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Exil-Informationen
Was versteht man unter der "deutschsprachigen
Emigration 1933-1945"?
Die deutschsprachige
Emigration nach 1933 umfaßt ungefähr eine halbe Million Verfolgter. In der
Außenwahrnehmung dieser Gruppe durch Öffentlichkeit, Presse und andere
Medien steht die politische Verfolgung im Vordergrund. Dies ist richtig,
trifft aber den Sachverhalt nur zum Teil. Ca. 95 Prozent der Emigranten
waren, weil es sich im Sinne des Nationalsozialismus um "Juden",
"Judenstämmige" oder "jüdisch Versippte" handelte, insbesondere von
rassistischer Verfolgung bedroht. Betroffen waren Angehörige aller
Bevölkerungsschichten: Prominente und Nicht-Prominente; Geschäftsleute und
abhängig Beschäftigte; Künstler und Wissenschaftler; politisch Tätige und
politisch nicht Aktive. Nicht alle von der rassistischen Verfolgung
Bedrohten verstanden sich, obwohl sie jüdischen Familien entstammten oder
mit einem Ehepartner jüdischer Herkunft verheiratet waren, zu diese
Zeitpunkt im religiösen Sinne noch als Juden. Es war eine weitgehend
"assimilierte", nur in Teilen durch die Religionszugehörigkeit bestimmte
Gruppe.
Dies führte dazu, daß ein Großteil der Bedrohten die Gefahr, die vom
nationalsozialistischen Antisemitismus ausging, erst spät, in vielen
Fällen zu spät, erkannte. (Viel diskutiert in diesem Zusammenhang: der
Fall Viktor Klemperer.) Nicht einmal die Emigration als solche
gewährleistete bereits die Rettung. Die Emigration in die europäischen
Nachbarstaaten Deutschlands bedeutete in vielen Fällen nur vorübergehenden
Schutz. Aufgrund der Expansion des nationalsozialistischen Machtbereichs
fielen viele der Emigranten den Verfolgern erneut in die Hände. Fast alle
wurden in den Konzentrationslagern ermordet. Sicherheit garantierte nach
Beginn des Zweiten Weltkriegs allenfalls die Flucht ins überseeische,
außereuropäische Exil.
In der Anfangsphase des Exils verließen viele Emigranten (Beispiele sind
Brecht, Heinrich Mann, Max Brauer oder Willy Brandt) den
nationalsozialistischen Machtbereich, um einer drohenden Verhaftung (vor
allem den Verhaftungen im Zusamenhang des Reichstagsbrandes) oder dem
einsetzenden Terror gegen die regimefeindlichen Parteien auszuweichen.
Solche Verhaftungen endeten zumeist wie z.B. im Falle Carl von Ossietzkys
oder Erich Mühsams mit der Überstellung in ein Konzentrationslager. Was
die Betroffenen hier erwartete, liegt auf der Hand: Mühsam starb in
Konzentrationslager; Ossietzky wurde todkrank aus dem Lager entlassen.
Andere (Lehrer, Hochschullehrer, Schauspieler, Musiker, Justiz- und
Verwaltungsbeamte: alle Beschäftigte des öffentlichen Dienstes) verließen
Deutschland, weil ihnen durch die NS-Gesetzgebung aus politischen oder
rassenideologischen Gründen die berufliche Tätigkeit verwehrt wurde. Sie
waren vom "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtenstums" betroffen
und wurden aus den öffentlichen Dienst entlassen.
Die Emigration war jedoch von Anfang an nicht nur durch Verfolgung bzw.
Berufsverbote motiviert, sondern zugleich auch ein manifestativer
politischer Akt, der sich gegen die rechtliche Grundlage des NS-Regimes
richtete und der in dieser Beziehung an entsprechende Traditionen der
europäischen Geschichte anknüpfte. Victor Hugo z.B. hatte auf die
Wiedererrichtung des Kaiserreichs durch Napoleon III. damit reagiert, daß
er Frankreich verlassen hatte und ins Exil gegangen war. Die Emigranten
wichen ins Ausland aus, weil sie als Demokraten, Sozialisten oder
Pazifisten nicht unter der NS-Diktatur leben bzw., sofern sie keine
Repressionen zu befürchten hatten, der Diktatur durch ihren Verbleib nicht
den Anschein von Legitimität verleihen wollten. Letzteres ist auch der
Hintergrund für die Kontroversen um Künstler wie Furtwängler oder
Gründgens, die im Dritten Reich blieben. In den Augen des Exils verliehen
sie der Diktatur durch ihr Verbleiben den Anschein von Legitimität.
