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Copyright © Stefan Micheler, Jakob Michelsen, Moritz Terfloth,
Archivalische Entsorgung der deutschen Geschichte?
Historiker fordern die vollständige Aufbewahrung wichtiger Gerichtsakten aus der NS-Zeit
In:
1999, Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, Heft 3/96, S. 138-145.
Archivalische Entsorgung der deutschen Geschichte?
Historiker fordern die vollständige Aufbewahrung wichtiger Gerichtsakten aus der NS-Zeit
Gerd Korman aus Cornell im Bundesstaat New York protestierte Mitte Januar 1996 in einem Brief an den Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau gegen die Vernichtung von
Strafjustizakten aus der NS-Zeit durch das Hamburger Staatsarchiv: "Da ich als Kind aus Hamburg 1938 deportiert wurde, befinden sich meine Familienmitglieder und ich selbst
in diesen Akten. Aber auch als Historiker, der mit Akten aus der Naziperiode in Staatsarchiven gearbeitet hat, protestiere ich. [...] Es gibt so viel zu lernen und
verstehen, besonders jetzt, wo unter unseren Bürgern und unseren Wissenschaftlern so viele sind, die diese schrecklichen Jahre nicht selbst miterlebt haben. [...] Die
Behandlung von Archivmaterial erfordert die Aufsicht von Wissenschaftlern, die aus eigener Forschungspraxis wissen, wie viel unerwartetes Wissen aus alten Akten und
Manuskripten herausgeholt werden kann." Gerd Korman ist 1928 in Hamburg geboren. Unter seinen Verwandten sind etliche, die als Juden von den Nationalsozialsten ermordet
wurden. Sein Vater Osias wurde 1935 oder 1936 vor Gericht gestellt, weil er angeblich eine Hakenkreuzfahne angespuckt hatte. Er kam frei, wurde aber mit seiner Familie in
die Emigration gezwungen. Gerd Korman ist heute emeritierter Professor für Geschichte an der renommierten Cornell University und arbeitet vor allem zur Geschichte des
Holocaust
.
Ein Arbeitskreis um Norbert Finzsch, Professor am Historischen Seminar der Universität Hamburg und unter anderem Spezialist für die Geschichte der Kriminalität, fordert die
lückenlose Aufbewahrung der Akten der Hamburger Staatsanwaltschaft, die in den Jahren 1935-1945 reponiert, das heißt abgelegt wurden. Der Direktor des Hamburger
Staatsarchivs, Hans-Dieter Loose, der Leiter der zuständigen Abteilung, Hans-Wilhelm Eckardt, und dessen Stellvertreter, Claus Stukenbrock, verantwortlich für die Bewertung
der Akten, bestehen hingegen darauf, diese auf ein Zehntel bis ein Siebtel des vorgefundenen Bestandes zu verringern und Akten, die nach Ansicht des Staatsarchivs nicht
"archivwürdig" sind, dem Reißwolf zu übergeben. Neben den genannten Akten geht es auch um Gefangenenpersonalakten aus dem Gefängnis und Konzentrationslager Fuhlsbüttel, die
ebenfalls seit mehreren Jahren ausgesondert werden, einen komplett überlieferten Bestand von Akten der Staatsanwaltschaft von 1930-1935, der noch nicht bearbeitet wird,
sowie Akten der Staatsanwaltschaft aus der Zeit nach 1945, die nur noch zum Teil vorhanden sind, da sie laufend mit Billigung des Staatsarchivs von Nicht-ArchivarInnen und
Nicht-HistorikerInnen auf Grundlage fragwürdiger Kriterien vernichtet werden, um Platz im Strafjustizgebäude zu schaffen. Finzsch ist der Ansicht, es sei wichtig, alle
genannten Bestände vor der Vernichtung zu bewahren und die Reste der erstgenannten Bestände komplett zu erhalten. Die Hamburger Akten der Staatsanwaltschaft waren
hinsichtlich ihrer Vollständigkeit ein in Deutschland einmaliger Bestand an NS-Strafjustizakten.
Um die Geschichte des Nationalsozialismus angemessen untersuchen zu können, sei es unerlässlich, dass alle betreffenden Akten aufgehoben werden. Finzsch: "Der Gesamtbestand
der NS-Stafjustizakten hätte erhalten bleiben müssen, weil jedes Strafverfahren zur Rekonstruktion von Rechtsanwendung notwendig ist." Die Akten enthalten Auskünfte über
Strafmaße im allgemeinen, unterschiedliche Strafmaße bei gleichen Delikten, Relationen von Strafhöhen usw. So sind aussagekräftige Forschungsergebnisse nur im Falle der
Zugänglichkeit aller Verfahren/Urteile zu einem Delikt/einer Deliktgruppe zu erzielen. Sie hätten ferner erhalten bleiben müssen, weil jedes Strafverfahren zur
Rekonstruktion von Ermittlungs- und Justizpraxis notwendig ist. Die Akten enthalten Auskünfte über Verfahrenswege, Vorgehensweise der Behörden/ Personen,
Verteidigungsstrategien. Die besondere Bedeutung solcher Strafjustizakten liegt darüber hinaus darin, dass sie die Sozialgeschichte des NS-Staats dokumentierten: Sie
enthalten neben den juristischen Tatbeständen zahlreiche Hinweise auf Lebens-, Arbeits- und Wohnverhältnisse der beteiligten Personen; wobei, abhängig vom jeweiligen
Verfahren, die unterschiedlichsten Schichten und Lebensstile Eingang in die Akten fanden. So dokumentieren sie auch insbesondere die Verfolgung der ("vergessenen") Opfer
des Nationalsozialismus, wie Juden und Jüdinnen, Sinti und Roma, Homosexuelle, Prostituierte, wegen "Rassenschande" Verurteilte, Frauen, die abgetrieben haben,
"Wehrkraftzersetzer", Swing-Jugendliche, Zwangssterilisierte und "Bibelforscher".
Insgesamt hat das Staatsarchiv bisher im Bestand der Akten der Staatsanwaltschaft aus den Jahren 1935-1945 alle Jahrgänge bis auf den von 1942 vollständig aussortieren
lassen, vom Jahrgang 1942 ist noch etwa die Hälfte der vorgefundenen Akten nicht bearbeitet.
