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1. Technik, Semantik und Effektivität
Eine technische Kommunikationstheorie ist geradeso wie eine gute und diskrete Postangestellte, die Ihre Telegramme annimmt. Sie achtet nicht auf die Bedeutung, ob sie nun traurig oder fröhlich oder unangenehm ist. Aber sie muß bereit sein, sich um alles zu kümmern, was auf ihren Schreibtisch kommt. [ 1 ] |
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2.1 Kulturhistorische Ausgangslage:
Am Ausgangspunkt der medienkulturhistorischen Entwicklung steht der Mensch. Als Prototyp eines Mediums, das Informationen aufnehmen, verarbeiten, speichern, übertragen und reproduzieren kann, ist der Mensch mit seiner Fähigkeit oraler beziehungsweise universeller Kommunikation bis heute das Maß aller Dinge. Dass die medientechnische Entwicklung trotz dieses anthropologischen Apriori keineswegs 'humanistische' Ziele verfolgt, liegt nicht nur an der kurzsichtigen Kosten-Nutzen-Rechnung einer Gesellschaft, die an der Optimierung von Kommunikation arbeitet und damit nicht selten ihre Verhinderung erreicht. [ 6 ] Rousseauistische Medienutopien, wie sie Marshall McLuhan, basierend auf seiner Definition der Medien als "extensions of man", angesichts der elektronischen Vernetzung der Welt via Fernsehen in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelte, sind seltener geworden. Die zeitgenössischen Ansätze von Konstruktivismus und Systemtheorie, beide selbst geprägt von den medientechnischen Metaphern des Computerzeitalters, haben auf derartige Entwicklungen immer schon empfindlich reagiert. Zeitgleich mit McLuhans inspirierten Reden vom "Pfingstwunder" erdumspannender Völkerverständigung [ 7 ] vertraten Watzlawick, Beavin und Jackson Ende der sechziger Jahre noch das "metakommunikative Axiom: Man kann nicht nicht kommunizieren" und erklärten den Versuch, "nicht zu kommunizieren", zu einem Wesenszug der Schizophrenie. [ 8 ] Die Kommunikationseuphorie der Pop-Ära erhielt 1968 mit der zeitgerechten Entwicklung des ARPA-Net (Advanced Research Project Agency), das die Grundlage des späteren Internet bilden sollte, die Keimzelle einer weltumspannenden Kommunikationsplattform, die sich vorerst allerdings nur auf ausgesuchte Universitäten und Forschungseinrichtungen in den USA erstreckte. Die Unfähigkeit zu kommunizieren, die McLuhan wenige Jahre zuvor als einen pathologischen Zug der Buchkultur definiert hatte, die ihre Autoren und Leser sukzessive in die Isolation asozialer Produktions- und Rezeptionsweisen drängt [ 9 ], war mit der Erweiterung und Verbesserung der Netzkommunikation zum World Wide Web Anfang der neunziger Jahre jedoch nicht aus der Welt geschafft. Dass ein Mehr an multidirektionaler Kommunikation nicht unbedingt auch ein Mehr an Verständigung bedingt, lässt sich an der steigenden Medienskepsis der neunziger Jahre ablesen. Hans Magnus Enzensberger, der 1970 in seinem Baukasten zu einer Theorie der Medien den seit Bertolt Brecht vielgescholtenen Gebrauch der Medien als Distributionsapparate angeprangert hatte, zieht 30 Jahre später angesichts der unbegrenzten Kommunikationsmöglichkeiten des Internet ein ebenso ernüchterndes wie banales Fazit: "Nicht jedem fällt etwas ein, nicht jeder hat etwas zu sagen, was seine Mitmenschen interessieren könnte." [ 10 ] (Eine Einsicht, die in punkto Internet nicht nur für Online-Chats, sondern auch für so manches kollaborative Schreibprojekt gilt.) Niklas Luhmann, für den derartiges "Mitteilungshandeln" (im Sinne Watzlawicks et al.) ausdrücklich "noch keine Kommunikation" darstellt, war schon Jahre zuvor von der prinzipiellen Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation ausgegangen, als er Mitte der neunziger Jahre die ungeheure These aufstellte, dass deren Zustandekommen nur dann garantiert sei, "wenn jemand sieht, hört, liest - und so weit versteht, daß eine weitere Kommunikation anschließen könnte" [ 11 ]. Die ungefähr zur selben Zeit eingeführten multimediatauglichen Programmiersprachen im World Wide Web konnten an dieser prinzipiell mangelnden Kommunikations- beziehungsweise Anschlussfähigkeit des Einzelnen nichts ändern. Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms, die den Menschen durch die computergestützte Digitalisierung und Analyse seiner Erbinformation zur berechenbaren Größe macht, und die Fortschritte im Bereich der Künstlichen-Intelligenz-Forschung scheinen der Mediengeschichte eine teleologische Richtung zu geben: Was im Kontext oraler Kulturen mit dem Menschen als Medium begann, läuft im Zeitalter der Digitalisierung auf ein Supermedium hinaus, das den Menschen über kurz oder lang ersetzen soll. |
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2.2 Medienkulturgeschichte digitaler Codierungen I:
In machbare Nähe gerückt ist dieses Szenario vor allem durch eine Maschine, die vorerst gar nicht als Medium im konventionellen Sinne eingesetzt wurde und sich erst in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zur universellen Sammelstelle aller bisherigen Medientechniken entwickelte: Die Rede ist vom Computer. Im Englischen des 17. und 18. Jahrhunderts als Bezeichnung für jene Mathematiker gebräuchlich, "die äußerst umfangreiche Rechenroutinen ausführten, wie sie für die Berechnung von Kalendern, Logarithmen, und ballistischen, nautischen und astronomischen Tafeln erforderlich waren" [ 12 ], ist der Computer (von lat. computare: zusammenrechnen, an den Fingern abzählen) heute das erste universelle Medium, das alle bisherigen Medientechniken von der Schrift bis hin zu den audiovisuellen Medien in sich zu vereinen vermag.
