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Medienwissenschaft / Hamburg: Berichte und Papiere 29, 2003: Dokumentarfilme zur Psychiatrie.
Redaktion und Copyright dieser Ausgabe: Hans J. Wulff. Letzte redaktionelle Änderung: 17. Februar 2003.
Dokumentarfilme zur Psychiatrie: Eine Filmographie
kompiliert von Hans J. Wulff
Die filmographische Dokumentation der dokumentarischen Arbeiten über psychiatrische Institutionen und die psychiatrische Behandlung der psychischen Krankheiten steckt noch ganz in den Anfängen. Die folgende Liste gibt einen ersten Eindruck über solche Lang-Filme, die mir bekannt wurden und die das Thema im Spektrum der Fragen behandeln, die für das dokumentarische Interesse am Thema Leitlinien der Darstellung gebildet haben. Die Texte stammen zum Teil von mir, zum Teil aus Presseunterlagen, zum Teil aus den Datenbanken des Internets. Sie sollen einen Eindruck über Thema, dokumentarische Methode und Argumentationsweise geben. Für Hinweise danke ich Christine Noll Brinckmann und Gesa Rautenberg.
*** Rückkehr aus dem Niemandsland; BRD ***, H. Gatzemeier, C. Appel. Caligaris Erben, 231.
1926 Mechanika golovnogo mozga (Mechanics of the brain); UdSSR 1926, W.I. Pudowkin. Bericht über die Experimente Pawlows.
1945 Let There Be Light (Es werde Licht); USA 1945/46, John Huston. Dokumentarfilm über die Wiedereingliederung von Soldaten, die im Krieg schwere psychische Schäden davongetragen haben.
1955 Psychiatry in Russia; USA 1955, Albert Maysles. 10minütiger Dokumentarfilm über russische Psychiatrie. In Rußland fotografiert. Anmerkung: Maysles lehrte drei Jahre Psychologie an der Boston University (Mamber 1974, 141).
1962 Regards sur la Folie; Frankreich 1962, Mario Ruspoli.
1965 *** (Durch jede kleine Geste); Frankreich 1965, Fernand Deligny, Jean‑Pierre Daniel. Dokumentarfilm. UA: 30.6.1993 arte. Ein lange Zeit vergessener Dokumentarfilm, der versucht, die Realität geistig Behinderter zu zeigen. Nach der (in Wirklichkeit genehmigten, also fiktionalen) Flucht aus einer psychiatrischen Anstalt müssen sich zwei Jugendliche mit der Welt "draußen" auseinandersetzen. Die Kamera versucht, die Reaktionen der beiden einzufangen. Der Film versteht sich als Plädoyer, das "andere" zu akzeptieren.
1966 Ursula oder Das unwerte Leben; Schweiz 1966, Reni Mertens, Walter Marti. Sie ist blind, taubstumm, geistig behindert. Unter der geduldigen Fürsorge ihrer Pflegemutter und der systematischen schulung der Musikpädagogin Mimi Scheiblauer, die für ihre Rhythmik-Therapie berühmt wurde, lernt Ursula sich zu bewegen, essen, ihren Willen zu bekunden.
1967 Titicut Follies; USA 1967, Frederick Wiseman. "Titicut" ist der indianische Name für das Gebiet um das Bridgewater‑Krankenhaus für kriminelle Geisteskranke in Massachusetts. Frederick Wisemans erster langer Dokumentarfilm wurde fast 26 Jahre (bis zum April 1993) von staatlichen Stellen unter Verschluß gehalten. Er schildert die Haftbedingungen und erhebt Anklage gegen das unmenschliche Leben in dieser Anstalt. Nach dem Tod von fünf Insassen im Jahr 1987 hatte Wiseman voller Empörung erneut begonnen, für eine Freigabe seines Films zu kämpfen.
1967 Warrendale; Kanada 1967, Allan King. Now almost forgotten, Warrendale brewed up a storm of controversy when it first emerged in 1967. Canadian documentary filmmaker Allan King takes us within the walls of an institution for emotionally disturbed adolescents. It is the philosophy of Warrendale that the best therapy for the young charges is to allow them as much personal freedom as possible. Thus, the kids smoke, swear and discuss sex in the frankest terms. Though Warrendale was originally made for television, neither the Canadian Broadcasting Corporation nor London's BBC, appalled by the film's scatology and frighteningly detailed therapy sequences, wanted anything to do with this hot‑potato property. King arranged for the film to be released theatrically; as a result, Warrendale shared the International Critics Prize (with Michelangelo Antonioni's Blow‑Up) at the Cannes Film Festival. Producer‑director Allan King later utilized outtakes to expand the film into the 18‑part TV documentary series Children in Conflict.
1969 Bruno der Schwarze; BRD 1969, Lutz Eisholz. Dokumentarfilm. Der sensible, intelligent aufgebaute Film umkreist die psychische Situation dreier junger Männer, die durch die Schuld ihrer Umgebung und behördlicher "Fürsorge" zu partnerlosen Außenseitern geworden sind. Im Mittelpunkt Bruno: 1932 unehelich geboren, wurde er von seiner Mutter schon als Kleinkind in eine Anstalt für Geisteskranke gesteckt. Von dort kommt er in ein Kinderheim, wo er 1945 ausreißt, fünfmal wieder zurückgeholt wird, zehn Jahre lang darin aushält, bis man ihn als "geheilt" ansieht und entläßt. Ein Erstlingsfilm, der mit raffinierten Bild‑ und Tonmontagen eine sehr persönliche, unverbrauchte Erzählweise entwickelt.
