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icon Ernst Rohmer

Links zum Kanon. Die literarische Tradition
und ihre Präsenz im Netz

Welche Rolle die literarische Tradition in der Welt der neuen Medien spielen wird, darüber gehen die Meinungen erheblich auseinander. Literaturwissenschaftler wie  Walter Erhart sehen voraus, "daß die Bedeutung der schriftlich fixierten deutschen Literatur in einer Welt der zunehmend visuell und von angloamerikanischer Sprache geprägten Medien rapide schwinden" werde. [ 1 ] Die Rückkehr zu Verhältnissen wie vor der 'Leserevolution' [ 2 ] des 18. Jahrhunderts ließe dann die Beschäftigung mit Literatur "zu einer Angelegenheit von wenigen Experten, Liebhabern und Gelehrten werden." [ 3 ] Medienphilosophen und -theoretiker vertreten mit dem Blick auf die Geschichte die Auffassung, dass sich mit dem Wechsel des Mediums wie bei der Zäsur des Buchdrucks ein Bruch der Tradition ergeben werde, weil nicht alle Texte in das neue Medium überführt würden [ 4 ], andere dagegen sehen als das Kennzeichen und die völlig neue Qualität dieses Medienwechsels an, dass die Gesamtheit der Information zur Verfügung stehen werde und sich damit bis heute nicht abzusehende Konsequenzen aus der Notwendigkeit der Filterung und Strukturierung von Information ergeben werden. [ 5 ] Diese von totaler Differenz zur Buchkultur und ihrer Linearität geprägte Zukunft der Gesellschaft, in der der "Mensch als Relais in kulturellen Netzwerken" funktioniert, [ 6 ] ist allerdings bisher - wie Vieles, was im Zusammenhang mit den Neuen Medien vorhergesagt wurde - Vision geblieben. Mehr oder weniger bewusst betriebene Mythenbildung kann aber nicht Aufgabe einer der Rationalität verpflichteten Wissenschaft sein. Wenn im Folgenden die Spuren der traditionellen Literatur im Netz verfolgt werden, dann geschieht dies auf der Basis empirisch erhobener Befunde im Rahmen der Pflege einer Linkliste, die seit 1996 zu dokumentieren versucht, wo und in welcher Weise sich die deutschsprachige Literatur im Netz wieder findet. [ 7 ]

Mit der Suche nach Präsenzen von Autoren und Texten im Netz hat sich die zunächst vage Vermutung verbunden, dass dieses Weiterleben im Neuen Medium etwas mit der Zugehörigkeit zu einem irgendwie gearteten literarischen Kanon zu tun haben könnte. Das hat sich mit Einschränkungen durchaus bestätigt, wie einige Beispiele belegen können. Die Einschränkungen, die zu machen und ebenfalls zu dokumentieren sind, führen jedoch zu der These, dass das Internet - unter anderem weil es die Möglichkeit zur Präsentation bisher weniger prominenter Autoren bietet - dazu beiträgt, einen anderen Kanon auszubilden. [ 8 ]

Zunächst aber muss es darum gehen, unter welchen Bedingungen deutschsprachige Literatur vom Mittelalter bis zur Gegenwart im Netz existiert bzw. Angebote zu ihnen dort entstehen. Daran schließt sich die Frage an, wie Nutzer zu diesen Angeboten gelangen. Eine Reihe von Beispielen, die jeweils als repräsentativ für einen Typus der Darstellung gelten können, geben schließlich die Basis für den Versuch ab, Tendenzen und Perspektiven für die Lesekultur einerseits wie für die Literaturwissenschaft andererseits aufzuzeigen.
 

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Rohmer: Links zum Kanon

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1.   Bedingungen für das Entstehen
      literarischer Angebote im Netz

2.   Wege zu den Angeboten
3.   Beispiele für die Präsenz
      deutschsprachiger Autoren im Netz

4.   Tendenzen
5.   Überlegungen zum Verhältnis zwischen
      Kanon und im Netz präsenter Literatur

6.   Möglichkeiten und Aufgaben
      der Forschung

:.    Anmerkungen

 

1. Bedingungen für das Entstehen
     literarischer Angebote im Netz

Mit der Einführung der Seitenbeschreibungssprache HTML und der zugehörigen Software zu deren Umsetzung in ein ansehnliches Bild auf den Computerbildschirmen, dem Browser, hat sich Mitte der Neunziger Jahre das ursprünglich als militärisches Projekt konzipierte Netzwerk, das wir heute Internet nennen, endgültig als das 'Neue Medium' etabliert [ 9 ], mit dem sich früh Erwartungen verbanden, wie man sie ähnlich auch schon in den Anfangsjahren des Rundfunks [ 10 ] und des Fernsehens äußerte: dass sich mit dem neuen Vermittlungsweg auch neue Formen der Kunst und speziell der Literatur entwickeln würden. Einerseits versprach die nun mögliche Verknüpfung und Verlinkung von Texten, Bildern und Klängen unterschiedlichster Herkunft die Loslösung vom Prinzip der Linearität, das den Umgang insbesondere mit dem gedruckten Buch zu bestimmen scheint, völlig neue Lese- und Wahrnehmungserfahrungen. Andererseits galt das Internet als ein herrschaftsfreier Raum, in dem Autoren solcher neuer Medienkunst frei von den Repressalien des Verlagswesens und den Konditionen des Buchmarkts ihre Zielgruppe würden finden können. Andere glaubten an Mitschreibprojekte, an kollaborative Autorschaft. Von diesen Projekten sind einige inzwischen nur noch Legende, ihre Spuren lediglich im endlich gegründeten Archiv des Internet zu finden. [ 11 ] So, wie man in den Anfangsjahren des Rundfunks das radiophone Kunstwerk durch Preisausschreiben zu befördern hoffte, so schrieb Die Zeit den Internetliteraturpreis 'Pegasus' aus [ 12 ], der gewiss nicht seines großen Erfolges wegen nach zweimaliger Auslobung still zu Grabe getragen wurde. Der Deutsche Taschenbuch Verlag und die Deutsche Telekom haben zuletzt die Initiative ergriffen und einen neuen Anlauf gestartet. [ 13 ] Wer sich an den stilvollen Auftritt von 'Pegasus' im Rahmen des Internetangebotes der Zeit erinnert, wird die Umgebung, durch die man nun den Wettbewerb (im Kontext des Themas 'lifestyle') erreicht, nur noch als kommerzialisiert empfinden können. Mit seinen Ergebnissen und anderen Projekten der 'Netzliteratur' im Unterschied zur 'Literatur im Netz' befassen sich weitere Beiträge in diesem Band. An dieser Stelle ist die Konzentration auf die traditionelle Literatur und ihre Präsenz im Netz notwendig.

Eine Idee, die mit dem Bekanntwerden des Internet und seinen technischen Möglichkeiten neben der Hoffnung auf eine neue Internet-Kunst sehr schnell Raum griff, war die vom Web als einem riesigen und verteilten Speichermedium oder einer universalen Bibliothek, die endlich die Einlösung eines Menschheitstraumes versprach: die Entstehung eines Archivs menschlichen Wissens, das jedermann zu jeder Zeit an jedem Ort würde zur Verfügung stehen können. [ 14 ] Und tatsächlich strömten Informationen in bald nicht mehr zu übersehenden Massen in die bereit gestellten Speichermedien. Konkrete Größenordnungen hierfür anzugeben, ist offenkundig schwer. Man hat sich lange Zeit damit beholfen, die vergebenen Internetadressen zu zählen und daraus auf das Wachstum zurück zu schließen. Die Anzahl der Web-Seiten soll sich, geht man von einem ungebremsten Wachstum seit der Anfangszeit aus, jedes Jahr vervierfachen. [ 15 ]

Dieter E. Zimmer hat die Entstehung und Entwicklung dieser digitalen Bibliothek in klugen Artikeln in der Zeit begleitet und ausgewogen kritisch kommentiert. Eine Linksammlung zu diesen Artikeln lässt sich bis heute im Internet einsehen und in der Sammlung der Artikel, die im Jahr 2000 unter dem Titel Die Bibliothek der Zukunft erschienen ist, nachlesen. [ 16 ] Sein Fazit leitet auch die hier vorgestellten Überlegungen: Die Verfügbarkeit von bibliographischen Informationen und von digitalisierten Volltexten wird das Buch als Medium nicht ersetzen, aber sie wird nicht ohne Auswirkungen auf die Lektüren der Zukunft bleiben. [ 17 ] Tatsächlich dokumentieren alle Links zu Texten und Autoren der traditionellen Literatur nicht den Siegeszug des Bildschirms, sondern die Liebe zu den Büchern. Wenn diese Liebe zu einem Buch oder einem bestimmten Autor im Netz zum Ausdruck kommt, dann freilich unter ganz bestimmten Bedingungen, die zunächst einmal vor allem rechtlicher Natur sind.

Ein Beispiel für diesen Sachverhalt fand sich im Herbst 2002 unter der Adresse http://www.thomasbernhard.de. Diesen Domainnamen hat ein Leipziger Jungunternehmen registrieren lassen, das sich zunächst als Schulungspartner empfahl, nun aber vor allem Multimedia-Dienstleistungen bis hin zur klassischen Buchproduktion im inzwischen gegründeten Verlag Virtusens anbietet. [ 18 ] Der Diplominformatiker Mike Wolke und der Magister der Rhetorik Jens Dechering sind für ihr Konzept eines Wissensportals im Jahr 2000 sogar mit einem Multimedia-Preis des Bundesministeriums für Wirtschaft ausgezeichnet worden. Als Visitenkarte für ihre Leistungsfähigkeit haben beide frei zugängliche Internet-Seiten zu interessanten Personen geschaffen, etwa zu Balthasar Gracian, Niccolo Machiavelli, Blaise Pascal, Sören Kierkegaard, F. M. Dostojewskij, Friedrich Nietzsche und eben auch Thomas Bernhard. Sie fanden es vor dem Hintergrund der technischen Möglichkeiten des Internet vor allem faszinierend, Bernhard auch zur Sprache kommen zu lassen, und machten Filmaufnahmen von Interviews und Tondokumente zugänglich. Als man Kontakt mit dem Suhrkamp-Verlag und der Bernhard-Stiftung wegen der Rechte suchte und mit der Bitte um Unterstützung an beide herantrat, wurde diesem anarchischen Treiben ein Ende gesetzt. Wer heute die Adresse aufruft, bekommt eine Animation zu sehen, in der der Schriftzug 'ausgelöscht' die Eingangsseite verdrängt. Wer dann klickt, kann unter der Adresse www.ausloeschung.de die Hintergründe nachlesen, begleitet von teilweise deftigen Bemerkungen Bernhards, die im Hintergrund geladen werden:

