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Medienwissenschaft / Hamburg: Berichte und Papiere 24, 2003: Parasoziale Interaktion.
Redaktion und Copyright dieser Ausgabe: Klemens Hippel. Redaktion: Hans J. Wulff. Letzte redaktionelle Änderung: 12. November 2000.
Parasoziale Interaktion: Bericht Klemens Hippel
Zur Theorie der parasozialen Interaktion Zur Rezeptionsgeschichte a. Uses-and-gratifications-approach b. Interaktionistische Rezeption c. Das Konzept der "imaginären sozialen Welten" d. Handlungstheoretische Rezeption Schlußbemerkung Anmerkungen
Zur Theorie der parasozialen Interaktion
1956 veröffentlichten Donald Horton und R. Richard Wohl in der Zeitschrift Psychiatry eine Arbeit mit dem Titel Mass communication and para-social interaction. Observations on intimacy at a distance. Sie schlugen darin vor, die Aktivitäten von Zuschauern bei der Nutzung von Massenmedien (insbesondere des Fernsehens) im Zusammenhang mit sozialer Interaktion zu verstehen. Eine der wichtigsten Eigenschaften der Massenmedien sei, so die These von Horton und Wohl [1], die Erzeugung einer Illusion von "face-to-face" Beziehungen zwischen Zuschauern und Darstellern (1956, 215). Besonders dem Fernsehen gelinge es, derartige Beziehungen zu ermöglichen, da es Größen abbildet, auf die soziale Wahrnehmung normalerweise gerichtet ist, wie z.B. Aussehen und Verhalten von Personen. Diese Beziehung der Zuschauer zu den im Medium Auftretenden wird "parasozial" genannt.Eine besondere Rolle bei der Erzeugung parasozialer Beziehungen fällt nach der These Horton und Wohls der direkten Adressierung des Publikums zu. Die passive Rolle eines nur Zusehenden werde überlagert, indem er in das Beziehungsgefüge hineingezogen werde, das das Programm anbiete. Anders ausgedrückt, er wird selbst Teil des Beziehungsgefüges.
"The more the performer seems to adjust his performance to the supposed response of the audience, the more the audience tends to make the response anticipated. This simulacrum of conversational give and take may be called para-social interaction" (1956, 215).
Was unterscheidet nun diese parasoziale von der gewöhnlichen Interaktion? Einerseits natürlich die Tatsache, daß ein Gefühl der Verantwortlichkeit für die Beziehung beim Zuschauer weniger ausgeprägt sein muß als in sozialen Beziehungen. Der Zuschauer kann sich jederzeit aus der Interaktion zurückziehen, und er ist auch nicht zuständig für das "Weiterentwickeln" der Beziehung. Dies ist aber, so Horton und Wohl, nur ein gradueller Unterschied zur sozialen Interaktion. Die entscheidende Differenz ist das Fehlen einer tatsächlichen Gegenseitigkeit der Beziehung. Das Publikum kann zwar wählen zwischen den angebotenen Beziehungen, jedoch nicht neue herstellen oder bestehende beeinflussen. Die im Fernsehen Auftretenden wiederum haben keine Informationen über die Reaktion der Zuschauer und müssen das fehlende Feedback durch Annahmen über das Verhalten des Publikums ausgleichen.
Eine exakte Bestimmung des Verhältnisses von para- und orthosozialer Interaktion bei Horton und Wohl ist allerdings schwierig. Angelegt sind in ihrer Theorie nämlich zwei unterschiedliche Fassungen dieses Verhältnisses - einerseits die These, daß parasoziale Beziehungen von den Zuschauern in derselben Weise erfahren werden wie aktuale soziale Beziehungen (1956, 228), andererseits eine strikte Trennung von beiden Phänomenen durch je unterschiedliche definierende Eigenschaften (dazu Hippel 1993a). Unabhängig von dieser Schwierigkeit sind jedoch einige andere Aspekte der Theorie der parasozialen Interaktion bei Horton und Wohl klar definiert - sie sollen hier hervorgehoben werden, weil sie in der Rezeption des Entwurfs sehr häufig mißachtet wurden:
1. Parasoziale Interaktion ist eindeutig zu unterscheiden von Identifikation. Die eigenständige Rolle des Zuschauers als eigene Partei im Interaktionsprozeß erlaubt Identifikation nur in dem Sinne, daß "the very act of entering into any interaction with another involves some adaptation of the other's perspective" (1956, 219), d.h. Identifikation findet innerhalb der parasozialen Interaktion nur in der Form des wechselseitigen "role taking" statt, ebenso wie in "normalen" sozialen Interaktionen auch. Identifikation im Sinne einer Übernahme der fremden Position ist innerhalb der parasozialen Interaktion wenn nicht ausgeschlossen, so doch zu einem "hardly [be] more than intermittent" (1956, 218) Phänomen reduziert. Diese Sicht Horton und Wohls schließt eine Reihe von späteren Verarbeitungen ihres Konzepts aus (s.u.).
