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icon Margrit Schreier

Von Serienmörderinnen, Verschwörungen und Schwarzer Magie: Pseudo-Dokumentationen im Internet - ein neues Genre?
[ 1 ]

1. Einleitung

Unsere heutige Medienlandschaft ist zunehmend von einer Tendenz zur "Unterhaltung durch Realitätsdarstellung" geprägt [ 2 ], die sich in hybriden Programmformaten wie beispielsweise dem Reality-TV, dem Doku-Drama, der Reality-Show, der Pseudo-Dokumentation und anderen manifestiert. Mit diesen Formaten geht wesentlich eine Veränderung der Relation von Realität und Fiktion, von Faktualität und Fiktionalität einher. Während traditionelle Genres wie etwa der Kriminalroman, das Märchen oder die Nachrichten eindeutig als Fiction bzw. Non-Fiction bestimmbar sind, verschwimmt diese Grenze im Fall der genannten Hybridprodukte. Die Werbung im Internet für den pseudo-dokumentarischen Horrorfilm The Blair Witch Project lautete beispielsweise:

"In October of 1994, three student filmmakers disappeared in the woods near Burkittsville, Maryland, while shooting a documentary ... A year later, their footage was found." [ 3 ]

Dem Publikum wird damit suggeriert, dass der Film einen Zusammenschnitt eben dieses dokumentarischen Materials der drei Studierenden darstelle, ihm folglich der Status einer Dokumentation zukomme - während es sich dabei in der Tat um einen gänzlich fiktionalen Horrorfilm handelt. [ 4 ]

Hybridprodukte im Allgemeinen stellen innerhalb der Medienlandschaft keine neue Entwicklung dar (man denke beispielsweise an die Autobiographie oder an Reiseberichte), und auch die Pseudo-Dokumentation im Besonderen kann im filmischen Bereich bereits auf eine längere Tradition zurückblicken. [ 5 ] Neu ist heutzutage allerdings die Verlagerung der Pseudo-Dokumentation ins Internet, die mit der bereits erwähnten Webseite zu The Blair Witch Project ihren Anfang genommen und dort bereits zur Entwicklung einer Reihe von Folgeprodukten Anlass gegeben hat - Produkte, die sich nicht zuletzt in spezifischer Weise der Gestaltungsmöglichkeiten des Mediums Internet bedienen.

Im ersten Teil dieses Beitrags sollen zunächst anhand eines Beispiels die Merkmale solcher Pseudo-Dokumentationen im Internet genauer bestimmt werden, insbesondere im Hinblick auf die Oszillation zwischen Fiktionalität und Faktualität. Im zweiten Teil steht die Frage im Vordergrund, inwieweit die Rezipienten/innen solcher Produkte in der Lage sind, sie als Fiktion zu erkennen.
 

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Schreier:
Pseudo-Dokumentationen im Internet


1.   Einleitung
2.   Das Genre der Pseudo-Dokumentation
3.   Die Rezeption von Ally Farson
4.   Zusammenfassung und Ausblick
:.    Anmerkungen

 

2. Das Genre der Pseudo-Dokumentation

Pseudo-Dokumentationen lassen sich in einem ersten Zugriff als eine spezielle Art der Fiktion charakterisieren - eine Fiktion nämlich, die, zumindest auf den ersten Blick, den Anschein einer Dokumentation erweckt. Damit ist zugleich das erste und zentrale definierende Merkmal der Pseudo-Dokumentation benannt: Pseudo-Dokumentationen spielen mit Realität und Fiktion - und zwar, indem scheinbar ein Anspruch auf Wirklichkeitsentsprechung geltend gemacht wird, den die Produkte in der Tat jedoch weder einlösen können noch sollen.

Um das Spiel der Pseudo-Dokumentationen mit Realität und Fiktion genauer zu fassen, wird im Folgenden auf ein Drei-Perspektiven-Modell der Relation von 'Realität' und 'Fiktion' zurückgegriffen. [ 6 ]

Die erste, pragmatische Perspektive bezieht sich auf die Werkkategorie des Produkts und die mit dieser jeweils assoziierten Ansprüche und Erwartungen. Mit Non-Fiction-Produkten verbinden Autoren/innen in der Regel den Anspruch, etwas über 'die Wirklichkeit' auszusagen; und Rezipienten/innen erwarten entsprechend, dass solche Produkte (z. B. eine Nachrichtensendung oder ein Buch über den Terrorismus) einen Wirklichkeitsbezug aufweisen. Im Fall von Fiction-Produkten sind jedoch dieser Anspruch sowie die rezeptionsseitigen Erwartungen gerade suspendiert: Fiction-Produkte werden in der Regel nach anderen Kriterien als 'Wahrheit' oder 'Nützlichkeit' bewertet. [ 7 ] Nickel-Bacon et al. gehen davon aus, dass die Zuordnung von Medienprodukten zu den Werkkategorien konventional geregelt und auch soziohistorisch variabel ist, wobei Rezipienten/innen sich bei ihrer Zuordnung in erster Linie an Signalen des Paratexts orientieren (beispielsweise dem Klappentext bei einem Buch, der Programmbeschreibung in einer Fernsehzeitschrift usw.). [ 8 ] Zwischen diesen Polen der Fiction und der Non-Fiction werden in dem Modell außerdem Hybridprodukte angesetzt (wie etwa die Pseudo-Dokumentation), die keine eindeutige Zuordnung zu den traditionellen Kategorien der 'Fiction' und der 'Non-Fiction' erlauben.