"Im Dezember 2001 erhalten wir Post von der international tätigen Wiener Rechtsanwaltskanzlei Schönherr.
Dr. Fabjan und die Thomas Bernhard Privatstiftung befehlen uns, alle Werke Thomas Bernhards auszulöschen. Wir hätten nie die Erlaubnis erhalten, die Interviews im Internet zu präsentieren. Eine martialisch formulierte Unterlassungserklärung liegt bei."
[ 19 ]

Bemerkenswert ist dabei schon, dass man im Verlag offenkundig um die Werbewirksamkeit eines solchen Internet-Auftrittes weiß, denn wie die Macher von Virtusens weiter schreiben:

"Dazu ist auch kurios, dass im Herbst 2001 noch offiziell vom Suhrkamp-Verlag angefragt wurde, ob der Verlag unsere Seite in einem Prospekt zu Thomas Bernhard veröffentlichen darf (natürlich gestatteten wir das) und es wird unsere Seite von der Thomas Bernhard Gesellschaft, die von der Privatstiftung gefördert wird, ausdrücklich gelobt.
[...] und jetzt verlangt [...] wer auch immer, auch noch, dass wir den Namen www.thomasbernhard.de aufgeben müssen, der Stiftung schenken sollen, weil Thomas Bernhard beim Patentamt als SAMMELMARKE registriert ist."
[ 20 ]

Tatsächlich besteht die Bernhard-Seite unter dem Titel "Auslöschung" fort. Nach wie vor findet man dort einen biographischen Aufriss und bibliographische Informationen sowie aktuelle Mitteilungen zur Beschäftigung mit dem Autor, freilich wie auf allen Seiten zu Autoren des Suhrkamp-Verlages keine Leseproben oder anderes, was den Internet-Nutzer in irgendeiner Form auf die Bücher neugierig machen könnte - ein Sachverhalt, der sich übrigens auch auf den Seiten des Verlages selbst fortsetzt.

Ursache für die Kalamitäten, die die Macher von Virtusens durchstehen mussten, ist das Urheberrecht. Es untersagt die Veröffentlichung von Texten, deren Autoren nicht länger als 70 Jahre tot sind, um die Nutzung der Rechte durch die Nachfahren sicher zu stellen. [ 21 ] Ausnahmen gibt es nur in engen Grenzen zum Beispiel für die Forschung und Lehre. In diesen Einschränkungen ist der wesentliche Grund dafür zu suchen, dass die Literatur des 20. Jahrhunderts im Netz nicht in dem Umfang zugänglich ist, wie man das eigentlich angesichts des Leserinteresses zu erwarten hätte. Und wenn man in die Anfangszeiten des World Wide Web zurückblickt, muss man feststellen, dass es eine Vielzahl von Initiativen gegeben hat, in denen - teilweise in einem in seinem Ausmaß erschreckenden fehlenden Unrechtsbewusstsein - dem Urheberrecht unterliegende Texte im Netz publiziert wurden. Hier haben die Rechtsanwälte der Verlage für Ordnung gesorgt und die Stilllegung vieler Angebote bewirkt.

Nun ist das Urheberrecht allerdings nicht das Schreckgespenst, als das es im Zusammenhang mit dem anarchischen Internet immer dargestellt wird. Eine Abdruckerlaubnis für einen Textausschnitt ist oft nicht schwer zu erhalten, manchmal werden geringe Gebühren berechnet, die in der Regel aber auch ein Privatmann, dem die Sache wichtig ist, wird bezahlen können. [ 22 ] An den Suhrkamp-Verlag freilich braucht man sich da - wie eben schon angedeutet - nicht zu wenden. Sehr viel schwieriger ist es wohl im Allgemeinen, die Inhaber der Rechte überhaupt ausfindig zu machen.

So erscheint das Internet heute vor allem als Archiv der Literatur und hier insbesondere der vor 1900. Am eindrücklichsten repräsentiert diesen Gedanken das Projekt Gutenberg. Es geht auf eine Initiative von Michael Hart in Urbana, Illinois zurück, der 1971 schon mit der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung den ersten Text in ein Archiv stellte, das heute ca. 2200 Texte der Literatur enthält. [ 23 ] In Deutschland griff diesen Gedanken Gunter Hille aus Hamburg auf, der 1994 ein entsprechendes Archiv für deutschsprachige Literatur begründete. Die Sammeltätigkeit begann mit Märchen, erstreckte sich bald aber über Texte vom Barock bis zur Gründerzeit und schließt heute ganz selbstverständlich auch die Übersetzungen z. B. französischer oder englischer Literatur mit ein. Anders als das amerikanische Vorbild, das seine Texte im 'Computerformat' ASCII archiviert, sind die Texte sämtlich für die Präsentation am Bildschirm eingerichtet. [ 24 ]

Auf welches Interesse dieses Archiv stößt, mag man daran erkennen, dass sich die Universität Hamburg, auf deren Servern das Archiv gespeichert war, bald nicht mehr in der Lage sah, die Zugriffe zu bewältigen. Für einige Zeit nahm der Internet-Provider AOL die Sammlung bei sich auf. Inzwischen ist es Bestandteil des Online-Angebotes des Nachrichtenmagazins Der Spiegel. [ 25 ] Das hat nichts am grundlegenden Prinzip geändert, dass der Textbestand sich ausschließlich auf der Basis von Freiwilligkeit erweitert: Die Texte werden von Lesern nach deren persönlichen Interessen erfasst und sind folglich auch nicht ganz frei von Erfassungsfehlern. Auf die kommerziellen Konkurrenten, die das Projekt von Gunter Hille hat, sei hier nicht weiter eingegangen. [ 26 ] Es gibt aber eine ganze Reihe von Textarchiven, die entsprechend der Interessen ihrer Nutzer ergänzt und ausgebaut werden, etwa ein Archiv, das sich der österreichischen Literatur widmet. Austrian literature online ( ALO) enthält etwas über 1000 Texte [ 27 ] von Peter Altenberg oder Franz Grillparzer, aber auch kulturgeschichtlich bedeutsame Werke bis hin zu Zeitschriftenjahrgängen. Im Unterschied zu den Gutenberg-Archiven werden hier die Texte allerdings nicht in Zeichen umgesetzt, sondern als Seitenbilder archiviert. Das erleichtert den Umgang mit Texten in Fraktur, lässt aber zum Beispiel keine Volltextrecherche zu. Auch ist die Trägerschaft grundlegend anders: Es handelt sich um ein öffentliches Projekt der österreichischen Bibliotheken, die unter anderem in der Fernleihe bestellte Werke aus dem 18., 19. und frühen 20. Jahrhundert zu deren Schutz als Digitalisate bereitstellen. [ 28 ] Diesem Vorgehen scheint insgesamt die Zukunft zu gehören, was sich an noch folgenden Beispielen zeigen wird.

Für die Entwicklung der Anfangsjahre des World Wide Web sind freilich eher die von Privatinitiativen getragenen Sammlungen exemplarisch, etwa die Volksliedersammlung des Deutsch-Amerikaners Frank Petersohn unter der Adresse http://www.ingeb.org oder die Bibliotheca Augustana von Ulrich Harsch, wobei im Vergleich der beiden auch die extreme Spannbreite im Angebot deutlich werden kann. Basis von Ingeb.org ist die Volksliedsammlung Des Knaben Wunderhorn von Achim von Arnim und Clemens Brentano. [ 29 ] Äußerlich schlicht gehalten findet man hier vom Volkslied bis hin zum vertonten Gedicht, was man nur irgendwie mit 'Lied' in Verbindung bringen kann, inzwischen erweitert um Volkslieder aus aller Welt und ergänzt teilweise durch Midi-Files und Notenmaterial. Dass dabei die Sammelwut unter den 20000 Liedern auch zweifelhaftes Liedgut aus dem Dritten Reich völlig unreflektiert und unkommentiert erfasst, ist für den unkritischen Enthusiasmus vieler Seitenbetreiber exemplarisch. [ 30 ]

Anders bei der Bibliotheca Augustana von Ulrich Harsch. [ 31 ] Dass sie im Zusammenhang mit der Ausbildung von Grafikern steht - Harsch ist Professor für Kommunikationsdesign und elektronisches Publizieren an der Fachhochschule Augsburg -, merkt man ihr an. Hier ist einer der leitenden Gedanken, dass Texte, die man am Bildschirm lesen soll, anders gestaltet sein müssen als solche, die in gedruckter Form rezipiert werden sollen. Die Sorgfalt, die bei der Präsentation angewandt wird, ist allenthalben zu spüren. Aber auch die Textauswahl folgt anderen Kriterien als bei Gutenberg. Es geht um ein Archiv bedeutender abendländischer Literatur, wobei die Motivation des Betreibers schon dadurch signalisiert wird, dass die Anweisungen zur Bedienung des Archivs in Latein abgefasst sind, nicht zuletzt die Warnung vor dem verbreiteten Internet-Browser aus dem Hause Microsoft: "Cave Gatem et Exploratorem!" [ 32 ]
 

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1.   Bedingungen für das Entstehen
      literarischer Angebote im Netz

2.   Wege zu den Angeboten
3.   Beispiele für die Präsenz
      deutschsprachiger Autoren im Netz

4.   Tendenzen
5.   Überlegungen zum Verhältnis zwischen
      Kanon und im Netz präsenter Literatur

6.   Möglichkeiten und Aufgaben
      der Forschung

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2. Wege zu den Angeboten

Wie findet man nun zu den literaturspezifischen Seiten im World Wide Web? Die häufig gemachte Feststellung, dass mit dem Anwachsen der Informationen nicht mehr die Frage, ob es das überhaupt gibt, im Vordergrund steht, sondern die, wie man schnell zu einer vertrauenswürdigen Quelle gelangt, trifft auch hier zu. Die dazu eingeführten Mittel, die Suchmaschinen, versuchen zwar, das, was sie im Internet kennen (was ohnehin nur einen Bruchteil des Vorhandenen ausmacht) bewertet auszugeben, können dabei aber die Intentionen des Fragestellers nicht wirklich kennen.

Führer zu solchen Internetquellen wurden aus diesem Grund schon sehr früh angeboten, insbesondere solche in gedruckter Form. Internet-Programm-Zeitschriften aus den Anfangsjahren sind inzwischen wieder eingestellt, für den literarischen Bereich waren die Literarischen Spaziergänge im Internet von Reinhard Kaiser eine Pioniertat [ 33 ], die ohne wirkliche Nachfolge blieb. Das Manko, dass viele der genannten Adressen heute schon nicht mehr bestehen, dass andererseits neue Angebote hinzugekommen sind, wird vom Verlag durch eine Linkliste im Internet und einen Newsletter ausgeglichen. [ 34 ]

Dem Medium insgesamt angemessener sind Linklisten und kommentierte Kataloge im Netz selbst. Unter den zahlreichen Initiativen verschiedener Träger seien - auch hier nur exemplarisch - einzelne vorgestellt: An der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin hat Ulrich Goerdten eine Linkliste als "Germanistische Fachinformationen im WWW" begründet [ 35 ], die seit der Pensionierung des Initiators von Doris Eh und Barbara König weiter geführt wird. Diese Tatsache allein schon ist ein Hinweis darauf, dass die Bibliotheken es als eine ihnen neu zugewachsene Aufgabe ansehen, den Zugang zu Informationen im Netz zu ermöglichen. War die Liste ursprünglich darauf abgestellt, wirklich jeden Link zu einem Autor zu dokumentieren, verfolgt man nun das Prinzip, nur wirklich verwendbare Internet-Angebote nachzuweisen und inhaltlich knapp zu charakterisieren.