Seiner medienhistorischen Herkunft als Rechner gemäß, ist die Berechenbarkeit der zu lösenden Probleme immer schon die unumgängliche Basis effizienter Computernutzung. Die dafür erforderliche Gleichschaltung von Technologie und operativem Konzept wird schon durch einen Blick auf die Geschichte der Zahlensysteme erkennbar. Da die europäischen Schriftkulturen von den Griechen und Römern bis ins Spätmittelalter Buchstaben als Zahlen benutzten, konnten sie selbst einfache Rechenoperationen oft nur mit Hilfsmitteln wie dem Rechenbrett oder dem Abakus ausführen. Die Einführung der Null und des dezimalen Positionssystems, die ursprünglich auf den Einfluss indischer Astronomen zurückgehen und über die Araber auf der iberischen Halbinsel ab dem späten 10. Jahrhundert auch nach Europa gelangen, stellen eine wichtige Voraussetzung für die Modernisierung von Mathematik, Wissenschaft und Technik dar. Obwohl Werke wie die Arithmetica des Mohammed Ibn Musa al-Charismi (um 780 bis um 850), von dem sich im Abendland das Wort Algorithmus ableitet, bereits um das Jahr 1120 in einer ersten Übersetzung vorliegen, kann sich das neue System erst im 13. Jahrhundert allmählich durchsetzen. Zur allgemeinen Verbreitung und sukzessiven Normung der arabischen Ziffern und der damit einhergehenden mathematischen Verfahren kommt es in Europa jedoch erst durch den Buchdruck. Populär wird das Rechnen "auf den Linien", wie das schriftliche dezimale Ziffernrechnen auch genannt wird, in Zentraleuropa erst durch die Bücher von Adam Riese und Michael Stifel im 16. Jahrhundert. [ 13 ] |
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2.3 Medienkulturgeschichte digitaler Codierungen II: alphanumerische und binäre CodesEinen Ausgangspunkt hat diese Entwicklung im 9.-7. Jh. v. Chr. an der Grenze zwischen Orient und Okzident. Als Endpunkt eines Digitalisierungsprozesses, der ganz im Zeichen der Optimierung des Verhältnisses von Technik, Semantik und Effektivität steht, stellt das phonetische Alphabet der Griechen ein digitales Zeichensystem dar, mit dessen Hilfe das analoge akustische Lautkontinuum der gesprochenen Sprache in einzelne, wert- und zeitdiskrete, willkürliche Zeichen zerlegt und mit seinen vorerst 24 Buchstaben dauerhaft visualisiert werden kann. Als universell einsetzbare Medientechnik mit digitalem Signalverarbeitungspotential erfüllt das griechische Alphabet alle an ein Medium gestellten Anforderungen: Es ermöglicht die Aufnahme, Speicherung, Reproduktion und Übertragung von sinnlicher und abstrakt intelligibler Information. Wie die digitalen, signalverarbeitenden Medientechniken der Gegenwart macht das phonetische Alphabet wirkliche und künstliche Welten mit Hilfe eines einheitlichen, vorerst jedoch noch nicht von Maschinen, sondern von Menschen lesbaren Codes übersetzbar und generierbar. Sein überschaubarer Zeichenvorrat macht es - etwa im Vergleich zu anderen logographischen Schriften (Piktogramme, Ideogramme) oder komplexeren phonographischen Schriften (Segmentalschrift, Silbenschrift) - relativ einfach erlernbar und gewährleistet dennoch vielseitige Anwendbarkeit.Der Umstand, dass es sich bei der Alphabetschrift weniger um eine Erfindung im modernen Sinne, als vielmehr um einen in der Kulturgeschichte mehrfach wiederholten Aneignungsprozess handelt, in dessen Verlauf ein bestehendes Schriftsystem den Anforderungen einer nur oral existierenden Sprache angepasst wurde, macht es erforderlich, bei der Charakterisierung der Leistungsfähigkeit der Schrift ihr jeweiliges medienhistorisches Entwicklungsstadium mitzubedenken. [ 42 ] Aktuelle Ansätze der Linguistik zählen die im Zusammenhang mit der griechischen Buchstabenschrift weit verbreitete Vorstellung des ersten 'vollständigen' Alphabets zum Inventar eines "orthographischen Mythos". [ 43 ] Christian Stetter sieht die Vollständigkeit des griechischen Alphabets nur insofern gewährleistet, als "alle griechischen logoi - was man hier noch einfach mit 'Texte' übersetzen kann - mit ihm so geschrieben werden konnten, daß jeder Ausdruck von jedem anderen an der betreffenden Stelle nicht zu lesenden hinreichend eindeutig zu unterscheiden war". [ 44 ] Buchstaben werden und wurden demzufolge bei der Entwicklung des Alphabets nicht dazu verwendet, "Laute zu bezeichnen, sondern ausschließlich dazu, lesbare Wörter oder Texte zu schreiben". [ 45 ] Eindeutiger als in der Manuskriptkultur des Mittelalters, in der die Verwendung der Schrift in engem Zusammenhang mit ihrer mündlichen Vermittlung steht, machen sich die analytischen Effekte der Digitalisierung erst in der Ära des Buchdrucks bemerkbar. Die vor allem auf Lesbarkeit, nicht auf Individualität ausgerichteten Handschriften des Mittelalters können weder ihr digitales noch ihr analoges Potential zur Gänze entfalten. Ebenso wie die Handschrift ihren analogen Charakter als authentische Signatur des Individuums erst im Zeitalter des gedruckten Buchs erhält, kommt die Vorstellung des Alphabets als zahlenmäßig begrenzter, diskreter Zeichenmenge erst durch die Reduktion der in den frühen Drucken noch verwendeten Ligaturen und Kürzel verstärkt zum Bewusstsein. [ 46 ] Einen vorläufigen Endpunkt wird dieser Prozess im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts mit der Mechanisierung des Schreibens durch die Erfindung der Schreibmaschine und die schrittweise Automatisierung