2. Die Theorie der parasozialen Interaktion ist ein Beitrag zu einer interaktionistischen Fernsehtheorie. Sie geht davon aus, daß durch - imaginäre - Interaktionen von Zuschauer und Medien-Person Beziehungsgefüge aufgebaut werden. Ihr Gegenstand ist demnach nicht das bloße Vorliegen von Bindungen einzelner Zuschauer an Stars oder personalities, die auch durch Identifikation, Fan-Kulturen etc. erzeugt werden können, entscheidend sind vielmehr die Herstellung, Weiterentwicklung und Aufrechterhaltung sowie die spezifischen Eigenschaften solcher Beziehungen.
3. Parasoziale Beziehungen sind ein "normales", durch die Struktur der Medien angelegtes Phänomen und keine pathologische Nutzungsform der Medien: Gewöhnlich sind parasoziale Beziehungen eine Ergänzung zu sozialen. Im Extremfall können zwar parasoziale Beziehungen die orthosozialen ersetzen oder eine Unterscheidung zwischen beidem findet nicht mehr statt, aber derartige Fälle sind nicht der zentrale Gegenstand der Theorie: Die Möglichkeit der Nutzung von parasozialen Beziehungen als Ersatz für soziale impliziert nicht, daß diese Nutzungsform der Regelfall wäre. Während die Einschätzung der parasozialen Interaktion als mehr oder weniger defiziente Form in der Wirkungsgeschichte der Theorie vorherrscht, wird einer der entscheidenden Punkte meistens übersehen, nämlich die Vorteile, die parasoziale Interaktion gegenüber "normalen" Formen aufweist: Zu nennen wäre z.B. die Tatsache, daß der Zuschauer Rollen "unter der Bedingung der Entlastung von der Selbstpräsentation" (Neumann/Charlton 1988, 9) übernehmen kann. Parasoziale Beziehungen und Interaktionen sind nicht bloßes Derivat "normaler" Interaktionen und Beziehungen, sondern eröffnen dem Zuschauer Beziehungs- und Interaktionsmöglichkeiten, die in sozialen Begegnungen nicht bestehen.
Zur Rezeptionsgeschichte
Im Rahmen der Geschichte der Massenkommunikationsforschung nimmt das Konzept der parasozialen Interaktion, wie es Horton/Wohl (1956) bzw. Horton/Strauss (1957) entwickelt haben, eine einsame Position ein, und dies in zweierlei Hinsicht: Einerseits deswegen, weil "der Begriff der para-sozialen Interaktion doch meist sehr eng und moralisch verwässert verwendet" (Mikos 1992a: 121) wird. Andererseits aufgrund der theoretischen Position, die es darstellt: Als interaktionistische Theorie läßt es sich gegen die Annahmen eines behavioristischen "Wirkungsansatzes" lesen, sofern dieser mit der These eines passiven Publikums verbunden ist, steht aber gleichzeitig eher unverbunden neben dem seit vielen Jahren vorherrschenden "uses-and-gratifications-approach". Zwar wurde von manchen Vertretern des letzteren Ansatzes versucht, den Begriff der parasozialen Interaktion einzubinden [2], dies geschah jedoch auf eine Weise, die von der ursprünglichen Theorie wenig übrigließ. Seine theoretische "Heimat" hat das Konzept der parasozialen Interaktion im symbolischen Interaktionismus - mit ihm wird versucht "to demonstrate the usefulness of a symbolic-interactional framework for the analysis of one type of television performance" (Horton/Strauss 1957, 587). Über die Tatsache, daß die Beachtung für Horton und Wohls Arbeit eher gering geblieben ist, sollte die Anzahl der bibliographischen Verweise, die