Einen anderen Weg hat Helmut Schulze eingeschlagen. Sein Katalog verzeichnet - geordnet nach Autoren - sämtliche Texte, die von ihnen im Netz zu finden sind. [ 36 ] Es handelt sich hier also letztlich um ein Inhaltsregister aller einschlägigen Textarchive und Sammlungen. Über einige Monate des Jahres 2002 fand man hier den Hinweis, dass Schulze durch einen Umzug seiner Seiten zu einer Neuordnung gezwungen sei. Das führte dazu, dass viele Teilbereiche nicht zugänglich waren. Der Anlass hierfür ist für die Entwicklung im Netz durchaus typisch. Schulze hatte sein Projekt bei einem Provider begonnen, der kostenlos Speicherplatz im Netz zur Verfügung stellte. Die Resonanz auf seine Liste führte dazu, dass er sich mit seinem Angebot von dem Internet-Dienstleister clickfish hat anwerben lassen. Das Konzept von clickfish sah vor, für die Betreuung der Seiten und die Beantwortung von Leseranfragen am zu erzielenden Gewinn beteiligt zu werden. Einnahmen sollten wohl vor allem über Werbung erreicht werden. Allerdings hat clickfish inzwischen wegen Misserfolg seinen Geschäftsbetrieb eingestellt - die Folgen für Schulzes Liste waren drückend zu spüren. [ 37 ]

Zusammen mit meinem Erlanger Kollegen Gunther Witting betreue ich selbst eine weitere Linkliste, die als "Erlanger Liste - Germanistik im Internet" bekannt geworden ist. Die Arbeit daran zeigt uns, dass inzwischen die Grenzen dessen erreicht worden sind, was man ohne institutionelle Absicherung und als Einzelkämpfer noch verantworten kann: Ohne regelmäßige Überprüfung des Funktionierens von Links, ohne Aktualisierung und ohne das Austauschen von Hinweisen gegen inzwischen besser geeignete veraltet ein solcher Katalog innerhalb eines halben Jahres bis hin zur Unbrauchbarkeit. Andererseits können wir auch beobachten, dass zur Pflege des Katalogs eine Fachkompetenz erforderlich ist, die von Bibliothekaren, Online-Redakteuren oder studentischen Hilfskräften nicht erwartet werden kann.

Unser von den ersten Anfängen im Jahr 1996 an verfolgtes Prinzip, dass die Links ohne eine Kommentierung dem Benutzer wenig nützen, hat sich inzwischen durchgesetzt, etwa bei den Fachinformationen in Berlin. Auch die im Online-Buchhandel als Sonderfall lange Zeit bemerkenswerte, redaktionell sorgfältig betreute Präsenz von libri.de ging wohl in den die Literaturgeschichte betreffenden Teilen auf das Vorbild der Erlanger Liste zurück. Die inzwischen völlig überarbeitete und auf die Verkaufsförderung reduzierte Seite dokumentierte im Herbst 2002 noch die Spannung zwischen dem, was im Netz tatsächlich behandelt wird, und dem, was man erwarten würde. Libri hatte nämlich auf die durch die Pisa-Studie erneut angefachte Diskussion um die als kanonisch einzuschätzenden literarischen Texte reagiert und empfahl sowohl Bücher zum Thema als auch einschlägige Literaturlisten, was durch entsprechende Textsammlungen von Verlagen - etwa die von Marcel Reich Ranicki herausgegebene Anthologie 'kanonischer' Romane [ 38 ] - natürlich begünstigt wurde.
 

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2.   Wege zu den Angeboten
3.   Beispiele für die Präsenz
      deutschsprachiger Autoren im Netz

4.   Tendenzen
5.   Überlegungen zum Verhältnis zwischen
      Kanon und im Netz präsenter Literatur

6.   Möglichkeiten und Aufgaben
      der Forschung

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3. Beispiele für die Präsenz deutschsprachiger Autoren
     im Netz

3.1 Orientierung am Kanon

Auf der Basis eines Kanon-Vorschlags von Marcel Reich Ranicki, den dieser in der Online-Ausgabe des Spiegel im Jahr 2001 publiziert hat , ist im Folgenden danach zu fragen, in welchem Umfang und auf welche Weise die kanonischen Autoren im Netz vertreten sind. Ausgewählt wurde dazu der Bereich des 18. Jahrhunderts als derjenige Zeitabschnitt aus einer Folge von Zeitleisten, in dem auch Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller mit Texten vertreten sind. Neben ihnen findet man Johann Christian Günther, Gotthold Ephraim Lessing, aber auch Friedrich Hölderlin oder E.T.A. Hoffmann. Gibt man nun diese Namen in die im Herbst 2002 wohl renommierteste und leistungsfähigste Suchmaschine Google ein, erhält man zwar zu jedem der Namen in jedem Fall Treffer.

Suchanfragen Treffer
Johann Christian Günther 454
Gotthold Ephraim Lessing 9370
Johann Wolfgang Goethe 67800
Johann Wolfgang von Goethe 60500
Johann Wolfgang Goethe Faust I 2750
Johann Wolfgang Goethe Leiden des jungen Werther 2270
Friedrich Schiller 83500
Friedrich Schiller Kabale und Liebe 1560
Friedrich Hölderlin 8890
E.T.A. Hoffmann 26300
E.T.A. Hoffmann Serapionsbrüder 212

{Abb. Autoren d. 18. Jh.}

Die unterschiedliche Verteilung der Häufigkeit überrascht im Einzelfall doch. Freilich sagen die Treffer noch nichts darüber aus, wie die Autoren tatsächlich im Netz präsent sind. So sind unter den vielen Einträgen zu Johann Wolfgang Goethe an prominenter Stelle - nämlich auf der ersten Seite der Suchergebnisse - vor allem Treffer, die sich auf die nach ihm benannte Universität in Frankfurt am Main beziehen. Gleiches gilt auch für Friedrich Schiller, der Treffer vor allem deshalb hat, weil er Namenspatron der Universität in Jena ist. Eine der Suchmaschine bekannte Domain mit dem Namen http://www.johann-wolfgang-goethe.de (21. 07. 2003) ist offensichtlich ungenutzt. Der Server meldet nach dem Aufruf nur einen internal error. Institutionen, von denen man Informationen zu Goethe erwarten würde, wie die Stiftung Weimarer Klassik oder das Goethe-Institut, stellen solche nicht bereit. Da hat selbst das Goethe-Jahr 1998 nichts bewirkt; solche Jubiläen sind in anderen Fällen inzwischen schon oft Anlass gewesen, eine Internetpräsenz einzurichten, wie etwa für Martin Luther [ 40 ] und Philipp Melanchthon [ 41 ], aber auch in bescheidenerem Umfang für Novalis. [ 42 ]

Die konkretere Nachfrage nach bestimmten kanonischen Texten ergibt vor allem Verweise auf Seminarankündigungen in den online zugänglichen Vorlesungsverzeichnissen. Ein Ärgernis ist zudem, dass sich hinter vielen Adressen letztlich ein Buchversender verbirgt, der seinen Katalog offenkundig unter den verschiedensten Domainnamen wie http://www.lehrbuchnet.de (21. 07. 2003) o. ä. aufrufen lässt.

Mit http://www.friedrich-von-schiller.de (21. 07. 2003) findet sich zumindest ein Versuch, den Autor in irgendeiner Weise zu würdigen. Inhaltlich ist das Angebot aber eher schwach, besteht es doch lediglich aus einer Zeittafel und einem Werkverzeichnis auf der Basis der rororo Monographie von Friedrich Burschell aus dem Jahre 1958. Dahinter steckt ein Internet-Verlag für Wissenschaft, Bildung, Medizin, Kunst und Kultur in Berlin [ 43 ], der hiermit eine Probe seines Könnens liefern will.

Je spezifischer man die Suche durchführt, umso deutlicher wird, in welchen Zusammenhängen Autoren und ihre Texte im Netz aufscheinen können. Die Anfrage nach Friedrich Schiller und Kabale und Liebe fördert Links vor allem zu Theaterprogrammen zu Tage, führt aber dann auch recht schnell zu Lektürehilfen für die Schule u. ä. Hier wird die Funktion des Internet als Marktplatz für Unterrichtsentwürfe, Referate und Hausarbeiten deutlich.

3.2 Beispiele

Anders als bei Schiller und Goethe führen die 8890 Treffer zu Hölderlin bereits mit dem ersten zur Homepage der Friedrich-Hölderlin-Gesellschaft. [ 44 ] Sie ist ein Muster hinsichtlich der Präsenz von Autoren im Web. Neben einer Biographie und einem Werkverzeichnis hat man Zugang zu den digitalisierten Werken, kann Handschriften ansehen und sich an ein Forum mit Fragen wenden. In dieser umfassenden Weise präsentieren bislang aber nur sehr wenige literarische Gesellschaften ihren Gegenstand im Netz.

Da ist die Art und Weise, wie Ernst Theodor Amadeus Hoffmann dort vorkommt, schon sehr viel typischer für die Masse der Angebote zu Autoren. Neben den bereits erwähnten Unterrichtsentwürfen, Referaten und Hausarbeiten fallen besonders Internet-Präsenzen von Privatpersonen ins Auge, die einen Autor, den sie schätzen, einer Internet-Öffentlichkeit präsentieren und diese damit zur Lektüre anregen wollen. So wird Hoffmann z. B. als Vorläufer von Stephen King und Horror-Klassiker vorgestellt und Liebhabern dieses Genres ans Herz gelegt. [ 45 ]

Setzt man solche Stichproben bis in die Gegenwart fort, stellt sich schnell heraus, dass sich bei der Darstellung von Autoren und deren Werk bzw. auch einzelner Texte daraus bestimmte Regelmäßigkeiten der Darstellung herausgebildet haben. Entscheidend ist aber vor allem, dass Voraussetzung für die Erstellung einer Web-Präsenz immer auch eine besondere Affinität des Betreibers zu seinem Gegenstand ist, die diesen dann aber auch leicht einmal unangemessen verengt. Ein Beispiel hierfür ist die Seite zu Heinrich Heine von Werner Fricke. [ 46 ] Die politische Haltung des Autors ist offensichtlich Beweggrund für die Darstellung von 'Leben, Leiden, Werk und Hintergrund'. Im Mittelpunkt steht dabei die Zeit der Matratzengruft; es geht weniger um eine einigermaßen abgeschlossene Darstellung als um das Dokumentieren einer bestimmten Lebenshaltung, die man aus den ins Netz gestellten Textauszügen entnehmen soll.