des Druckens mit Hilfe von Setzmaschinen wie Ottmar Mergenthalers Linotype (1884) oder Tolbert Lanstons Monotype (1890) erreichen. [ 47 ] Erst mit der Buchstabenschrift im typographischen Sinne ist, dem Wortgebrauch Wilhelm von Humboldts folgend, "das Theilungsgeschäft der Sprache" vollendet und der Weg zu ihrer logischen Analyse und Vervollkommnung geebnet. [ 48 ] Im Kontext der alphanumerischen primären Digitalität geht es schließlich darum, jedes beliebige Wort, gleich welcher Sprache, seinem Lautstand gemäß abzubilden. Eine differenzierte Lösung erfährt dieses ebenso interkulturelle wie intermediale Problem erst im Rahmen der Globalisierung und medialen Ausdifferenzierung im 19. Jahrhundert. Das erste, auf alle bekannten Sprachen anwendbare Notationssystem stellt das 1888 publizierte Internationale Phonetische Alphabet dar, das bis heute mehrmals aktualisiert wurde. [ 49 ] Im Gegensatz zu diesem phonozentristischen Instrumentarium, das seinerseits bereits im medienkulturhistorischen Dunstkreis analoger Audio-Medien wie Phonograph und Grammophon entsteht, verlagert sich die Schriftproblematik im Zeitalter sekundärer Digitalisierung bezeichnenderweise wieder stärker vom Phonem zum Graphem. Die medientechnische Affinität von binärer und alphanumerischer Codierung bringt es mit sich, dass der Computer, der in seinen Anfängen die Zeichenmengen von Bildern und Tönen ohnehin nicht zu bewältigen vermag, sich vorerst als Schreibmaschine mit amerikanischer Standardbelegung etabliert. Als der American Standard Code for Information Interchange (ASCII) 1963 eingeführt wird, umfasst die auf sieben Bit ausgelegte Zeichentabelle, die 1968 zum weltweiten Standard erklärt wird, 128 Einträge. Mit der Hinzunahme des achten Bit erhöht sich 1986 die Zahl der codierten Standardzeichen auf 256. [ 50 ] Um den PC als multikulturell ausgelegten World-Wide-Player zu etablieren, ist eine derartige Zeichenbelegung jedoch noch lange nicht ausreichend. Besondere Herausforderungen stellen neben der bidirektionalen Ausrichtung von Schriften wie Hebräisch und Arabisch [ 51 ] vor allem die Zeichenmengen der ideographisch organisierten Schriftsysteme Asiens (Chinesisch-Japanisch-Koreanisch) dar. [ 52 ] Um sie elektronisch erfassen zu können, wurde 1993 der so genannte "Unicode", eine Zwei Byte-Codierung für Zeichen, eingeführt, mit deren Hilfe bis zu 65536 Zeichen erfasst werden können. [ 53 ] Die Überführung des alphanumerischen Codes in einen zweistelligen Binärcode, der in der Nachfolge der binären Arithmetik von Leibniz zu einem Grundprinzip des Digitalrechners wird, hat eine ganze Reihe von Vorläufern: 1605 entwickelt Francis Bacon einen zweiwertigen, aus den Buchstaben A und B bestehenden, fünfstelligen Code, den er - anders als Leibniz - jedoch nicht zu rechnerischen Zwecken, sondern als Geheimsprache nutzt. Dabei ist sich Bacon der Möglichkeit durchaus bewusst, seinen Binärcode auch in der Telekommunikation einzusetzen. Als Signalgeber schlägt er dafür etwa unterschiedliche Glocken- und Horntöne beziehungsweise Feuerzeichen vor. [ 54 ] Im Bereich der Übertragungsmedien können derartige Formen digitaler Informationsübermittlung zu diesem Zeitpunkt bereits auf eine lange Tradition zurückblicken. In Hinblick auf ihre Anwendbarkeit können digitale Codes, die sprachliche Information auf optischem (Fackel , Rauchzeichen , Semaphorentelegraphie) oder akustischem (Trommeltelegraphie) Wege verbreiten, sogar ein historisches Primat für sich beanspruchen. [ 55 ] Binäre Codierungen stellen dabei zwar eine Ausnahme dar, ihre praktische Umsetzung finden sie jedoch ebenfalls bereits lange vor dem digitalen Zeitalter. Als Steuerungselement für mechanische Musikinstrumente sind binäre Informationsspeicher seit dem 13. Jahrhundert auch in unseren Breiten bekannt. Die im 9. Jahrhundert von den Banû-Mûsâ-Brüdern in Bagdad erfundene Stiftwalze findet in Europa als zentraler Bestandteil von Glockenspielen (Straßburger Münster, 1352-54), Musikschränken (Hans Schlottheim, 1589), mechanischen Virginalen (Samuel Bidermann, 1612), Drehorgeln (um 1700) und Spieluhren (Antoine Favre Salomon, 1796) Verwendung. Sogar in der Analytical Engine von Babbage kommen Stiftwalzen noch gemeinsam mit Jacquards Lochkarten zum Einsatz [ 56 ], die seit einem Patent von Claude Felix Seytre 1842 auch als Toninformationsträger genutzt werden. Da Toninformationsträger per definitionem nur Steuerangaben zur Erzeugung musikalischer Klänge, nicht aber deren Schallschwingungen enthalten, beruhen sie im Grunde auf dem Prinzip der musikalischen Notation, das sie in ein binäres Muster überführen. Ende des 19. Jahrhunderts stellen derartige Steuerungssysteme, die in abgewandelter Form als Lochplatten und Papiernotenrollen den Ton mechanischer Musikinstrumente angeben, sogar eine ernsthafte Konkurrenz zu Phonographenwalzen und Grammophonplatten dar. [ 57 ] Eine erste Umsetzung im Bereich der Übertragungsmedien finden binäre Codes Ende des 18. Jahrhunderts. 