die folgende Bibliographie versammelt, nicht hinwegtäuschen. Häufig wird eben nur der griffige Terminus der parasozialen Interaktion aufgenommen, das dahinterstehende Konzept aber nicht berücksichtigt oder verkürzt oder falsch dargestellt. Eine ganze Reihe von Aufsätzen legt auch den Schluß nahe, daß Horton und Wohls Arbeit überhaupt nur aus Sekundärquellen bekannt ist - so behaupten etwa Kaplan et al. (1977), Horton/Wohl hätten "suggested [...] that a candidate's media 'image' will dominate in the viewer's evaluation of his suitability for office" (1977, 968). Davon ist bei Horton und Wohl nicht die Rede, dafür aber bei Weiss (1969, 174). Kohli (1977) übernimmt den Begriff der parasozialen Interaktion von Teichert (1973), ohne die Urheber des Konzepts auch nur zu erwähnen. Eine dritte Traditionslinie scheint von Noble (1975) auszugehen (vgl. Dorr 1980; Livingstone 1990) - er setzt parasoziale Interaktion gegen Identifikation. Bezeichnend für die marginale Rezeption des Ansatzes ist jedoch auch schon allein die Tatsache, daß nur in sehr wenigen Arbeiten der Aufsatz von Horton/Strauss (1957) erwähnt wird, obwohl dieser Text einige Aspekte klarer faßt als Horton/Wohl (1956) [4].
Neben eher kuriosen Irrtümern - Horton und Wohl erscheinen als "psychoanalysts" (Noble 1975, 43) oder als "psychiatrists" (Mancini 1988, 153), parasoziale Interaktion als Ersatzbegriff für Massenkommunikation (Merten 1978; Winterhoff-Spurk 1985) - treten vor allem zwei falsche Interpretationen von Horton und Wohl auf. Die eine setzt parasoziale Interaktion mit Identifikation gleich (z.B. Gutman 1973; Zukin 1977; Gans 1980; Morley/Silverstone 1990), die andere, einflußreichere, beschränkt parasoziale Interaktion von vornherein auf das, was bei Horton und Wohl extreme Fälle der parasozialen Interaktion sind: So erscheint parasoziale Interaktion als Substitut für "reguläre" Interaktion (Kunczik 1977; Cathcart/Gumpert 1983; Miller 1983; Austin 1985), eine Interpretation, die vor allem innerhalb des "uses-and-gratifications-approach" vorherrscht. Während die Gleichsetzung von parasozialer Interaktion und Identifikation ganz offenbar mit Horton und Wohl nicht vereinbar ist, ist die Betonung der extremen Fälle von Parasozialität zwar problematisch, aber nicht unbedingt falsch. Unvereinbar mit Horton und Wohl ist diese Lesart allerdings dann, wenn der Begriff der parasozialen Interaktion per definitionem auf solche Fälle beschränkt wird [5].
A. "Uses-and-gratifications-approach"
Die häufigste Verwendung findet der Begriff der parasozialen Interaktion innerhalb des "uses-and-gratifications-approach". Parasoziale Interaktionen bzw. Beziehungen erscheinen hier als eine der möglichen "Gratifikationen" innerhalb der Theorie. Zu dieser Leseweise des Konzepts gehören nicht nur die meisten Arbeiten, sondern auch der wohl einflußreichste Aufsatz, nämlich Rosengren/Windahls Arbeit über parasoziale Interaktion als "functional alternative" (Rosengren/Windahl 1972). Insbesondere in der deutschen Rezeption wird dieser Ansatz anscheinend als Weiterentwicklung oder Präzisierung von Horton und Wohl aufgefaßt (vgl. z.B. Teichert 1973; Renckstorf 1974; Nordlund 1978b; Bonfadelli 1981; Dehm 1984a; Levy/Windahl 1984) [6].