Auch in anderen Fällen ist das Motiv für die Erstellung einer Web-Site unschwer zu erkennen. So ist die Einspielung der politischen Lieder von Hoffmann von Fallersleben einschließlich des Deutschlandliedes auf einer CD Anlass für eine Dokumentation zum Werk im Internet. [ 47 ] Dabei ist der Nationalhymne natürlich ein prominenter Platz sicher. In einem Forum können sich die Nutzer der Seite zudem zu Wort melden, angesichts der im Netz dominierenden tendenziellen Auseinandersetzung speziell mit diesem Text mit Sicherheit eine Notwendigkeit und ein Gewinn.

An Theodor Fontanes Web-Präsenz [ 48 ] wird sichtbar, wie problematisch es um die Kontinuität der Einrichtungen bestellt ist. Die Betreiberin Stefanie Agerer hat sich als Schülerin dafür begeistert, ein Fontane-Projekt zu begründen. Über einige Jahre wuchs das Angebot, bot unter anderem auch einen Newsletter zu Fontane-Themen. Etwa ein Jahr lang offerierte die Gründerin das gesamte Material, den Domain-Namen und die E-Mail-Adressen der Bezieher des Newsletter zum Kauf, wobei sie sich einen ihrem Arbeitsaufwand, den sie mit 1000 Stunden bezifferte, doch einigermaßen entsprechenden Preis vorstellte. Inzwischen hat sie sich dazu entschlossen, die Fontane-Information ohne weitere Betreuung im Netz bestehen zu lassen.

Gänzlich anders stellt sich die Situation für Autoren dar, die in irgendeiner Weise mit dem Rundfunk verbunden sind. Ein Muster hierfür ist die Pflege, die Radio Bremen seinen Autoren wie Helmut Heißenbüttel, Ingeborg Bachmann und vor allem natürlich Günter Grass angedeihen lässt. Abgesehen davon, dass sich die Links wegen der Dynamik, die die Entwicklung gerade bei den elektronischen Medien inzwischen gewonnen hat, ständig ändern und sich so kaum dokumentieren lassen, findet man auf dem Server über die interne Suche [ 49 ] schnell zu Begleitmaterial zu Sendungen, vor allem aber auch zu Dokumentationen bestimmter Rundfunkprojekte oder auch zu Interviews. Reizvoll sind die Tondokumente, die man online abhören kann. Hier können die Sender natürlich hervorragend auf ihre Archive zurückgreifen und attraktive Inhalte bereit stellen, die Privatleuten zwangsläufig verschlossen bleiben.

3.3 Detailanalyse eines Beispiels (Hermann Hesse-Seite)

Nachdem einige in ihrer Trägerschaft und ihrer Motivation, damit aber noch keineswegs in ihren Konzeptionen voneinander abweichende Möglichkeiten betrachtet wurden, wie man Literatur und ihre Autoren im Netz präsentieren kann, seien nun an einem Angebot einzelne Bestandteile charakterisiert. Die Seiten zu Hermann Hesse, die man im Internet unter dem Domain-Namen http://www.hhesse.de (21. 07. 2003) findet, enthalten die im Rahmen ambitionierterer Sites üblichen Elemente. Auch die Entstehung und der Nutzerkreis können als typisch gelten. Der einzig feststellbare Unterschied zu den bisher vorgestellten Angeboten scheint zu sein, dass Hesse - nicht nur wegen des 2002 begangenen Jubiläumsjahres - eine ungebrochene Attraktivität besitzt, die zu einer im Vergleich zu anderen Angeboten dann doch intensiveren Nutzung des Angebots führt. Es lassen sich also viele sonst zu verallgemeinernde Beobachtungen mit Beispielen aus diesem Webangebot belegen.

Verantwortlich für die Seiten zeichnet Timo Reith aus Offenbach am Main. Eigenen Aussagen zufolge entstand das Hesse-Projekt aus einer durchaus vorhandenen Begeisterung für den Autor, vor allem aber aus der leichten Verfügbarkeit entsprechender technischer Einrichtungen auf dem Web-Server der Frankfurter Universität.

"Es war das Ende des Jahres 1997 als ich ein Studium begann und dadurch an der Uni etwas Webspace zur Verfügung gestellt bekam. Ich hatte keine Ahnung, wie ich es anstellen sollte, aber eine Webseite zu erstellen wäre doch ganz cool, dachte ich. Aber was sollte ich mir zum Thema nehmen?
Es war auch die Zeit, in der ich Hesse für mich entdeckte und als ich von der leeren Webseite auf dem Monitor rüber zum Bücherregal schaute, hatte ich ein Thema gefunden."
[ 50 ]

Der anzitierte Rückblick wurde aus Anlass der 1000. Anmeldung zu einer "Gemeinschaft der Morgenlandfahrer" verfasst, deren Mitglieder sich um die seit 2001 bestehende Webpräsenz http://www.hhesse.de versammeln, um in Foren und Chatrooms ihre Erfahrungen mit dem Autor auszutauschen oder auch einer breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Entsprechend sind die Angebote der Web-Präsenz gestaltet. Man findet dort neben der Möglichkeit zum Chat zunächst einmal Einschlägiges zu Autor und Werk: Ein biographischer Abriss aus einem populärwissenschaftlichen Nachschlagewerk [ 51 ] stellt den Autor vor. Recht ausführliche Hinweise auf die einzelnen Werke führen den Leser ein; allerdings gibt es dabei nur kurze Zitate zur Unterstützung, die die Funktion einer Leseprobe jedenfalls nicht erfüllen können und wollen. Eine Ausnahme bilden lediglich die Gedichte, von denen immerhin elf online zu lesen sind. Ein recht gut ausgebauter Bereich ist schließlich die Abteilung mit Schul- und Universitätsreferaten und -arbeiten, die man als Volltext herunterladen kann. Eine Liste zu Hesse-Links und Verweise auf die Stadt Calw komplettieren das Bild.

Näher in Augenschein sei das Forum genommen, weil es am deutlichsten dokumentiert, wie das gesamte Angebot von seinen Nutzern aufgenommen wird. Beim ersten Blick darauf fällt auf, dass der Gebrauch, den Besucher der Seite davon machen, eine erhebliche Differenzierung nötig macht. Neben einem Forum, das ausschließlich Fragen zu Hermann Hesse und seinem Werk vorbehalten ist, gibt es solche zu anderen Lektüreerfahrungen, zu Suchanfragen (überwiegend nach bestimmten Textstellen), noch einmal eine Rubrik für Anfragen von Referat geplagten Schülern, aber auch eine zur Diskussion eigener literarischer Werke. Auch wenn eine solche Rubrik eigentlich aus der Systematik fällt, kommt sie offenkundig dem Bedürfnis entgegen, für dessen Erfüllung das World Wide Web wie geschaffen scheint: ohne die Zwischenstufe eines Lektors und eines Verlages ein Publikum für seine Texte zu finden. Auf diesen Aspekt sei hier aber nicht weiter eingegangen.

Aufschlussreich sind die Einträge in den Foren. Einige wenige Beispiele daraus machen das deutlich, wobei bewusst auf die Dokumentation der Schulhilfe verzichtet sei, die die üblichen Einträge enthält ("Benötige Informationen zur Epoche, in der Hesse lebte/schrieb, sprich die Entfaltung der Moderne. Hat jemand Ideen, wo ich das finden kann? Jens"). Die anderen Abteilungen sind von einem anderen Geist getragen. Vorausgeschickt sei, dass die angemeldeten Nutzer der Hesse-Seite sich Alias-Namen wählen, die häufig aus dem Werk Hesses selbst stammen. So korrespondiert hier nun ein Meister Niklaus (der Bildhauer, zu dem Narziß in die Lehre gehen will) mit (Karl Eberhard) Knulp, der Titelgebenden Figur zu Hesses Erzählungen aus dem Jahr 1915. Der eben erst in die Gemeinschaft der Morgendlandfahrer eingetretene Meister Niklaus schreibt in seinem ersten Beitrag:

Meister Niklaus

Hier seit: 19. 10. 2002

Ort: Hermsdorf

Moin!
Das ist mein erster Beitrag
Hier meine Frage: Der Name Narziß kommt doch bestimmt von Narzißmus!
Was würdet ihr dazu sagen?
Übrigens wie alt seid ihr eigentlich alle?
Ich bin 14 und hoffentlich nicht als einziger
Ciao
Meister Niklaus

Knulp

Hier seit: 05. 06. 2002

Beiträge: 15

Ort: Taucha

Geschrieben: 20 Oct 2002 00:31

Titel: Narziß

Hallo Meister Niklaus,
Narziß kommt aus der griechischen Mythologie. Der schöne Jüngling Narziß verschmähte die Liebe der Göttin (Nymphe) Echo. Aphrodithe strafte ihn damit das er sich in sein eigenes Spiegelbild verlieben mußte. Er verzehrte sich nach sich selbst und verging. Echo verging ebenfalls und es blieb nichs weiter als ihr Echo.
Daher hat die Blume ihren Namen.
Das nur ganz kurz dazu.
Gruß Knulp!


Eine andere Anfrage kennzeichnet die Spannbreite der Interessenten. Der Musiksoziologe und Redakteur beim Südwest Rundfunk Lutz Neitzert wandte sich am 22. Januar 2002 mit einer Anfrage zu 'Hermann Hesse in der Rock Musik' an das Forum.

Neitzert

[...] Für eine geplante Hörfunksendung wäre ich dankbar für jeden Hinweis auf Rock (bzw. Jazz )Musiken mit direktem Bezug auf Hesse's Werk!

[...]


Die erste Antwort darauf erhielt er schon sieben Stunden später von Karita, die damit seit ihrem Eintritt in die Gemeinschaft der Morgenlandfahrer innerhalb von 18 Tagen bereits den 30. Beitrag liefert:

Hallo Neitzert,

Soviel ich weiß gab es irgendwann mal eine Band namens "Steppenwolf" das folgende Lied kennst du sicher:
STEPPENWOLF; BORN TO BE WILD
[...]
obwohl der Text...nunja
Ansonsten ist mir nichts bekannt, ist aber interessant, wenn es noch mehr gäbe.
H. Spielman hat zwar Gedichte von Hesse vertont, aber das ist keinesfalls unter Rock/Jazzmusik einzuordnen. Eher die sanfte Gitarrenbegleitung.
Wann soll die Sendung denn laufen?
Namaste
Karita


Fünf Stunden später wird das durch Jürgen ergänzt, der in seinem 52. Beitrag innerhalb von knapp 7 Wochen Mitgliedschaft kompetent Auskunft gibt:

Hesse hat in den 60er Jahren nachhaltig die Rock- und Jazz-Szene beeinflusst, ohne dass sich dies in ausdrücklichen "Vertonungen" seiner Texte niedergeschlagen hätte. Der Musikkritiker Joachim Ernst Berendt hat dazu einiges geschrieben (z. B. in dem Sammelband "Über Hermann Hesse" II, S. 276ff: "HH und die musikalische Subkultur").
[Es folgt ein präzisierender Hinweis auf die Rock-Band Steppenwolf, dann weiter]
In den 60ern gab es auch ein Projekt "Hesse between music" mit Hesse-Gedichten und Jazzmusik der Gruppe Between.
Gruß Jürgen.