1795 entwerfen die Engländer John Gamble und George Murray unabhängig voneinander Varianten eines optischen Klappentelegraphen, bei dem im Gegensatz zu den französischen Flügeltelegraphen Claude Chappes mehrstellige Binärcodes zur Übertragung einzelner Buchstaben zum Einsatz kommen. [ 58 ] Von den zahlreichen Modellen zur telegraphischen Nutzung der Elektrizität, mit deren Hilfe man nicht mehr - wie bei den optischen Systemen - in die Ferne, sondern in der Ferne schreibt, setzt sich schließlich ebenfalls eine Apparatur mit binärer Signalverarbeitung durch. Einfache Bedienbarkeit, relativ geringer Leitungsaufwand, hohe Übertragungsgeschwindigkeit und schriftliche Endausgabe zeichnen den Telegraphen des Amerikaners Samuel Finley Breese Morse aus. 1865 wird sein serieller Punkt/Strich-Code zum weltweiten Standard erklärt. Schon 1866 kann, nach einem erfolglosen Versuch im Jahr 1858, über ein erstes funktionstüchtiges Transatlantikkabel der telegraphische Dauerbetrieb zwischen Europa und den Vereinigten Staaten gewährleistet werden. Vor allem im Fernverkehr bleibt der Telegraph aufgrund seiner Vorteile in der Signalübertragung lange Zeit analogen Medien wie dem Telefon überlegen. Bis zur Entwicklung effizienter Analog-Verstärker wie der Elektronenröhre (1906-1913) können große Entfernungen mit dem Telefon nur behelfsmäßig überbrückt werden. Ähnliches gilt für die drahtlose Kommunikation, die Jahre vor den ersten Sprechverbindungen bereits Mitte der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts im Bereich der Telegraphie realisiert wird. |
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2.4 Medienkulturgeschichte digitaler Codierungen III: Sekundäre Digitalisierung von AnalogemWährend eine effiziente Signalverstärkung beim Telegraphen bereits mit Hilfe einfacher Relaisschaltungen zu gewährleisten ist, stellen die störanfälligen Bandbreiten analoger Schwingungen, wie sie bei der Übertragung gesprochener Sprache zustande kommen, eine große Herausforderung für die Nachrichtentechnik dar. Vor allem um die in der Telefonie auftretenden Störgeräusche zu beheben, konzipiert Alec A. Reeves 1938 ein Verfahren zur digitalen Signalübertragung. Sein Pulscodemodulationsverfahren, das in Abwandlungen bis heute die Grundlage der Digitalisierung analoger Signale darstellt [ 59 ], wird während des Zweiten Weltkriegs für die Übertragung geheimer Telefonate über Weitverkehr-Funkstrecken entwickelt. [ 60 ] Eine erste zivile Anwendung erfährt das PCM-System, das aufgrund geringerer Bandbreiten größere Übertragungskapazitäten bewältigen kann, 1962 durch die amerikanische Telekommunikationsfirma AT&T. [ 61 ] Da die so gewonnene digitale Information nicht von der Pulsamplitude abhängt, das heißt, ein Rauschen die Aussage des Zahlencodes nicht verändert, sind PCM-Signale im Vergleich zu den Signalen konventioneller Modulationsverfahren nahezu störungsfrei. [ 62 ] Einmal digitalisiert liegen optische und akustische Signale als Rechenergebnisse vor, deren Werte bei jedem Übertragungs- und Reproduktionsschritt konstant bleiben. Um via Computer als Bild oder Ton ausgegeben werden zu können, müssen diese Werte mittels Digital-Analog-Wandler in analoge Signale konvertiert werden. Die Signalbearbeitung mittels computergestützter Bild- und Tonbearbeitungsprogramme manipuliert nicht das ursprüngliche Signal, sondern dessen digitalisiertes Messergebnis und bietet dadurch einen Verarbeitungskomfort, wie man ihn im Kontext der Informationsverarbeitung nur von der Schrift her kennt. [ 63 ]Die genannten Vorteile bei der verlustfreien Übertragung, Reproduktion und Bearbeitung analoger Signale machen die Digitalisierung schon bald auch in den professionellen Bereichen der Ton- und Bildbearbeitung unverzichtbar. Die ersten Prototypen digitaler Audiorecorder Ende der sechziger Jahre setzen wegen der zu verarbeitenden Datenmengen Videobänder mit Spiralabtastung als Speichermedien ein. [ 64 ] Ihren Durchbruch feiert die Digitalisierung von Bildern und Tönen jedoch erst mit einem Medium, das ursprünglich als Bildmedium konzipiert wurde, Anfang der achtziger Jahre allerdings als Audiomedium auf den Markt kommt: 1981 von den Firmen Philips und Sony als CD-DA (Compact Disc - Digital Audio) eingeführt, erweist sich die CD um die Jahrtausendwende als das durchsetzungsfähigste Speicherformat. Vor allem Spezifikationen wie die 1985 eingeführte, aber erst im Lauf der neunziger Jahre etablierte CD-ROM (CD Read Only Memory) und die besonders datenintensive DVD (Digital Versatile Disc), die seit ihrem Start im Jahr 1999 vor allem im Videosektor Verbreitung fand, setzten neue Standards im Bereich der Speicherung und Distribution von Tönen, Bildern und Texten. [ 65 ] Im Computerbereich hält die Digitalisierung des Analogen durch die Nutzung des Bildschirms als Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine Einzug. Vor allem die Konzeption graphischer Oberflächen, die nach dem WYSIWYG-Prinzip (für: "What You See Is What You Get") funktionieren, erweist sich als Schlüssel zum Erfolg. Gemeinsam mit neuen Eingabehilfen wie der Maus oder leistungsfähigen Ausgabegeräten wie dem Laserdrucker, allesamt Entwicklungen des Palo Alto Research Centers (PARC) der Firma Xerox, entwickelt sich der Computer vom abweisenden, lochkartenfressenden Rechenmonster zum Fenster zur Welt. [ 66 ] Die Vorteile der Digitalisierung machen sich vorerst auf einem genuin literalen beziehungsweise typographischen Betätigungsfeld bemerkbar. Durch effiziente Textverarbeitungs- und Layoutprogramme macht der Computer jeden seiner Nutzer zum Typographen und Layouter. Ihre Multimediatauglichkeit verdanken die Personal Computer der ersten Stunde häufig auch einem ganz trivialen Anwendungsbereich. Legendäre