Zweitens können Medienprodukte unter inhaltlich semantischer Perspektive reale oder irreale, mehr oder weniger wahrscheinliche oder unwahrscheinliche Inhalte umfassen und in dieser Hinsicht als plausibel oder unplausibel, glaubhaft oder unglaubhaft gelten bzw. beurteilt werden [ 9 ]; solche Beurteilungen stellen natürlich lediglich subjektive Einschätzungen vor dem Hintergrund des je individuellen Weltwissens von Autoren/innen oder Rezipienten/innen dar.

Drittens schließlich kann ein Medienprodukt unter der Modusperspektive dem 'Real Life', dem tatsächlichen Leben, mehr oder weniger ähnlich sein - je nachdem, wie viele Sinneskanäle durch das jeweilige Medium angesprochen werden, wie 'gut' eine Geschichte erzählt ist, welche stilistischen Mittel verwendet werden usw. Hier sind also wesentlich auch Formmerkmale von Medienprodukten thematisch. Die Real-Life-Nähe oder -Ferne eines Medienprodukts wirkt sich wiederum auf die Intensität des Rezeptionserlebens aus, das seinerseits ebenfalls mehr oder weniger dem Erleben im 'Real Life' ähnlich sein kann. [ 10 ]

Die Machart von Pseudo-Dokumentationen im Internet weist unter diesen drei Perspektiven ein ganz spezifisches Muster auf: Was die erste Perspektive der Werkkategorie betrifft, zeichnen sich Pseudo-Dokumentationen dadurch aus, dass es sich um Fiktionen handelt, die mit dem Schein-Anspruch auftreten, ein Non-Fiction-Produkt darzustellen, wobei ein paratextuelles Fiktionssignal entweder gänzlich fehlt oder zumindest nicht auf den ersten Blick erkennbar ist. Bei der Pseudo-Dokumentation Ally Farson z. B. [ 11 ] handelt es sich auf den ersten Blick um eine Internetseite, auf der zur Fahndung nach einer vermeintlichen Serienmörderin dieses Namens aufgerufen wird, die unter Verdacht steht, in der Zeit von Juni bis August 1999 sieben Menschen in Orange County in Kalifornien auf brutale Weise ermordet zu haben. An keiner Stelle findet sich jedoch auf der Eingangsseite dieses Medienprodukts ein paratextueller Hinweis dahingehend, dass es sich bei der Webseite um reine Fiktion, um eine Art interaktiven Krimi im Internet handelt. Erst im Rahmen der FAQs, der Frequently Asked Questions, stößt man auf eine Frage mit dem Titel "Is Ally Farson real?", und dort schließlich befindet sich der Paratext in Form des Disclaimers:

"Is Ally Farson real? If you want to get metaphysical, yes. The mentality, the psychology, the essence of what is happening in our society today is real. But is she flesh and blood? No."

Dieser scheinbare Anspruch der Pseudo-Dokumentationen auf Wirklichkeitsentsprechung wird unter der Modusperspektive durch ein hohes Maß an Real-Life-Nähe weiter gestärkt, und zwar in erster Linie durch den Einsatz von Mitteln, wie sie speziell das Medium Internet zur Verfügung stellt.

So enthalten diese Produkte in der Regel eine Fülle an scheinbar authentischen Informationen - was den Eindruck akribischer Recherche erweckt, wie man sie bei Kriminalfällen im 'wirklichen Leben' erwarten würde, nicht jedoch im Rahmen einer Fiktion. Bei Ally Farson beispielsweise lassen sich Zeugenaussagen nachlesen, es finden sich Zusammenstellungen der neuesten sachdienlichen Hinweise, eine Biographie von Ally Farson und sogar die Videos, auf denen Ally angeblich die sieben Morde festgehalten hat.

Weiterhin sind Pseudo-Dokumentationen im Internet häufig interaktiv gestaltet. Ally Farson z. B. beinhaltet ein Bulletin Board, wo sachdienliche Hinweise oder auch Vorschläge zur Gestaltung der Fahndung abgegeben werden können. Den Rezipienten/innen wird somit zum einen die Möglichkeit gegeben, zur Lösung des Falls beizutragen und somit den Plot zu beeinflussen; zum anderen bietet das Bulletin Board auch die Möglichkeit zur Interaktivität im Sinne eines Austauschs mit anderen Diskussionsteilnehmern/innen. [ 12 ] Zugleich ist die Seite jedoch ausgesprochen reißerisch gestaltet. An den Diskussionen innerhalb des Bulletin Boards beteiligen sich im Übrigen auch Personen aus der Fiktion, wie z. B. Detective DeLima vom Los Angeles Police Department, der die Fahndung nach Ally leitet, sowie Ally Farsons Großvater, genannt "Grandpa" - eine weitere Ebene der Vermischung von Realität und Fiktion, auf die hier jedoch nicht weiter eingegangen werden soll.

Ein drittes charakteristisches Formmerkmal der Pseudo-Dokumentationen im Internet basiert auf der Hypertext-Struktur des World Wide Web. Diese bietet die Möglichkeit einer Vernetzung von fiktionalen mit durchaus realen, authentischen Internet-Seiten, was den Anspruch auf Echtheit dieser Produkte ebenfalls weiter untermauert. Dieses Merkmal ist beispielsweise auf der Webseite der Citizens for Truth realisiert - einer fiktiven Bürgerrechtsbewegung, die bestrebt ist, die Verschwörung aufzuklären, die die angebliche Ermordung von Bill Gates im Dezember 1999 auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung im MacArthur Park in Los Angeles umgibt. [ 13 ] Im Rahmen der Aufforderung zu Widerstandsaktionen gelangen die Nutzer/innen etwa zu realen Webseiten über den Freedom of Information Act.

