Jahrgang 10, Nummer 1 Februar 1997

Textverarbeitung

Risiken und Nebenwirkungen

MS-Word vs. FrameMaker Von Bernd Eggink

Auf bestimmten Softwareprodukten müßte eine Warnung der Art "Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie..." stehen. Dazu gehört z.B. das weitverbreitete MS-Word. Bei mäßiger Anwendung ist es zwar relativ ungefährlich, doch alle, die versucht haben, mit diesem Programm Dokumente von über hundert Seiten Länge zu verfassen, berichten übereinstimmend über schwere Nebenwirkungen: galoppierende Glatzenbildung durch ständiges Haareausraufen, nervliche Verfallserscheinungen (Zittern, Neigung zu unartikuliertem Schreien, Veitstanz), soziale Störungen. Ich spreche aus Erfahrung, denn ich habe nacheinander zwei Bücher mit Word geschrieben, was mir die oben beschriebenen Beeinträchtigungen bescherte. Eine Krebserkrankung, in deren Verlauf mir ein komplettes Bein amputiert wurde, hat nach Ansicht der Mediziner eine andere Ursache. Auf die bessere Alternative, über die hier berichtet werden soll, stieß ich leider erst, als es zu spät war. Sie heißt FrameMaker. Seit ich dieses DTP-System benutze, wächst mein Haar wieder, mein Nervensystem ist leidlich ausgeglichen und es bilden sich neue soziale Kontakte; nur das Bein bleibt ab.

Im Ernst : Wer große Dokumente, Bücher etc. verfassen will, ist mit FrameMaker erheblich besser bedient als mit MS-Word. Mehrere hundert Seiten zu verwalten, stellt für dieses Programm weder ein Stabilitäts- noch ein Zeitproblem dar. Bei Word genügt eine falschen Bewegung mit dem Cursor, um einen unnötigen Seitenumbruch auszulösen, der je nach Umfang und Hardware Minuten bis Stunden dauert, sofern ihm nicht ein Komplettabsturz ein gnädiges Ende bereitet. Vor solchen nervlichen Belastungsproben braucht man sich bei FrameMaker nicht zu fürchten. Auch Unmengen von Grafiken stellen für ihn kein Problem dar, zumal diese sich nicht nur durch Kopieren, sondern auch per Referenz einbinden lassen und dann im Dokument selbst kaum Platz verbrauchen.

Der Grund für die Effizienz und Stabilität dieses Programms liegt u. a. darin, daß es auf überflüssiges Brimborium verzichtet und nichts weiter zur Verfügung stellt als DTP-Funktionen - das aber richtig. FM schreibt keine Serienbriefe, tütet sie nicht ein und leckt die Marken nicht an. Es gibt dem Benutzer keine stilistischen Ratschläge für das Gestalten von Lebensläufen (während Word9 vermutlich auch einen menügesteuerten Modul zur Generierung von Lyrik für alle Lebenslagen enthalten wird). Es kringelt nicht korrekt geschriebene Wörter, die es für falsch hält, beim Eintippen rot an wie ein durchgedrehter Oberlehrer (als ich das zum ersten Mal bei Word7 sah, traute ich meinen Augen kaum. Ein Alptraum wurde wahr!). Dafür bietet es eine ausgefeilte, professionelle Kontrolle über Textfluß und Positionierung, die in punkto Gestaltungsmöglichkeiten und Bedienungsfreundlichkeit kaum Wünsche offenläßt.

Die Frames(Rahmen), die dem Produkt seinen Namen geben, sind die zentralen Bausteine eines Dokuments. Jeder Text ist Teil eines Frames, andererseits kann ein Frame neben Text auch Grafiken und weitere Frames enthalten. Frames lassen sich auf Bruchteile von Millimetern genau an beliebiger Stelle auf der Seite positionieren oder aber "verankern", d.h. einem bestimm ten Textabsatz zuordnen. Als kleines Beispiel für die Flexibilität von FM sei erwähnt, daß man einen verankerten Rahmen mittels der Option floating sozusagen an eine lange Ankerkette legen kann: der Rahmen wird dann, wenn hinter dem betreffenden Absatz nicht mehr genug Platz auf der Seite ist, automatisch auf die nächste verschoben. Text läßt sich in beliebig viele Textflüsse untergliedern, die - wie in Zeitungen - unabhängig voneinander auf Seiten bzw. Spalten verteilt sind. Für alle Arten von Objekten (Tabellen, Zeichnungen, Listen usw.) lassen sich eigene automatische Numerierungsfolgen bilden, Über- oder Unterschriften frei gestalten und spezielle Inhaltsverzeichnisse erzeugen. Der Querverweis-Mechanismus ist einfach zu handhaben und sehr leistungsfähig. Man kann verschiedene Versionen eines Buchs erzeugen, die auf die gleichen Kapitel zurückgreifen. Auch ein eingebautes Hypertext-System gibt es (allerdings nicht HTML), so daß man problemlos ein Buch gleichzeitig auf Papier und auf CD-ROM herausbringen kann. Auf der CD muß man dann das zugehörige Leseprogramm FrameReadermitliefern.