Erfolgsmodelle wie der Commodore C 64 (1982), der meistverkaufte PC der achtziger Jahre, befriedigen mit der für damalige Begriffe unvergleichlichen Qualität ihrer Soundchips und Farbgraphiken vor allem die Spielfreudigkeit ihrer Käufer. Als Programmierer für den Spielehersteller Atari kennt Steven Wozniak die Anforderungen seiner Kunden, als er 1976 gemeinsam mit dem Marketing-Strategen Steve Jobs die Firma Apple gründet. Schon der 1977 auf den Markt gebrachte Apple II wird wegen seiner Ausstattung mit Farbgraphik und Sound gerne zum Spielen genutzt. Dass Computer auch in anderen Anwendungsbereichen Ansehnliches zu leisten vermögen, beweist Apple in den achtziger Jahren. Mit dem 1983 eingeführten LISA lanciert die Firma den ersten marktfähigen Computer, der über die im Xerox PARC entwickelte graphische Benutzeroberfläche verfügt. Der Durchbruch im Desk Top Publishing gelingt allerdings erst mit dem 1984 präsentierten, viel preiswerteren Macintosh, der als erster Personal Computer den Ruf genießt, ohne Vorkenntnisse bedient werden zu können. [ 67 ] Die benutzerfreundliche Oberfläche von Apple - der so genannte "Finder" - liefert die Vorlage für die Windows-Masken von Microsoft, mit deren Einführung 1985 die Tarnung des Rechners als multifunktionale Maschine ihren vorläufigen Abschluss findet. Entscheidenden Anteil daran, dass der Computer mittlerweile auch im Bereich der Literaturwissenschaften mehr als nur ein praktisches Hilfsmittel bei der Produktion und Verwaltung von Texten ist, hat das Internet. 1989/90 auf der konzeptionellen Grundlage der Seitenbeschreibungssprache HTML (HyperText Markup Language) von Tim Berners Lee entwickelt, verbindet das World Wide Web (WWW) seit den frühen neunziger Jahren die vielen lokalen Netzwerkinseln, die sich durch das Ethernet, ein 1973 im XEROX PARC entwickeltes Übertragungsprotokoll zur Vernetzung einzelner Computer, weltweit gebildet haben. Am 24. Dezember 1990 mit einem anfangs nur textbasierten Browser demonstriert, entwickelt sich das im Mai 1991 kostenlos freigegebene World Wide Web schon bald zu einem universellen Kommunikationsportal und Umschlagplatz für Medien aller Art. Mit der Einführung benutzerfreundlicher Internetoberflächen, so genannter Browser (Mosaic, 1993; Netscape Navigator, 1994; Internet Explorer, 1995), der Entwicklung plattformneutraler multimediatauglicher Programmsprachen wie JAVA (1995) und der Verbreitung von Computern, deren Kapazitäten immer stärker auf intensive Multimedianutzung ausgerichtet sind, wird die ganze wunderbare Welt der Medien auf die Basis sekundär digitaler Codierungen gestellt. [ 68 ] |
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3. Medienkulturhistorische Grundlegung der
Ein geschickter Programmierer gleicht einem Dichter: Er kann Ideen, die andere für unaussprechlich halten, in Worte fassen. Ein Dichter setzt bei seinem Leser in gewissem Umfang gemeinsames Wissen und gemeinsame Erfahrung voraus. Die Kenntnisse und Erfahrungen, die Programmierer und Computer miteinander teilen, betreffen die Bedeutung der Programmiersprache. [ 69 ] |
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[ 1 ] Weaver, Warren, "Ein aktueller Beitrag zur mathematischen Theorie der Kommunikation" [1949, dt. 1976], in: Shannon, Claude E./Weaver, Warren, Mathematische Grundlagen der Informationstheorie, München, Wien, 1976, S. 11-39, hier S. 38. [ 2 ] Zur informationstheoretischen Hierarchisierung der Kommunikationsprobleme vgl. ebd., S. 12 ff. Weaver gibt (u. a. am Beispiel "der logischen Konstruktion großer Computer") bereits zu bedenken, dass "die Trennung in die drei Ebenen" angesichts der Wechselwirkungen vor allem von Technik und Semantik "letzten Endes als künstlich und unerwünscht erscheint", vgl. ebd., S. 35 f. [ 3 ] Vgl. dazu die bibliophile Aufmachung der CD-ROM-Ausgaben von Johannes Auers und Reinhard Döhls kill the poem und Susanne Berkenhegers Hilfe!, die auf folgender Homepage angeboten werden: http://www.update-verlag.ch/ (06. 03. 2003). [ 4 ] Zu den Konsequenzen der Textübertragung auf der Basis eines ganz anders strukturierten Distributionssystems, das im Gegensatz zum traditionellen Buchhandel die Übertragungen vom Manuskript zum fertigen Buch umgeht und durch die unmittelbare Vernetzungsmöglichkeit der Autor/Leser-Schnittstellen näher an der Face-to-face-Kommunikation angesiedelt ist, vgl. Kamphusmann, Thomas, Literatur auf dem Rechner, Stuttgart, Weimar, 2002, S. 50, 57-61. [ 5 ] Als Vertreter beider Welten seien hier unter anderem Michael Joyce, Stuart Moulthrop, Reinhard Döhl, Sabrina Ortmann und der im vorliegenden Band vertretene Stefan Maskiewicz genannt. Züge einer Selbsthistorisierung finden sich in den theoretischen Schriften vor allem in Form wechselseitiger Prioritätszuschreibungen. Zur Geschichte der erst wenige Jahre alten 'digitalen Literatur' vgl. Ortmann, Sabrina, netz literatur projekt. Entwicklung einer neuen Literaturform von 1960 bis heute, Berlin, 2001. - Simanowski, Roberto, "Geburt und Entwicklung der digitalen Literatur", in: Literatur.digital. Formen und Wege einer neuen Literatur (Buch und CD-ROM), hg. v. Roberto Simanowski, München, 2002, S. 56-92. [ 6 ]Zu einem derartigen, gegen Fernsehen und Film gerichteten Urteil vgl. Enzensberger, Hans Magnus, "Baukasten zu einer Theorie der Medien", in: Kursbuch 20 (1970), S. 159-186, hier S. 160. [ 7 ] Vgl. McLuhan, Marshall, Die magischen Kanäle. 