Schließlich bedienen sich Pseudo-Dokumentationen gestalterisch vielfach der Codes und Konventionen des Dokumentarischen [ 14 ]: Pseudo-dokumentarische Webseiten enthalten z. B. Interviews mit Freunden und Verwandten der betroffenen Personen oder Auszüge aus Nachrichtensendungen; eventuell vorhandenes Filmmaterial (wie etwa die Videosequenzen der angeblich von Ally Farson begangenen Morde) ist grobkörnig, verwackelt und offensichtlich von Amateuren gedreht.

Gerade unter gestalterischen Gesichtspunkten der Modusperspektive enthält speziell die Webseite über Ally Farson allerdings auch starke Anhaltspunkte dafür, dass es sich schwerlich um einen echten Fahndungsaufruf handeln dürfte: Die zugedeckte Figur auf einer Bahre, der dunkle Hintergrund, die Blutspritzer auf den Buttons - all das erinnert mehr an einen Edgar Wallace-Film als an eine von Seiten der Polizei unterstützte Fahndung. Diese eher reißerische Aufmachung findet sich allerdings nur bei Ally Farson, kann somit also nicht als Merkmal von Pseudo-Dokumentationen im Allgemeinen gelten.

Die stärksten Anhaltspunkte (neben dem versteckten paratextuellen Hinweis) dafür, dass es sich bei Pseudo-Dokumentationen um eine spezielle Art der Fiktion handelt, finden sich vielmehr meist in Form von unplausiblen Plot-Elementen unter der inhaltlich semantischen Perspektive. So wird die Fahndung nach Ally Farson etwa von einer Filmgesellschaft namens Shadowman geleitet, der die Verdächtige die Videos der Morde zugespielt haben soll; Shadowman plant nach Allys Ergreifung außerdem einen Dokumentarfilm über die Serienmörderin. Unplausibel ist es natürlich auch, dass die Polizei ihre Erkenntnisse so freiwillig mit der Öffentlichkeit teilt, dass sich in anderen Medien über die angeblich so spektakulären Morde keinerlei Berichterstattung findet, dass Ally an der bislang in psychiatrischen und klinisch psychologischen Lehrbüchern unbekannten Störung der "acute personality disorder" leidet und anderes mehr.

Dieses spezifische Muster des Spiels mit Realität und Fiktion findet sich nicht nur bei Ally Farson, sondern kann als typisch auch für andere Pseudo-Dokumentationen im Internet gelten. Dazu zählen beispielsweise Cassandra's Site [ 15 ] - ein Hilferuf von Cassandra, sich an der Suche nach ihrem Freund Paul zu beteiligen, der sich in einen gefährlichen Adepten der Schwarzen Magie verwandelt hat; For the Love of Julie [ 16 ] - das Tagebuch eines liebesbesessenen Psychopathen, der seine Auserwählte (die von ihrem Glück allerdings nichts weiß) bis in die intimsten Bereiche ihres Alltags hinein verfolgt und seine Beobachtungen in einem Internet-Tagebuch akribisch festhält; oder auch die bereits erwähnten Webseiten Citizens for Truth sowie The Blair Witch Project.

Der Vergleich dieser Seiten macht weitere Merkmale des Genres - über das bereits benannte Muster des Spiels mit Realität und Fiktion hinaus - deutlich. So fällt beispielsweise auf, dass die Produkte häufig die Suche nach einer verschwundenen Person - etwa Ally Farson, Cassandras Freund Paul oder die drei Studierenden aus Blair Witch - oder das Aufdecken eines Geheimnisses in den Mittelpunkt stellen; in diesem Zusammenhang finden sich wiederholt Topoi wie etwa das Übersinnliche, Magie oder auch, wie bei Ally Farson, Wahnsinn. Als charakteristisch für die Pseudo-Dokumentation erweist sich schließlich auch der Topos des Dokumentarfilms, der angeblich über den Inhalt der Website gedreht werden soll; dieses Thema findet sich etwa bei Blair Witch Project oder auch bei den Citizens for Truth, deren 'Dokumentarfilm' Nothing so strange bereits fertig gestellt wurde.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Pseudo-Dokumentationen im Internet bereits einige gemeinsame Merkmale aufweisen, die es angemessen erscheinen lassen, hier von der Bildung eines neuen Genres zu sprechen. Unter einer pragmatischen Perspektive handelt es sich bei solchen Pseudo-Dokumentationen um Fiction-Produkte, die jedoch mit einem Anspruch auf Wirklichkeitsentsprechung auftreten; ein paratextueller Hinweis auf den tatsächlichen fiktionalen Status des Produkts ist allenfalls in verdeckter Form vorhanden. Dieser scheinbare Anspruch auf Wirklichkeitsentsprechung wird durch eine hohe Real-Life-Nähe der Produkte weiter gestützt, wie sie in erster Linie durch eine Fülle scheinbar authentischer Informationen, durch eine interaktive Gestaltung, eine Verbindung von fiktionalen und realen Webseiten sowie eine Verwendung von Codes und Konventionen des Dokumentarischen erzielt wird. Insbesondere unter der inhaltlich semantischen Perspektive enthalten Pseudo-Dokumentationen allerdings auch einige offensichtliche Implausibilitäten. Zudem haben sich unter inhaltlichen Gesichtspunkten einige charakteristische Topoi herausgebildet; dies sind insbesondere Themen im Umkreis von Übersinnlichem und Wahnsinn sowie die Planung eines Dokumentarfilms über die dargestellten Ereignisse.
 