Alle Vorzüge von FrameMaker hier aufzuführen, würde zu weit gehen; nur eine Bemerkung noch zur Rechtschreibprüfung. Sie ist nicht unbedingt intelligenter als die von Word. Aber hier läßt sich jedem Absatzformat eine eigene Sprache zuordnen, so daß man z. B. deutsche Absätze nach deutschen, solche mit englischen Zitaten nach englischen Rechtschreibregeln prüfen lassen kann. Auch die Silbentrennung ist sprachabhängig. Absätze, denen gar keine Sprache zugeordnet ist, werden vom Rechtschreibprogramm übergangen, was sich z. B. als segensreich erweist, wenn der Text viele Programmbeispiele enthält.

Neben all diesen technischen Vorteilen bietet FrameMaker im Vergleich zu Word eine - für meinen Geschmack - erheblich bessere Bedienoberfläche. Sie ist nicht etwa raffinierter, sondern im Gegenteil schlicht und einfach, dafür aber gut durchdacht, sinnvoll strukturiert und somit leicht zu erlernen und zu behalten. Es gibt Tastenkürzel für häufig benutzte Funktionen, aber jede Funktion ist per Maus über das Menü zu erreichen. Kein chaotisches Durcheinander also von Funktionen, die entweder nurmit der Maus oder nur über die Tastatur oder auf vier verschiedenen Wegen erreichbar sind, von denen man sich letztlich keinen merken kann. Häufig gebrauchte Dialogfenster wie der paragraph designerkönnen darüberhinaus während der Arbeit permanent auf dem Schirm gehalten werden (sofern er groß genug ist).

Da es sich um von fehlbaren Menschen entwickelte Software handelt, stößt man natürlich auch auf Fehler. In der Version 5.1.1 lassen sich z. B. unter Windows95 aus unerfindlichen Gründen alle Zeichen, die die AltGr-Taste benötigen, nicht direkt in den Text eingeben. Daß man zur Eingabe von Zeichen wie {[]} Klimmzüge unternehmen muß, ist nicht unbedingt witzig, wenn man ein C- oder C++-Skript editiert. Und benutzt man einen PostScript-Druckertreiber, werden mathematische Formeln nur noch mit der Geschwindigkeit einer schwerbehinderten Schnecke auf dem Schirm ausgegeben, selbst bei einem 166-MHz-Pentium. Insgesamt aber tun solche kleinen Macken der Professionalität und Stabilität dieses Produkts keinen nennenswerten Abbruch.

FrameMaker läuft auf vielen verschiedenen Plattformen, z. B. Unix, Windows und MacIntosh (Linux wird nicht unterstützt, was mölicherweise einen strategischen Fehler darstellt). Die Dateien sind plattformunabhängig, ein unter Unix erzeugtes Dokument kann z. B. unter Windows weiter bearbeitet werden. Dateien vieler anderer Formate, natürlich auch Word-Dokumente, werden problemlos konvertiert. Es gibt sogar glaubhafte Berichte von Leuten, die ein Word-Dokument, mit dem Word selbst nicht mehr zu Rande kam, nur fertigstellen konnten, indem sie es konvertierten und mit FrameMaker weitermachten.

Fazit: Wer ein professionelles und flexibles DTP-System braucht, mit dem sich große Dokumente problemlos erstellen lassen und das den Benutzer physisch und psychisch relativ unbeschadet läßt, ist mit FrameMaker gut bedient. Der Preis liegt z. Zt. bei ca. 140,- DM für Lizenznehmer aus der Universität.

Anmerkung aus der Redaktion


Fassung vom 28.02.1997, Bernd Eggink, E-Mail: eggink@rrz.uni-hamburg.de