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26. Juli 2005

Hamburger Altphilologen mit technologischer Innovation erfolgreich

Das Institut für Griechische und Lateinische Philologie der Universität Hamburg hat sich unter der Federführung von Prof. Dieter Harlfinger bei einem fächerübergreifenden Innovationswettbewerb der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) für die Einrichtung von „Leistungszentren für Forschungsinformation“ durchgesetzt. Damit steht das Institut in Zusammenarbeit mit dem Aristoteles-Archiv der Freien Universität Berlin als einer von vier Kandidaten in der Endausscheidung um eine fünfjährige Förderung im Umfang von 500.000 EUR pro Jahr. Mit diesem Programm will die DFG das Profil der Hochschulen bei der innovativen Anwendung avancierter Informations- und Kommunikationsverfahren in Forschung und Lehre stärken.

Aus der Vielzahl der bei der DFG eingegangenen Anträge im Bereich „Digitale Text- und Datenzentren zur Sammlung, Sicherung und Bereitstellung von digitalen Quellenbeständen und Datengrundlagen für Forschung und Lehre“ (vgl. die DFG-Ausschreibung in den Programmen zur Förderung des wissenschaftlichen Bibliothekswesens) setzte sich das Hamburger Konzept eines „Zentrums für Handschriftenforschung und editorische Texterschließung“ durch. Unter dem Namen TEUCHOS (das griechische Wort teûchos [τεῦχος] bezeichnet allgemein Geräte bzw. Werkzeuge und hier insbesondere Buchrolle, Band und Text) wird spezielle Software für die philologische Grundlagenforschung entwickelt werden. Mit Hilfe moderner Informationstechnologie soll TEUCHOS die Erschließung von getilgten, fragmentierten, nicht identifizierten und unanalysierten sowie besonders forschungsrelevanten Textmaterialien aus Spätantike, Mittelalter und Renaissance voranbringen und diese für weiterführende Untersuchungen durch eine internationale Gemeinschaft von Spezialisten zugänglich machen. Das Hamburger Institut bringt sich dabei in den Fachrichtungen Gräzistik, Latinistik-Neolatinistik (Prof. Dorothee Gall), Byzantinistik-Neogräzistik (Prof. Ulrich Moennig) und Philologiegeschichte (Prof. Wilt-Aden Schröder) ein; das Berliner Aristoteles-Archiv steuert seine Erfahrungen zu Textüberlieferung und Handschriftenkunde philosophischer Autoren bei.

Das Forschungszentrum wird eine über das Internet weltweit nutzbare elektronische Arbeitsumgebung entwickeln, in der hochauflösende digitale Aufnahmen der Textseiten aus mittelalterlichen Handschriften und frühneuzeitlichen Drucken nicht nur zur visuellen Ersterschließung direkt verfügbar gemacht, sondern auch mit den bei ihrer Erforschung gewonnenen analysierenden und beschreibenden Daten strukturiert verknüpft werden. Die wissenschaftlichen Nutzungsmöglichkeiten reichen von der Erfassung grundlegender Umschriften und Kollationen bis zur Erstellung elektronischer Editionen mit Variantendokumentation, Kommentar und Übersetzung. Diese Funktionen werden insbesondere in den vom Hamburger Institut und vom Berliner Aristoteles-Archiv vertretenen fachlichen Ausrichtungen erprobt und umgesetzt, mit Schwerpunkten auf antiker Philosophie und Medizin, auf der byzantinischen Erzählliteratur, auf der kommentierenden Erschließung humanistischer Briefsammlungen sowie auf der Digitalisierung ausgewählter Einzelstücke des griechischen und lateinischen Bucherbes, speziell im Bereich der sogenannten Palimpseste (wiederbeschriebener Pergamenthandschriften).

Mit seiner integrierten Arbeitsumgebung will TEUCHOS in Zusammenarbeit mit dem Regionalen Rechenzentrum der Universität Hamburg (Dr. Stefan Gradmann) die instituts- und ortsunabhängige Kooperation von Experten fördern und Forschern weltweit eine offene, in der wissenschaftlichen Qualität hochwertige Plattform bieten; sie vereint Lösungen für die philologische Erschließung der Originalquellen mit neuen Standards für die Verbreitung, Verknüpfung und Verarbeitung wissenschaftlicher Daten und Ergebnisse (Forschungsinformation), wodurch deren schnelle Verfügbarkeit und effiziente Auswertbarkeit gesichert werden. Dabei entsteht zugleich eine frei zugängliche Informationsquelle mit wissenschaftlichen Beiträgen zu speziellen Gegenständen philologischer Basisforschung, wobei die Schrift- und Buchkunde und die Geschichte der Philologie unter dem Aspekt der empirischen Quellenforschung im Mittelpunkt stehen. Insbesondere Nachwuchsforschern bietet sich ein wissenschaftlich anerkanntes Forum für ihre Arbeit; zugleich wird die öffentliche Präsenz und Sichtbarkeit der beteiligten Disziplinen, prospektiv auch die der neueren Philologien und der wissenschaftshistorischen Fachrichtungen gestärkt.