Die Interpretation der Theorie der parasozialen Interaktion bei Rosengren/Windahl (1972) ist allerdings problematisch. Ihr Modell der "functional alternative" geht davon aus, daß mit parasozialer Interaktion dasselbe Bedürfnis (oder dieselbe Art von Bedürfnis) befriedigt werden solle wie mit sozialer Interaktion. Diese These verfehlt zumindest einen Teil des Konzepts bei Horton/Wohl, denn parasoziale Interaktion bietet dort Möglichkeiten, die in sozialer Interaktion nicht bestehen (das Übernehmen "idealer" Rollen, die Unverbindlichkeit der Rollenübernahme, den Rückzug aus der Interaktion zu jeder Zeit etc.). Daneben läuft das Konzept der "functional alternative" Gefahr, als schlechtere Möglichkeit verstanden zu werden [7]. Schließlich sehen Rosengren/Windahl (1972) parasoziale Interaktion in Verbindung mit Identifikation [8]: Sie schließen zwar gemäß Horton/Wohl Identifikation innerhalb von parasozialer Interaktion aus, fassen dann jedoch Identifikation und Interaktion als Kriterium für das Maß der Involviertheit von Zuschauern in das Geschehen, wobei diese Involviertheit am größten sei, wenn gleichzeitig Identifikation und Interaktion vorliegen. Schon mit dieser Fassung entspricht das Modell Rosengren/Windahls nicht mehr der These Horton/Wohls, denn dort sind Interaktion und Identifikation einander ausschließende Begriffe [9]. Darüber hinaus betonen auch Rosengren/Windahl einseitig extreme Fälle der parasozialen Interaktion: Ein mittleres Maß an Involviertheit, so Rosengren/Windahl, liege bei der parasozialen Interaktion ohne Identifikation vor, und diese Nutzungsweise sei verbunden mit dem Wunsch "to obtain compensation for or escape from a societal or individual situation characterized by certain, sometimes mild, sometimes strong, deficiences" (1972: 182). Diese Beschränkung herrscht insgesamt im "uses-and-gratifications-approach" vor. Auch wenn zuweilen darauf hingewiesen wird, daß "for most members of audience, para-social interaction is considered complementary to social communication" (Levy 1979, 70), oder daß "parasocial interaction is a normal consequence of television viewing" (Perse/Rubin 1989, 61), wird dennoch angenommen, daß "the more opportunities an individual has for social interaction, the less likely it is that he or she will engage in a para-social relationship [...]" (Levy 1979, 70) [10].
Das wichtigste Problem der Betrachtung von parasozialer Interaktion innerhalb des "uses-and-gratifications-approach" besteht jedoch darin, daß bisher keine plausible Möglichkeit gefunden wurde, parasoziale Interaktionen empirisch zu untersuchen [11]. Das liegt vor allem daran, daß das Konzept von Parasozialität innerhalb dieser Ansätze unklar ist [12]. Am deutlichsten wird dies, wenn man einige der Aussagen betrachtet, die als Hinweis auf das Vorliegen von parasozialer Interaktion gelten sollen. Den ausführlichsten Katalog haben Rubin et al. (1985, 167), er möge als Beispiel dienen: Neben üblichen (vgl. z.B. Levy 1979; Palmgreen et al. 1980) Statements wie "I like to compare my ideas with what my favorite newscaster say", oder "When the newscasters joke around with one another it makes the news easier to watch", bei denen unklar ist, wieso sie als Beleg für Interaktion zwischen Publikum und "performer" dienen sollen, gibt es solche, die schon auf extreme Fälle zielen ("I sometimes make remarks to my favorite newscaster [...]"). Geradezu fatal sind Vorgaben wie "I would like to meet my favorite newscaster in person", die die Besonderheit von parasozialer Interaktion von vornherein ausschließen, indem sie den Wunsch nach sozialer Interaktion thematisieren (ganz zu schweigen davon, daß sie den Unterschied von Fan-von-jemanden-sein und parasozialer Interaktion mit ihm nicht berücksichtigen). Viele Fragen werden von vornherein so gestellt, daß parasoziale Interaktion als Ersatz für Interaktion erscheint. Damit werden die definierenden Eigenschaften der parasozialen Interaktion außer acht gelassen - sie erscheint nicht als besondere Interaktionsweise, sondern als nur eingeschränkte, defiziente Interaktion [13]. Bestenfalls können einige der bisher vorgeschlagenen erhobenen Aussagen als hinreichende Bedingungen für das Vorhandensein extremer oder pathologischer Nutzungsformen dienen, keinesfalls aber als notwendige Bedingungen für das Vorliegen von parasozialer Interaktion gelten.