Eine Stunde später von Dionysos (60. Beitrag):

Angeblich war James Douglas (Jim) Morrison, der Leadsinger der Band "The Doors" ein Verehrer von Hesse ...
Ich habe das mal irgendwo gelesen oder gehört, habe die Quelle aber leider vergessen ...


Und 15 Wochen später ergänzt Sebastian die Auskünfte noch einmal:

die deutsche rock-formation "anyone's daughter" hat in den 80er jahren "pictors verwandlungen" als vorlage für ein ziemlich langes rock-opus verwendet. die band tritt übrigens zusammen mit den rock-opas von "steppenwolf" auf beim zweimonatigen hesse-festival in hesses geburtsort calw am 30 juni. "steppenwolf" allerdings hatten und haben mit hesse herzlich wenig zu tun. im zuge der in den 60er jahren großen hessebegeisterung in den usa (stichwort: flower power) hatte die band der einfachheit halber hesses romantitel entliehen. ein bezug zu timothy learys empfehlung, vor der lektüre von hesses steppenwolf halluzinogene stoffe zu konsumieren, kann nicht von der hand gewiesen werden.

Die zwei Auszüge dokumentieren, dass die Kommunikation interessierter Leser untereinander ganz wesentlich dazu beitragen kann, die Lektüre zu erleichtern und den Leser darüber hinaus interessierende Aspekte zu beleuchten. Dabei kam es in den zitierten Beispielen gerade auf die Bandbreite an: Der Anfänger in Sachen Hesse mit einer fast schon naiven Frage wird hier ebenso ernst genommen wie die Herausforderung des Musikredakteurs.

Von der Einrichtung des Forums wird reger Gebrauch gemacht. An einem Sonntagabend, an dem ich mich zur Überprüfung der hier mitgeteilten Beobachtungen über längere Zeit auf http://www.hhesse.de aufgehalten habe, waren regelmäßig zwischen 25 und 35 Nutzer gleichzeitig auf den Seiten unterwegs, und auch bei einem Kontroll-Besuch an einem Werktag mittags um 13 Uhr gab es zwischen 25 und 55 Nutzer, davon immerhin drei eingetragene Mitglieder der Morgenlandfahrer. In den 14 Monaten des Bestehens haben die Nutzer insgesamt 2980 Beiträge in die Foren gestellt, das sind im Tagesdurchschnitt etwa 7 neue Mitteilungen. Interpretiert man diese Zahlen, dann muss man aber auch feststellen, dass die wenigsten Besucher sich an der Kommunikation aktiv beteiligen wollen; sie sind wohl in der überwiegenden Mehrheit auf der Suche nach Informationen und werden nach kurzer Überprüfung des Angebots die Seiten wieder verlassen. An einem eigenen aktiven Beitrag, der zum Anwachsen des Informationsgehaltes - und sei es nur durch eine gestellte Frage - beitragen könnte, sind die wenigsten interessiert.
 

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Rohmer: Links zum Kanon

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1.   Bedingungen für das Entstehen
      literarischer Angebote im Netz

2.   Wege zu den Angeboten
3.   Beispiele für die Präsenz
      deutschsprachiger Autoren im Netz

4.   Tendenzen
5.   Überlegungen zum Verhältnis zwischen
      Kanon und im Netz präsenter Literatur

6.   Möglichkeiten und Aufgaben
      der Forschung

:.    Anmerkungen

 

4. Tendenzen

Aus den vorgestellten Beispielen ist wohl deutlich geworden, dass sich einerseits feste Strukturen herausgebildet haben, was zu einer Internet-Präsenz eines Autors gehört (biographische Hinweise, Einführung in das Werk, in ambitionierteren Projekten Literaturhinweise und Foren), dass andererseits die Entstehung sehr uneinheitlich verläuft und sich in keinem Fall einfach mit der Kanonizität der Autoren korrelieren lässt. Sichtbar ist vielleicht auch geworden, dass die ambitionierteren unter ihnen als ein wichtiger Beitrag zur Leseförderung und zur Ausbildung literarischer Kompetenz angesehen werden können. Dennoch werden die privaten Initiativen einen schweren Stand gegenüber Angeboten haben, die von der Attraktivität des Materials bis hin zu dessen Präsentation das überflügeln, was Privatleute zu leisten imstande sind. Dabei wird das zur Verfügung gestellte Material zum einen den Blick auf die Literatur und damit bis zu einem gewissen Grad auf das, was als kanonisch zu gelten hat, verändern.

4.1 Attraktivität des Materials

Einen wesentlichen Beitrag leisten dabei die Bibliotheken, die ihre Altbestände im Zuge der Digitalisierung der Kataloge und im Rahmen von geförderten Projekten immer leichter auch online zugänglich machen. So erschließt das Projekt 'Verzeichnis der Drucke des 17. Jahrhunderts' deutschlandweit die Bibliotheksbestände unter anderem des Literaturbarock. [ 52 ] Hat man hier nur Zugriff auf einzelne Seiten der Werke, so erlauben Digitalisierungsprojekte den Blick auf Meisterwerke der Buchkunst ebenso wie auf bedeutsame Texte der Vergangenheit. So wie bei der Universitätsbibliothek Mannheim [ 53 ] stellen viele inzwischen ausgewählte Schätze in virtuelle Ausstellungen. Bevorzugte Objekte sind dabei natürlich illustrierte Bücher oder solche mit Text-Bild-Kunstwerken wie das Emblem. In Verbindung mit einer recht ausgeprägten Präsenz von Autoren des Barock im Netz, hier etwa die zum Moscheroschjahr 2002 [ 54 ], bietet sich gerade diese literarische Epoche für die Behandlung in Schulprojekten an, zumal sich an die Literatur leicht weitere Aspekte für einen fächerübergreifenden Unterricht in Kunst, Musik oder Geschichte anschließen lassen. Dabei kommen oft recht ansehnliche Dinge zustande wie "Das Barock. Facetten einer Epoche" [ 55 ], erstellt von einem Leistungskurs Deutsch an der Liebfrauen-Schule in Köln. Die didaktische Erfahrung, dass Gegenstände, die in einem ungewöhnlichen Rahmen und mit überdurchschnittlichem Zeitaufwand entwickelt worden sind, sich besser einprägen, wird sich auch hier bestätigen: Den beteiligten Schülern und Schülerinnen werden Texte und Autoren des Barock wahrscheinlich in einer Weise im Gedächtnis sein, die deren Bewertung im traditionellen Kanon nicht entspricht.

Zu erwarten ist, dass mit der fortschreitenden Digitalisierung weiteren Materials andere Epochen ebenfalls stärker in das Bewusstsein der Leser rücken werden. Die Zeitschriften, die einen wesentlichen Teil der literarischen Kommunikation im 18. Jahrhundert ausgemacht haben, stehen in stetig zunehmendem Maße als Digitalisate zur Verfügung [ 56 ] und erlauben die Rekonstruktion des literarischen Lebens dieser Zeit.

4.2 Regionaler Aspekt

Die Verfügbarkeit des Materials allein allerdings führt noch nicht unbedingt zu einer Abwendung von den bis dahin als kanonisch eingeschätzten Autoren. So merkwürdig es klingt, befördert das weltweite Datennetz gerade auch eine Regionalisierung des Kanons. Das World Wide Web erlaubt die Darstellung von Autoren, zu denen auch engagierteste Kleinstverleger kein Buch mehr auf den Markt bringen wollten. Der Ansbacher Rokoko-Lyriker Johann Peter Uz ist solch ein Fall. [ 57 ] Selbst in seiner Heimatstadt ist er nur mehr als 'Verursacher' eines Straßennamens bekannt. Die Verfügbarkeit von Material über ihn kann dazu führen, dass zumindest in Ansbach niemand als gebildet gelten kann, der nicht wenigstens etwas von Uz gelesen hat. Ganz ähnlich ist es mit der Web-Präsenz zum Friedrichshagener Dichterkreis. [ 58 ] Sie stellt Intellektuelle vor, die sich dem Kreis in einem Berliner Vorort verbunden fühlten. Dabei waren etwa Arno Holz, Erich Mühsam, Peter Hille, Else Lasker Schüler; dem Neuen Friedrichshagener Dichterkreis fühlten sich Autoren wie Johannes Bobrowski oder Günter Bruno Fuchs zugehörig. Auch hier wird die Arbeit des Trägervereins eines Tages hoffentlich dazu führen, dass der Kreis und seine Mitglieder dem kulturellen Gedächtnis zumindest Berlins so eingeprägt ist, dass man um die Existenz einer solchen Gruppe weiß.

4.3 Synästhesien

In einem weiteren Bereich begünstigt die technische Entwicklung des Netzes die Entwicklung immer anspruchsvollerer Angebote. Zu denken ist hier insbesondere an die Einbeziehung von gesprochenem Wort und teilweise auch von Musik und Geräusch in die Präsentation von Literatur.

Das Portal Lyrikline ist ein Gemeinschaftsprojekt deutscher Kultureinrichtungen und Verlage. [ 59 ] Es wirken hier die Literaturwerkstatt Berlin, das Goethe-Institut, die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, das Berliner Literaturforum im Brecht-Haus, das Berliner Zentrum für Kinder- und Jugendliteratur LesArt, die Kulturstiftung Pro Helvetia, die Zeitschriften Zwischen den Zeilen und Jahrbuch der Lyrik sowie der auf Hörbücher spezialisierte HörVerlag zusammen, um ursprünglich moderne deutschsprachige Lyrik, aber auch solche, die dem 'hörbaren Erbe' zuzuordnen ist, zu präsentieren und ins Gespräch zu bringen. Der Start des Angebotes erfolgte im November 1999; bereits im März 2000 wurde das Angebot um fremdsprachige Autoren erweitert, weil die Adresse zentraler Veranstaltungsort des von der UNESCO ausgerufenen 1. Welttages der Poesie am 21. März 2000 war.