Die philologische Grundlagenforschung hat in Hamburg eine lange bewährte Tradition, die sich besonders mit dem Lehrstuhl Bruno Snells verbindet, aus dessen Feder „Die Entdeckung des Geistes“, eine einflußreiche Essaysammlung zu den antiken Wurzeln der europäischen Rationalität (Erstveröffentlichung 1946) stammt. Hier hat seit 60 Jahren der „Thesaurus Linguae Graecae“ mit den Schwerpunkten Homer und Hippokrates seinen Sitz; hier war das internationale Graduiertenkolleg „Textüberlieferung“ (1991-2000) beheimatet. Über das vor 40 Jahren von Paul Moraux in Berlin gegründete, in eine dauerhafte Kooperation mit der Universität Hamburg eingebundene Aristoteles-Archiv, dessen wissenschaftlicher Leiter D. Harlfinger zugleich Schüler Moraux' und dritter Nachfolger Snells in Hamburg war, leitet sich diese Forschungstradition bis auf die editorischen Großunternehmen der Klassischen Philologie im 19. und frühen 20. Jahrhundert zurück, als Gelehrte wie Immanuel Bekker und Hermann Diels an der Preussischen Akademie der Wissenschaften unter anderem die Grundlagen des modernen Aristoteles-Studiums schufen. Zuletzt wurde von Hamburg aus mit dem europaweiten wissenschaftlichen Kulturprojekt „Rinascimento Virtuale“ – Digitale Palimpsestforschung (vgl. die Homepage des Projekts) ein Vorstoß in die digitale Lesbarmachung und elektronische Erschließung von mittelalterlichen Handschriften unternommen. Die Aktualität der Verbindung von ältester Überlieferung und modernster Technik zeigt sich auch in den von der Öffentlichkeit mit Interesse verfolgten Arbeiten am Archimedes-Palimpsest, den Qumran-Funden, den Herculaneum-Rollen und den Oxforder Papyri. Vom Hamburger Palimpsestforschungsprojekt aus bestehen tragfähige Verbindungen zu zahlreichen internationalen Universitäts- und Forschungsinstituten, enge Kontakte zu den bedeutenden europäischen Handschriftenbibliotheken und ein aktives Netzwerk in der scientific community der Paläographen. Diese Voraussetzungen werden im Rahmen des Hamburger Zentrums bei der Organisation und Durchführung von Kooperationen und Kampagnen nutzbar gemacht werden.

Mit TEUCHOS, dem Zentrum für Handschriftenforschung und editorische Texterschließung, bringen das Hamburger Institut für Griechische und Lateinische Philologie und das Aristoteles-Archiv der Freien Universität Berlin ihre wissenschaftliche Kompetenz, ihr internationales Renommee und ihre organisatorische Erfahrung ein, um im Bereich der geisteswissenschaftlichen Grundlagenforschung adäquate IT-Anwendungen zu entwickeln und ihnen in der internationalen Fachwelt zur Durchsetzung und Verbreitung zu verhelfen. Hiermit soll der Forderung der DFG nach „kreativer Freisetzung und Umsetzung wirklich neuartiger, wegweisender Problemlösungen“ entsprochen werden, „mit denen von Deutschland aus ein angemessener Beitrag zur internationalen Entwicklung im Bereich der wissenschaftlichen Informations-Infrastrukturen geleistet werden kann.“ Das Zentrum bietet darüberhinaus die für den Wissenschaftsstandort Hamburg gerade in den Geisteswissenschaften seltene Gelegenheit, sich als Vorreiter und Schaltstelle einer zukunftsfähigen Entwicklung im nationalen und globalen Rahmen zu profilieren.

Auskünfte erteilen:

Prof. Dr. Dieter Harlfinger (E-Mail) (Tel. 040 / 42838-2671)
Daniel Deckers (E-Mail) (Tel. priv. 040 / 41 33 88 42)
Institut für Griechische und Lateinische Philologie
Von-Melle-Park 6
20146 Hamburg

Pressemitteilung (Kurzfassung)

 

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