B. Interaktionistische Rezeption
Die Nähe einer interaktionistischen Fernsehtheorie, wie sie bei Horton und Wohl impliziert ist, zu Überlegungen des symbolischen Interaktionismus und zu den Arbeiten Erving Goffmans liegt auf der Hand. So versteht etwa Beniger (1987) Horton und Wohls Arbeit als "extending Mead's ideas to mass media effects" (364) und stellt sie in einen Zusammenhang mit verschiedenen Arbeiten Goffmans. Unter anderem anhand ihrer Überlegungen versucht er eine Neubestimmung des Verhältnisses von Massen- und interpersoneller Kommunikation.
Ganz von Seiten des symbolischen Interaktionismus aus argumentieren Ellis et al. (1983) (vgl. auch Peterson/Peters 1983). Sie betonen die Rolle von vicarious interaction, bei der "viewers may vicariously evaluate the behavior of one television 'other' from the imagined perspective of a second" (1983, 367), und betrachten diese Möglichkeit als "training ground" (ebd.) für "role-taking". Im Unterschied zu Horton und Wohl sind sie der Meinung, daß es des Konzepts der "vicarious interaction" bedürfe, um das Problem des fehlenden Feedbacks innerhalb der Interaktion zwischen "performer" und Zuschauer zu lösen.
C. Das Konzept der "imaginären sozialen Welten"
Versteht man parasoziale Interaktion als eine besondere Form der Interaktion, so wird die Frage nach ihrem Verhältnis zu sozialen Interaktionen zentral. Sie ist dann nicht, wie in vielen Arbeiten, defizienter Ersatz, sondern ein eigenständig zu definierendes Phänomen. Einen der wichtigsten Versuche, parasoziale Interaktion in ein System verschiedener Interaktionsformen einzubinden, dürften die Arbeiten Caugheys (1978; 1984) darstellen. Caughey überträgt anthropologische Forschungen, nach denen in zahlreichen sozialen Systemen Interaktionen nicht nur mit "realen" sondern auch mit über- bzw. nicht-natürlichen Wesen möglich sind, auf die amerikanische Gesellschaft und geht davon aus, daß in diesen "artifiziellen" Interaktionen Medien-Figuren eine wichtige Rolle spielen. Caughey stellt explizit die Frage nach dem Verhältnis von sozialen Beziehungen in "artificial worlds" und "worlds of actual experience" (1978, 74), natürlich ohne diese abschließend klären zu können. In der Einschätzung extremer Fälle geht er noch weit über Horton/Wohl hinaus: Das Vorliegen von so extremen Bindungen an personalities, die von Seiten des Zuschauers als Liebesbeziehungen erscheinen, hält er für "an important, powerful, and pervasive aspect of contemporary American life" (1984, 7). Das, was bei Horton/Wohl als extrem erscheint, gehört bei ihm noch zu den durchaus gewöhnlichen Beziehungen.
In Anlehnung an Caugheys Arbeiten untersucht Alperstein (1991) "imaginary social relationships". Dabei ist ihm das empirische Problem einer solchen Untersuchung bewußt: "The study of viewer's imaginary social relationships [...] does not lend itself to direct observation. The experiences to be examined are private" (1991, 45). Alperstein verwendet daher "self-reflective reports" (ebd.) und "ethnographic interviews" (1991, 46) zur Erhebung von Daten. Auch er untersucht dabei allerdings Beziehungen, ohne zu berücksichtigen, ob diese durch Interaktionen hergestellt werden.
D. Handlungstheoretische Rezeption
Die deutsche Rezeption der Arbeiten von Horton/Wohl steht im wesentlichen im Zusammenhang mit handlungstheoretischen Ansätzen und hat ihren Ursprung offenbar in Teicherts (1973) Aufsatz über "Fernsehen als soziales Handeln (II)". Dabei muß betont werden, daß Teichert das ursprüngliche Konzept "zu erweitern sucht in einer spezifisch soziologischen Interpretation des Zuschauerhandelns als einer Partizipation an (Verstehen und Reflektieren von) gesellschaftlich objektivierten Rollenhandlungen" (Neumann/Charlton 1988, 10). Dagegen erscheint bei Kohli (1977, 74) Teicherts Fassung als Definition der parasozialen Interaktion. Auch wenn man die handlungstheoretische Rezeption als spezifische Weiterentwicklung des ursprünglichen Konzepts versteht, bleiben jedoch einige Probleme bestehen:
1. Das In-Verbindung-Setzen der ursprünglichen Theorie mit Rosengren/Windahl (1972) wurde schon kurz erwähnt. Damit entsteht die Gefahr, die bei Horton/Wohl angelegte Nutzungsmöglichkeit der parasozialen Interaktion als "funktionale Alternative" mißzuverstehen als definierendes Kriterium für Parasozialität, als einen "Anspruch, ein funktionales Äquivalent darzustellen" (Huth 1981, 292).