1971 Eines von zwanzig; Schweiz 1971, Fritz E. Maeder. Der 62minütige Dokumentarfilm informiert über die Situation mehrfach behinderter Kinder in Heimen und Schulen und zeigt die möglichen Gründe der Behinderung und vor allem deren Erfassung und Therapie auf. Ein überzeugendes Plädoyer für die Notwendigkeit und den Sinn, mehrfach behinderte Kinder zu fördern. (Vgl. Walter Martis und Reni Mertens Ursula oder das unwerte Leben, 1966.)
1972 Asylum (Asylum); USA 1972, Peter Robinson. Dokumentarfilm über ein Psychiatrie‑Experiment. 1965 gründete der Psychiater Ronald D. Laing, um seine Ideen der Gruppentherapie in die Praxis umsetzen zu können, in London "Kingsley Hall", eine Einrichtung, in der Verhaltensgestörte mit Ärzten und Personal gleichberechtigt, ohne die Zwänge der entmenschlichten Heilanstalten, zusammenleben. Das Filmteam nahm sechs Wochen am Alltag der Bewohner von Kingsley Hall teil.
1972 Der Weg des Hans Monn; BRD 1972, Andreas Kettelhack. Zusammenschnitt einer zweiteiligen Fernseh‑Videoproduktion: Das Porträt eines schizophrenen Mannes, der 1970 in Berlin Schaufensterscheiben für über 300.000 DM zertrümmert hatte, sowie Darstellung und Analyseversuch der Situation der deutschen Psychiatrie. Trotz deutlicher Mängel und Schwächen von einigem Interesse, vor allem im zweiten Teil. Acht Jahre später fügte der Autor (fürs Fernsehen) einen dritten Teil hinzu, der Hans Monn bei seinem ersten Urlaub außerhalb der Anstalt zeigt.
1975 Une Semaine sans Taison; Schweiz 1975, Costas Haralambis. Der in Zusammenarbeit mit Patienten und Personal der psychiatrischen Klinik von Nant und des "Centre psychosocial" von Montreux gedrehte Film will zu einem Dialog zwischen der Öffentlichkeit und dem immer noch mit Tabus belegten Milieu psychiatrischer Heil‑ und Pflegeanstalten beitragen. Dies ist überzeugend gelungen, da die Dokumentation allgemeingültige Aussagen über die Bedingungen des Menschseins trifft.
1975 Wir müssen alles tun, was nach bestem Wissen und Gewissen möglich ist; Österreich 1975, Jörg A. Eggers. 60minütiger Dokumentarfilm, der während dreier Wochen geistig und körperlich behinderte Kinder in einem Behindertenzentrum des Diakoniewerkes in Österreich beobachtet.
1976 Nessuno o Tutti (Keiner oder alle); Italien 1976, Marco Bellocchio. 210 Minuten; es liegt außerdem eine 120minütige Verleihfassung vor. -- Caligaris Erben, 125f. Zweiteiliger Dokumentarfilm über psychisch und geistig Behinderte, den Einfluß der jeweiligen Umwelt auf ihren Zustand ‑ Verschlimmerung oder Rehabilitationserfolg ‑ und die Probleme, die psychiatrische Situation (in Italien) zu ändern. Formal vorzüglich, interessant und fesselnd. (I. "Drei Geschichten"; II. "Irre, die loszubinden sind")
1976 Tue recht und scheue niemand; BRD 1976, Roswitha Ziegler, Hieronymus Proske. Dokumentarfilm über ein junges Ehepaar, das in die Mühlen der Psychiatrie gerät.
1977 Albert - warum?; BRD 1977, Josef Rödl. Halbdokumentarischer Spielfilm. In a kind of ultimate cinema verite fashion, this "diploma picture" by director Josef Roedl tells the story of the actual life of its lead actor, Fritz Binner, who plays Albert, a character who meets his end in a presciently tragic fashion. Albert is a slightly retarded man, living in a rural area of Germany, who is treated with disdain by his father and his town acquaintances. When he turns to drink to relieve his sense of being a ridiculed outcast, he is eventually sufficiently out of control that he is sent to dry out at a mental institution. When he returns, he finds that his father has signed over the family farm to someone else and gotten rid of all his pets. In protest, Albert refuses to move into the family house but lives in an abandoned chicken coop on the property. Increasingly isolated, he is unable to make a meaningful connection even with the town's children, who make fun of him, and eventually he takes his own life. A "graduation picture," is a movie made by a directing student at a major film school in order to receive his degree.
1977 Wer will krank sein auf der Welt? BRD 1977, Maximiliane Mainka. Über die Modellstation der Ulmer Universitätsklinik.
1979 Behinderte Liebe; Schweiz 1979, Marlies Graf. Victims of disabling conditions, ranging from muscular dystrophy to paraplegia, cooperated in making this documentary which advocates their need for sexual fulfillment. Health‑care providers, family members, and social workers are also interviewed.