Seit 1987 ist das Staatsarchiv von verschiedenen Seiten zum Überdenken der Aktenvernichtung aufgefordert worden, unter anderem weil qualitative Untersuchungen hierdurch
erschwert werden, ferner mit dem Hinweis auf die besondere Archivwürdigkeit bestimmter Strafakten, die Minderheiten betreffen und darauf, dass selbst quantitative
Untersuchungen durch die undokumentierte Kassation unmöglich gemacht werden.
Seit Sommer 1991 ist in breiten HistorikerInnen-Kreisen in Hamburg die Aktenvernichtung durch das Staatsarchiv bekannt. Ab dem Sommer 1995 haben verschiedene
WissenschaftlerInnen, Institutionen (unter anderem die Abteilung für Sexualforschung an der Universität Hamburg) und zahlreiche Homosexuellenverbände beim Hamburger
Bürgermeister schriftlich gegen die Aktenvernichtung protestiert. Antworten des Bürgermeisters sind trotz mehrmaliger Schreiben bis heute ausgeblieben.
Im Sommer 1995 bildete sich in Verbindung mit den Schwullesbischen Studien der Universität Bremen eine Arbeitsgruppe, die im Rahmen eines größeren Forschungsprojektes unter
anderem mit dem Bestand der Hamburger Strafjustizakten die Geschichte von homosexuellen Männern in Hamburg während der Zeit des Nationalsozialismus untersuchen möchte.
Entsprechende Nutzungsanträge wurden gestellt und formal abgelehnt, lediglich die Sichtungsmöglichkeit wurde den Forschenden zugestanden.
Nach einem Gespräch des wissenschaftlichen Leiters der Schwullesbischen Studien Bremen, des Professors für Rechtssoziologie Rüdiger Lautmann, mit dem Justizsenator Wolfgang
Hoffmann-Riem ordnete dieser im Rahmen seiner Kompetenz als Hausherr des Strafjustizgebäudes am 3. November 1995 an, "die Vernichtung der noch vorhandenen Hamburgischen
Strafakten aus der NS-Zeit und dem Beginn der Nachkriegszeit zu stoppen und diese - soweit sie nicht im Staatsarchiv aufbewahrt werden - zunächst im Bereich der
Justizbehörde zu lagern". [1] Doch liegt die letztendliche Entscheidung über das Aufheben der Akten nicht beim Justizsenator: Nach dem Hamburger Archivgesetz
entscheidet allein das Staatsarchiv über die Archivwürdigkeit der Akten. Die Justizbehörde hat rechtlich nicht die Möglichkeit, sie dauerhaft aufzubewahren. Somit handelt
es sich bei der Weisung des Senators nur um eine vorläufige Maßnahme und keine endgültige Sicherung.
Untersuchungen am Bestand bringen den Arbeitskreis zu der Einschätzung, dass das Vorgehen des Staatsarchivs in wissenschaftlicher Hinsicht eine Katastrophe und in
politischer Hinsicht ein Skandal ist. Durch die unprofessionelle Dezimierung sowie Erfassung des Bestandes nach wissenschaftlich und archivalisch nicht nachvollziehbaren
Kriterien, die vom Staatsarchiv für die Aussortierung vorgegeben wurden, wird die Arbeit von HistorikerInnen an diesen Primärquellen erschwert, bzw. unmöglich gemacht. Auch
fand der Arbeitskreis heraus, dass Akten, die im Nationalsozialismus verfolgte Minderheiten betreffen, vernichtet worden sind. Laut dem Kriterienkatalog des Staatsarchivs
sind aber "Akten, in denen Verfolgte als Täter oder Opfer auftreten", zur Archivierung vorgesehen. [2] Somit sind auch Unterlagen vernichtet worden, die die
Grundlage für eventuelle Wiedergutmachungs- und Entschädigungsverfahren bilden können. Detailliert nachweisen kann der Arbeitskreis dies für Akten nach § 175
(Homosexuelle), für andere Opfergruppen befürchtet er dies auch, denn in einer Antwort des Hamburger Senats auf eine Anfrage in der Bürgerschaft heißt es: "Verfahrensakten
werden zu keiner Strafvorschrift vollständig aufgehoben." [3] Bestärkt wird die Vermutung des Arbeitskreises auch dadurch, daß das Staatsarchiv keinen
Kassationsbericht vorlegen kann.
Gegenüber Wissenschaft und Öffentlichkeit hat das Staatsarchiv die Vernichtung von Akten, die verfolgte Minderheiten betreffen, mehrfach bestritten, [4] auch nachdem
sie bereits im September 1995 und erneut im April 1996 hinsichtlich von Fällen nach § 175 zugegeben worden war. [5] Nachdem im April 1996 detailliert die Vernichtung
einzelner Akten nachgewiesen werden konnte, erklärt das Staatsarchiv nunmehr, dass diese Akten zu keinem Zeitpunkt vollständig aufgehoben werden sollten. Hinsichtlich der
Akten nach § 175 wurden Öffentlichkeit und Wissenschaft in die Irre geführt. WissenschaftlerInnen wurde darüber hinaus suggeriert, alle Akten zu den genannten Opfergruppen
seien noch vorhanden. Somit mussten sie von falschen Voraussetzungen ausgehen, die teilweise schon zu falschen wissenschaftlichen Schlüssen geführt haben.
Die noch erhaltenen Akten ermöglichen durch ihre unprofessionelle Auswahl keinen Rückschluss auf die ursprüngliche Gesamtheit des Bestandes. Ziel jedes Auswahlverfahrens
(Sample-Bildung) muss sein, dass die Aussagen in den verbliebenen Akten die des ursprünglichen Gesamtbestandes aller Akten möglichst getreu widerspiegeln. Für die Auswahl
der Akten hätte das Random-Sample-Verfahren angewendet werden müssen. Das stattdessen weniger geeignete angewandte Verfahren der systematischen Wahrscheinlichkeitsauswahl
ist darüber hinaus fehlerhaft durchgeführt worden. Unter anderem ist durch die Änderung der Stichprobengröße im Verlauf des Auswahlverfahrens - bis April 1988 jede 30. Akte
des Amtsgerichts, danach jede 15. Akte - das Sample verfälscht worden. Auch ist vor der Kassation der Akten keine Aufstellung des überlieferten Bestandes nach
Straftatbeständen, Strafmaß, Geschlecht, sozialem Status der Angeklagten etc. erstellt worden, die die Grundlage für eine Sample-Bildung hätte sein müssen und heute die
einzige Möglichkeit wäre, Rückschlüsse auf den Gesamtbestand zu ziehen. Eine quantitative Auswertung der Akten ist damit nicht mehr möglich, eine qualitative Auswertung ist
erschwert worden.