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1.   Einleitung
2.   Das Genre der Pseudo-Dokumentation
3.   Die Rezeption von Ally Farson
4.   Zusammenfassung und Ausblick
:.    Anmerkungen

 

3. Die Rezeption von Ally Farson

Angesichts dessen, dass es sich bei Pseudo-Dokumentationen im Internet um ein vergleichsweise wenig verbreitetes Genre in einem noch relativ neuen Medium handelt, ist davon auszugehen, dass die Rezipienten/innen solcher Webseiten mehrheitlich noch nicht über das Genre-Wissen zur Klassifikation dieser Produkte verfügen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie die Rezipienten/innen auf Pseudo-Dokumentationen wie Ally Farson reagieren: Werden sie durch den pseudo-dokumentarischen Anspruch und das Fehlen eines offensichtlichen Fiktionalitätshinweises irregeführt, oder erkennen sie die Produkte als Fiktion?

Zur Beantwortung dieser Frage wurde unter anderem eine Analyse der E-Mails durchgeführt, die im Rahmen des Ally Farson Bulletin Boards verfügbar sind. Wie bereits erwähnt (vgl. oben 2.) nimmt dieses Bulletin Board insofern eine Stellung zwischen Produkt und Rezeption ein, als sich an den Diskussionen nicht nur Rezipienten/innen beteiligen, sondern auch Personen aus der Fiktion selbst, wie etwa der Fahndungsleiter Detective DeLima oder Ally Farsons Anwalt D. J. Robinson. Zum Teil wird somit in den E-Mails auf der Produktseite die Fiktion selbst fortgeführt; zum anderen werden hier aber durchaus auch Reaktionen von Rezipienten/innen sichtbar, die sich für eine Untersuchung der rezeptionsseitigen Einschätzung des Realitätsstatus von Ally Farson nutzbar machen lassen.

Gegenstand dieser Rezeptionsstudie waren sämtliche E-Mails, die auf der Website Ally Farson im Dezember 2001 im Rahmen des Bulletin Boards verfügbar waren: 326 E-Mails aus sechs Diskussionsforen, verfasst in der Zeit von Oktober 1999 bis Mai 2001. Der zentralen Frage, wie die Verfasser/innen der Mails den Realitätsstatus von Ally Farson beurteilen, wurde mittels einer Inhaltsanalyse nachgegangen. Dabei handelt es sich um ein Verfahren aus den Sozialwissenschaften zur systematischen Bestimmung ausgewählter Bedeutungsaspekte von Texten. [ 17 ] Diese Bedeutungsaspekte werden in Form eines so genannten Kategoriensystems zusammengestellt; in den einzelnen Kategorien sind die Bedingungen formuliert, unter denen einem Text eine bestimmte Bedeutung zukommt. Die Texte werden dann auf der Grundlage dieses Kategoriensystems von mindestens zwei Personen unabhängig voneinander den Kategorien zugeordnet. Je höher die Übereinstimmung zwischen den Zuordnungen der beiden Kodierer/innen ausfällt, desto eher ist davon auszugehen, dass es gelungen ist, die tatsächliche Bedeutung der Texte - in den untersuchten Aspekten - auch zu erfassen.

Das Kategoriensystem für die vorliegende Analyse der E-Mails aus dem Bulletin Board wurde in erster Linie deduktiv unter Rückgriff auf das Drei-Perspektiven-Modell von Realitäts-Fiktions-Unterscheidungen erstellt. Eine erste Oberkategorie umfasst solche Mails, in denen der Realitätsstatus der Webseite Ally Farson oder auch der Teilnehmer/innen an den Diskussionen in Frage gestellt oder affirmiert wird. In einer zweiten Oberkategorie sind die Gründe zusammengefasst, die die Diskussionsteilnehmer/innen für ihre Einschätzung des Realitätsstatus von Ally Farson oder von anderen Personen in den Bulletin Boards angeben. Gemäß dem Drei-Perspektiven-Modell wird hier weiter zwischen drei verschiedenen Arten von Gründen unterschieden: Dies sind pragmatische Gründe mit Bezug auf den Fiktionalitätshinweis in den FAQs, inhaltliche Implausibilitäten sowie Aspekte der Machart. Die dritte Oberkategorie - die induktiv aus den Mails selbst hergeleitet ist - beinhaltet Formen des 'Mitspielens'; darunter fallen solche E-Mails, in denen Diskussionsteilnehmer/innen die Fiktion um Ally Farson fortführen. Eine letzte Kategorie bildet die Rubrik 'Sonstiges'. Hierunter fallen beispielsweise Mails, in denen über Tatsachen in der realen Welt berichtet wird, etwa über bekannte Kriminalfälle; auch metakommunikative Beiträge, in denen der Diskussionsstil im Bulletin Board thematisch ist, werden hier eingeordnet. [ 18 ]