1981 La veritaaaà; Italien 1981/82, Cesare Zavattini. P: RAI. Alter, Religion, Anstalt. In almost a one‑man tour‑de‑force, Cesare Zavattini wrote, directed, and acted (as Antonio, an 80‑year‑old man locked up in a mental institution) in this witty, sharply‑paced send‑up of the hypocrisies of the world. When people seem to be as brain‑dead as Antonio suspects, then extreme action is needed to bring them around ‑‑ and so he escapes from his confinement to bring his message to a slightly deaf world. He shouts anti‑Christian slogans in the Catacombs that once protected Christian lives, and he climbs up on a balcony made famous by Mussolini and does his own haranguing ‑‑ asking people to spit up all the meaningless old words they continually use and create new, accurate, and liberating words. At one point, Antonio has a discussion with the Pope in which they both agree that violence and killing have got to be stopped ‑‑ but neither the Pope nor the "madman" seem to be able to come up with a shared solution. One of Antonio's methods ‑‑ to freeze‑frame the violence shown on television and therefore, "stop" it ‑‑ just does not seem to have the effect he desires. If the Pope and television cannot stop society's worst problems, then the situation has really gotten out of hand.
1981 Zur Besserung der Person; Schweiz 1981, Heinz Bütler. Die Porträts von fünf Männern, die Patienten des Niederösterreichischen Landeskrankenhauses für Psychiatrie und Neurologie Klosterneuburg sind oder waren. Anhand von Texten, Zeichnungen und Malereien der Patienten und Szenen aus ihrem Alttag dringt der Film behutsam in ihre "verrückte" Welt ein, die durch ein faszinierendes, eigengesetzliches Leben, Denken und Fühlen bestimmt wird, für deren Respektierung dieser Dokumentarfilm eindrücklich plädiert.
1982 Drinnen ist wie draußen; BRD 1982, Michael Mrakitsch. Aus der Reihe Reservate; Erst-Sd. am: 5.12.1977. 54'16 Minuten. Dokumentarfilm. Fünfzehn Jahre später hat Mrakitsch nochmals nachgefragt, neue Interviews gemacht etc.: Das nicht eingelöste Versprechen; BRD 1997, Michael Mrakitsch.
1982 Felicita ad Oltranza (Glück im Übermass); Italien 1982, Paolo Quaregna.
1982 Das ganze Leben; Schweiz 1982, Bruno Moll. Docudrama. Spektrum Film 0, 1983, p. 6. Caligaris Erben, 40. Das Porträt einer 50jährigen, die einen großen Teil ihres Lebens in Heimen, psychiatrischen Anstalten und Gefängnissen zubrachte, sich jedoch nie aufgab und zu einer starken Persönlichkeit wurde. Indem der Film den dokumentarischen Stoff mit Spielszenen aus einem "heilen" Familienleben der 50er Jahre konfrontiert und Szenen aus dem Leben der Frau nachspielen läßt, werden Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen und privaten Möglichkeiten von Anpassung und Verweigerung sichtbar. Eine vielschichtige Auseinandersetzung mit der schweizerischen Wirklichkeit und eine Reflexion über die Brauchbarkeit filmischer Gestaltungsmittel.
1982 San Clemente; Frankreich 1982, Raymond Depardon. OmU. "San Clemente" heißt eine psychiatrische Anstalt in der Nähe von Venedig. Im Stil des "Cinéma vérité" porträtiert der Fotoreporter und Filmemacher Depardon mit ungemein beweglicher und dennoch sensibler Kamera den Ort und seine Menschen. In langen, kaum geschnittenen Einstellungen ermöglicht er authentische Einblicke in diese sonst verschlossene Zone der menschlichen Gesellschaft. Direkte, ungeschliffene Bilder einer Realität, die keines erklärenden Kommentars mehr bedürfen. In dem 13minütigen Dokumentarfilm Contacts (1990) von Raymond Depardon und Roger Ikhley wird nochmals experimentell auf San Clemente eingegangen [....].
1983 Nachruf auf eine Bestie; BRD 1983, Rolf Schübel. Between 1962 and 1966, sex murderer Jurgen Bartsch cruelly tortured and killed four children in an old air raid bunker in Germany. This documentary examines the personality of the killer who died in 1976 during voluntary castration surgery at the age of 30. Vilified by the press for his heinous crime, Bartsch also became a case study for famous criminal psychologists like Alice Miller (who maintains that no one abuses without being abused as a child, and murderers tend to have their own childhood abuse denied by the adults around them). Bartsch never met his birth parents, he was raised in a clinic and later adopted by a cold, unaffectionate couple. By the age of 15, he tortured and killed his first child victim. This informative, fact‑filled documentary provides enough details for viewers to come away with a broader understanding of the nature of the criminally insane and society's role in their formation.
1984 Terbeschikkinggesteld (Nur zu Deinem Besten); Niederlande 1984, Olivier Koning. Mehrfach preisgekönter Dokumentarfilm über die Situation in speziellen Gefängnissen für "unzurechnungsfähige" Straftäter, die dort auf unbestimmte Zeit psychiatrisch behandelt werden. Der Film gibt auf sensible Weise den bedrückenden Alltag in diesen Anstalten wieder, läßt Gefangene, Therapeuten und Justizbeamte zu Wort kommen und enthält sich jeder einseitigen Parteinahme.
1985 Rückkehr aus dem Niemandsland - Psychisch Kranke auf dem Weg nach draußen. Red.: Heiner Gatzemeier (ZDF)
1986 Folie ordinaire d'une Fille de Cham (Der gewöhnliche Wahnsinn einer Tochter Hams); Frankreich 1986, Jean Rouch. 75 Minuten. A young nurse is hired to care for patients in a mental institution in this insightful drama taken from the stage play by Julius Amede Laou. She begins to work with a longtime patient, a black woman from Martinique who has spent 50 years in the facility. Jenny Alpha‑Villand and Sylvie Laporte co‑star with Catherine Rougelin.