Zum Random-Sample-Verfahren bemerkt das Staatsarchiv in einer Stellungnahme: "Derartige Archivierungsverfahren gehören ins Reich der Phantasie und nicht zum theoretischen
Arsenal des Archivwesens." [6] Der Detailkritik verschließt sich das Staatsarchiv vollends. So wird beispielsweise hinsichtlich des Vorwurfes, das Staatsarchiv habe
durch die fehlerhafte Auswahl der Akten eine sinnvolle Verknüpfung des Materials (etwa um das Schicksal eines Verurteilten von der Anklageerhebung bis zur eventuellen
Haftentlassung nachzuvollziehen) verhindert, weil aus den Akten der Staatsanwaltschaft und den Gefangenenpersonalakten unterschiedliche Stichproben gezogen wurden, erklärt:
"Die Forderung ist sinnlos. Die Gefangenenpersonalakten der hamburgischen Strafvollzugsanstalten wurden im wesentlichen bereits vor 1985 bewertet und archiviert."
[7] - Selbst wenn diese Aussage zutrifft, rechtfertigt sie nicht, dass in den folgenden Jahren auf Übergänge der verschiedenen Aktenbestände nicht geachtet wurde.
Nicht nur Akten von NS-Opfern sind durch das Hamburger Staatsarchiv vernichtet worden, auch die Kassation eines Teils der Personalakten von Juristen, die während der
NS-Zeit tätig waren, steht für das Jahr 2000 an. Obwohl jeder Benutzer/jede Benutzerin des Staatsarchivs diese Tatsache dem entsprechenden Bestandsverzeichnis (241-2
Justizverwaltung - Personalakten) entnehmen kann, hat der Hamburger Senat in seiner Antwort auf eine Große Anfrage der GAL, zum Komplex
der NS-Akten erklärt, eine
Vernichtung von Justiz-Personalakten sei nicht geplant. [8]
Hinsichtlich der Akten der Staatsanwaltschaft aus den Jahren 1930-1935 wird in der genannten Antwort, die vermutlich vom Staatsarchiv vorformuliert wurde, behauptet, diese
Akten hätten "Eine geringe Aussagekraft". Indirekt wird auch behauptet, dass Strafjustizakten aus der Weimarer Republik unwichtig seien: "Die Akten betreffen weit
überwiegend zu allen Zeiten anzutreffende Verstöße gegen Strafbestimmungen, die mit Freispruch endeten oder mit Geldbuße, Geldstrafe oder geringer Freiheitsstrafe geahndet
wurden. Nur etwa ein Drittel der Fälle fällt in die NS-Zeit." Hierzu ist festzuhalten, dass gerade die Analyse dieses Aktenbestands auch Aufschlüsse darüber geben könnte,
ob in der Übergangsphase von der Demokratie zur Diktatur in der Rechtsprechung schon Elemente von völkischer oder NS-Ideologie zu finden sind. Erstaunlich ist auch, dass
derartige Aussagen über einen Bestand getroffen werden können, der bisher kaum gesichtet wurde. Ferner heißt es: "Die ohnehin sehr geringe Aussagekraft der einzelnen Akte
ist noch dadurch herabgesetzt, dass fast alle Akten aufgrund der Aufbewahrungsfristen 15 Jahre nach Weglegung ausgedünnt wurden, das heißt nur noch Strafbefehl oder Urteil,
Strafantrag oder Anklageschrift und ggfs. Einweisungs- und Entlassungsnachweise enthalten, wodurch die Aussagekraft häufig gegen Null tendiert." Im Gegenteil ist die
Aussagekraft der genannten Akteninhalte sehr groß; so basieren maßgebliche sozialhistorische Arbeiten der 70er und 80er Jahre auf solchen Quellen. Die Antwort liest sich
wie eine Rechtfertigung, auch diesen Bestand für die Forschung unbrauchbar zu machen.
Hinsichtlich der Nachkriegsakten (Reponierungsjahrgänge 1946-1948) wird angegeben, dass die Aussortierung ab 1979 durch die Staatsanwaltschaft nach vom Staatsarchiv
vorgegebenen "groben" Kriterien erfolgte, das Staatsarchiv aber noch keine Akten übernommen habe. Aufbewahrt werden sollten "alle Verbrechenssachen vor der großen
Strafkammer und Schwurgerichtssachen", "alle Akten mit einem Umfang von mehr als 100 Blatt als Beispielakten" und "alle Akten, denen ohne Schwierigkeiten und besonderen
Zeitaufwand zu entnehmen ist, dass deren Inhalt für die Erkenntnis der politischen, insbesondere nationalsozialistischen Verhältnisse, von allgemeiner Bedeutung ist." Diese
Kriterien sind sehr unpräzise und teilweise sehr fragwürdig; die Auswahl der Akten wurde nicht durch ArchivarInnen oder HistorikerInnen vorgenommen. Insbesondere erscheint
es absurd, allein den Umfang einer Akte als einziges Kriterium für ihre Archivwürdigkeit anzusehen. Die Kriterien geben darüber hinaus keine Garantie dafür, dass nicht
Akten vernichtet wurden und werden, die nach den Kriterien für den Bestand der Reponierungsjahrgänge 1935-1945 hätten erhalten werden müssen; es ist davon auszugehen, dass
sich unter den Akten der Reponierungsjahrgänge 1946-1948 auch viele Akten aus Urteilsjahrgängen der NS-Zeit finden. Außerdem lassen die Kriterien nicht erkennen, dass der
Umgang mit NS-Opfergruppen in der unmittelbaren Nachkriegszeit bei der Auswahl berücksichtigt wurde. Ferner ist festzuhalten, dass keine Angaben über die nicht zur
Aufbewahrung im Staatsarchiv vorgesehenen Akten gemacht werden. Es liegt auch hier die Vermutung nahe, dass die Auswahl der Akten wissenschaftlichen Standards nicht genügt.