Der Nutzer findet hier - genannt seien nur deutschsprachige Beispiele - von den Autoren selbst gelesene Gedichte etwa von H. C. Artmann, Rose Ausländer, Ingeborg Bachmann, Gottfried Benn, Volker Braun, Paul Celan, Gerhard Falkner, Eugen Gomringer usw. Sie alle lassen sich zwar anhören, wenn der RealPlayer installiert ist, nicht aber unmittelbar auf der eigenen Festplatte abspeichern, womit sicher gestellt ist, dass die Dateien nicht missbräuchlich verwendet werden. Man mag das durchaus bedauern, denn in den meisten Fällen handelt es sich trotz der Kooperation mit dem HörVerlag um Aufnahmen, die im Handel nicht erhältlich sind.

Auf Angebote, die gegenüber dem Lyrik-Portal genau den umgekehrten Weg gehen, sei hier nicht näher eingegangen, nicht zuletzt, weil man sich strafbar macht, wenn man Zugang zu Seiten verschafft, die illegale Inhalte anbieten. Das ist aber wohl in jedem Fall gegeben, wenn im Vertrieb befindliche Hör-CDs in Internet-taugliche Dateien konvertiert werden. Eine entsprechende Seite zur Lautkunst des Dadaismus existiert zwar, aber sie bekennt sich unter Berufung auf die Traditionen des Internet ganz offen zu ihrem Rechtsbruch. Über die Suchmaschine Google kann man sie leicht finden, wenn man nach bekannten Vertretern der Lautpoesie sucht.

Ein weiteres Beispiel für die wieder zunehmende Attraktivität der Kombination von Text und gesprochenem Wort sind die Hörbücher und deren Präsenz im Internet. Ausgehend von den rundfunkspezifischen Hörspielen und den manchmal aus Rundfunkproduktionen hervorgehenden Hörbüchern hat sich diese Form der Literaturrezeption im Internet Foren für den Informationsfluss geschaffen. Das beginnt mit Auftritten der Rundfunkanstalten selbst, die ihr Hörspielprogramm ausführlich dokumentieren, Einblicke in die Werkstatt erlauben und Hörproben zur Verfügung stellen. Zwei Privatpersonen steuern dazu Portale bei, von denen aus man leicht die entsprechenden Adressen findet. Jokan [ 60 ] von Gerhard Menz hat seinen Schwerpunkt bei Science fiction-Produktionen, seinen Namen leitet es auch von einem Gift Jokan ab, das im Roman Die Brautprinzessin von William Goldman vorkommt. Die Informationen sind aber viel umfassender, als es diese Hinweise vermuten lassen, und beziehen z. B. auch technische Aspekte wie die Kunstkopfstereophonie mit ein. Ein zweites Projekt, das auch die Geschichte des Hörspiels thematisiert und ein Forum für die Diskussion eigener Entwürfe anbieten will, ist das von Jürgen Gisselbrecht etablierte Portal hoerspiel.com. [ 61 ]

4.4 Visualisierung

Neben dem klanglichen Aspekt von Dichtung, der im und mit dem Internet eine Renaissance erlebt, rückt auch die Visualisierung wieder in den Vordergrund. Auf die Tatsache, dass die Konkrete Poesie und deren Vorläufer in der Literatur des Barock Theoretiker des Internet schon sehr früh interessiert hat, sei hier nicht weiter eingegangen. [ 62 ] Die folgenden drei Beispiele sind im Vergleich dazu publikumswirksamer und damit insgesamt wohl auch problematischer als medienphilosophische Erwägungen aus diesem Kontext heraus.

Das erste Beispiel geht auf die Ausstrahlung einer Verfilmung der Nibelungen von Fritz Lang aus dem Jahr 1923 im Februar 2001 zurück. [ 63 ] Der Sender Arte hat dazu eine Dokumentation erstellt, die im Internet zum einen den Nibelungen-Mythos und seine Bedeutung für eine germanische Ideologie thematisiert, zum andern auf die filmästhetische Bedeutung des frühen Fritz Lang-Filmes aufmerksam macht. Ergänzend dazu entwickelte eine Multimedia-Firma ein Spiel, das man im Angebot des Senders bis heute nutzen kann.

In seiner Gestaltung lehnt sich dieses Spiel an die Ästhetik des Lang-Filmes an. Was über diese im Internet-Angebot nachzulesen ist, gilt also auch hier: Lang setzte in seiner Inszenierung auf "übergroße Figuren in monumentaler Kulisse, Studiolandschaften, die kein Detail dem Zufall überlassen und sich an Bilder von Arnold Böcklin und Max Klinger anlehnen. Lang experimentierte auch mit 'geometrischen' Inszenierungen, nutzte perfekt Symmetrie und Gleichgewicht der Bildelemente sowie kontrapunktische Konstruktionen." [ 64 ] Neben der Vermittlung der ästhetischen Prinzipien des Films geht es dem Spiel aber wohl auch darum, die Grundlinien des Geschehens spielerisch zu vermitteln. Im Stil eines Abenteuerspiels wird der Benutzer durch die Handlungsabschnitte geführt und muss dort einzelne Aufgaben lösen. Es gilt, Dinge zu finden, Kämpfe zu bestehen, Entscheidungen zu treffen. Dabei wird durchaus auch sichtbar, dass die Erzählstrukturen dieses Epos und die Handlungsabläufe in modernen Computerspielen fast identisch sind. Eine solche Einsicht würde sich mit Argumenten der Kanondiskussion decken: literarische Texte dann als kanonisch anzusehen, wenn deren Kenntnis für die Einsicht in kulturelle, literarische oder ästhetische Zusammenhänge erforderlich ist. Auch wenn man eine solche Leistung diesem Internetauftritt als Absicht unterstellen kann, so ist doch die Reduktion, die dabei in zweifacher Hinsicht stattfindet, allerdings auch problematisch: Dem Literaturinteressierten verkürzt sie den Text um wesentliche Aspekte, dem Computerspieler erscheint diese Minimalversion wohl nicht als Herausforderung, sich mit dem Spiel, geschweige denn mit seiner literarischen Vorlage, auseinander zu setzen.

Ein weiteres Beispiel hat der Online-Buchhändler libri zur Verfügung gestellt. Man fand es bis zum Herbst 2002 auf der Eingangsseite des Internetauftrittes unter der Rubrik "SpielBar". [ 65 ] Es ist das erste von inzwischen vier oder fünf Spielen, die zumeist auf der Basis literarischer - und man kann wohl auch sagen - kanonischer Texte entwickelt worden sind. Neben dem hier zu besprechenden Kafka-Spiel gab es eines zu Shakespeares Romeo und Julia mit der Aufforderung, der Tragödie einen glücklichen Ausgang zu verschaffen, oder eines zu Melvilles Moby Dick, in dem Moby Dick gefüttert, mit Sauerstoff versorgt und durch ein Labyrinth geführt werden musste.

Ähnlich auf Geschicklichkeit ausgerichtet ist auch das Spiel zu Kafkas Erzählung Die Verwandlung. Es greift jene Szene der Erzählung auf, in der der Vater mit Äpfeln Jagd auf seinen zum Käfer mutierten Sohn macht:

"Aus der Obstschale auf der Kredenz hatte er sich die Taschen gefüllt und warf nun, ohne vorläufig scharf zu zielen, Apfel für Apfel. […] Ein schwach geworfener Apfel streifte Gregors Rücken, glitt aber unschädlich ab. Ein ihm nachfliegender drang dagegen förmlich in Gregors Rücken ein [...]." [ 66 ]

Das Spiel greift bereits in der optischen Gestaltung die Entstehungszeit der Erzählung auf. Im Programmfenster läuft zunächst eine Einblendung mit einem die Situation erläuternden Text und der Spielanleitung ab, der durch die gewählten Grautöne und durch Bewegungen von Fusseln den Charakter einer Stummfilmprojektion erhält. Im Spiel selbst geht es darum, in einem Raum mit dem Besen den Käfer hinter Möbeln oder Bildern hervorzustöbern und dann mit Äpfeln zu bewerfen. Jeder Treffer führt zu einem Kreidestrich auf der Tischplatte. Am Schluss folgt eine Auswertung, die Treffer und verbrauchte Zeit zueinander in Beziehung setzt.

Die optische Umsetzung der Spielidee kann man insgesamt als gelungen bezeichnen. Die Stimmung der Illustration entspricht etwa dem, was man auch von einer guten Buchillustration erwarten würde. Das Spiel und sein Ziel allerdings lösen sich so sehr vom Text, dass sie Spieler wohl kaum nach der literarischen Vorlage dazu wird fragen lassen.

Unter den herangezogenen Beispielen kommt dem Gehalt seiner Vorlage ein Projekt am nächsten, das als Prüfungsarbeit an der Fachhochschule Augsburg im Studiengang Mediengestaltung von Dominik Bauer entwickelt worden ist und sich mit Ernst Jandl beschäftigt. [ 67 ] Es besteht aus mehreren Modulen, die über eine Radioskala aufgerufen werden können. Bewegt man den Knopf über die Skala, erscheinen ungeordnete Zeichen in Bewegung, die sich an bestimmten Stellen zu sinnvollen Worten ordnen und dann auch stillstehen. Die Bewegung auf der Skala wird übrigens begleitet vom radiotypischen Signal-Rauschen, unterbrochen von Sprachfetzen von Lesungen Ernst Jandls.

Klickt man nun eine Stelle an, an der sich ein Wort gebildet hat, wird ein weiteres Modul geladen, mit dem sich spielen lässt. 'SEANCERAUPE' führt also zu einer Fläche, einer Tischplatte, auf der die Buchstaben R A U P und E sich wie eine Raupe bewegen. Der Spieler ist aufgefordert, diese Buchstabenschlange daran zu hindern, von der Tischkante zu fallen. Dazu stehen als Werkzeuge die vier Händepaare zur Verfügung, die man mit der Computertastatur bewegen kann. Ziel des Spieles ist, die Raupe so lang wie möglich im Quadrat zu halten. Dabei hört man im Hintergrund Jandl mit dem Wort 'Raupe' lautpoetisch spielen, fällt sie herunter, spricht Jandl "Ottos Mops hopst fort".

Das Spiel Maschine präsentiert zunächst ein paar Texte von Jandl, die man durch einen Druck auf eine der Tasten der abgebildeten Schreibmaschine auf die bis dahin weiße Fläche des eingespannten Papiers bringt. Schlägt man die Leertaste an, erscheint vom linken Rand her ein Bogen Papier, der aber schnell in Streifen zerfällt, die man nun gegen die Uhr auf dem eingespannten Blatt in der richtigen Reihenfolge anheften muss.

Die Spielideen und auch ihre optische Umsetzung kommen den Intentionen der Konkreten Poesie insgesamt sehr nahe und können wohl auch wirklich einen Beitrag dazu leisten, den Autor und sein Werk ins Bewusstsein der Leser zu rücken.
 