1987 Andreas; Schweiz 1987, Patrick Lindenmaier. Patrick Lindenmaiers Dokumentarfilm über seinen durch einen Unfall gehirngeschädigten Bruder Andreas, der in der Langzeitabteilung einer psychiatrischen Klinik leben muß, vermittelt nicht nur einen Einblick in das Dasein eines geistig schwerstbehinderten Menschen, sondern bezieht auch Angehörige und Pfleger und deren Schwierigkeiten im Umgang mit Andreas und seinem Schicksal mit ein. Ein mit großem Einfühlungsvermögen und Feingefühl geschaffenes und formal mustergültiges Dokument, das Betroffenheit auslöst, weil es mit einer meist verdrängten Facette der Wirklichkeit konfrontiert.
1987 Urgences (Notaufname); Frankreich 1987, Raymond Depardon. Dokumentarfilm. OmU. Der unerbittlich beobachtende Dokumentarfilm entstand in der Notaufnahme der psychiatrischen Abteilung des Hotel‑Dieu in Paris. Er zeigt in schockierender Deutlichkeit die in sich geschlossene Welt der Psychiater sowie der psychisch Kranken, Therapiegespräche mit Alkoholkranken und Depressiven in ihren oft extremen Reaktionen. Vermittelt werden gebündelte Eindrücke von einer in der breiteren Öffentlichkeit meist verdrängten oder mißdeuteten Seinswirklichkeit.
1987 Die Zeit nach dem Orkan; BRD 1987, Gerald Grabowski. Ohne warnende Vorzeichen verändert sich die Wirklichkeit eines Mannes. Er kippt in eine andere, beängstigende Welt, verliert den Alltagsbezug sowie die Erinnerung und wacht in einer Nervenklinik wieder auf. Dokumentarischer Film über einen Menschen, der unverschuldet Beruf, Familie und soziales Umfeld verliert, über seinen zähen Kampf gegen die Einsamkeit sowie seine Versuche, Beziehungen zur Außenwelt aufzunehmen. Als Beschreibung eines konkreten Krankheitsfalles weitgehend unklar, da weder die konkrete Psychose noch Möglichkeiten einer adäquaten Therapie aufgezeigt werden; beklemmend als Vorstellung davon, was unerwartet mit einem Menschen geschehen kann, und damit durchaus zur Reflexion herausfordernd.
1988 Ein anderes Leben; Schweiz 1988, Mike Wildbolz. 60minütiger Dokumentarfilm. Fünf geistig behinderte Menschen, die teilweise bereits über 20 Jahre in psychiatrischen Anstalten leben, werden porträtiert. Betreuer, Pfleger, Leiter und Eltern kommen zu Wort und berichten über sie. Nur einmal werden die "Patienten" befragt, denn es entspricht dem Konzept des Films, diese Menschen so zu zeigen, wie sie wahrgenommen werden. Die Fremdheit ihres Verhaltens, die Irritationen, die ihre Mimik und Gestik auslösen ‑ all das ist in den Bildern präsent. Ein Film, der für die Behinderten einnimmt, denn er zeigt die Entwicklungsfähigkeit von Menschen und ihre Freude darüber.
1988 Lernen können ja alle Leute (I: Schwindelfrei; II: L und I heißt Liebe; III: Beide Seiten gleich); BRD 1988, Heide Breitel. Dreiteiliger Dokumentarfilm (188 Minuten) über einen Modellversuch in Hamburg‑Harburg, in dessen Verlauf geistig behinderte Erwachsene die Kultur‑ und Kommunikationstechniken Lesen, Schreiben und Rechnen beigebracht wurden. Der erste Teil "L und I heißt Liebe" erzählt von den Schreib‑ und Leseübungen zweier Menschen, "Schwindelfrei" beobachtet die kulturellen Aktivitäten der Behinderten‑Gruppe, "Beide Seiten gleich" thematisiert das Rechnen. Der mitfühlende Film konzentriert sich ganz auf die Personen und zeigt die Mühen, die das Lernen bereitet, ebenso wie die Freude über kleinste Lernerfolge. Der Zuschauer ist Zeuge des Lernprozesses und lernt zugleich die Menschen, ihre Entwicklungen und Veränderung kennen. Der Film will Mut machen und den Behinderten helfen, ihre erzwungene Isolation zu überwinden.
1989 Empathie und panische Angst. Die Psychotherapeutin Ute Binder, Ffm.; BRD 1989, Noll Brinckmann. 38 min. Caligaris Erben, 120.
