone abgesetzt hatte. Das war ein großer Skandal, der auch in der Zeitung stand. Er ist mit dem Geld von vielen Menschen, die im Lager waren, einfach abgehauen. Weil das Geld ja bewilligt war, hatte ich mir schon einen Teppich gekauft, und Betten. Und nun hatte der Anwalt das ganze Geld unterschlagen. Wir haben dann einen anderen Anwalt genommen, der die Sachen übernommen hat. Das Geld haben wir nie ganz gekriegt. Seine Frau hat uns dann ab und zu mal 50 Mark geschickt und auch mal 1.000 Mark geschickt. Als meine Tochter heiraten wollte und wir etwas Geld für die Feier brauchten, habe ich die Frau von dem Anwalt angerufen. Daraufhin hat sie uns 1.000 Mark geschickt. Der Mann wurde später von der DDR ausgeliefert und kam dann hier ins Gefängnis. Er ist schließlich gestorben. Von dem Geld haben wir also nur einen ganz kleinen Teil gesehen; das, was uns die Frau von dem Anwalt manchmal gegeben hat. Mein Mann hat immer gearbeitet. Er war erst selbständig und hat dann im Auslieferungslager bei Karstadt gearbeitet. Da war er viele Jahre. Er hatte da einen schweren Arbeitsunfall. Er ist von der Klappe von einem Transportwagen, von einem Lastwagen gefallen. Später hat er von Karstadt eine Unfallrente bekommen. Nicht lange nach diesem Unfall bekam mein Mann einen Herzinfarkt. Und im Krankenhaus den zweiten Herzinfarkt. Als er dann aus dem Krankenhaus heraus war, bekam er noch einen Schlaganfall. Er ist schließlich in einer Gefäßklinik an der Halsschlagader operiert worden. Innerhalb von 16 Jahren, bis mein Mann starb, hatte er mehrere Schlaganfälle. Es war eine sehr schwere Zeit, auch für mich.
Translation copyright © Struan Robertson
Martha W.
Martha W.
Deportation
There was an awful confusion, there being hundreds of people. We were told that we were being transported to Poland, where we would receive a nice little house. And they told me that my father was already there. But we were deceived. When we arrived at our destination SS surrounded the train. They were there at our arrival and drove us out of the wagons. Policemen had accompanied us, two to a wagon (probably within the breakers' cabin at the rear of some of the wagons). We naturally did not travel without a guard. They knew we would have otherwise simply left the train and escaped. We would have done this had we had the chance.
Today I no longer remember how long we were in that Bełżec camp. It was summer
when we arrived. I think we were there
for some weeks. It was awful there. One could not wash oneself; there were no toilets. We were all crammed together.
We were immediately set to work in a work column. We had to dig tank ditches. There were many Jews in Bełżec too.
They were housed in the same shed as us and also worked in the column. They usually only remained for some weeks,
then were transported from Bełżec to somewhere else.
One day those of us with children had to line up because the children were to receive something special to eat. I had two children. My daughter was two and my son one year old. Each was given a bowl containing milk with bread crumbled into it. Or so it appeared. This was especially for the children. Well, one child after the other died over the following days. There was such a lamenting, lamenting and crying. Shortly after having eaten the children were unable to breathe anymore, they asphyxiated. My little boy died first. Someone woke me in the morning. I was woken because the child had kicked and the person wanted to cover him again. So I awoke and went to pick him up. He was already quite stiff. I was devastated with grief and didn't know what to do. My cousin, the sister of Mrs. B., lifted him and a big clot of pus came out of his throat. All the children experienced this. My two year old daughter died in the same way the next day. They had been poisoned.
Krychow Immediately after arriving we had to prepare our accommodation. In addition, a kitchen was to be built. We had to carry large stones for its construction. We carried these stones on a board placed on the shoulder. Only the women did this work. The men had other work. The stones were terribly heavy. Later on we had to work in the moor. We stood with our legs in the morass. The mud contained vegetation that cut the legs. My legs are scared for life as a result of this. The entire length of my legs are today covered in bright spots because the morass was practically waist high. My legs became completely septic. We had to dig out the mud for the construction of tank ditches. Having never done such work before, I did not know how to handle the shovel. Although my legs were ulcerated, I had to return to work again and again. Then my legs became inflamed. My mother acquired a cushion cover from somewhere, I don't know from where; anyway she tore it into strips and bandaged my legs. My brother had to work there too. I don't know the circumstances but they shot him. We found out from someone in the camp that my father had died in Dachau in 1941. He was initially taken to Sachsenhausen and from there to Mauthausen. There he had to work in the quarry. My father was already 58 years old. That was killing work. From Mauthausen he was taken to Dachau. I don't know exactly how he died there. In the camp we met someone the same age as my mother. He told us that my father had been imprisoned in a kind of bunker. He was not given anything to eat or drink because they wanted to find out how long a human being could remain alive without sustenance. He told us that my father was no longer recognizable. He was emaciated and shrivelled. Then he died.
Escape
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