Nach welchen Kriterien Strafjustizakten aus den Jahren nach 1949 vom Staatsarchiv aufbewahrt werden, liegt völlig im Dunkeln, da das Staatsarchiv hier auf interne
Richtlinien, die nicht zugänglich sind, verweist.
Wenn die Befürchtung auch nur annähernd zutreffen sollte, dass die zuständigen Mitarbeiter des Staatsarchivs statt wissenschaftlicher Kriterien "Platzpragmatismus" zur
Grundlage ihrer Bewertung von wichtigen Aktenbeständen machen, ist zu fragen, ob diese Beamten nicht das in sie von Gesellschaft und Wissenschaft gesetzte Vertrauen, mit
sensiblen Akten sensibel umzugehen, enttäuscht haben. Auch mangelt es ihnen im Umgang mit gegen das Staatsarchiv vorgebrachter Kritik an Sensibilität. Statt sich mit der
von Finzsch vorgebrachten Kritik inhaltlich auseinander zu setzen, greifen sie ihn persönlich an, verschleiern ihre Arbeitsweise gegenüber der Öffentlichkeit und führen die
Wissenschaft mit falschen Angaben in die Irre.
So ist auch der Behauptung des Staatsarchivs, der Kriterienkatalog für die Auswahl der Akten sei mit verschiedenen Hamburger Forschungsinstituten abgesprochen gewesen,
[9] von Seiten der KZ-Gedenkstätte Neuengamme widersprochen worden. Der jetzige Leiter der KZ-Gedenkstätte, Detlef Garbe, teilt über ein Gespräch mit seinem
Vorgänger Ludwig Eiber mit: "... von einer Zustimmung der KZ-Gedenkstätte könne jedoch nicht die Rede sein. Vielmehr betont Herr Eiber, der sich noch recht gut an den
Vorgang erinnert, dass er unter Verweis auf den ›einzigartigen Bestand‹ nachdrücklich für eine Aufbewahrung der Strafsachen ›in toto ‹ plädiert hat." [10]
Um auf die Fehler bei der Kassation der Akten durch das Hamburger Staatsarchiv aufmerksam zu machen, schickte Finzsch im Januar 1996 einen Brief an zahlreiche deutsche und
ausländische KollegInnen, in dem er um Unterstützung beim Protest gegen die Aktenvernichtung bat. Dieser Brief wurde auch in verschiedenen Mailboxen des Internets abgelegt.
Seitdem sind zahlreiche Protestschreiben aus dem In- und Ausland beim Ersten Bürgermeister Hamburgs, Henning Voscherau, eingegangen, unter anderem von einem Großteil der
deutschen Sektionen der History-Departments US-amerikanischer Universitäten. Gleichzeitig haben sich auch viele WissenschaftlerInnen und Organisationen an die deutsche
Botschaft in Washington gewandt. Am 18. Januar beschloss der Stadtrat von San Francisco, eine Protestnote an die Stadt Hamburg zu richten, in der diese aufgefordert wird,
die Aktenvernichtung zu stoppen.
Erst daraufhin sah sich die Senatskanzlei veranlasst, sich mit der Aktenvernichtung auseinanderzusetzen. Zumindest erhielten die Protestierenden ein Schreiben, in dem ihnen
mitgeteilt wird, dass der Brief an den Direktor des Staatsarchivs weitergeleitet wurde. In diesem Schreiben wird versucht, Finzsch unwahrer Behauptungen zu bezichtigen, auf
den eigentlichen Sachverhalt wird nicht eingegangen, mögliche Beschlüsse werden nicht mitgeteilt, Zusagen werden nicht getroffen. Der Leiter des Hamburger Staatsarchivs
weist in seinen Antworten die Vorwürfe unter Hinweis auf den angeblich modellhaften Charakter der Aussortierung zurück. [11] Gegenüber dem Fachbereichsrat
Geschichtswissenschaft der Universität Hamburg wurde von Seiten des Staatsarchivs sogar geäußert, die Wissenschaft müsse den Archivaren "dankbar sein", dass sie "unwichtige
Akten" vernichteten.
Das Staatsarchiv ist nach wie vor nicht zu einer Übernahme der vorläufig vor der Vernichtung bewahrten Akten bereit, lässt im Strafjustizgebäude weiterhin vermeintlich
nicht archivwürdige Akten aussortieren und will die bisherige Vernichtungspraxis fortsetzen. Ausdruck dessen ist auch, dass angeblich nicht archivwürdige Akten separat
neben Müllsäcken abgelegt werden.
Der Rechtsausschuss der Hamburger Bürgerschaft hat die bisherige Vernichtungspraxis des Staatsarchivs in seinen Sitzungen vom 18.Januar und 8. Februar 1996 insofern
gebilligt, als eine Aufbewahrung sämtlicher Akten im Staatsarchiv abgelehnt wird, lediglich einer (rechtlich fragwürdigen) Aufbewahrung in der Justizbehörde wurde
zugestimmt. Nachdem weitere Details der Aktenvernichtung bekannt geworden sind, hat die Hamburger Bürgerschaft am 9. Mai 1996 die Angelegenheit ohne Aussprache erneut in
den Rechtsausschuss überwiesen.