1990 *** (In den Wellen der Adria); Australien 1990, Brian Mc Kenzie, Produktion: La Sept ARTE. Der Film ist wie eine Familienchronik aufgebaut. Er stellt die Bewohner eines kleinen Hauses in einem Vorort von Melbourne vor. Hier wohnt Graham, der offiziell als geistig behindert gilt und von Sozialhilfe lebt. Er hat Harry zu sich geholt, eine Bekanntschaft von der Müllhalde. Hier sucht er gern nach Ersatzteilen. Harry ist älter als Graham, mager, fatalistisch und humorbegabt. Auch er wurde vom Gesundheitswesen für verrückt erklärt. Außerdem lebt noch die griesgrämige, leicht gestörte Molly in dem kleinen Haus. Sie hasst Kameras und macht kein Hehl daraus. Zweimal pro Woche kommen Grahams Mutter Barbara und sein Vater Steven zum Einkaufen und Saubermachen ins Haus. Außerdem wohnt dort noch der Nachbarssohn Kotis, dem das Sozialamt einen Job vermittelt hat. Er muss ohne große Begeisterung Sauger für Babyfläschchen verpacken. Die Tage vergehen mit Träumereien, Langeweile, Fahrradausflügen, Umherirren auf leerem Gelände und Herumstöbern auf der Müllhalde. Graham wünscht sich einen Gebrauchtwagen, den ihm der Regisseur dieses Films schließlich kauft. Er bastelt daran herum und macht ihn wieder flott, kann aber nicht damit fahren, weil weder er noch seine Freunde im Besitz eines Führerscheins sind. Jeder porträtiert sich am Ende selbst. Grahams Vater stammt aus Slowenien, aber Graham ist sich nicht sicher, ob er tatsächlich sein Vater ist. Auch von der Geburt seines älteren Bruders will er nichts hören, um Familienprobleme zu vermeiden. Die Protagonisten bleiben sich vor der Kamera treu und haben ‑ vor allem Graham ‑ noch dazu das stolze Gefühl, den Film zu machen. Und genau das tun sie auch durch die Unbeschwertheit, Lockerheit, Natürlichkeit, mit der sie ihre alltägliche Welt beschreiben, sich allmählich öffnen und ihr Innerstes, ihre Einsamkeit sowie ihre Ängste preisgeben. Der ungewöhnliche Film erzählt eine packende und anrührende Geschichte voller Zärtlichkeit. Er gibt Einblick in die Welt derer, bei denen die Uhren langsamer ticken. Gezeigt werden Wesen aus einer anderen Welt, die uns allmählich ans Herz wachsen. Ein behutsamer und respektvoller Film über das Anderssein. Auszeichnungen: Grand Prix du Cinéma du Réel 1991.
1990 Innenansichten; BRD 1990, Rolf Sterzinger. Dokumentarfilm. Gefängnisalltag, der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt, wie er von verschiedenen Menschen erlebt wird: die Justizministerin, der Anstaltsleiter, der Psychologe, sieben Vollzugsbeamte und elf Gefangene berichten. Aus ihren "Innenansichten" und den entsprechenden Bildern, den Innenansichten der Anstalt, wird die Institution Gefängnis erfahrbar. Knochentrocken im Duktus und vielleicht gerade deshalb erhellend.
1990 Jens und seine Eltern; BRD 1990, Hans-Dieter Grabe. Bis zu seiner Geburt war Jens gesund. Die Geburt war kompliziert und dauerte über 30 Stunden. Jens litt zeitweise unter Sauerstoffmangel. Hinzu kam eine Gehirnblutung, als er am Ende mit einer Saugglocke geholt werden musste. So wurde sein Gehirn geschädigt, und das führte zu seiner Behinderung. Sie besteht in einem Anfallsleiden, das unheilbar ist, in Lähmungen, die den ganzen Körper betreffen und in einem gestörten Gehirnwachstum. Jens, körperlich und geistig schwerstbehindert, ist ein Pflegefall bis an sein Lebensende [ZDF-Pressetext].
1990 Komm in den Garten; BRD 1990, Heinz Brinkmann, Jochen Wisotzki. Dokumentarfilm über drei Männer, allesamt witzige Selbstdarsteller, die mit ihrer Vergangenheit das Scheitern des DDR‑Systems verkörpern und heute auf dem Prenzlauer Berg in Berlin leben: der Maler, der wegen "Arbeitsscheue" zehn Jahre in Gefängnissen saß; der stellvertretende Chefredakteur, der in einen Kreislauf aus Aufbegehren, Alkoholismus, Gefängnis und Psychiatrie geriet; der Außenhandelsstudent, der heute vom Lampenbasteln lebt. Ein vor allem thematisch interessantes Porträt, das teilweise etwas selbstgefällig wirkt und manchmal die Grenzen der "Vorführbarkeit" seiner Personen überschreitet.
1991 Komm, tanz mit mir; BRD 1991, Claudia Willke. Dokumentarfilm über die 89jährige Tänzerin und Choreografin Trudi Schoop, der sie während ihrer dreiwöchigen Arbeit mit Patienten der psychiatrischen Klinik Münsterlingen (Schweiz) zeigt. Er dokumentiert, wie die Langzeitpatienten ihre Gefühle in Bewegung umsetzen, und berichtet darüber, wie Trudi Schoop den Tanz zur Eigentherapie nutzte, um ihre Angstgefühle zu überwinden.