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1.   Bedingungen für das Entstehen
      literarischer Angebote im Netz

2.   Wege zu den Angeboten
3.   Beispiele für die Präsenz
      deutschsprachiger Autoren im Netz

4.   Tendenzen
5.   Überlegungen zum Verhältnis zwischen
      Kanon und im Netz präsenter Literatur

6.   Möglichkeiten und Aufgaben
      der Forschung

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5. Überlegungen zum Verhältnis zwischen Kanon
     und im Netz präsenter Literatur

Ein mögliches Fazit aus den hier mitgeteilten Beobachtungen zur Literatur im Netz könnte etwa so aussehen:

Grundsätzlich gibt es eine Divergenz zwischen den als kanonisch angesehenen Texten und Autoren und denen, die im Netz thematisiert werden. Diese Divergenz lässt sich nicht mit statistischen Zahlen aus den Suchmaschinen belegen, denn diese Statistiken belegen nur, dass die kanonisierten Autoren auch in anderen Verwendungszusammenhängen häufiger vorkommen, und sei es nur als Namenspatrone von öffentlichen Einrichtungen.

Andererseits kann man eine sich selbst verstärkende Tendenz beobachten, dass nämlich im Netz vorhandenes Material zunehmend die Basis für eine Beschäftigung mit Literatur insbesondere an der Schule bildet. Die vergleichsweise zahlreichen Projekte zu Literatur, Kultur und Geschichte des Barock belegen das sinnfällig. Dass hiervon Auswirkungen auf den Kanon ausgehen werden, erscheint sicher.

Eine zweite Tendenz besteht in der regionalen Anbindung vieler Angebote zu Autoren, die damit - so paradox das zunächst auch scheinen mag - über das weltweite Datennetz in das Bewusstsein einer regionalen Öffentlichkeit gehoben werden. Dieser regionale Aspekt scheint aber in der Kanondiskussion bisher überhaupt wenig beachtet.

Wesentlich wichtiger erscheint mir allerdings die Beobachtung, dass Texte, die in irgend einer Weise mit akustischen oder visuellen Eindrücken verbunden sind, über das Internet leicht zu distribuieren sind und insgesamt wohl auch eine größere Aufmerksamkeit als bisher beim Leser erlangen werden. Zu denken ist dabei an Text-Bild-Verknüpfungen wie in der Emblematik, an Umsetzungen in bewegte Bilder oder an die klangliche Gestalt von Texten z. B. bei Autorenlesungen oder Hör Inszenierungen. Hier hat das Netz heute als Informationsmedium über diesen Bereich des literarischen Marktes eine wichtige Funktion, wird diese aber wohl auch bald als Distributionsmedium übernehmen.

Schließlich eignet sich Literatur, die in irgendeiner Weise zu Veränderungsoperationen auffordert oder sie wenigstens zulässt, besonders zur Umsetzung in multimediale Umgebungen, etwa die Konkrete oder die Lautpoesie, aber auch Figurengedichte.

Das eben gezogene Fazit impliziert aber auch, dass seit dem Sturm und Drang gültige Funktionen insbesondere der kanonischen Literatur im Netz keine so große Rolle mehr spielen. An ihre Stelle treten nun immer häufiger Aspekte des Artifiziellen und der Inszenierung, was sich mit der Tendenz unserer Zeit weg vom Authentischen hin zur Pluralität auch noch des eigenen Selbstentwurfes in Zusammenhang bringen lässt.

Weiter muss man wohl bedenken, dass sich die intensiven Internet-Nutzer nach wie vor nicht unbedingt aus der Gruppe der klassischen Leser rekrutieren. Der Anteil von Angehörigen technischer Berufe ist vielmehr ganz beträchtlich; das sind - wie vielleicht auch sichtbar geworden ist - keine Literaturverächter, im Gegenteil: Für die Pflege ihrer Webpräsenzen wenden diese Menschen erhebliche Teile ihrer Freizeit auf. So weit sie Einblick in ihre weiteren Interessen geben, wird überdeutlich, dass sie insgesamt sehr intensive Leser sind, die allerdings wesentlich unbefangener ästhetische Grenzen überschreiten als traditionell erwartet würde, die vor allem in völliger Distanz zu literaturwissenschaftlichen oder selbst literaturkritischen Ordnungs- oder Klassifizierungskriterien leben. Das wiederum macht es möglich, als Meister Niklaus die Frage nach dem Narzissmus ganz unbefangen zu stellen und damit in das einzutreten, was literarisches Leben nach wie vor vor allem ausmacht: nicht nämlich das imaginäre Raunen der Texte, sondern das reale Gespräch der Leser.
 

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6. Möglichkeiten und Aufgaben der Forschung

Hier nun - und das ist ein letzter, nur ganz knapp anzureißender Punkt - liegen neue Aufgaben für die Forschung. Zunächst gilt es Folgerungen aus der Tatsache zu ziehen, dass immer mehr Leser grundlegende Informationen über Literatur und Literaturgeschichte aus dem Netz ziehen wollen. Sie brauchen Hinweise und Anleitung, wo solche Informationen zu finden sind und welche als solide einzuschätzen sind. Dazu braucht es geeignete Einrichtungen wie Literatur-Portale und Linkkataloge. Weiter wird man aber auch die Darstellung der Literatur im Netz selbst nicht dem Zufall überlassen dürfen. Um ein Beispiel zu nennen: Wenn in allen Kanonvorschlägen Goethe als erster Posten genannt wird, dann ist es unabdingbar, dass sich die literarischen und wissenschaftlichen Gesellschaften und Institutionen, die sich mit seinem Werk befassen, die Pflege eines Internet-Auftrittes angelegen sein lassen. [ 68 ] Aber ganz generell gilt, dass das Informationsmedium Internet von der Wissenschaft als Publikationsort ernst genommen werden muss, dass dafür Sorge getragen wird, dass gewissenhaft edierte Online-Texte zur Verfügung stehen und dass die Darstellungen zur Literatur den gegenwärtigen Kenntnisstand präsentieren.

Schließlich zeigt sich, dass die vielen privaten Initiativen zu Autoren und Texten ein erstrangiges Quellenmaterial für eine empirische Rezeptionsforschung darstellen. Insbesondere die Beiträge in Foren und Chatrooms geben ein mit den klassischen Mitteln der Leseforschung bisher nicht erreichbares Bild davon, wie Menschen mit literarischen Texten umgehen. Für die Leser- und Lesesozialisationsforschung ergeben sich im Netz ganz neue Perspektiven und Aufgaben.
 

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6.   Möglichkeiten und Aufgaben
      der Forschung

:.    Anmerkungen

 
icon Anmerkungen

[ 1 ] Erhart, Walter, "Neuere deutsche Literatur", in: Texte, Wissen, Qualifikationen. Ein Wegweiser für Germanisten, hg. v. Thomas Rathmann, Berlin, 2000, S. 49-78, hier S. 71.

[ 2 ] Zum Begriff Wittmann, Reinhard, "Gibt es eine Leserevolution am Ende des 18. Jahrhunderts?", in: Die Welt des Lesens. Von der Schriftrolle zum Bildschirm, hg. v. Roger Chartier und Guglielmo Cavallo, Frankfurt am Main u. a., 1999, S. 419-454.

[ 3 ] Erhart, 2000, s. Anm. 1, S. 71.

[ 4 ] Auf diesen Zusammenhang macht mit Recht Hartmut Winkler in seiner Kritik der etablierten Medientheorie aufmerksam; vgl. Winkler, Hartmut, Docuverse. Zur Medientheorie der Computer. Mit einem Interview von Geert Lovink, [München], 1997, S. 76 f.

[ 5 ] Zusammenfassend hierzu Tholen, Georg Christoph, "Die Zäsur der Medien", in: Medientheorie und die digitalen Medien, hg. v. Winfried Nöth und Karin Wenz, Kassel, 1998, S. 61-88, hier bes. S. 63 f.

[ 6 ] Giesecke, Michael, Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft. Trendforschungen zur kulturellen Medienökologie, Frankfurt am Main, 2002, S. 401.

[ 7 ] Rohmer, Ernst/Witting, Gunther, "Erlanger Liste - Germanistik im Internet", http://www.erlangerliste.uni-erlangen.de (21. 07. 2003). Zur Erlanger Liste vgl. auch Rohmer, Ernst, "Linkliste und Leselust. Möglichkeiten der Literaturvermittlung im Internet", in: Computerphilologie 3 (2001), S. 43-54 sowie ders., "Erlanger Liste - Perspektiven eines Internet-Angebotes für die Germanistik", in: www.germanistik2001.de - Vorträge des Erlanger Germanistentags, hg. v. Hartmut Kugler, Bd. 2, Bielefeld, 2002, S. 745-757.

[ 8 ] Wenn im Folgenden vom literarischen Kanon gesprochen wird, so ist eine Unterscheidung zwischen einem Bildungskanon, einem Schulkanon oder einem wissenschaftlichen Kanon immer mitgedacht und gegebenenfalls auch thematisiert. Vgl. die Beiträge in Literarische Kanonbildung, hg. v. Heinz Ludwig Arnold in Zusammenarbeit mit Hermann Korte, Text & Kritik Sonderband (2002), vor allem Winko, Simone, "Literatur-Kanon als 'invisible hand'-Phänomen" (S. 9-24) und Korte, Hermann, "K wie Kanon und Kultur. Kleines Kanonglossar in 25 Stichwörtern" (S. 25-38). Auch Willems, Gottfried, "Der Weg ins Offene als Sackgasse. Zur jüngsten Kanon-Debatte und zur Lage der Literaturwissenschaft", in: Begründungen und Funktionen des Kanons. Beiträge aus der Literatur- und Kunstwissenschaft, Philosophie und Theologie, hg. v. Gerhard R. Kaiser und Stefan Matuschek, Heidelberg, 2001, S. 217-267. Der vorliegende Beitrag versteht sich allerdings nicht als Baustein einer Kanon-Debatte, sondern setzt die dort geführte Diskussion stillschweigend voraus.

[ 9 ] Einführend zu Geschichte und Technik Gabriel, Norbert, Kulturwissenschaften und Neue Medien. Wissensvermittlung im digitalen Zeitalter, Darmstadt, 1997, S. 89-142.

[ 10 ] Vgl. die Hörspielpreisausschreiben in der Weimarer Republik und in der unmittelbaren Nachkriegszeit; Schneider, Irmela, "Zwischen den Fronten des oft Gehörten und nicht zu Entziffernden: Das deutsche Hörspiel", in: Grundzüge der Geschichte des europäischen Hörspiels, hg. v. Chrstina W. Thomsen und Irmela Schneider, Darmstadt, 1985, S. 175-205, hier S. 178, 189.

[ 11 ] http://web.archive.org (21. 07. 2003).