Der Fall hat eine politische Dimension, die über die Halsstarrigkeit und Borniertheit einiger Archivare und Landespolitiker hinausgeht. Als in der renommierten Smithsonian
Institution in Washington D.C. 1995 eine Ausstellung zum 50. Jahrestag des Atomangriffs auf Hiroshima und Nagasaki eröffnet werden sollte ("Enola Gay"), kam es zu einem
Eklat. Die politische Rechte, angeführt vom Parteiführer der Republikaner, Newt Gingrich, selbst Historiker im Nebenberuf, attackierte den vorbereiteten Begleittext zur
Ausstellung als "anti-amerikanisch". In diesem Text war die Rede davon gewesen, dass antijapanischer Rassismus dazu beigetragen habe, die Entscheidung zu treffen,
japanische Städte und eben nicht deutsche mit den Atomwaffen zu bombardieren. Darüber hinaus habe Präsident Truman eine deutliche Warnung an die Adresse der Sowjetunion
schicken wollen. Der Krieg - so die Autoren dieses ausgewogenen und vorsichtigen Textes - wäre wahrscheinlich auch ohne die Bombe siegreich beendet worden. [12]
Konservative und reaktionäre Gruppen - allen voran die American Legion und die Air Force Association - griffen die Smithsonian Institution (immerhin eine
Regierungsorganisation) an, und die Organisatoren der Ausstellung beugten sich dem Druck. Der inkriminierte Text wurde zurückgezogen, nur der restaurierte Bomber, der die
Hiroshima-Bombe abgeworfen hatte, wurde ausgestellt, ebenso weitere Flugzeuge wie die Spirit of St. Louis oder der Kitty Hawk Flyer, ohne Kontext, ohne Erklärungen. Diese
Niederlage der HistorikerInnen zeigt, dass es eine "wertfreie Diskussion" über "Wissenschaftlichkeit" von Erinnerung nicht geben kann, sondern dass Diskurse wie im Falle
der Enola Gay oder der Hamburger Justizakten immer "Culture Wars" sind. In beiden Fällen geht es um einen öffentlichen Disput darüber, wie mit Geschichte umgegangen werden
soll. Hinter der symbolischen Entscheidung, bestimmte Akten zu vernichten oder politisch unliebsame Texte zu verhindern, steht die Auseinandersetzung um die
Re-Interpretation von Geschichte, die nach dem Sieg des Westens im Kalten Krieg verstärkt betrieben wird. Es ist wichtig, diese "Culture Wars" zu führen, selbst wenn man in
ihrem Verlauf nicht jede Auseinandersetzung gewinnt. Vor dem Nationalarchiv der USA steht eine monumentale Steinfigur, auf deren Sockel die warnenden Worte eingemeißelt
sind: "Past is Prologue".
Anmerkungen:
[1] Mitteilung der Staatlichen Pressestelle der Freien
und Hansestadt Hamburg vom 27. November
1995. [2] Staatsarchiv Hamburg: Archivwürdige Strafverfahrensakten der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Hamburg, Typoskript, 5. März 1987. Vgl. auch: Gunther
Schmitz/Hans-Christian Lassen/Klaus Bästlein, Hunderttausend Akten - Millionen Fakten. Zur Erfassung und Auswertung der Strafakten aus der NS-Zeit, in: "Für Führer, Volk
und Vaterland ... " Hamburger Justiz im Nationalsozialismus, hg. von der Justizbehörde Hamburg, Hamburg 1992, S. 432-442 (hier: S. 435).
[3] Bürgerschafts-Drucksache 15/3981, 26. September 1995.
[4] "Homosexuelle gehören wie Juden und Sinti zu den Opfern des Nationalsozialismus. Diese Fälle erhalten wir komplett." (Herr Loose, zitiert in: Jan Feddersen, Kein
Fall für den Reißwolf, in: taz vom 21./22. Oktober 1995). "Soweit sich also aus den Strafakten Verfolgung von Homosexuellen, Sektenmitgliedern, Juden und anderen
Minderheiten ergibt, sind diese Akten zur Archivierung vorgesehen." (Herr Loose in einem Brief an WissenschaftlerInnen, die gegen die Aktenvernichtung protestiert hatten,
zum Beispiel vom 6. Februar 1996 und 8. März 1996). "Wenn in den Akten von Hein Meier, dem kleinen Taschendieb, vermerkt ist, dass er Homosexueller war, dann wird die Akte
aufbewahrt, weil er dann ja zu einer Verfolgtengruppe gehört. Wenn es aber nicht vermerkt oder bekannt ist, dann gehört er zu all den Taschendieben, deren Akten nur in
einer Auswahl erhalten bleiben." (Herr Eckardt, zitiert in: Anita Friedetzky, Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen? In: Junge Welt vom 4. März 1996.) "Es
werden keine Akten vernichtet, die für Entschädigungsansprüche von Bedeutung sind, die Verfolgung von Minderheiten erkennen lassen oder einen politischen Einschlag haben."
(Hans Wilhelm Eckardt, Vorbildlich [Leserbrief], in: Hamburger Abendblatt vom 9./ 10. März 1996).
[5] Bürgerschafts-Drucksache 15/3981, 26. September 1995, Bürgerschafts-Drucksache 15/ 5323, 16. April 1996.
[6] Staatsarchiv Hamburg: Vermerk [zu zwei Papieren von Finzsch] von Dr. Eckardt, Typoskript, 22. April 1996.
[7] Staatsarchiv Hamburg: Vermerk [zu zwei Papieren von Finzsch] von Dr. Eckardt, Typoskript, 22. April 1996.
[8] Bürgerschafts-Drucksache 15/5323,16. April 1996.
[9] Herr Loose behauptet dies zum Beispiel in einem Brief an WissenschaftlerInnen, die gegen die Aktenvernichtung protestiert hatten, zum Beispiel vom 6. Februar
1996 und 8. März 1996. Herr Eckardt äußert dies gegenüber der jungen Welt im März 1996 (Anita Friedetzky, Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen? In: Junge
Welt vom 4. März 1996). Auch in der Antwort des Senats auf die Große Anfrage der GAL-Fraktion vorn April 1990 wird dies behauptet. Hier heißt es sogar, dass Einwände nicht
erhoben wurden (Bürgerschafts-Drucksache 15/5323, 16. April 1996).
[10] Garbe, Detlef. Brief an Norbert Finzsch vom 18. April 1996.
[11] Loose, Hans-Dieter: Brief an WissenschaftlerInnen, die gegen die Aktenvernichtung protestiert haben, zum Beispiel vom 6. Februar 1996 und 8. März 1996.
[12] Ian Bururna, The War over the Bomb, in: New York Review of Books, 21. September 1995, S. 26-34, hier S. 28f.
Copyright © Stefan Micheler, Jakob Michelsen, Moritz Terfloth,
Archivalische Entsorgung der deutschen Geschichte?
Historiker fordern die vollständige Aufbewahrung wichtiger Gerichtsakten aus der NS-Zeit
In:
1999, Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, Heft 3/96, S. 138-145.
Archival Disposal of German History? Historians demand the complete retention of important court records from the Nazi era.