1991 Der Pannwitzblick Ein Film der Medienwerkstatt Freiburg, 1991, 90 min Navigator Film. Dr. Ing. Pannwitz machte sich 1944 in den Buna‑Werken von Monowitz, einer Filiale der IG‑Farben in unmittelbarer Nachbarschaft von Auschwitz und Birkenau, auftragsgemäß an die kriegswichtige Produktion von synthetischem Gummi. Unter den Arbeitssklaven des ,Chemiekommandos 98" selektionierte er den Turiner Chemiker Primo Levi für die Arbeit im Labor. Der Blick des Ariers rettete Levi zwar das Leben, dieser Blick ließ ihn aber zugleich an den Menschen verzweifeln. Er brachte sich 1987 um. In seinem Buch ,Ist das ein Mensch?" beschrieb er den Blick, der, wie durch die Glaswand eines Aquariums zwischen zwei Lebewesen getauscht wurde, die verschiedene Elemente bewohnen". Didi Danquart von der Medienwerkstatt Freiburg hat Primo Levi den dokumentarischen Montagefilm "Der Pannwitzblick" gewidmet. Es geht darin um die Auseinandersetzung mit alter ,Rassenhygiene" und neuer Eugenik und Euthanasie. Das klingt fürchterlich und soll es auch. Wer sich aber den Film trotzdem anschaut, wird weggetragen von einer dichten, eindringlichen, eigen‑ und einzigartigen Filmsprache, einer ungebrochenen umfassenden Bewegung gegen die erstarrte Statik der gewaltsamen Normierung von Menschen. Warum tippe ich nicht mit der Nase? Weil es mir mit zehn Fingern leichter geht, weil ich es bei andern auch immer so gesehen habe.
1992 *** (Die Verleugnung. Porträt einer Frau mit mehreren Persönlichkeiten); Niederlande 1992, Tom Verheuil. 60 Minuten. ARTE, 30.3.2000.
1993 Dialogues with Madwomen (Gespräche mit verrückten Frauen); USA 1993, Allie Light. OmU. Seven mentally ill women are profiled in this powerful documentary. Each of the disparate women are in the process of "recovering" from their diverse illnesses. They seem to lead fairly normal lives. Their pasts tell a different story. Despite racial, socio‑economic, and differing sexual preferences, many of the women came from abusive, alcoholic parents. Many were victims of incest. The two women of color describe their feelings of alienation which made their illnesses worse. Almost all of them had bad experiences with psychiatrists, doctors, therapeutic drugs, and institutions. In addition to standard interviews, the film also contains illustrations and vignettes depicting hallucinations, important events, artwork, and photographs from the subjects' lives. Lit.: Morris, Gary (#1995) Allie Light, director and subject of Dialogues with Madwomen. In: Bright Lights 14, 1995.
1994 It Was a Wonderful Life; USA 1993/94, Michele Ohayon. For the six women profiled in the documentary It Was A Wonderful Life, the emphasis is on the word was. They all went from a comfortable middle‑class existence to dire poverty and homelessness when the support of their husbands was withdrawn by divorce or abandonment. Nonetheless, as a group, they have used tremendous ingenuity and perseverance in making a life for themselves and their children, despite the absence of decently paid jobs, health‑insurance, or child care. Each of these women is too proud to apply for welfare, and they manage somehow to stay off the streets. The documentary has an ideological slant, promoting stronger legal protections for divorced women, especially in the area of child support. Jodie Foster narrates.
1994 Schweben heißt lieben ‑ Drei Menschen jenseits der Norm; BRD 1994, Thomas Riedelsheimer. Arte-Produktion. Dokumentarfilm über Leben und Alltag dreier männlicher Bewohner der Camphill‑Dorfgemeinschaft "Lehenhof" im Deggenhausertal bei Markdorf am Bodensee, wo geistig behinderte Menschen mit Nichtbehinderten in Hausgemeinschaften zusammenleben und ‑arbeiten.
1994 Transport in den Tod - verlegte Psychiatriepatienten im Rheinland 1939-1945; BRD 1994, Barbara Lipinska-Leidinger. Caligaris Erben, 130f.
1995 Carmen Miranda: Bananas Is My Business; USA 1995, Helena Solberg. An unconventional film biography of the 1940s movie star best known for her elaborate fruit‑basket headdresses. It covers Miranda's life and also her impact on Pan‑American culture. Miranda was probably manic depressive; she suffered several "breakdowns". 60 Minuten.
1995 Labendig; BRD 1995, Hannes Schönemann, Thomas Plenert. 90 Min. Dieser Film schildert den Alltag geistig und seelisch behinderter Menschen im mecklenburgischen Kloster Dobbertin. Das ehemalige Nonnenkloster, 1220 erbaut, wurde nach der Reformation in ein Damenstift des Mecklenburgischen Hochadels umgewandelt. Von 1960 an befand sich hier der "Langzeitbereich" der damaligen Bezirksnervenklinik Schwerin, aus dem 1991 das Diakoniewerk "Kloster Dobbertin" zur Fürsorge und Förderung von Menschen mit geistiger und seelischer Behinderung GmbH hervorging. Die Filmemacher nähern sich den sogenannten "Kranken" völlig unbefangen und entwerfen das fast idealisierte Bild einer Parallelwelt, dessen Anderssein die "Gesunden" zu akzeptieren haben. Ein zärtlicher Film, der die Gedanken Michel Foucaults über "Wahnsinn und Gesellschaft" in unprätentiöser Weise aufgreift.
1996 Back from Madness: The Struggle for Sanity; USA 1996, Kenneth Paul Rosenburg Rosenburg is also a psychiatrist. Filmed at Harvard's Massachusetts General Hospital, this documentary looks at four articulate psychiatric patients: a homeless manic‑depressive, a person who hears voices, a photographer with obsessive‑compulsive disorder, and a gifted musician with suicidal depression. Won the 1996 Psychiatric Services Video Award for best film (given by the American Psychiatric Assoc.)
