E1
Frühkindliche Zweisprachigkeit: Italienisch/Deutsch und Französisch/Deutsch im Vergleich
Natascha Müller, Institut für Romanistik
Mitarbeit:
Katja Francesca Cantone
Tanja Kupisch
In der ersten Projektphase (1999 - 2002) konnte das Forschungsprojekt eine gegenseitige Beeinflussung zweier Sprachen bei gleichzeitiger Trennung der Sprachen im doppelten Erstspracherwerb nachweisen und für die Sprachkombination Italienisch/ Deutsch ein sprachinternes, für das Auftreten von Spracheneinfluss notwendiges Kriterium erarbeiten, nämlich die Überlappung der beiden betroffenen Sprachsysteme für ein bestimmtes grammatisches Phänomen. Gleichzeitig konnte ein sprachexternes Kriterium, die Sprachdominanz, als Einflußfaktor ausgeschlossen werden, da sich im selben Individuum für verschiedene grammatische Phänomene gleichzeitig Spracheneinfluss in entgegengesetzter Richtung zeigte.
Ein wichtiges Ziel der zweiten Projektphase (2002-2005) soll die Erarbeitung weiterer Einflußkriterien sein, die notwendige Bedingungen für das Auftreten von Spracheneinfluss darstellen. Werden diese erfüllt, stellt sich im nächsten Schritt die Frage nach der Richtung des Spracheneinflusses. Hierzu wird angenommen, daß Komplexitätsfaktoren die Richtung des Einflusses bestimmen: Kinder bevorzugen zunächst weniger komplexe grammatische Analysen und benutzen die weniger komplexe Analyse der Sprache A für Sprache B mit. Die Erarbeitung der Komplexitätsfaktoren bildet ein weiteres wichtiges Ziel der Projektarbeit.
Ein weiterer Arbeitsbereich betrifft die möglichen Erscheinungsformen des Sprachen-einflusses: Er kann sich als Transfer (d.h. Übertragung von grammatischem Wissen von der einen in die andere Sprache) oder Beschleunigung bzw. Verlangsamung des Erwerbs von grammatischen Phänomenen zeigen (jeweils im Vergleich mit monolingualen Kindern gemessen). Während der Transfer von grammatischen Wissen aus Sprache A nach Sprache B noch nicht eindeutig nachgewiesen werden konnte, konnten Beschleunigung und Verlangsamung im Forschungsprojekt belegt werden. Jedoch müssen die einzelnen Erscheinungsformen weiter konkretisiert werden. Es wird angenommen, daß der bilinguale und der monolinguale Erwerbsprozeß qualitativ sehr ähnlich sind (identische feste Erwerbssequenzen), es aber zu großen quantitativen Differenzen kommen kann, die sowohl die Frequenz einer bestimmten nicht-zielsprachlichen grammatischen Konstruktion als auch die Länge des Zeitraums ihrer Verwendung betreffen. So können bilinguale Kinder z.T. schneller und z.T. langsamer als monolinguale Kinder von einer Erwerbsphase zur nächsten fortschreiten. Die Unterschiede sollen basierend auf Veränderungen der Sprachkompetenz erklärt werden.
Es konnte ferner gezeigt werden, daß sich der Spracheneinfluss bei einem der deutsch-italienisch aufwachsenden Kinder immer dann manifestierte, wenn er auch von dem erarbeiteten Einflußkriterium vorhergesagt worden war; bei einem anderen deutsch-italienischen Kind konnte er bislang nicht nachgewiesen werden, obwohl er aufgrund sprachinterner Bedingungen wahrscheinlich war. Hieraus leitet sich der dritte Arbeitsbereich ab: Es wird angenommen, daß offenbar ganz unterschiedliche - gegensätzliche - Ausprägungen des Bilingualismus vorliegen und die Einflußkriterien von einer noch zu erarbeitenden Komponente bestimmt werden. Die vorliegenden Unterschiede werden mit einer unterschiedlichen bilingualen Kompetenz erklärt. Um diese Unterschiede in der bilingualen Kompetenz nachzuweisen, werden in dieser Phase Vergleiche mit der bilingualen Performanz, d.h. dem Code-switching, vorgenommen und somit mehrsprachige Äußerungen (mit Elementen aus zwei Sprachen) stärker miteinbezogen als in der ersten Projektphase.
Zu Beginn der ersten Projektphase wurde als zentraler zu bearbeitender Phänomenbereich das Pronominalsystem im Italienischen, Deutschen und Französischen ausgewählt. Er bietet sich an, da die genannten Sprachen hier große Unterschiede aufweisen und Schnittstellen zwischen Syntax und Morphologie einerseits und Syntax und Pragmatik andererseits betroffen sind, so daß möglicherweise der Schnittstellencharakter zu komplexen syntaktischen Analysen führt.
In der zweiten Phase wird der Phänomenbereich aufgrund der erweiterten Fragestellungen auf weitere funktionale grammatische Bereiche ausgedehnt, wie z.B. das Artikelsystem in den drei Sprachen.
In der Untersuchung werden Langzeit- und Querschnittstudien kombiniert. Beide Typen von Studien werden sowohl an monolingual deutschen, französischen und italienischen als auch an bilingual deutsch-französischen und deutsch-italienischen Kindern durchgeführt und miteinander verwoben sein. Ein im Projekt neu entwickelter Test zum Erwerb des Pronominalsystems wird daher sowohl mit monolingualen Kindern in Deutschland, Frankreich und Italien als auch mit den bilingualen Kindern des Forschungsprojekts durchgeführt und ausgewertet.