Im Zuge der deutschen Annexionspolitik, vor allem im Verlaufe des Zweiten
Weltkriegs, weitete sich der Kreis der Länder, denen die Emigranten
entstammten, aus. Am Anfang steht die Flucht aus Deutschland, dann die
Flucht aus Österreich (ab März 1938, aufgrund der innenpolitischen
Entwicklung in Österreich teilweise bereits ab Februar 1934). Es folgen ab
Herbst 1938 die Sudetengebiete (aufgrund des Münchner Abkommens), dann die
Tschechoslowakei, dann Polen und die baltischen Staaten, schließlich
Ungarn und andere Staaten. Aufgrund dieser geographischen Situation ist es
deshalb nicht richtig, von einer "deutschen" Emigration zu sprechen. Es
handelt sich um eine deutschsprachige Emigration.
In der Forschung richtet sich der Blick insbesondere auf zwei
Teilgruppen: auf das "politische Exil" (das Parteienexil) und auf das
"Schriftstellerexil". Der Grund liegt in der Prominenz dieser Gruppen. Dem
politischen Exil gehörten u.a. zwei ehemalige Reichskanzler (Brüning und
Wirth) an, mehrere ehemalige Ministerpräsidenten und Minister wie Otto
Braun, führende Reichstagsabgeordnete (Breitscheid, Hilferding, Münzenberg
u.a.) sowie eine Vielzahl von Persönlichkeiten, die später für die
politische Entwicklung der Bundesrepublik, der DDR und Österreichs von
entscheidender Bedeutung waren: Willy Brandt, Max Brauer, Heinz Kühn,
Ernst Reuter, Herbert Wehner, Herbert Weichmann; Wilhelm Pieck, Walter
Ulbricht, Markus Wolf; Bruno Kreisky u.a. – Zum Schriftstellerexil gehört
nahezu geschlossen die Prominenz der deutschen Literatur: Bert Brecht,
Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger, Oskar Maria Graf, Walter Hasenclever,
Ödön von Horváth, Irmgard Keun, Egon Erwin Kisch, Heinrich und Thomas
Mann, Erika und Klaus Mann, Joseph Roth, Nelly Sachs, Else Lasker-Schüler,
Anna Seghers, Ernst Toller, Karl Wolfskehl u. andere.
Das politische Exil wird auf ca. 30.000 Personen geschätzt; das
Schriftstellerexil (einschließlich der Publizisten) auf ca. 3.000
Personen. Wie bereits gesagt: Diese Gruppen überschneiden sich in
wesentlichen Teilen mit dem oben genannten "jüdischen" Exil, bzw. ein
Großteil dieser "politischen Emigranten" war auch durch den
nationalsozialistischen Rassismus bedroht. Es flohen ca. 5.000
Theaterschauspieler ins Exil und 2.000 Hochschullehrer. Die Zufluchtsorte
waren über die ganze Welt verstreut. Deutsche Emigranten suchten Zuflucht
in Argentinien und in Palästina, in den USA und in der Schweiz, in der
Türkei und in Shanghai. Die Leistungen, die sie in den Aufnahmeländern für
die Wissenschaft und die Kunst, für die Wirtschaft und die Verwaltung
erbrachten, sind enorm. Albert Einstein war Emigrant ebenso wie der
spätere amerikanische Außenminister Kissinger. Emigrierte Professoren
lehrten an türkischen Universitäten; emigrierte Schauspieler und
Regisseure wie Peter Lorre und Marlene Dietrich, Ernst Lubitsch, Billy
Wilder oder Otto Preminger arbeiten in Hollywood. Die Emigration nach 1933
war ein Exodus des Geistes, der Künste und der Politik.
Frithjof Trapp |