1996 Herr W. und Herr W. (aka: Verwandte Seelen ‑ Herr W und Herr W); BRD 1996, Thomas Schadt, Gerd Hoffmeister. Doppelporträt zweier Menschen, deren kulturelle Erfahrungen nichts miteinander zu tun haben und die sich dennoch sehr ähnlich sind. Wayde D. Newton lebt in New York City, Detlef Witzel in Berlin ‑ beiden wurde Schizophrenie als Krankheitsbild bescheinigt. Der Dokumentarfilm geht sehr dicht an die Lebensgeschichten heran, gewährt Einblick in den Alltag der Protagonisten, läßt sie ausführlich zu Wort kommen und enthält sich dabei eines wertenden Kommentars. Er ist ein Zeugnis von authentischer Nähe und kommt größtenteils ohne Betroffenheitsgestus aus.
1996 Means of Grace; USA 1996, J. Clements. 56 Minuten. Produziert für Independent Television Service (ITVS). - A documentary on Ann Conger, who was institutionalized for schizophrenia in the 1950s, as told through her writings and by her filmmaker daughter. A commentary on the definition of mental illness and societal control of women.
1996 La Moindre des Choses; Frankreich 1996, Nicolas Philibert. Documentary. The tranquil woods of the Loire Valley embrace the La Borde psychiatric clinic, an asylum in the truest sense of the word, where patients find sanctuary and repose. Patients and staff work together in rehearsals and preparations for their annual summer play. This year, they perform the modernist, absurdist classic, "Operette," by Witold Gombrowicz, whose dialogue is more nonsensical than that of the patients themselves. -- Auszeichnung in Montréal als bester Dokumentarfilm.
1996 Julie, itinéraire d'une enfant du siècle (Julies Lebensweg); Frankreich 1996, Dominique Gros. Arte. 78 Minuten. Dokumentarisches Porträt einer 37jährigen Frau. Als Tochter eines Schlangenmenschen und eines Catchers in einer Besserungsanstalt erzogen, arbeitete sie unter anderem als Striptease‑Tänzerin und wurde immer wieder in psychiatrischen Kliniken behandelt. Auszeichnung: Cinéma de Réel Paris 1996.
1997 Das nicht eingelöste Versprechen; BRD 1997, Ingo Mrakitsch. Sequel zu Mrakitschs Drinnen ist wie draußen, BRD 1982. Sd. am 23.1.1997. 68 Minuten.
1997 Verrückt bleiben verliebt bleiben; BRD 1997, Elfi Mikesch. Produktion: Mediopolis/WDR. Produzentin: Annedore von Donnop. Regie, Buch und Kamera: Elfi Mikesch. Schnitt: Heide Breitel. 88 Min. Verleih: Salzgeber. Meine Kindheit war eine wahre Hölle. Ich kannte nur Dunkelheit. Torsten Ricardo Engelholz erzählt aus seinem Leben: Mißhandlung, Jugendpsychiatrie, Krebs. Heute arbeitet der 31jährige in einem Berliner Theaterprojekt und widmet sich seiner Leidenschaft: dem U-Bahnfahren. -- In eigenwilligen, poetischen Bildern porträtiert Kamerafrau Elfi Mikesch einen ungewöhnlichen Menschen - der als geistig behindert gilt und hochintelligent ist, der das Leben ebenso fürchtet wie bejaht. -- Die einfühlsame Studie erhielt mehrere Auszeichnungen. Mit ihrem Dokumentarfilm "Verrückt bleiben, verliebt bleiben" zeichnet die Kamerafrau und Regisseurin das Porträt eines außergewöhnlichen, geistig behinderten jungen Mannes, der nach einer grauenvollen Kindheit die Malerei und Schauspielerei als Ausdrucksform und Integrationsmöglichkeit für sich entdeckt hat. Doch alle Kreativität tröstet ihn nicht über den Mangel an Liebe in seinem Leben hinweg (Rhein-Zeitung Online). Literatur: Breitel, Heide (1998) Verrückt bleiben verliebt bleiben... Anwenderbericht mit Heide Breitel. Ms., Avid. Zugängl. via Internet.
1998 Kopfleuchten; BRD 1998, Mischka Popp, Thomas Bergmann. Vom Mann, dessen Gedächtnis in Stücke brach. Von der Frau, die keine Worte findet. Vom Mann, der eine Streichholzschachtel für einen Flaschenkühler hält. Von Menschen, deren Hirn den Schluckauf hat. Die Fahrpläne im Kopf haben und das Wetter. Die Farben wahrnehmen wie Musik. Von der Frau, die sich fühlt wie eine kubistische Skulptur. Und von Männern, die ihre eigene Welt erschaffen. Mit Kopfgeistern, die lachen. Wir wollten keine "kalte" Sammlung von Fällen, kein Kabinett der Abstrusitäten. Der Film selbst soll eine Reise sein, eine Expedition in ein Gebiet, von dem Doris Lessing sagt: "Es macht uns bewußt, daß wir auf Messers Schneide leben." Wir berichten von denen, die diese "Balance auf Messers Schneide" verloren haben und in unglaublicheAbgründe gefallen sind. Es ist nicht nur traurig da. Es gibt auch helle Komik darin und schwarze Groteske. Und Wunder. "Ein Gespräch über Krankheiten ist eine Art Erzählung aus Tausendundeiner Nacht", schreibt der Arzt William Osler. Genauso ist es uns während der Dreharbeiten ergangen. Sie hat uns erstaunt, verwirrt, erschreckt und beglückt. Und wir haben jetzt eine winzige Ahnung davon, was das ist: das Kopfleuchten (Mischka Popp und Thomas Bergmann). Auszeichnungen: Adolf Grimme Preis 2000. Literatur: Abendzeitung München, 3.11.98; Stuttgarter Zeitung, 3.11.98; epd Film Nr. 12, 1998.
