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SFB 538
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Gegenstand und Methode
Das Projekt K1 untersucht Vortragsdiskurse und Planungsdiskurse als exemplarische Diskursformen von Expertendiskursen. Datenbasiert analysieren wir sprachliche Ausdrucksmittel des Japanischen und des Deutschen, bezogen auf ihre Zweckbereiche im sprachlichen Handeln. Hierzu isolieren wir erstens vergleichbare Zweckbereiche in den Diskursformen. Zweitens kontrastieren wir zweckbezogen Ausdrucksmittel L1-sprachlicher Expertendiskurse miteinander. Deren Ergebnisse vergleichen wir drittens mit den entsprechenden L2-deutschen und L2-japanischen Ausdrucksmitteln in mehrsprachigen Konstellationen. So rekonstruieren wir schrittweise, in welchen Zweckbereichen das Deutsche und das Japanische unterschiedliche sprachliche Verfahren bereitstellen und wie Versprachlichungen in der L2 vom Handlungswissen der L1 gesteuert werden.
Wir arbeiten derzeit an einem Korpus von 100 Stunden ein- und mehrsprachiger Diskurse aus Wirtschaft und Wissenschaft, die nach dem HIAT-Verfahren transkribiert und diskursanalytisch untersucht werden.
Vortragsdiskurse
Nach unseren bisherigen Untersuchungen unterscheiden sich japanische Vortragsdiskurse von deutschen grundlegend in den hörerbearbeitenden sprachlichen Mitteln. So zeichnen sich japanische Vortragsdiskurse weitgehend durch diskursive, höreradressierte Prädikation aus, die eine Verankerung des Gesagten in der Sprechsituation leistet. In deutschen Vortragsdiskursen dagegen werden hörer- und sprecherdeiktische Ausdrücke weitgehend vermieden. Statt dessen überwiegen deskriptive Prädikationen, die das Gesagte von der aktuellen Sprechsituation entbinden und der Aussage eine stärker vertextete Qualität geben.
Außerdem zeigte sich, dass Sprachmittel, die dem gleichen Handlungszweck dienen, im Japanischen prozedural anders zusammengesetzt sind als im Deutschen. Ein prägnantes Beispiel ist der umfunktionierte Einsatz der japanischen konzessiven Konnektivpartikel KEREDOMO in äußerungsfinaler Position bei japanischen Ankündigungen gegenüber einer spezifischen Intonationskontur bei deutschen Ankündigungen.
Planungsdiskurse
Auch in Planungsdiskursen konnten grundlegende Unterschiede in vergleichbaren Zweckbereichen festgestellt werden.
Die Versprachlichung sprecherseitiger Einschätzungen und Handlungsbedürfnisse erfordert in beiden Sprachen, dass dem Hörer die Möglichkeit eingeräumt wird, die eigene Position zu reflektieren, ohne dass ihm Sichtweisen und Interessen des Sprechers aufgezwungen werden. Darin gleichen sich beide Sprachen. Doch im Japanischen werden systematisch andere Ausdrucksmittel als im Deutschen eingesetzt: Während nämlich der japanische Sprecher bemüht ist, die eigene Person in den Hintergrund zu stellen, und Einschätzungen daher vorzugsweise mittels unpersonaler Konstruktionen realisiert, z.B. mit "ka mo shirenai" ("Man kann nicht wissen, ob ... oder"), verwendet der deutsche Sprecher hierfür sprecherdeiktische Konstruktionen wie z.B. "glaube ich". Bei der Versprachlichung von Handlungsbedürfnissen bettet der japanische Sprecher z.B. die Volitivform mittels Quotativ plus Verb des Denkens ein, also "-tai to omoimasu" ("Ich denke, dass ich will."), im Deutschen werden dem gegenüber Handlungsbedürfnisse allein mittels Konjunktiv II ("würde" als Konjunktiv II von "werde", also "ich würde gerne") als mentale Wirklichkeit gekennzeichnet.
In zwei Pilotstudien konnten wir zeigen, dass in mehrsprachigen Expertendiskursen Konstellationen eintreten, in denen das L2-sprachliche Expertenhandeln mit L1-sprachlich bedingten Handlungsbedürfnissen konfligiert.
Ausblick
Offen blieb bisher, ob von einem solchen Konfliktpotential nur Mittel der Hörerbearbeitung oder auch der Wissenspräsentation betroffen sind. Daher ist geplant, in der zweiten Förderungsphase schwerpunktmäßig in Vortrags- und Planungsdiskurs eingebettete, sachverhaltsdarstellende Subdiskurse wie etwa das Berichten und das Erklären zu untersuchen. Als neue Fragestellungen sollen die gegenseitige Beeinflussung von L1 und L2 sowie die Vergleichbarkeit bilingualen und zweitsprachigen Expertenhandelns bearbeitet werden.