'Understanding Media', Düsseldorf, Wien, 1968, S. 9-12, 90. [ 8 ] Vgl. Watzlawick, Paul/Beavin, Janet H./Jackson, Don D., Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien, 10. Aufl., Bern u. a., 2003, S. 52 f. (Hervorhebungen im Original). [ 9 ] Vgl. dazu u. a. das Kapitel "Schizophrenie ist vielleicht eine notwendige Folge des Alphabetismus" in: McLuhan, Marshall, Die Gutenberg Galaxis. Das Ende des Buchzeitalters, Bonn u. a., 1995, S. 26-29. [ 10 ] Enzensberger, Hans Magnus, "Das digitale Evangelium", in: Der Spiegel 2/2000, S. 92-97, 100-101, hier S. 96. [ 11 ] Vgl. Luhmann, Niklas, Die Realität der Massenmedien, 2., erweiterte Aufl., Opladen, 1996, S. 13 f. [ 12 ] Matis, Herbert, Die Wundermaschine. Die unendliche Geschichte der Datenverarbeitung - von der Rechenuhr zum Internet, Frankfurt am Main, Wien, 2002, S. 9 f. [ 13 ] Zur Geschichte des indisch-arabischen Zahlensystems vgl. ebd., S. 23-30. - Ifrah, Georges, Universalgeschichte der Zahlen, 2. Aufl., Frankfurt am Main, New York, 1991, S. 476-554. [ 14 ] Gleichzeitiger Höhe- und Endpunkt der Entwicklung mechanischer Rechenmaschinen ist die so genannte "Curta", ein trommelförmiger mechanischer Taschenrechner mit einem Durchmesser von sechs Zentimetern, den der Österreicher Curt Herzstark 1942 zur Serienreife bringt und bis 1970 produziert. Einen Überblick zum Thema gibt Matis, 2002, s. Anm. 12, S. 51-103. [ 15 ] Vgl. Babbage, Charles, "Die Difference Engine (1864)", in: Babbages Rechen-Automate. Ausgewählte Schriften, hg. v. Bernhard Dotzler, Wien, New York, 1996, S. 73-92, hier S. 77. [ 16 ] Vgl. Babbage, Charles, "Über die Analytical Engine (1864)", in: ebd., S. 237-256, hier S. 240 f. [ 17 ] Zu Holleriths Lochkartenmaschine vgl. Matis, 2002, s. Anm. 12, S. 120-130. [ 18 ] Vgl. ebd., S. 80-83. [ 19 ] Zu den theoretischen Fundierungen universeller Computernutzung vgl. ebd., S. 15. [ 20 ] Vgl. Turing, Alan M., "Über berechenbare Zahlen mit einer Anwendung auf das Entscheidungsproblem", in: ders., Intelligence Service. Schriften, hg. v. Bernhard Dotzler und Friedrich Kittler, Berlin, 1987, S. 17-60, hier S. 31. [ 21 ] Vgl. Wurster, Christian, Computers. Eine illustrierte Geschichte, Köln, 2002, S. 323. [ 22 ] Vgl. Döhl, Reinhard, "Vom Bleisatz zum Hypertext", in: Liter@tur. Computer - Literatur - Internet, hg. v. Hansgeorg Schmidt-Bergmann und Torsten Liesegang, Bielefeld, 2001, S. 27-50, hier S. 30. [ 23 ] Die rund 30 Tonnen schwere Maschine war aus 17.648 Elektronenröhren, 15.000 Relais, 6.000 mechanischen Schaltern, 70.000 Widerständen und 10.000 Kondensatoren zusammengesetzt, vgl. Matis, 2002, s. Anm. 12, S. 209. [ 24 ] Brockhaus Enzyklopädie in zwanzig Bänden, Bd. 4, 17. Aufl., Wiesbaden, 1968, S. 741. [ 25 ] Vgl. Watzlawick/Beavin/Jackson, 2003, s. Anm. 8, S. 22 f. In Hinblick auf die wechselseitige Abhängigkeit dieser drei Gebiete und ihre mögliche Zuordnung zu den Gebieten der mathematischen Logik (Syntax), der Philosophie (Semantik) und der Psychologie (Pragmatik) zitieren Watzlawick/Beavin/Jackson aus The Brain as a Computer von Frank Honywill George. [ 26 ] Vgl. ebd., S. 62. [ 27 ] Vgl. ebd., S. 63. [ 28 ] Vgl. ebd., S. 64. [ 29 ] Vgl. ebd., S. 62 f. [ 30 ] Ebd., S. 23 (Hervorhebung im Original). [ 31 ] Saussure, Ferdinand de, Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, hg. v. Charles Bally und Albert Sechehaye, 3. Aufl., Berlin, New York, 2001, S. 13. [ 32 ] Zu den materiellen Aspekten der Sprache vgl. ebd., S. 27-43, 140-143. [ 33 ] Derrida, Jacques, Grammatologie, Frankfurt am Main, 1983, S. 19. [ 34 ] Vgl. ebd., S. 78. [ 35 ] Ong, Walter J., Oralität und Literalität. Die Technologisierung des Wortes, Opladen, 1987, S. 80. [ 36 ] Vgl. ebd., S. 78. - Zur Kritik des kognitions- und sprachwissenschaftlich orientierten "semiologischen Konstruktivismus" an der "medientechnischen" Position von Ong vgl. Jäger, Ludwig, "Medialität und Mentalität. Die Sprache als Medium des Geistes", in: Gibt es eine Sprache hinter dem Sprechen?, hg. v. Sybille Krämer und Ekkehard König, Frankfurt am Main 2002, S. 45-75. Im Folgenden geht es nicht darum, - wie es hier Ong et al. vorgeworfen wird - "die nonliterale Sprache als das schlechthin Andere der Schrift aus dem theoretischen Aufmerksamkeitshorizont des Mediendiskurses auszublenden" (Jäger, 2002, S. 51). Vielmehr soll die von Jäger in der Nachfolge Saussures vernachlässigte Differenzierung von gesprochener Sprache und Schrift, die im ästhetischen Diskurs der Literaturwissenschaft eine besondere, wenn auch häufig utopische Qualität besitzt, nachdrücklich hervorgehoben werden. [ 37 ] Vgl. Biaesch Wiebke, Claus, CD-Player und R-DAT-Recorder. Digitale Audiotechnik in der Unterhaltungselektronik, 3. Aufl., Würzburg, 1992, S. 13. [ 38 ] Ong, 1987, s. Anm. 35, S. 10. [ 39 ] Hans H. Hiebel z. B. geht bei seinem medientechniklogischen Definitionsansatz von einer strukturalistischen Modellierung der Sprache im Sinne Saussures aus und gerät dadurch bei der Unterscheidung von gesprochener Sprache und Schrift in Argumentationsnot. Da Hiebel wie Watzlawick/Beavin/Jackson Sprache unter semantischen Gesichtspunkten beurteilt und sie dabei im Wesentlichen als Schriftsprache begreift, ordnet er der gesprochenen Sprache sowohl analoge als auch digitale Eigenschaften zu