In mid July 1996 Gerd Korman from Cornell University in New York State wrote a letter to Henning Voscherau, Hamburg's mayor, protesting
against the destruction of criminal justice files from the Nazi period by the Hamburg State Archive: "Having been deported from Hamburg
in 1938, when still a child, family members and I are documented in these files. I also protest as a historian who has researched
documents from the Nazi period in state archives. [...] There is so much to learn and to understand, particularly now when there are so
many citizens and scientists who did not experience these terrible times. [...] The handling of archive material should be supervised by
academics who know from their own research which historic documents are significant to research." Gerd Korman was born in Hamburg, in
1928. Several of his Jewish relatives were murdered by the National Socialists. His father Osias was brought to trial in 1935 or 1936
because he had allegedly spat upon a swastika flag. He was acquitted but was forced to emigrate with his family. Today Gerd Korman is
professor emeritus of history at the renowned Cornell University specialising in the history of the Holocaust.
A working group led by Norbert Finzsch, professor of history at the University of Hamburg, demanded the complete conservation of the
entire documents of the Hamburg public prosecutor's office between the years 1935 and 1945 reposited, but inaccessible, in the Hamburg
State Archive. The director of the Hamburg State Archive, Hans Dieter Loose, the director of the department in question, Hans Wilhelm
Eckardt, and his deputy, Claus Stukenbrock, responsible for appraisal of the documents, insisted on reducing the number of documents by
a tenth to a seventh and shredding those documents not 'worthy of archiving'. Beside the documents mentioned there were also prisoner
files from Fuhlsbüttel prison and concentration camp, which likewise had been inaccessible for several years, the entire documents from
the public prosecutor's office from 1930 to 1935, accessed by no one, as well as documents from the public prosecutor's office post
1945, which were incomplete numbers having been repeatedly destroyed by the Hamburg State Archive with the approval of people who were
neither archivists nor historians on the basis of doubtful criteria, in order to create room in the criminal justice building. Finzsch
considered it important to conserve all existing documents. The completeness of the Hamburg documents of the public prosecutor's office
was a unique record of Nazi criminal justice.
In order to adequately investigate the history of National Socialism it is essential that all documents concerned be retained. Finzsch:
"The entire Nazi criminal justice files should have been conserved because each criminal proceeding is necessary for the reconstruction
of how the law was applied." The documents contain information about sentencing generally, different sentences for the same crime, the
differences of degrees of sentence, etc. Meaningful research results can only be achieved when all criminal proceedings and sentences
related to a crime or group of crimes are accessible. Furthermore, they should be retained because each criminal proceeding is necessary
for the reconstruction of investigation and judiciary practice. The documents contain information about criminal proceedings, procedural
methods of authorities and individuals, defence strategies. The particular significance of such criminal justice documents is that they
document the social history of the Nazi state: besides the legal facts they contain numerous references to the life, work and housing
conditions of the persons involved revealing the different social status and lifestyles of the individuals. In addition to documenting
the persecution of the Jews they also document the persecution of the 'forgotten' victims of National Socialism, such as Sinti and Roma,
homosexuals, prostitutes, those convicted of 'racial dishonour', women who aborted, 'conscientious objectors' to military service, Swing
Kids, those forcibly sterilized, and Jehovah's Witnesses.
The State Archive had indexed the documents of the public prosecutor's office from the years 1935-1945 up to 1942. Half of the documents
from 1942 were not indexed.
From 1987 the State Archive was urged by various parties to reconsider the destruction of these documents, among other things, because
otherwise academic research is made difficult, and in particular the destruction of documents concerning minorities would prevent any
academic research.
From the summer of 1991 the destruction of documents by the State Archive became widely known to historians in Hamburg. In the summer of
1995 academics, institutions (among others the Department for Sexual Research at the University of Hamburg) and numerous homosexual
organisations wrote to the mayor of Hamburg protesting against the destruction of documents by the State Archive. Repeated appeals in
writing remained unanswered.
In the summer of 1995 a working group was formed in association with the gay-lesbian studies department of the University of Bremen who
wanted to research the Hamburg criminal justice files in the context of a major research project including the history of homosexual men
in Hamburg during the Nazi period. The necessary requests for research were made and rejected, the researchers were only entitled to
view the documents.
On 3 November 1995, following a discussion between the academic director of gay-lesbian studies at the University of Bremen, professor
of sociology of law Rüdiger Lautmann, and Justice Senator Wolfgang Hoffmann-Riem, the latter, in his role as head of the Criminal
Justice building, instructed "the stopping of the destruction of still existing Hamburg criminal justice files from the Nazi period and
early post-war period and to secure those files not already found in the State Archive in the Criminal Justice building". [1]
However, the final decision did not lie with the Justice Senator: according to the Hamburg archive law the State Archive alone has the
right to decide about the significance of documents. The judicial authority did not have the legal possibility of permanent storage.
Therefore, Senator Wolfgang Hoffmann-Riem's instruction was only a provisional measure and no conclusive protection.
An investigation of the archive material by the working group concluded that the action taken by the State Archive was an academic
disaster and a political scandal. The unprofessional decimation as well as the indexing of the material by the State Archive,
incomprehensible to both academic and archival criteria, whereby material was selected out, made research of this primary source
material by historians difficult or impossible. The working group also found that documents of minorities persecuted by the National
Socialism had been destroyed. However, according to the State Archive's own criteria of appraisal: "documents that refer to persecuted
individuals, either as perpetrator or victim", are to be archived. [2] And so documents were destroyed that formed the basis for
possible compensation proceedings. The working group had detailed evidence of the destruction of documents referring to Section 175
(homosexuals), and feared the same fate for other groups of victims because in an answer by the Hamburg senate to a request from the
Hamburg Parliament it read: "sentencing regulations do not proscribe that documents of trial proceedings be fully preserved." [3]
The assumption of the working group was confirmed in that the State Archive was unable to submit a cassation report.
The State Archive had repeatedly denied destroying documents relating to persecuted minorities both to academics and publically,
[4] even after acknowledging in September 1995 and again in April 1996 cases regarding Section 175. [5] In April 1996,
after the destruction of individual documents had been proven, the State Archive explained that these documents were never meant to be
completely preserved. Both the public and academics had been misled. Academics were given the impression that all the documents of
groups of victims were preserved. This led to incorrect scientific results.