1998 Wahnsinn; Schweiz 1998, Annemarie Friedli. 51 Min. Der Film knüpft an "Akutstation F0" an und nimmt Stephano, der dort lebt, in den Blick. Was geht vor, wenn die Diagnose Schizophrenie heisst und tiefe Depressionen mit euphorischen Zuständen des Patienten alle Familienangehörigen überfordert? Die Mutter hat An‑ und Ausfälle ihres Sohnes während eines Jahres festgehalten.
1998 Wie du und ich; Schweiz 1998, Fritz E. Maeder. 85 Minuten. 3Sat, 30.9.2001. Langzeitdokumentation (1971-1996). Es ist nicht alltäglich, dass ein Filmemacher die gleichen Menschen über längere Zeit immer wieder mit der Kamera beobachtet. An eine solche Langzeitstudie hat sich Kameramann und Regisseur Fritz E. Maeder gewagt. Seit 1971 begleitet er zwei Mädchen und drei Jungen ‑ inzwischen sind sie längst erwachsen ‑ mit der Kamera. Die fünf haben eines gemeinsam: Sie sind behindert. Über 25 Jahre hat der Autor immer wieder mit den Müttern über die Krankheit ihrer Kinder und über ihren Umgang mit der Behinderung gesprochen. Auf einen Kommentar oder auf die Befragung von Experten hat Fritz E. Maeder bewusst verzichtet. Im Mittelpunkt steht der behinderte Mensch und sein lebenswertes Leben.
1999 Akutstation F0. Alltag in der psychiatrischen Klinik; Schweiz 1999, Annemarie Friedli. Die Dokumentaristin Annemarie Friedli nimmt mit auf einen einfühlsamen, auf weite Strecken wie vertraut wirkenden Spitalbesuch. Sie wendet als Filmerin dieselben Methode an wie das moderne Pflegepersonal: Sie nimmt die PatientInnen nicht als Fälle, sondern als Menschen. Ohne Effekthascherei in der Kameraführung, ohne tabubrecherischen Gestus geleitet die Autorin uns Besucher in den entlegenen Bereich der Seelenklinik. Entlegen?
2000 Brigitte und Jutta; BRD 2000, Susanne Petz. 20 Minuten. ARTE, 30.3.2000. Porträt zweier manisch-depressiver Frauen, die ihre Krankheit als faszinierend und bedrohlich zugleich erleben.
2001 Poselenie (The Settlement; dt.: Der Ort); Rußland 2001, Sergej Loznitsa. 77 Minuten. Silbernen Taube des Leipziger Internationalen Dokfilm‑Festivals. Der Ort ‑ das ist ein Heim für psychisch Kranke, irgendwo in den Tiefen der russischen Provinz, und die Bewohner dieses Ortes leben nach ihrem eigenen Tempo. Ernte, Mittagessen, Feldarbeit ‑ jede Einstellung steht so lange, bis sie uns ihr spezifisches Geheimnis offenbart hat. Bewegte Bilder aus dem Geist der Ikonenmalerei: eine wohltuende Zumutung für unsere Augen.
2002 Über sieben Brücken; BRD 2002, Sabine Korbach. 19 Min. Porträt eines Ex-Alkoholikers und Gitarrenfans.
2003 Bruno S. ‑ Die Fremde ist der Tod; BRD 2003, Miron Zownir. 60 Min. 1975 war Bruno S. durch seine Rolle als Kaspar Hauser in Werner Herzogs Film Jeder für sich und Gott gegen alle berühmt geworden. Bis dahin hatte er sein Leben in Heimen und Anstalten verbracht und war prädestiniert für diese Rolle. Dem kurzen, schnellen Ruhm folgten lange Jahre der Einsamkeit. Der Film entführt den Zuschauer ernst und humorvoll zugleich, in die ganz eigene Welt des Bruno S.
2003 Jetzt fahren wir übern See: Mütter und Kinder auf dem Kieler Waldhof; BRD 2003, Antje Hubert. 78 Min. Als Christina, Michaela und Andrea Mütter wurden, traute ihnen keiner zu, ein Leben mit Kind zu bewältigen. Denn sie gelten als geistig behindert. Der Kieler Waldhof ist eine der wenigen Einrichtungen in Deutschland, die Frauen wie ihnen ein Familienleben ermöglicht. Die Filmemacherin Antje Hubert hat mit ihrer Kamerafrau Barbara Metzlaff ein halbes Jahr das Leben auf dem Waldhof beobachtet. Dabei erlauben die Frauen erstaunliche Einblicke in ihre Welt, und in Gesprächen untereinander und mit der Filmemacherin erzählen sie, wie sie sich selbst wahrnehmen und wie sie sich ihr Leben eigentlich wünschen. (Produktionsmitteilung) Auszeichnungen: Erster Preis des Augenweide-Festivals, Kiel 2003.
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