Unter theoretischen Gesichtspunkten war es zunächst von Interesse, zu welchen Anteilen die Mails von Protagonisten/innen innerhalb der Fiktion verfasst sind. Es ergibt sich ein Anteil von 36 % der Beiträge, die explizit von Personen innerhalb der Fiktion stammen; 64 % entfallen entsprechend auf die Rezipienten/innen der Seite. Diese Anteile basieren allerdings ausschließlich auf den Namensnennungen der Verfasser/innen der Mails. Damit ist jedoch zum einen keineswegs gesagt, dass es sich bei 36 % der Mails von Personen innerhalb der Fiktion nicht um rezeptionsseitige Reaktionen handelt. Es ist durchaus denkbar, dass Rezipienten/innen sich auf diese Weise - im Sinne kollektiver Autorschaft - an der Produktion der Fiktion beteiligen. Zum anderen ist es allerdings auch möglich, dass Teilnehmer/innen an der Diskussion, die zumindest von ihrem Alias her nicht Teil der Fiktion sind, in der Tat zu den Produzenten/innen von Ally Farson zählen - wenn beispielsweise die Teilnehmerin Bonnie M. in ihrer E-Mail-Adresse unter dem Kürzel "serialbabe" auftritt. Wie hoch der Anteil 'echter' Reaktionen von Rezipienten/innen an den analysierten Mails ist, muss somit letztlich offen bleiben; die per Inhaltsanalyse ermittelten 64 % können lediglich als eine Schätzung gelten.

Als authentische rezeptionsseitige Reaktionen erscheinen jedoch vor allem solche Beiträge, in denen der Realitätsstatus von Ally Farson bezweifelt und Gründe für diese Zweifel genannt werden. Zweifel daran, dass es sich bei Ally Farson um einen realen Fall handelt, werden in 38 Mails explizit geäußert, und zwar ausschließlich von Teilnehmern/innen, deren Alias nicht Teil der Fiktion ist. So schreibt beispielsweise eine Teilnehmerin namens Ali:

"hi, ok im really comfused [sic] … is ally real or is it just like blair witch, movie producers trying to promote a movie. can someone tell me if its real or not cause im doing a slide show on serial killers and im using ally as an example ..."

Dem stehen lediglich fünf Mails gegenüber, in denen die Realität von Ally Farson ausdrücklich behauptet wird; auch diese Beiträge sind mehrheitlich von Personen außerhalb der Fiktion verfasst.

Gegenstand der Diskussion ist allerdings nicht nur der Realitätsstatus von Ally Farson selbst, sondern ebenso die Frage der Echtheit und der Identität der Diskussionsteilnehmer/innen. Diese wird in 23 Fällen in Frage gestellt und achtmal affirmiert - wobei die Affirmation in der Regel durch die Person erfolgt, deren Identität zuvor in Frage gestellt wurde. Die Verteilung der Kategorienbesetzungen über Teilnehmer/innen innerhalb und außerhalb der Fiktion zeigt, dass die Identität anderer Diskutanten in etwa gleichen Anteilen sowohl durch Personen innerhalb als auch außerhalb der Fiktion bezweifelt wird. In der Tat wird der Zweifel an der Identität anderer Teilnehmer/innen von einigen Protagonisten innerhalb der Fiktion geradezu zu einem persönlichen Markenzeichen stilisiert. Dies gilt insbesondere für Ally Farsons Großvater, der beinahe jede Mail damit beginnt, dass er Zweifel an dem Namen seines Gegenübers äußert, z. B. in Antwort auf die Teilnehmerin Bonnie K.:

"Mr. Bonniek, Are you another one with a funny name, or do all you guys just make up a name when you sign in? Look at all these messages scattered around and no one has a regular name like Jones, or Smith, or Murphy, etc."

Affirmationen der eigenen Identität werden sogar mehrheitlich von Personen innerhalb der Fiktion geäußert. So führt z. B. die besagte Bonnie K. an, sie habe in einem anderen Diskussionsforum gelesen, dass sich hinter den Teilnehmern/innen an den Bulletin Boards zu Ally Farson nicht verschiedene Personen verbergen, sondern die Mails vielmehr von einer einzigen Person beantwortet werden. Dagegen verwahrt sich Grandpa:

"Bonnie, what did your last reply mean when you said 'By the way, I read about it being one poster on a different newsgroup. I did not just make it up.'? I couldn't figure what that comment was all about, and what's this business about one person answering everything? I am a person, I assure you, and I sure as hell don't intend to answer everything."

Zu den Thematisierungen des Realitätsstatus von Ally Farson zählen schließlich auch Bewertungen des Produkts, und zwar insbesondere im Hinblick auf seine pseudo-dokumentarische Machart. Explizite Bewertungen werden allerdings eher selten vorgenommen, nämlich nur in 31 Fällen, und zwar ausschließlich von Teilnehmern/innen außerhalb der Fiktion. 22 Negativ- stehen dabei neun Positivbewertungen gegenüber. Negativbewertungen thematisieren vor allem die Möglichkeit, dass die Website irrtümlicherweise für real gehalten wird; Positivbewertungen sind meist eher allgemeiner Art, wie etwa "Maybe this website is just too good!"

Insgesamt sind ausdrückliche Bewertungen der Webseite oder Infragestellungen der Echtheit von Ally Farson jedoch eher selten; häufiger finden sich indirekte Zweifel oder Affirmationen in Form von Begründungen, wie sie in der zweiten Oberkategorie zusammengefasst sind. Begründungen für die Fiktionalität von Ally Farson oder die Inauthentizität anderer Teilnehmer/innen werden in 132 Fällen vorgenommen; 119, und damit die klare Mehrheit dieser Argumente, werden von Teilnehmern/innen außerhalb der Fiktion geäußert.