und zählt sie schließlich aufgrund ihres Merkmals der Arbitrarität zu den primär digitalen Medien, vgl. Hiebel, Hans H., "Vorwort", in: Hiebel, Hans H./Hiebler, Heinz/Kogler, Karl/Walitsch, Herwig, Die Medien. Logik - Leistung - Geschichte, München, 1998, S. 9 -29, hier S. 13 ff. Konstruktivistische Ansätze aus dem Umfeld der Neurobiologie, der Sprachwissenschaft und der Systemtheorie knüpfen an diesen Widerspruch nahtlos an. Obwohl sie medientechnische Perspektiven an sich ablehnen, haben sie selbst die Metaphorik digitaler Codes (von der Alphabetschrift bis zum Computer) so weit in ihre Theoriebildung integriert, dass sie Sprache (und die damit assoziierten mentalen Prozesse) generell nur von ihrer Zeichenhaftigkeit als Schriftsprache (mit analogen und digitalen Anteilen) begreifen. Vgl. Schäfer, Jörgen, "Sprachzeichenprozesse. Überlegungen zur Codierung von Literatur in ‚alten' und ‚neuen' Medien", in: Analog/Digital - Opposition oder Kontinuum? Beiträge zur Theorie und Geschichte einer Unterscheidung, hg. v. Alexander Böhnke und Jens Schröter, Bielefeld, 2004 (im Druck). Siehe auch http://www.litnet.uni-siegen.de/Sprachzeichenprozesse.pdf (05. 05. 2004). Die Problematik einer epistemologisch befriedigenden Verknüpfung technischer und semantischer Perspektiven hat - für den Bereich der 'digitalen Literatur' - mittlerweile Kamphusmann durch eine differenzierende Synthese der Modelle von Saussure und Shannon angedacht, vgl. Kamphusmann, 2002, s. Anm. 4, S. 36-41, 222-224. [ 40 ] "Style, as I understand the word and use it, is the form of thought: and thought is shaped by the life of men" (Parry, Milman, "Cor Huso: A Study of Southslavic Song", in: The Making of Homeric Verse. The Collected Papers of Milman Parry, hg. v. Adam Parry, Oxford, 1971, S. 437-464, hier S. 441). [ 41 ] Zu den Konsequenzen dieser Konstellation für das Zeitalter der klassischen Moderne vgl. Hiebler, Heinz, Hugo von Hofmannsthal und die Medienkultur der Moderne, Würzburg, 2003. [ 42 ] Aus derartigen Anpassungen entwickelt sich im 7. Jh. v. Chr. aus der griechischen und etruskischen Schrift das lateinische Alphabet mit 21 Buchstaben sowie erst im 11. Jh. n. Chr. das deutsche Alphabet mit 26 Buchstaben. Zu den schrifthistorischen Angaben vgl. Kogler, Karl, "Schrift, Druck, Post", in: Hiebel/Hiebler/Kogler/Walitsch, 1998, s. Anm. 39, S. 31-74, hier S. 33-39. [ 43 ] Stetter, Christian, Schrift und Sprache, Frankfurt am Main, 1999, S. 58. [ 44 ] Ebd., S. 58 f. (Hervorhebung im Original). [ 45 ] Ebd., S. 59 (Hervorhebungen im Original). [ 46 ] Vgl. ebd., S. 66. [ 47 ] Vgl. Kogler, 1998, s. Anm. 42, S. 41-47, 67 f. Zu den Folgen der Industrialisierung und Digitalisierung der Buchproduktion vgl. Kamphusmann, 2002, s. Anm. 4, S. 43 f. [ 48 ] Vgl. Humboldt, Wilhelm von, "Ueber die Buchstabenschrift", in: ders., Über die Sprache, hg., kommentiert und mit einem Nachwort versehen v. Jürgen Trabant, Tübingen, Basel, 1994, S. 105. [ 49 ] Vgl. Schiefer, Lieselotte/Pompino Marschall, Bernd, "Phonetische Transkription", in: Schrift und Schriftlichkeit. Writing and Its Use, hg. v. Hartmut Günther und Otto Ludwig, 2. Halbbd., Berlin, New York, 1996, S. 1583-1591, hier S. 1584-1586. [ 50 ] Vgl. Zimmer, Dieter E., Die Bibliothek der Zukunft. Text und Schrift in den Zeiten des Internet, Hamburg, 2000, S. 115-120. [ 51 ] Beide Rechts-links-Schriften müssen für den Fall des Gebrauchs von arabischen Ziffern oder Wörtern aus Links-rechts-Schriften die Laufrichtung wechseln können, vgl. ebd., S. 122 f. [ 52 ] Vgl. ebd., S. 105-132. [ 53 ] Vgl. ebd., S. 124. Zum Problem der Tastatureingabe der asiatischen Schriften und zu den dafür entwickelten Eingabeverfahren vgl. ebd., S. 125-131. [ 54 ] Vgl. Hiebler, Heinz/Kogler, Karl/Walitsch, Herwig, "Übertragungsmedien", in: Hiebel, Hans H./Hiebler, Heinz/Kogler, Karl/Walitsch, Herwig, Große Medienchronik, München, 1999, S. 783-1027, hier S. 799 f. [ 55 ] Vgl. ebd., S. 785. [ 56 ] Vgl. Babbage, Charles, "Über die mathematische Leistungsfähigkeit meiner Rechenmaschine", in: Bernhard Dotzler (Hg.), 1996, s. Anm. 15, S. 265-308, hier S. 267 ff. [ 57 ] Zu Geschichte und Funktionsweise mechanischer Musikinstrumente vgl. Hiebler, Heinz, "Akustische Medien", in: Hiebel/Hiebler/Kogler/Walitsch, 1998, s. Anm. 39, S. 127-177, hier S. 131 ff. [ 58 ] Vgl. Hiebler/Kogler/Walitsch, 1999, s. Anm. 54, S. 811. [ 59 ] Zu aktuellen Varianten wie Differential PCM (DPCM), Delta Modulation und Adaptive DPCM vgl. Lehner, Franz, Einführung in Multimedia. Grundlagen, Technologien und Anwendungsbeispiele, Wiesbaden, 2001, S. 65 f. [ 60 ] Da PCM-Signale ohne die entsprechenden Digital/Analog-Wandler nicht zu entschlüsseln sind, dienen sie zu diesem Zeitpunkt auch zur Chiffrierung der übertragenen Botschaft, vgl. Hiebler, 1998, s. Anm. 57, S. 712 f. [ 61 ] Vgl. Pehl, Erich, Digitale und analoge Nachrichtenübertragung. Signale, Codierung, Modulation, Anwendungen, 2. Aufl., Heidelberg, 2001, S. XV. [ 62 ] Vgl. Hiebler, "Akustische Medien", in: Hiebel/Hiebler/Kogler/Walitsch, 1999, s. Anm. 54, S. 713 f. [ 63 ] Auf die Vorgeschichte digitaler Erscheinungsformen in den Bildmedien wurde nicht näher eingegangen. Kunstgeschichtliche Ausgangsdifferenz ist die Unterscheidung des Malerischen vom Linearen bzw. Punkt- und Flächenhaften. Aspekte primärer Digitalität weisen Formen der Bildrasterung