2. Wie Rosengren/Windahl (1972) bringt auch die handlungstheoretische Rezeption Identifikation und Interaktion zusammen. Damit verbunden ist ein vom Konzept Horton/Wohls abweichendes Verständnis der Zuschauerrolle: Für Horton/Wohl ist die Rolle des Zuschauers "some variant of the role or roles normally played in the spectator's primary social groups" (Horton/Wohl 1956, 228). Teichert dagegen versteht das Rollenhandeln des Zuschauers anscheinend als vom alltäglichen unterschieden: "Der Zuschauer muß neben der mehr oder weniger intensiven Teilnahme am Handlungsgeschehen gleichzeitig auch den eigenen Standpunkt, die eigene Perspektive realisieren" (1973, 371, Hervorhebung K.H.). Kohli verschärft diese Position noch mit seinem Begriff der Vermittlung - "Von 'Vermittlung' ist deshalb die Rede, weil es um die Gegenüberstellung grundsätzlicher Wirklichkeitsaspekte geht, deren Widerspruch in einer übergreifenden (kognitiven) Strukturierung aufgelöst wird" (1977, 73). Dieser Aspekt einer grundsätzlichen Differenz zwischen Alltagswelt und Fernsehen ist bei Horton/Wohl nicht angelegt.
3. Eine grundsätzliche Differenz zwischen Alltagswelt und Fernsehen wird jedoch nicht nur konstatiert. Teichert jedenfalls nimmt in einem späteren Aufsatz eine Wertung vor, indem er "unangemessene bzw. unechte Rollenmodelle" (1979, 83) innerhalb der parasozialen Interaktion annimmt und behauptet: "Wenn die Illusion der intimen, unmittelbaren Beziehung zur Fernseh-Persönlichkeit' zum vollständigen Ersatz autonomer sozialer Interaktion führt, dann muß die Sendung als gefährlich und das Zuschauerverhalten als pathologisch bezeichnet werden" (ebd., Hervorhebung K.H.) [14]. Hier wird nicht nur, wie häufig im "uses-and-gratifications-approach", eine bestimmte Nutzungsmöglichkeit als ausschließliche Nutzungsform interpretiert, sondern eine schädliche Wirkung Mediums bzw. des Medieninhalts behauptet.
Schlußbemerkung
Der überwiegende Teil der Verarbeitung der Arbeit Horton und Wohls bestand bisher in dem Versuch, den Begriff der parasozialen Interaktion für empirische Untersuchungen zu verwenden. Dabei wurde übersehen, daß es Horton und Wohl nicht darum ging, Aussagen über das Verhalten oder die Einstellungen von Zuschauern zu machen - sie betonten vielmehr, daß die "response" von Zuschauern "may be entirely in imagination" (Horton/Strauss 1957, 579). Ihre Arbeiten stellen eher "eine theoretische Grundlegung der Fernsehkommunikation" (Wulff 1992) dar, wobei eine Präzisierung dieses Modells bisher noch fehlt. Gerade im Zusammenhang mit phänomenologisch, handlungstheoretisch bzw. interaktionistisch orientierter Massenkommunikationsforschung wäre zu wünschen, daß Horton/Wohls "prophetic paper" (Naremore 1988, 265-266) in Zukunft die Beachtung geschenkt würde, die ihm gebührt.