Weitaus am häufigsten wird dabei auf inhaltliche Argumente zurückgegriffen, mit denen bestimmte Aspekte der Webseite oder des Verhaltens der Diskussionsteilnehmer/innen als unplausibel ausgewiesen werden. Unplausibel erscheint danach in erster Linie das Verhalten anderer Diskussionsteilnehmer/innen: Warum erhält man keine klare Antwort, wenn man fragt, ob Ally Farson real ist? Warum sollte ein Los Angeles Police Detective der Öffentlichkeit so viele Informationen zugänglich machen? Unplausibel erscheint es den Teilnehmern/innen weiterhin, dass Informationen aus der Webseite sich im 'Real Life' nicht bestätigen lassen: Weder findet sich Ally Farson unter den zehn meistgesuchten Personen des FBI, noch existieren die Zeitungen, auf die auf der Webseite hingewiesen wird. Dass sich über die berüchtigten Morde keine Informationen in anderen Medien finden, stellt ebenfalls einen häufigen Grund dar, an der Echtheit von Ally Farson zu zweifeln.

Auch Argumente, die auf die Machart von Ally Farson rekurrieren, werden als Indikator für die Fiktionalität des Produkts genannt, und zwar insgesamt in 35 Fällen. Die höchste Nennungshäufigkeit entfällt dabei auf die Kategorie 'Ähnlichkeit mit anderen Medienprodukten', wobei Ally Farson in erster Linie mit The Blair Witch Project verglichen wird, etwa von Mopars:

"I heard about this on my local radio station today. So I know alot of people will be here tonight. I think alot will have the BWP on their mind when they get here and know right away that this is a farce."

Eher selten sind schließlich Erwähnungen des Fiktionalitätshinweises im Rahmen der FAQs; dieser Disclaimer wird in nur sechs der analysierten Mails benannt - und zwar ausschließlich von einer Person.

Fasst man die Nennungshäufigkeiten für die ersten beiden Kategorien 'Diskussion des Realitätsstatus' sowie 'Begründung der Einstellung bezüglich des Realitätsstatus' zusammen, so resultieren insgesamt 282 Fälle, in denen der Realitätsstatus der Webseite oder der Teilnehmer/innen Gegenstand der Diskussion ist. Es entfallen also mehr als die Hälfte der Analyseeinheiten auf diese beiden Kategorien, so dass man sagen kann, dass Fragen des Realitätsstatus die Diskussion im Bulletin Board dominieren. [ 19 ]

Der überwiegende Teil der verbleibenden Einheiten, nämlich 202, entfällt auf die dritte Kategorie 'Mitspielen', d. h. auf Formen des Weiterführens der Fiktion um Ally Farson. Wie zu erwarten, ist ein substanzieller Anteil der Mails von Personen innerhalb der Fiktion dieser Kategorie zuzuordnen: Detective DeLima z. B. wird vom Dienst suspendiert, begibt sich auf eigene Faust nach England, wo er Ally vermutet. Von dort berichtet er, wie er immer mehr an ihrer Schuld zu zweifeln beginnt, bis er schließlich - just in dem Moment, in dem er sie gefunden hat - gänzlich von ihrer Unschuld überzeugt ist und schließlich einen Nervenzusammenbruch erleidet. Aber auch Diskussionsteilnehmer/innen von außerhalb der Fiktion lassen sich in 104 Fällen auf das 'Spiel' ein. [ 20 ] Dies geschieht zum Teil nicht nur im Wissen um die Fiktionalität der Website, sondern mit ausgesprochenem Vergnügen an dem Spiel um Realität und Fiktion. So berichtet beispielsweise der Teilnehmer Slommo, wie er zusammen mit seinem Cousin J. D. am Flughafen von Ontario einen Blick auf Ally erhascht - ganz unvorhergesehenerweise, denn eigentlich hatte er es auf ein Foto von Elvis Presley abgesehen. Als ein anderer Diskussionsteilnehmer, Allen O'Hagan, nun Zweifel an der Wahrheit dieses Berichts anmeldet - denn schließlich wisse man ja, was von Personen zu halten sei, die Elvis Presley gesehen haben -, antwortet Slommo:

"If you find out that Mr. Allen O'Hagan is still followin the progress of this case, tell him, that we did, for sure, see her. Her siting should not be confused with the ongoin search for Mr.Elvis Presley - we do know the difference."

Was sagen diese Ergebnisse nun über die Rezeption der Pseudo-Dokumentation Ally Farson aus? Zunächst einmal ist festzuhalten, dass das gesamte Bulletin Board auf der Webseite eine Fortführung des Spiels mit Realität und Fiktion darstellt; man kann sich also bei der Analyse der Mails letztlich nicht sicher sein, dass es sich tatsächlich um Rezeptionen und nicht vielmehr um Teile des Produkts selbst handelt - soweit die Unterscheidung zwischen Produktion und Rezeption hier überhaupt noch anwendbar ist. Zugleich sind die Zuordnungen der Beiträge zu den inhaltsanalytischen Kategorien jedoch durchaus mit der Annahme kongruent, dass Mails, die von Personen geschrieben wurden, deren Alias nicht Teil der Fiktion ist, auch tatsächlich von 'echten' Rezipienten/innen der Webseite verfasst wurden: So werden Zweifel an der Echtheit der Fiktion und Gründe für diese Zweifel in erster Linie von Personen außerhalb der Fiktion geäußert, während Mails von Personen, deren Alias Teil der Fiktion ist, anteilsmäßig häufiger auf die Kategorie 'Mitspielen' entfallen.