und der zeilenweisen Abtastung von Bildern im Bereich des Fotodrucks, der Faksimile- bzw. Bildtelegraphie sowie des mechanischen und elektronischen Fernsehens auf. In Hinblick auf die Speicherung, Übertragung und Verarbeitung der durch Abtastung und Zerlegung gewonnenen Signale sind Bildtelegraphie, Fernsehen und Video dennoch grundsätzlich analoge Medientechnologien. Von sekundärer Digitalität ist auch hier erst dann die Rede, wenn die analogen Bildsignale einer weiteren (binären) Codierung unterzogen werden und so das Konvergenzkriterium für ihre computergestützte Weiterverarbeitung erfüllen. [ 64 ] Vgl. ebd., S. 747. [ 65 ] Wegen ihrer konventionellen Vertriebsformen werden CD-ROMs und DVDs vereinzelt sogar zu den traditionellen Buchformaten gezählt. Vgl. Kamphusmann, 2002, s. Anm. 4, S. 57 f. [ 66 ] Wegweisendes Modell ist der Alto Xerox PARC (1974), vgl. Wurster, 2002, s. Anm. 21, S. 228 ff. [ 67 ] Vgl. ebd., S. 298 f. [ 68 ] Zur vernetzten Welt vgl. Matis, 2002, s. Anm. 12, S. 303-316. - Wurster, 2002, s. Anm. 21, S. 256-259. [ 69 ] Hillis, Daniel, Computerlogik. So einfach arbeiten Computer, München, 2001 [Erstpublikation: 1999], S. 56. [ 70 ] Zur anthropologischen Deutung dieser Affinität in der Nachfolge der Medienphilosophie Marshall McLuhans vgl. Kerckhove, Derrick de, "Vom Alphabet zum Computer", in: Kursbuch Medienkultur. Die maßgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard, hg. v. Claus Pias, Joseph Vogl, Lorenz Engell, Oliver Fahle und Britta Neitzel, Stuttgart, 1999, S. 116-125. [ 71 ] Vgl. Cramer, Florian, "Warum es zuwenig interessante Computernetzdichtung gibt. Neun Thesen", in: Schmidt Bergmann/Liesegang (Hgg.), 2001, s. Anm. 22, S. 51-68, hier S. 65. [ 72 ] Vgl. ebd., S. 51. [ 73 ] Zur Hierarchie der Computerkommunikation vgl. Hillis, 2001, s. Anm. 69, S. 77 (Hervorhebungen im Original). [ 74 ] Vgl. Gerngroß, Heidulf, Volksbuch, Wien, 1978. [ 75 ] Vgl. CD-ROM zu Literatur.digital und N. N.: "Multiple Personality Disorder als Bildschirmkombination: Quadrego von Stefan Maskievicz [!]", in: Simanowski (Hg.), 2002, s. Anm. 5, S. 140-142. [ 76 ] Vgl. CD-ROM zu Literatur.digital und N. N.: "Laokoons Ende in Raabes Grosz-Adaption: Knittelverse von Julius Raabe", in: Simanowski (Hg.), 2002, s. Anm. 5, S. 137 f. [ 77 ] Vgl. das kooperative Schreibprojekt Null, http://www.dumontverlag.de/null/ (06. 03. 2003). [ 78 ] Vgl. u. a. Heiko Idensens Imaginäre Bibliothek, http://www.hyperdis.de/pool/ (06. 03. 2003). [ 79 ] Vgl. dazu vor allem diverse Tagebuchprojekte wie Abfall für alle von Rainald Goetz. Mit einer Kombination von Landkarte und Kalender operiert CHILE - Ein literarisches Online-Tagebuch von Katharina Pallas, Stefanie Huber, Bernd Gersdorfer und Melanie Schön, vgl. CD-ROM zu Literatur.digital, s. Anm. 5. [ 80 ] Mit Landkarten operiert schon folgendes kollaboratives Schreibprojekt: Grond, Walter, Absolut Homer, Graz, Wien, 1995. Eine 'Magna Charta' als Orientierungshilfe verwendet das Collaboratorium Cyberprosa bei dem Wettbewerbsbeitrag Gleitzeit {Color: blue}, siehe CD-ROM zu Literatur.digital, s. Anm. 5. [ 81 ] Vgl. Heibach, Christiane, Literatur im Internet: Theorie und Praxis einer kooperativen Ästhetik, Berlin, 2000, S. 77. [ 82 ] Heibach erstellt z. B. das Textnetz für den Online-Hypertext Twelve Blue von Michael Joyce mit der Software Visual Web, vgl. ebd., S. 261. [ 83 ] Vgl. Matis, 2002, s. Anm. 12, S. 110. [ 84 ] Vgl. auch das Auswahlprinzip von Dirk Günthers und Frank Klötgens Die Aaleskorte der Ölig, einer an sich linearen, multioptionalen Bildergeschichte, in der sich der Leser anhand vorgegebener Figurenperspektiven ein Drehbuch aus 20 Szenen zusammenstellen kann. Siehe CD-ROM zu Hyperfiction. Hyperliterarisches Lesebuch: Internet und Literatur, hg. v. Beat Suter und Michael Böhler, Basel, Frankfurt am Main, 1999. [ 85 ] Vgl. Neutzling, Ulli, Typo und Layout im Web, Reinbek bei Hamburg, 2002, S. 40-42. [ 86 ] Siehe http://www.reinhard-doehl.de/lesebuch.html (06. 03. 2003). [ 87 ] Vgl. Menzer, Ursula/Orth, Sabine, Er/Sie, in: CD-ROM zu Literatur.digital, s. Anm. 5. [ 88 ] Vgl. Linke, Dorit/Trobisch, Heike/Schröder, Thomas, Der Apfel, in: ebd., s. Anm. 5. [ 89 ] Vgl. dazu Bastian Böttchers Rapgenerator Looppool, http://www.looppool.de/, (06. 03. 2003). [ 90 ] Als besonders effizient erweisen sich in dieser Richtung interaktive Spielformen wie Multi User Dungeons und Massive Multiplayer Online Roleplaying Games. [ 91 ] Vgl. Cramer, Florian, "sub merge {my $enses; ASCII Art, Rekursion, Lyrik in Programmiersprachen", in: Digitale Literatur, hg. v. Roberto Simanowski, Text & Kritik 152 (2001), S. 112-123, hier S. 116 f. Zu den aktuellen Projekten von Heemskerk und Paesmans siehe http://www.jodi.org (06. 03. 2003). [ 92 ] Vgl. Steinmetz, Rüdiger/Blümel, René/Steinmann, Kai/Uhllig, Sebastian, Film- und Fernsehästhetik in Theorie und Praxis. Multimediale Lehr- und Selbstlernsoftware, Sprecher: Hernik Wöhler, Frankfurt am Main, 2004 (DVD Video). [ 93 ] Vgl. Hörmann, Günther/Barth, Roland, Media Toolbox. Grundlagen der Gestaltung audiovisueller Medien. Eine interaktive DVD-ROM, Konstanz, 2002. [ 94 ] Als einen der ersten tastenden Ansätze in diese Richtung vgl. Giesecke, Michael, Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft, Frankfurt am Main, 2002. |
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