Anmerkungen
[1] Dem Aufsatz von 1956 folgte 1957 eine Arbeit von Horton/Strauss. Der Einfachheit halber ist im folgenden nur von "Horton und Wohl" die Rede, wenn die Urheber der Theorie der parasozialen Interaktion bezeichnet werden. Dem Nachruf auf R. Richard Wohl (Strauss 1957) ist zu entnehmen, daß von den drei Autoren anscheinend Wohl federführend bei der Entwicklung der Theorie gewesen ist - sein früher Tod ist wohl auch die Ursache für das Fehlen weiterer Arbeiten zu diesem Thema. [2] Oder sogar als Bestandteil des Ansatzes zu verstehen: "Since the parasocial notion is derived from the uses and gratifications research [...]" (Miller 1983, 44). [3] Renckstorff (1973, 188) geht davon aus, daß der "Nutzenansatz" sich im Konzept des symbolischen Interaktionismus zusammenfassen lasse. Dies scheint jedoch eher eine Operation mit dem "uses-and-gratifications-approach" zu sein als eine in diesem angelegte Eigenschaft (vgl. Renckstorffs eigene Anmerkung zu diesem Thema). [4] Eine Besonderheit stellt Maletzke (1972) dar - er erwähnt nur die Arbeit von Horton/Strauss, nicht aber den grundlegenden Aufsatz von Horton/Wohl. [5] Fragwürdig sind auch die Interpretationen, die parasoziale Interaktion ohne weiteres in Verbindung bringen mit Sendungen mit direkter Hörerbeteiligung, etwa durch Telefonanrufe (z.B. Cathcart/Gumpert 1983; Perse/Rubin 1988), oder die, wie Lemish (1982), solche Beispiele als parasozial verstehen, in denen Zuschauer dem "performer" antworten, also tatsächlich zum Fernsehen gewandt sprechen. [6] Dies gilt auch für Rubin/Rubin (1985), die das Konzept der "functional alternative" zwar kritisieren, abner Horton/Wohls Ansatz als Bestandteil eben dieses Konzepts verstehen (1985, 38). [7] Zu Beginn ihrer Arbeit betonen Rosengren/Windahl noch, daß ihr Konzept gültig bleibe, wenn der Begriff der "functional alternative" in dem Sinne verstanden wird, daß die Alternativen äquivalent sind (1972, 167), daß es also keine "natürlichere", primäre Form der Interaktion gebe - diesen Gedanken haben sie allerdings nicht weiter verfolgt. [8] Nicht alle Autoren des Uses-and-Gratifications-Approach sehen einen Zusammenhang zwischen parasozialer Interaktion und Identifikation - so verstehen Katz/Foulkes (1962) parasoziale Interaktion als eigenständige Nutzungsform des Fernsehens und setzen sie gegen die Annahme von Identifikation. [9] Daß Rosengren/Windahl nicht den schwachen Identifikationsbegriff des Symbolischen Interaktionismus verwenden, zeigt sich schon allein darin, daß bei ihnen Interaktion ohne Identifikation möglich ist (vgl. 1972, 173). [10] Dieser These ist allerdings auch von Seiten des "uses-and-gratifications-approach" widersprochen worden, vgl. Rubin et al. (1985). [11] Horton/Wohl selbst haben keine empirischen Untersuchungen durchgeführt - ihre Beispiele dienen der Illustration und sind keine statistischen Erhebungen. [12] Häufig wird nicht einmal unterschieden zwischen "interaction" und "relationship" - so z.B. bei Grant et al.: "as parasocial interaction is a relationship" (1991, 782). [13] Allerdings ist die Interpretation von parasozialer Interaktion als Ersatz nicht unbedingt verbunden mit einer (moralischen) Geringschätzung; so gehen jüngst Cerulo et al. davon aus, daß parasoziale Interaktion zwar "substitute for personal contact" (1992, 102) sei, aber die entstehenden "media-generated primary groups may not be aberrations of the traditional as much as they are prototypes of the future" (129). [14] Eine ähnliche Einschätzung findet sich bei Cathcart/Gumpert (1983, 272), und auch Dehm (1984a, 53-54) scheint Teicherts Einschätzung zuzustimmen.
Nachbemerkung zur elektronischen Version
Nachbemerkung zur elektronischen Version (10/2000): Die Vorlage zur Publikation des Artikels in Montage/AV (1,1, 1992, pp. 135-150) ist leider verschollen, so dass der vorliegende Text aus meiner alten Amiga-Version rekonstruiert werden musste. Einige Fehler der Druckfassung sind stillschweigend korrigiert, sprachliche oder sachliche Veränderungen habe ich aber nicht vorgenommen. Der Einfachheit halber sind die Quellen, die in den letzten acht Jahren hinzugekommen sind, am Ende angefügt worden. Ihnen liegt allerdings keine systematische Recherche mehr zu Grunde. K.H.
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