Die Verteilung der Beiträge von Personen außerhalb der Fiktion über die inhaltsanalytischen Kategorien zeigt weiterhin, dass die Rezipienten/innen sich in zwei Gruppen unterteilen lassen. Bei der einen, kleineren Gruppe handelt es sich um Personen, die Ally Farson klar als Fiktion erkennen, indem sie diese Fiktion in ihren eigenen Beiträgen ausschmücken und fortführen. Die andere Gruppe besteht aus Rezipienten/innen, die sich an der Diskussion um den Realitätsstatus der Webseite beteiligen. Zwar wird Ally Farson nur in den seltensten Fällen von Personen außerhalb der Fiktion als echter Fahndungsaufruf fehlidentifiziert; vielmehr überwiegen Zweifel an der Echtheit des Produkts sowie Gründe, weshalb es sich bei der Webseite vermutlich um Fiktion handelt. Allein die Tatsache der Diskussion und das Äußern von Zweifel an der Echtheit von Ally Farson können jedoch bereits als Indikator für eine gewisse Verunsicherung der Rezipienten/innen gelten: Bei der Rezeption eines Fiction-Produkts wird dessen Fiktionalität üblicherweise nicht diskutiert, sondern stillschweigend vorausgesetzt.

Unter den Begründungen für den fiktionalen Status der Webseite nehmen vor allem inhaltliche Gesichtspunkte einen hohen Stellenwert ein; dies erscheint auch insofern einleuchtend, als die Fiktionalität von Pseudo-Dokumentationen, wie weiter oben in diesem Abschnitt erläutert erläutert, primär anhand inhaltlicher Implausibilitäten sichtbar wird. Auch der Vergleich mit Blair Witch Project wird zur Begründung der Fiktionalität von Ally Farson herangezogen; hier wird sichtbar, wie Rezipienten/innen über den Produktvergleich neues Genrewissen aufbauen. Kaum erwähnt wird dagegen der Disclaimer, der Fiktionalitätshinweis in den FAQs. Dies ist insofern überraschend, als es sich dabei um den eindeutigsten Hinweis auf den fiktionalen Status der Webseite handelt, der geeignet ist, etwaige Unsicherheiten endgültig aufzulösen. Vielleicht ist genau diese Eindeutigkeit aber auch der Grund, weshalb dieser Hinweis so selten Erwähnung findet: Die Eindeutigkeit des Disclaimers widerspricht dem Spiel, der Oszillation zwischen Realität und Fiktion. Möglicherweise vermischt sich die Verunsicherung über den Realitätsstatus des Produkts zumindest bei einigen Rezipienten/innen mit dem Genuss eben dieser Unsicherheit, des Spiels mit dem "was wäre, wenn".
 

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1.   Einleitung
2.   Das Genre der Pseudo-Dokumentation
3.   Die Rezeption von Ally Farson
4.   Zusammenfassung und Ausblick
:.    Anmerkungen

 

4. Zusammenfassung und Ausblick

Die Inhaltsanalyse der E-Mails aus dem Ally Farson Bulletin Board stellt natürlich - insofern das Bulletin Board selbst einen Hybridstatus zwischen Produkt und Rezeption einnimmt - noch keine hinreichende Grundlage für Rückschlüsse auf die Rezeption von Pseudo-Dokumentationen im Allgemeinen dar. Allerdings stimmen die vorliegenden Ergebnisse mit den Resultaten anderer Untersuchungen zur Rezeption von Pseudo-Dokumentationen überein. Eine Analyse von Newsgroup-Beiträgen aus dem Internet zu Blair Witch Project [ 21 ] sowie eine Interviewstudie zur Rezeption von Ally Farson (deren Auswertung noch nicht vollständig abgeschlossen ist) ergaben ebenfalls, dass die Rezipienten/innen diese Produkte zwar nur selten als Non-Fiction fehlidentifizieren, jedoch zu einem nicht unerheblichen Anteil (von etwa 33 %) Verunsicherung hinsichtlich des Realitätsstatus äußern. Auch in diesen Untersuchungen dominieren inhaltliche Gesichtspunkte als Gründe für die Fiktionalität der Produkte, während die jeweiligen Disclaimer praktisch keine Erwähnung finden. In der Interviewstudie zu Ally Farson wurde schließlich ebenfalls die Ähnlichkeit mit Blair Witch Project als Grund für die Fiktionalität der Webseite angeführt.

Insbesondere dieses letztere Ergebnis lässt darauf schließen, dass mit der zunehmenden Verbreitung des Genres der Pseudo-Dokumentation im Internet auch ein zunehmendes Genre-Wissen seitens der Rezipienten/innen einhergeht. Die hier berichteten Studien sind natürlich nur ein erster Schritt in Richtung auf die differenziertere Untersuchung solcher Wissensbestände und deren Genese - die aber durchaus heuristisch für die Generierung entsprechender Hypothesen nutzbar gemacht werden können, die dann im Kontext der Weiterentwicklung des Genres zu überprüfen sein werden. So dürfte sich eine zunehmende Vertrautheit mit dem Genre beispielsweise darin manifestieren, dass der Anteil an Fragen zum Realitätsstatus dieser Produkte sukzessive abnimmt, während zugleich der Prozentsatz der Rezipienten/innen ansteigt, die das Spiel mit Realität und Fiktion aufnehmen, die zu Co-Produzenten/innen und somit letztlich zu Co-Autoren/innen werden. Mit dieser Entwicklung - wenn sie denn künftig stattfindet - dürfte zugleich auch eine Veränderung des Genres der Pseudo-Dokumentation selbst in Richtung auf eine Form kollektiver Hyperfiction einhergehen, die ihrerseits mit einer Auflösung der Unterscheidung zwischen den klassischen Rollen der Produktion und Rezeption verbunden ist.
 

