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Totgesagte leben länger - dies gilt nach Abklingen der Medien-Hypes der neunziger Jahre in zweierlei Richtung. Zum einen hat sich gezeigt, dass die Gutenberg-Literatur im Nach-Gutenberg-Zeitalter keineswegs verschwindet, sondern sich in der Konkurrenz der Medien weitaus erfolgreicher als vermutet behauptet. Zum anderen wird deutlich, dass sich die der Computer- und Netzliteratur zugeschriebenen universalen Allmachtsansprüche keineswegs derart rasant realisieren, wie dies von manchen Medienpropheten der achtziger und neunziger Jahre vorhergesagt wurde. Ist also, wie manche bereits frohlocken, die Netzliteratur am Ende oder hat sich das Ende der Buchliteratur einfach nur verzögert? Apokalypse-Vorhersagen tun sich ja auch sonst schwer mit der Prognose von Zeitpunkt und Ablauf ihrer erwünschen und/oder befürchteten Übergangs-Untergänge. Blickt man in die Geschichte der Medien zurück, so ist dies alles eigentlich nichts wirklich Neues. Um dies zu erkennen, reicht es aus, sich daran zu erinnern, dass ja schon Film, Radio oder Fernsehen der guten alten Buchliteratur den Garaus machen sollten, aber auch dieses Ende hat sich bisher nicht recht einstellen wollen. Dem entspricht, dass bereits im Angesicht dieser akustischen und visuellen Medien diejenigen, die sowohl mit der Literatur als auch in und mit den 'neuen' Medien arbeiteten, den zwischen pessimistischen und euphorischen Extremen hin und her wechselnden Ankündigungen medienrevolutionärer Umbrüche in der Regel eine sehr viel pragmatischere Sicht auf die Dinge entgegensetzten. Ob und wie man daraus für die Einschätzung der heute anstehenden Medienumbrüche Folgerungen ziehen könnte, ist eine der Fragestellungen, die in unserem Sammelband verfolgt werden. Dem Eindruck, dass sich die Herausforderung der Literatur durch 'neue Medien' auch in diesem Fall "inzwischen von allein gelöst hat" [ 1 ], möchte der Band jedenfalls entschieden widersprechen. |
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Um dies zu begründen, haben sich an der Hamburger Universität im Wintersemester 2002/03 ein Medienhistoriker und eine Literaturwissenschaftlerin zusammengefunden, um im Rahmen einer öffentlichen Ringvorlesung nach Antworten auf die Frage zu suchen, wie - nach dem Ende der Totalprognosen - die Zukunft der Literatur zwischen Buch und Netz aussehen könnte. Dazu beginnen wir unser Unternehmen aus Gründen, die noch weiter ausführt werden, mit einer medienkomparatistischen Bestandsaufnahme und werden danach unsere Beispiele in insgesamt vier Themengruppen zusammenstellen. Dementsprechend sollen im Folgenden zur Sprache kommen: 1. Digitalisierte Literatur / Literatur im Internet: Literatur, die als lineare entstanden ist und nachträglich digitalisiert wurde, ist für Literatur- und Medienwissenschaftler ebenso interessant, wie es die neuen Möglichkeiten sind, literaturbezogenes Wissen elektronisch zu präsentieren. Daraus lassen sich Fragen ableiten wie: Welches sind die Erwartungen an gedruckte und elektronische Texte? Wie können beide Textsorten jeweils für sich und im Zusammenwirken komplementärer Nutzungsformen sinnvoll verwendet werden? Welche auf Literatur bezogenen elektronischen Recherche-Möglichkeiten gibt es? In welcher Weise wird elektronisches Publizieren die Verlagsbranche verändern? 