[ 12 ] Zu den Beiträgen des Wettbewerbs Rohmer, Ernst, "Bilderflut. Die Gefährdung der Literatur durch die Neuen Medien", in: Texte Bilder Kontexte. Interdisziplinäre Beiträge zu Literatur, Kunst und Ästhetik der Neuzeit, hg. v. Ernst Rohmer, Werner Wilhelm Schnabel und Gunther Witting, Heidelberg, 2000, S. 363-384.

[ 13 ] http://lifestyle.t-online.de/life/kult/lite/lite/2003/ar/CP/ar-start-literatur-digital2003.html (14. 06. 2003).

[ 14 ] Grassmuck, Volker, "Die Turing-Galaxis. Das Universalmedium auf dem Weg zur Weltsimulation", in: Lettre international 8, H. 28 (1995), S. 5 ff. Hierzu auch Zimmer, Dieter E., Die Bibliothek der Zukunft. Text und Schrift in den Zeiten des Internet, Hamburg, 2000, S. 9.

[ 15 ] Zimmer, 2000, s. Anm. 14, S. 190. Aktuelle Zahlen über die Zunahme von Internet-Domains in Deutschland sind über http://www.denic.de/DENICdb/stats/index.html (21. 07. 2003) erhältlich. Die Anzahl der im Internet zugänglichen Rechner ermittelt das internet software consortium (http://www.isc.org/ds/, 21. 07. 2003).

[ 16 ] Zimmer, 2000, s. Anm. 14.

[ 17 ] Ebd., S. 9 ff.

[ 18 ] http://www.virtusens.de (21. 07. 2003).

[ 19 ] http://www.ausloeschung.de/farce4.htm (14. 06. 2003).

[ 20 ] Ebd.

[ 21 ] Gesetz über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte vom 09. September 1965 (BGBl I 1965, 1273), § 64.

[ 22 ] Solche positiven Erfahrungen konnten wir im Zusammenhang mit Wiedergabegenehmigungen für unsere Parodie-Seite (http://www.phil.uni-erlangen.de/~p2gerlw/parodie/lenore.html, 21. 07. 2003) machen.

[ 23 ] http://promo.net/pg/index.html (Projekt Gutenberg, 21. 07. 2003).

[ 24 ] Zu den damit verbundenen Problemen Kaiser, Reinhard, "Wer lesen will, muss laden. Stückwerke: Das deutsche Literaturarchiv ist im Internet zerstoben", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. Oktober 1999, S. 56; auch http://members.aol.com/reinkaiser/gutenberg.htm (23. 07. 2003).

[ 25 ] http://gutenberg.spiegel.de/. Zur Entstehungsgeschichte und zu den Mitarbeitern vgl. http://gutenberg.spiegel.de/info/info.htm (21. 07. 2003).

[ 26 ] Die Textarchive von Chadwyck Healey (etwa http://goethe.chadwyck.com/, 21. 07. 2003) und der Digitalen Bibliothek (http://www.digitale bibliothek.de) - um nur die wichtigsten Vertreter zu nennen - orientieren sich ausschließlich an den gedruckten Ausgaben kanonischer Autoren. Die Produkte von Chadwyck Healey haben angesichts ihres Preises ohnehin keinen Nutzer außerhalb der Wissenschaft im Kalkül.

[ 27 ] http://www.literature.at/webinterface/library (21. 07. 2003).

[ 28 ] http://www.literature.at/webinterface/library/xml/initiative (21. 07. 2003).

[ 29 ] http://www.ingeb.org (21. 07. 2003).

[ 30 ]Abgeschmiert aus hundert Metern,
Aus der alten Tante Ju,
Mit geschlossenem Schirm zur Erde,
Find' ein Fallschirmjäger seine Ruh.
http://www.ingeb.org/Lieder/abgeschm.html, (21. 07. 2003); vgl. auch http://www.acronet.net/~robokopp/Volksong.html (21. 07. 2003) von Richard Kopp.

[ 31 ] http://www.fh augsburg.de/~harsch/augusta.html (21. 07. 2003).

[ 32 ] Der bis Oktober 2002 als Text angebrachte Hinweis "AppleMac et Netscape his paginis optimum visum dant. Cave Gatem et Exploratorem!" ist im Juni 2003 in der gekürzten Fassung in eine Grafik auf der Einstiegsseite des Archivs eingebunden.

[ 33 ] Kaiser, Reinhard, Literarische Spaziergänge im Internet. Bücher und Bibliotheken online, 2. aktualisierte Aufl., Frankfurt am Main, 1997 [1. Aufl., Frankfurt am Main, 1996].

[ 34 ] http://www.eichborn.de/2/vd.asp?d=kaiser10 (21. 07. 2003). Die letzte Aktualisierung datiert allerdings auch hier von 1998.

[ 35 ] http://www.ub.fu-berlin.de/internetquellen/fachinformation/germanistik/ (21. 07. 2003).

[ 36 ] http://www.litlinks.it (21. 07. 2003).

[ 37 ] Das Konzept von clickfish lässt sich im Internetarchiv noch besichtigen (http://web.archive.org/web/20001203022000/www.clickfish.de/clickfish/guidearea/kulturgesellschaft.html, 21. 07. 2003); allerdings funktionieren die zugrundeliegenden Datenbanken aus technischen Gründen nicht, was den begrenzten Wert des Archivs belegt.

[ 38 ] Der Kanon. Die deutsche Literatur. Romane, hg. v. Marcel Reich Ranicki, Frankfurt am Main, 2002.

[ 39 ] Der Kanonvorschlag ist im kostenpflichtigen Bereich von Spiegel online zugänglich: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,140180,00.html vom 18. 06. 2001 (21. 07. 2003).

[ 40 ] http://www.luther.de (21. 07. 2003).

[ 41 ] http://www.melanchthon.de (21. 07. 2003).

[ 42 ] http://www.uni-leipzig.de/~angl/novalis/2001.htm (21. 07. 2003).

[ 43 ] Turandot. Internet-Verlag für Wissenschaft, Bildung, Medizin, Kunst und Kultur in Berlin, Claudia Wuttke/Ursula Husingen, http://www.turandot-agentur.de/ (21. 07. 2003). Das Verzeichnis der weitestgehend inhaltsleeren und allenfalls untereinander verlinkten Domains weist das Unternehmen allerdings als Muster eines Domain-Grabber aus; vgl. http://www.turandot-agentur.de/kulturtips.htm (21. 07. 2003).

[ 44 ] http://www.hoelderlin-gesellschaft.de (21. 07. 2003). Für die Zukunft ist zu berücksichtigen, dass sich die Platzierung eines Links in den Suchergebnissen nicht notwendigerweise aus seiner Zutreffenswahrscheinlichkeit ergibt, sondern dass Anbieter den Platz ihrer Links in den Suchmaschinen auch gegen Bezahlung beeinflussen können.

[ 45 ] http://home.tiscalinet.de/stephen-king/Klassiker/E_T_A_Hoffmann/e_t_a_hoffmann.html (21. 07. 2003).

[ 46 ] http://homepages.compuserve.de/frickew/heine/ (21. 07. 2003), jetzt unter http://www.heinrich-heine-denkmal.de (21. 07. 2003).

[ 47 ] http://www.von-fallersleben.de/indexx.htm (21. 07. 2003).

[ 48 ] http://www.fontane.de und unter http://www.theodorfontane.de (21. 07. 2003).

[ 49 ] http://www.radio-bremen.de (21. 07. 2003), letzte gültige Seite z. B. zum Programmschwerpunkt Günter Grass: http://www.radiobremen.de/online/grass/grass_und_rb/programmschwerpunkt.shtml (21. 07. 2003).

[ 50 ] Reith, Timo, "1000 Morgendlandfahrer - Ein kleiner Rückblick" (http://www.hhesse.de/artikel.php?id=113&offset=0, gesehen am 21. 07. 2003).

[ 51 ] http://www.hhesse.de/werk.php (21. 07. 2003), Quellenangabe dort: Knauers Geschichte der Weltliteratur, S. 728-729.

[ 52 ] http://www.vd17.de (21. 07. 2003).

[ 53 ] http://www.uni-mannheim.de/mateo/epo.html (21. 07. 2003).

[ 54 ] http://www.moscherosch.de (21. 07. 2003).

[ 55 ] http://www.lfs-koeln.de/kulturelles/barock/index.htm (21. 07. 2003).

[ 56 ] Retrospektive Digitalisierung wissenschaftlicher Rezensionsorgane und Literaturzeitschriften des 18. und 19. Jahrhunderts aus dem deutschen Sprachraum, http://www.ub.uni-bielefeld.de/diglib/aufklaerung/ (21. 07. 2003).

[ 57 ] Johann Peter Uz - anlässlich seines Todesjahres 1996, http://www.phil.uni-erlangen.de/~p2gerlw/uz/home.html (21. 07. 2003).

[ 58 ] Friedrichshagener Dichterkreis, http://www.friedrichshagener-dichterkreis.de/dichterkreis.htm (21. 07. 2003).

[ 59 ] http://www.lyrikline.org (21. 07. 2003).

[ 60 ] http://www.jokan.de (21. 07. 2003).

[ 61 ] http://www.hoerspiel.com (21. 07. 2003).

[ 62 ] Vgl. etwa Künzel, Werner/Bexte, Peter, Allwissen und Absturz. Der Ursprung des Computers, Frankfurt am Main, Leipzig, 1993. Projekte im Netz: Harsdörffers Denckring als Lexikonspiel von Christian Teichert, http://staff www.uni-marburg.de/~teichert/harsdoerffer/lexikonspiel.html (21. 07. 2003) {URL aktualisiert: http://www.christianteichert.de/harsdoerffer/lexikonspiel.html, 14.05.2005} oder Permutationen von Florian Cramer, http://userpage.fu-berlin.de/~cantsin/permutations/index.cgi (21. 07. 2003).

[ 63 ] http://www.arte-tv.com/thema/nibelungen/dtext/accueil_d.htm (21. 07. 2003).

[ 64 ] http://www.arte-tv.com/thema/nibelungen/dtext/jeu.htm (21. 07. 2003).

[ 65 ] Der für den Web-Auftritt von libri verantwortliche Redakteur Thorsten Pannen hält das Spiel zu Kafkas Verwandlung nun auf http://www.textserver.de zur Verfügung (http://www.textserver.de/things/index_things.html, gesehen 20. 02. 2004).

[ 66 ] Kafka, Franz, Die Verwandlung, in: ders., Erzählungen, hg. v. Michael Müller, Stuttgart, 1995, S. 65-127, hier S. 106.

[ 67 ] Ernst Jandl multimedial, http://www.fh-augsburg.de/gestaltung/resultate/interaktiv/jandl/index.html (21. 07. 2003).

[ 68 ] Einen ersten Versuch unternehmen nun Jäger, Martin Huber und Danica Krunic mit http://www.goethezeitportal.de/ (21. 07. 2003).

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