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3.   Die Rezeption von Ally Farson
4.   Zusammenfassung und Ausblick
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icon Anmerkungen

[ 1 ] Dieser Beitrag entstand im Rahmen des DFG-geförderten Projekts 'Realitäts-Fiktions-Unterscheidung(en)', Az. SCHR 594/1 (Leitung: Margrit Schreier und Norbert Groeben). Ich danke der DFG für ihre Unterstützung. Danken möchte ich auch Johanna Vollhardt für ihre bereitwillige, schnelle und kompetente Unterstützung bei der Kodierung der E-Mails zu Ally Farson.

[ 2 ] Jonas, Markus/Neuberger, Christoph, "Unterhaltung durch Realitätsdarstellungen: 'Reality TV' als neue Programmform", in: Publizistik 41 (1986), S. 187-202.

[ 3 ] http://www.blairwitch.com (31. 01. 2003).

[ 4 ] Groeben, Norbert/Schreier, Margrit, "Die Grenze zwischen (fiktionaler) Konstruktion und (faktueller) Wirklichkeit: mehr als eine Konstruktion?", in: Festschrift für die Wirklichkeit, hg. v. Guido Zurstiege, Opladen, 2000, S. 165-184.

[ 5 ] Roscoe, Jane/Hight, Craig, Faking it. Mock documentary and the subversion of factuality, Manchester, New York, 2001.

[ 6 ] Nickel-Bacon, Irmgard/Groeben, Norbert/Schreier, Margrit, "Fiktionssignale pragmatisch. Ein medienübergreifendes Modell zur Unterscheidung von Fiktion(en) und Realität(en)", in: Poetica 32 (2000), S. 267-299.

[ 7 ] So z. B. im Rahmen der Kontrastierung von Tatsachen- und Ästhetikkonvention bei Schmidt: Schmidt, Siegfried, Grundriß der empirischen Literaturwissenschaft. Bd. 1: Der gesellschaftliche Handlungsbereich Literatur, Braunschweig u. a., 1980.

[ 8 ] Zum Begriff des Paratexts vgl. Eco, Umberto, Im Wald der Fiktionen. Sechs Streifzüge durch die Literatur (Norton-Lectures 1992-93), München, Wien, 1994; Genette, Gérard, Paratexte: das Buch zum Beiwerk des Buches, Frankfurt am Main, 2001.

[ 9 ] Landwehr, Jürgen, Text und Fiktion, München, 1975.

[ 10 ] Zum Konzept der Real-Life-Nähe vgl. z. B. Hawkins, Robert P., "The dimensional structure of children's perceptions of television reality", in: Communication Research 4 (1977), S. 299-320.

[ 11 ] http://www.allyfarson.com (31. 01. 2003).

[ 12 ] Zum Interaktivitätsbegriff vgl. Vorderer, Peter, "Interactive entertainment and beyond", in: Media entertainment. The psychology of its appeal, hg. v. Dolf Zillmann und Peter Vorderer, Mahwah, 2000, S. 21-36.

[ 13 ] http://www.citizensfortruth.org (31. 01. 2003).

[ 14 ] Vgl. Roscoe/Hight, 2001, s. Anm. 5, Kap. 5.

[ 15 ] http://www.creepysites.com/gron/cassandra (31. 01. 2003).

[ 16 ] http://www.creepysites.com/gron/julie (31. 01. 2003). Die ursprüngliche Seite wurde seitdem aus dem Netz genommen, zu Beginn des Jahres 2004 jedoch in einer neuen Form fortgeführt.

[ 17 ] Rustemeyer, Ruth, Praktisch methodische Schritte der Inhaltsanalyse, Münster, 1992.

[ 18 ] Um eine Abschätzung der Zuverlässigkeit der Kodierungen zu ermöglichen, wurde ein Drittel des Materials von einer zweiten Kodiererin in das fertige Kategoriensystem eingeordnet; das resultierende zufallskorrigierte Fleiss' kappa kann mit 0.71 als 'gut' gelten; zu Fleiss' kappa und zur Bewertung der Ausprägungen des Maßes siehe Landis, Judson R./Koch, Gary G., "The measurement of observer agreement for categorical data", in: Biometrics 33 (1977), S. 159-174.

[ 19 ] Die Zuordnung von Textteilen zu inhaltsanalytischen Kategorien erfolgt nicht pro Mail, da diese z. T. so lang ausfallen, dass sie mehrere Bedeutungsaspekte in sich vereinen. Vor der inhaltsanalytischen Kodierung wurde daher eine Unterteilung der Mails in kleinere thematische Einheiten vorgenommen, die sog. Analyseeinheiten.

[ 20 ] Die absoluten Zahlen erwecken hier den Eindruck, als wären Mails der Kategorie 'Mitspielen' in der Tat häufiger von Personen außerhalb als innerhalb der Fiktion verfasst (104 zu 98). Dieses Bild relativiert sich jedoch, wenn man berücksichtigt, dass nur 36 % aller Mails überhaupt von Personen außerhalb der Fiktion verfasst sind. Entsprechend fällt der Anteil an Mails der Kategorie 'Mitspielen' unter den Personen innerhalb der Fiktion deutlich höher aus als der Anteil solcher Mails unter den Personen außerhalb der Fiktion.

[ 21 ] Schreier, Margrit/Navarra, Christine/Groeben, Norbert, "Das Verschwinden der Grenze zwischen Realität und Fiktion. Eine inhaltsanalytische Untersuchung zur Rezeption des Kinofilms 'The Blair Witch Project'", in: Fakten und Fiktionen. Über den Umgang mit Medienwirklichkeiten, hg. v. Achim Baum und Siegfried J. Schmidt, Konstanz, 2002, S. 392-404.

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