The unprofessional selecting out of documents made it impossible to infer the original totality. A goal of any selection procedure
(sampling) is that the statements in the remaining documents reflect as faithfully as possible those of the original total stock. The
Random Sample Method should have been used for the selection of documents. A less suitable method of sampling was used and additionally
carried out incorrectly. Among other things, the change in the size of the random sample - until April 1988 every thirtieth document of
the district court, thereafter every fifteenth document - distorted the sample. Also before the cassation of the documents there was no
compilation made of the remaining stock regarding the facts of the case, punishment, gender, social status of the accused, etc.,
which
should have been the basis for a random sampling and thereafter enable the inference of the total stock. A quantitative evaluation of
the documents was no longer possible; a qualitative evaluation was made more difficult.
Regarding the random sample method the State Archive commented: "Such archiving procedures belong in the realm of fantasy and not in the
theoretical arsenal of archive management." [6] The State Archive completely blocked all detailed criticism. For example,
regarding the accusation that the State Archive, by its incorrect selection of documents, had prevented a meaningful linkage of the
material (for example, in reconstructing the fate of a condemned person from the indictment to the possible release from custody)
because different samples were taken from the documents of the public prosecutor's office and the prisoner files, explained: "The demand
is pointless. The prisoner files of Hamburg prisons were essentially evaluated and archived before 1985." [7] - Even if this
statement applied, it did not excuse the fact that after this date no care was taken in the preservation of various stocks of documents.
Not only were documents of Nazi victims destroyed by the State Archives but also a part of the personnel files of lawyers, active during
the Nazi period, are planned for the year 2000. Although the State Archives inventory register (241-2 administration of justice -
personnel files) confirms this, the Hamburg Senate, in its answer to an enquiry from the GAL (the Green Party) regarding the totality of
Nazi documents, stated there was no plan to destroy these criminal justice personnel files. [8]
The Senate's answer, probably formulated by the State Archives, maintained that the documents of the public prosecutor's office from the years 1930-1935 had "little
informative value". It was also indirectly maintained that criminal justice documents from the Weimar Republic were insignificant: "The documents are predominantly
concerned with offences against penal clauses that resulted in acquittal, a fine or a short period of imprisonment. Only about a third of these cases are from the Nazi
period." On the contrary, these documents are significant in that they could provide information as to whether, in the transitional phase from the Weimar democracy to the
Nazi dictatorship, legal practice was influenced by 'folk' or Nazi ideology. Furthermore, it was astounding that such statements could be made about document stock that had
hardly been viewed. The answer further stated: "The anyway minor significance of the individual documents is further depreciated in that nearly all documents were thinned
out as a result of the 15 year compulsory period of record-keepings, i.e. they contained only penalty orders or judgements, a lodgings of complaint or indictments and where
applicable documents of briefing and dismissal, whereby the informative value is practically null." On the contrary the informative value of these documents is high;
social-historical work in the 1870's and 1980's was based on this source material. The answer justifies the making of this stock unusable for research." On the contrary,
the content of these documents is most valuable; significant socio-historical works of the 1970's and 1980's was based on such sources. The answer justifies the making of
this stock unusable for research.
The selecting out of the post-war documents (1946-1948) took place from 1979 onward by the public prosecutor's office according to "rough" criteria provided by the State
Archives, which however did not archive these documents. It was ruled that "all crimes brought before the criminal court and jury court", "all documents consisting of more
than 100 sheets as paradigm documents", and "all documents which, without difficulty or particular expenditure of time, reveal that they provide insight into the political
circumstances, in particular the National Socialist period, are of general interest", were to be preserved These criteria are both imprecise and questionable; the selection
of the documents was also not made by archivists or historians. In particular it is absurd to regard the size of a document as the only criterion for its archival value. In
addition there was no guarantee that documents had not been destroyed or would not be destroyed that should have been preserved in accordance with the criteria applicable
to the archiving of documents from 1935 to1945; it can be assumed that among the documents from 1946 to1948 were also many documents from the Nazi period. Additionally, the
criteria for thinning out do not show that the treatment of Nazi victim groups immediately after the war were taken into consideration by the selection. Furthermore, there
was no information concerning those documents not planned for preserving in the State Archives. We can assume that the selection of the documents did not meet scientific
standards. It is not known according to what criteria criminal justice documents were kept after 1949 by the State Archives as the latter refers to its internal guidelines
which are not accessible.
Even when it is not entirely true that those responsible at the State Archives have used a "pragmatism of space" instead of scientific criteria as the basis of their
evaluation of document preservation it is questionable whether these officials have not broken the trust society and academia gave them to deal sensitively with sensitive
documents. State Archives' personnel can also be criticised for not reacting sensibly to criticism levelled at them. Instead of dealing with the content of Finzsch's
criticism they attacked him personally, masking their function publicly and misleading academia with incorrect data.
The State Archives' assertion that the list of criteria for the selection of documents was agreed upon together with various research institutes in Hamburg was also untrue,
[9] the Neuengamme concentration camp memorial contradicted this statement. Detlef Garbe, current director of the Neuengamme concentration camp memorial, related
that his predecessor Ludwig Eiber told him: "…the Neuengamme concentration camp memorial never made such an agreement. On the contrary Mr. Eiber clearly remembers that,
alluding to the 'uniqueness' of the stock, he advocated the preservation of the 'entire' criminal justice documents. [10]
In order to make public the mistakes made with the destruction of documents by the Hamburg State Archives, in January 1996 Finzsch sent a letter to numerous German and
foreign colleagues asking for support with the protest against the proposed destruction of documents. This letter was also sent to various Internet mailboxes. Following
this, numerous letters of protest from inside Germany and abroad were sent to Henning Voscherau, mayor of Hamburg, including a majority of the German sections of history
departments of American universities. At the same time many academics and organizations sent letters of protest to the German Embassy in Washington. On 18 January the San
Francisco city council decided to address a letter of protest to the city of Hamburg requesting the cessation of the destruction of documents.
Only then did the Senate chancellery see itself compelled to concern itself with the destruction of documents. At least the protesters received a letter of reply in which
they were informed that the letter had been forwarded to the director of Hamburg State Archives. The reply attempted to accuse Finzsch of untrue statements, it did not
address the actual circumstances, possible resolutions were not disclosed, and assurances were not met. The director of the Hamburg State Archives repudiated the
accusations made with reference to the allegedly model character of selecting out of documents. [11] Regarding the History Department of the University of Hamburg
the State Archives expressed the view that academia should be "grateful" to the archivists for destroying "unimportant documents".