2. Literatur und Hypertext: Hypertext als elektronische Textform, die an ein spezifisches Speichermedium, an ein Lesegerät und an Lesesoftware gebunden ist und Link-Struktur aufweist, wird seit den 1980ern verstärkt für literarische Produktionen verwendet. Ist mit den literarischen Hypertexten eine neue Präsentationsform von Literatur entstanden, ein weiteres literarisches Genre oder gar ein ganz neuer Typ von Literatur? Welche Herausforderungen lassen sich aus solchen Überlegungen für eine ihren analytischen Aufgaben nicht länger ausweichende Literaturwissenschaft ableiten? Inwiefern entsprechen die Herausforderungen des Hypertextes denen der Computerspiele, die für viele immer noch ein nicht ganz ernstzunehmendes Genre darstellen? 3. Netzliteratur: Literatur, die Hypertext-Struktur aufweist und für das Internet produziert wurde, bildet nicht nur angesichts der Verbreitung des WWW eine wichtige - einige Forscher meinen: die wichtigste - Gruppe neuer Kunstformen. Wie wirkt sich das Internet auf Form, Inhalt und Rezeption literarischer Texte aus? Welche ästhetischen Chancen bieten die neuen Arten der vernetzten Literaturvermittlung und der vernetzten Kommunikation, die Reaktionen in annähernder 'Echtzeit' ermöglicht? Welche Arten literarischer Netz-Kommunikation gibt es überhaupt und welche neuen, netzspezifischen Genres lassen sich erkennen? Wie sieht es im WWW mit der Grenze zwischen 'facts' und 'fiction' aus und wie sollte eine nicht länger am Monomedium Buch orientierte Literaturwissenschaft darauf reagieren? 4. Kollaboration der Medien? Nachdem sich viele Endzeit-Utopien als Resultat überzogener Wunsch- und/oder Schreckensszenarien herausgestellt haben, ist ein wachsendes Interesse an den Möglichkeiten komplementärer Parallelnutzungen entstanden. Daraus lassen sich Fragen ableiten wie: Ist eine sinnvolle Kooperation zwischen Print-Journalismus und Online-Journalismus denkbar? Wie und wodurch können in universitärer Lehre und Forschung Formen virtueller Kommunikation die Praxis präsenzgebundener Kommunikation ergänzen und erweitern? Wie ist eine sinnvolle Kooperation zwischen ausschließlich webbasierten Informationssystemen und Online-Katalogen, die auf Buchbestände verweisen, für die Zukunft zu entwickeln? In welche Richtung kann Computerphilologie traditionelle philologische Verfahren mit Hilfe rechnergestützter Verfahren weiterentwickeln? Zu allen diesen Fragen möchten wir in dem nun folgenden Band nicht nur (so hoffen wir) weiterführende Antworten vorlegen, sondern aus ihnen auch mindestens ebenso viele neue Fragen ableiten. Dies entspricht unserer Auffassung nach am besten einer mediengeschichtlichen Situation, von der wir zeigen möchten, dass sie gerade dort, wo sie als besonders vielfältig, lebendig und entwicklungsfähig eingeschätzt wird, ganz neue Möglichkeiten der Produktion, Rezeption und Verbreitung von Literatur eröffnet. Dazu gehört, dass wir unsere eigenen Überlegungen nicht nur in Buchform, sondern auch in Netzform dem interessierten Leser/User zugänglich machen { # }. [ 2 ] Hamburg, Göttingen im September 2004 Harro Segeberg, Simone Winko |
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[ 1 ] Kämmerlings, Richard: "Kredit zu verspielen. Dienstleistungswillig: Der Germanistentag in München", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. September 2004, S. 39. [ 2 ] Die Buchform hat Katharina Prinz hergestellt, die Netzform hat Olaf Grabienski gestaltet. Beiden danken wir herzlich. { # } Im Vorwort der 'Buchversion' heißt es abweichend: "Dazu gehört, dass wir unsere eigenen Überlegungen nicht nur in Buchform, sondern auch in Netzform dem interessierten Leser/User zugänglich machen wollen. Dazu ist anzusteuern http://www.rrz.uni-hamburg.de/DigiLit". [Abweichungen kursiv] |
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