Kooperationen
Mit dem Nationalen Institut für Japanische Sprache in Tokio (The National Institute for Japanese Language / Kokuritsu Kokugo Kenkyuujo) bestehen wissenschaftliche Kontakte mit den Abteilungen (Japanisches) Sprachsystem, Sprachlehre des Japanischen, Sprachverhalten und Phonetik, in denen u.a. Korpuslinguistik und Diskursanalyse betrieben werden.
Voraussichtliche Vorträge
Hohenstein, Christiane: "Interactional expectations and linguistic knowledge in multilingual settings", Symposium on "Changing Language Regimes in Globalizing Environments, Europe and Japan", 24.03.26.03.2004, University of Duisburg, Modern Japanese Language and Culture
Bisherige Veröffentlichungen
Link zur Literaturliste
Hohenstein, Ch. (1999). "Sprecherexothesen im Japanischen". In: Bührig, K. & Matras, Y. (eds.) Sprachtheorie und sprachliches Handeln. Tübingen: Stauffenburg, 265-279
Hohenstein, Ch. & Kameyama, S. (2000) Zur kontrastiven Analyse von sprachlichen Ausdrucksmitteln in Expertendiskursen. Am Beispiel japanischer und deutscher Vortrags- und Planungsdiskurse. In: Meyer, B. & Toufexis, N. (eds.) (2000) Text/Diskurs, Oralität/Literalität unter dem Aspekt mehrsprachiger Kommunikation. Beiträge zum Workshop "Methodologie und Datenanalyse". Arbeiten zur Mehrsprachigkeit (AZM) 11, 26-44
Kameyama, S. (1999) Wiederholen. In: Bührig, K. & Matras, Y. (eds.) Sprachtheorie und sprachliches Handeln. Tübingen: Stauffenburg, 187-202
Rehbein, J. (1997) Sie? In: Gipser, D. et al. (eds.) Das nahe Fremde und das entfremdete Eigene im Dialog zwischen den Kulturen. Kairo: zebra, 235-256
(1998a) Die Verwendung von Institutionensprache in Ämtern und Behörden. In: Hoffmann, L. et al. (ed.) Fachsprachen. Berlin: de Gruyter, 660-675
(1998b) Austauschprozesse zwischen unterschiedlichen fachlichen Kommunikationsbereichen. In: Hoffmann, L. et al. (eds.) Fachsprachen, 689-710
(1999b) Zum Modus von Äußerungen. In: Rehbein, J. & Redder, A. (eds.) (1999) Grammatik und mentale Prozesse. Tübingen: Stauffenburg, 91-139
(2000a) Das Konzept der Diskursanalyse. In: Brinker, K. et al. (eds.) Text- und Gesprächslinguistik. HSK16/1I. Berlin: de Gruyter (i. Dr.)
(2000b) Prolegomena zu Untersuchungen von Diskurs, Text, Oralität und Literalität unter dem Aspekt mehrsprachiger Kommunikation. In: Meyer, B. & Toufexis, N. (eds.) Text/Diskurs, Oralität/Literalität unter dem Aspekt mehrsprachiger Kommunikation. Arbeiten zur Mehrsprachigkeit 11. Hamburg: SFB 538, 2-25.
(2001a) Intercultural Negotiation. In: DiLuzio, A. & Günthner, S. (eds.) Culture and Communication. Amsterdam: Benjamins, 173-198
(2001b) The Cultural Apparatus. In: Bührig, K. & ten Thije, J. (eds.) Beyond Misunderstanding. Amsterdam: Benjamins (in press)
(2001c) Possessivität kontrastiv. In: Hoffman, L. (ed.) Funktionale Syntax. Tübingen: Stauffenburg (im press)
Rehbein, J. & Bührig, K. (1996) Reproduzierendes Handeln. Übersetzen, simultanes und konsekutives Dolmetschen im diskursanalytischen Vergleich. In: Knapp, K. (ed.) Sprachmittlungsprozesse. München: iudicium (im Druck)(AzM 6/2000)
Rehbein, J. et al. (2001d) Nonverbale Kommunikation im Videotranskript. Zu nonverbalen Aspekten höflichen Handelns in interkulturellen Konstellationen und ihre Darstellung in computergestützten Videotranskriptionen. In: Möhn, D. et al. (eds.) (2001) Mediensprache und Medienlinguistik. Frankfurt: Lang, 167-198
01.11.2002
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