The State Archives was still not prepared to archive the documents provisionally preserved from destruction, allowed the criminal
justice building to further select out documents allegedly not worthy of archiving and continued the former process of destruction of
documents. These documents allegedly not worthy of archiving were observed to have been deposited separately beside rubbish bags.
In its meetings on the 18 January and 8 February 1996 the Hamburg Parliament's legal committee approved of the State Archives practice
of destruction of documents insofar as they only approved the (legally questionable) preservation of documents by the judicial authority
and rejected the preservation of all documents by the State Archives. After further details of the destruction of documents became known
the Hamburg Parliament again referred the affair to the legal committee, without discussion, on 9 May 1996.
The case had a political significance beyond the obduracy and narrow-mindedness of some archivists and federal politicians.
In 1995, the
proposed exhibition commemorating the 50th anniversary of the nuclear bombing of Hiroshima and Nagasaki ("Enola Gay") provoked a
scandal. The political right, led by Newt Gingrich, Republican Party leader, himself an historian, attacked the accompanying text to the
exhibition as being "anti-American". This text argued that it was anti-Japanese racism that had influenced the decision to bomb Japanese
cities, but not Germans cities, with nuclear weapons. The authors further argued that President Truman had wanted to send a clear
warning to the Soviet Union. And that the war would probably have been won without the atomic bomb. [12] Conservative and
reactionary groups - the American Legion and the Air Force Association to the fore - attacked the Smithsonian Institution (a government
organisation), and the supervisors of the exhibition acceded to the pressure. The offending text was withdrawn, only the restored
bomber, that had dropped the Hiroshima bomb, was exhibited, with other aeroplanes such as the 'Spirit of St. Louis' and the 'Kitty Hawk
Flyer', without any frame of reference or explanation.
This case demonstrates that there cannot be an "impartial discussion" about
"history" but that such discourses are always, as in the case of the 'Enola Gay' and the Hamburg criminal justice documents, "Culture
Wars". Both cases reveal the public dispute about how to treat history. Behind the symbolic decision to destroy documents or to prohibit
politically disagreeable texts lies the debate about the reinterpretation of history which has intensified following the victory of the
west in the cold war. It is important to participate in these "Culture Wars" even when one does not win every argument in the debate.
Architect John Russell Pope placed four monumental statues around the National Archives of America building in Washington D.C. Aitken's
"The Future" sits on the Pennsylvania Avenue side of the building. The young woman lifts her eyes from the pages of an open book and
gazes into the future. Its base is inscribed with a line inspired by Shakespeare's play 'The Tempest': "What is Past is
Prologue."
The Future - "What is Past is Prologue"
Copyright © National Archives of America, Washington D.C.
Notes:
[1] Information from the press office of the Free and Hanseatic City of Hamburg from 27 November 1995.
[2] Hamburg State Archives: Archivwürdige Strafverfahrensakten der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Hamburg, typewritten text,
5 March 1987. see: Gunther Schmitz/Hans-Christian Lassen/Klaus Bästlein, Hunderttausend Akten - Millionen Fakten. Zur Erfassung und
Auswertung der Strafakten aus der NS-Zeit, in: "Für Führer, Volk und Vaterland ... " Hamburger Justiz im Nationalsozialismus, ed.
Hamburg Department of Justice, Hamburg 1992, p. 432-442 (here: p. 435).
[3] Hamburg Parliament printed matter (Bürgerschafts-Drucksache) 15/3981, 26 September 1995.
[4] "Homosexuals, like Jews and Sinti, were victims of National Socialism. All these documents are preserved." (Herr Loose,
quoted in: Jan Feddersen, Kein Fall für den Reißwolf, in: taz newspaper from 21/22 October 1995). "When the criminal justice records
include those of the persecution of homosexuals, members of sects, Jews and other minorities, these documents are intended for
archiving." (Dr. Loose in a letter to academics who had protested against the destruction of documents, for example from 6 February 1996
and 8 March 1996). "When the documents from Hein Meier, a minor pickpocket, record that he is a homosexual, then the document is
preserved because he is a member of a victim group. However, when this is not recorded, or not known, then he belongs to the group of
pickpockets whose documents are only selectively retained." (Dr. Eckardt quoted in: Anita Friedetzky, Die guten ins Töpfchen, die
schlechten ins Kröpfchen? In: Junge Welt newspaper from 4 March 1996.) "No documents will be destroyed that are relevant for claims for
damages, that indicate the persecution of minorities, or that have political significance." (Hans Wilhelm Eckardt, Vorbildlich [letter
to the editor], in: Hamburger Abendblatt newspaper from 9/10 March 1996).
[5] Hamburg Parliament printed matter (Bürgerschafts-Drucksache) 15/3981, 26 September 1995, Hamburg Parliament printed matter
(Bürgerschafts-Drucksache) 15/ 5323, 16 April 1996.
[6] Hamburg State Archives: Comment [to two papers by Finzsch] from Dr. Eckardt, typewritten text, 22 April 1996.
[7] Staatsarchiv Hamburg: Comment [to two papers by Finzsch] from Dr. Eckardt, typewritten text, 22. April 1996.
[8] Hamburg Parliament printed matter (Bürgerschafts-Drucksache) 15/5323,16 April 1996.
[9] Dr. Loose alleged this, for example, in a letter to academics who had protested against the destruction of documents, for
example from 6 February 1996 and 8 March 1996. Dr. Eckardt expressed this allegation to the Junge Welt newspaper in March 1996 (Anita
Friedetzky, Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen? In: Junge Welt newspaper from 4 March 1996). This was also alleged in
the Hamburg Senates'answer to the enquiry from the Green Party from April 1990. Hier heißt es sogar, dass Einwände nicht erhoben wurden
(Hamburg Parliament printed matter (Bürgerschafts-Drucksache) 15/5323, 16 April 1996).
[10] Garbe, Detlef. Letter to Norbert Finzsch dated 18 April 1996.
[11] Loose, Hans-Dieter: letter to academics, who had protested against the destruction of documents, for example from 6 February
1996 and 8 March 1996.
[12] Ian Bururna, The War over the Bomb, in: New York Review of Books, 21 September 1995, p. 26-34, here p. 28f.
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