![]() |
![]() |
|||
| DigiLit > Böhler: Das Netz beschreiben | Druck | Suche | Hilfe | Kontakt | Das Buch | |||
|
|
"Der Traum hinter dem Web ist der eines gemeinsamen Informationsraumes, in dem wir Information teilen und dadurch kommunizieren. Grundlegend ist dabei seine Universalität: die Tatsache, dass ein Hypertextlink zu allem verweisen kann, sei es persönlich, lokal oder global, sei es ein Entwurf oder sei es perfekt ausgearbeitet." [ 1 ] Mit diesem Anspruch an das WWW hat sein Erfinder Tim Berners Lee den Grundstein für das Netz als partizipatorisches Medium gelegt. Das World Wide Web bietet jedem Menschen, der über einen Computer und einen Internetzugang verfügt, die Möglichkeit, dort Dokumente zu veröffentlichen. Im Unterschied zum teuren und schwerfälligen Buchdruck kann damit jeder sein eigener Verleger sein. Das WWW ist ein riesiges Publishingsystem, das aus unzähligen Mikroöffentlichkeiten besteht. Webringe, Newsgroups und Mailinglisten als Organisationsformen dieser Mikroöffentlichkeiten bilden soziale Gemeinschaften und sind Foren für Rezeption und Beachtung. Text-, Bild-, Tondokumente werden veröffentlicht, Kontakte geknüpft, Erfahrungen, Probleme, Know how ausgetauscht. All das hat mit den bisherigen Instanzen des Buchdrucks wie Kritik, Wissenschaft oder Lektorat wenig zu tun. Zu den klassischen Massenmedien kommen neue diskursive Ebenen hinzu. Die Literatur und die Kunst begannen ab den achtziger Jahren, das Medium Internet und später das WWW für Projekte zu nutzen. Inzwischen ist eine ausgedehnte Struktur von Festivals, Zentren, Mailinglisten und Websites der Medienkunst entstanden. Im WWW sind etwa das Walker Art Center [ 2 ] und die New Yorker Site Rhizome.org schon lange im Bereich net.art aktiv, Arbeiten fast aller wichtigen Medienkünstler sind hier zu finden. Seit über zwanzig Jahren findet das Medienkunstfestival Ars Electronica jährlich statt. Der 'klassische' Kunstbetrieb verhielt sich vorerst distanziert zu den neuen Formen. Mit dem Boom des WWW begannen auch die großen Museen und Galerien, sich der net.art zu widmen. Anfang 2001 widmete etwa das San Francisco Museum of Modern Art der Medienkunst eine virtuelle Ausstellung. Die Literatur und den Computer verbindet eine eigene zwiespältige Geschichte: Die Computertechnologie gilt einerseits vielen als kreative Möglichkeit zur Erneuerung der Literatur, andere wieder befürchten, sie verdränge das Buch. Von Anfang an bestimmten diese Pole den Diskurs um Literatur und Neue Medien. Ungeahnte Möglichkeiten zur Umsetzung neuer ästhetischer und formaler Konzepte biete der Hypertext zur Befreiung des Autors und des Lesers, aber ebenso, um den Autor, den Roman und das Buch abzulösen, so die amerikanische Hyperfiction-Schule um Robert Coover, George P. Landow, David J. Bolter, Stuart Moulthroup und Michael Joyce. Die Brown University war und ist das Zentrum der Lehre, der Forschung und der Produktion dieser 'Hypertext Fiction', kurz 'Hyperfiction' genannt. Hyperfiction erscheint fast ausschließlich unabhängig vom Internet auf Diskette oder CD-ROM, vieles davon im amerikanischen Eastgate Verlag. Dennoch wurde Hyperfiction und die damit verbundene Philosophie auf die Internetliteratur übertragen. Die Rezeption der 'Computerliteratur' erfolgte im deutschsprachigen Raum über die Vereinigten Staaten, und hier besonders über das Hypertext-Konzept. Dieses beinhaltete die Botschaft vom Ende des Buches in Verbindung mit der Netzmetapher. Hypertext hat sich als Synonym für digitale Literatur eingebrannt und bestimmt bis heute die wissenschaftliche und ästhetische Auseinandersetzung um Literatur und Neue Medien. |
||||
|
Sie lesen den Beitrag |
1. Literatur im NetzEine Besonderheit im deutschsprachigen Raum ist die Unterscheidung zwischen denen, die im Internet 'nur' veröffentlichen und denen, die sich mit den ästhetischen und technologischen Möglichkeiten des Neuen Mediums auseinandersetzen. Dies wird oft benannt mit 'Literatur im Netz' und 'Netzliteratur'. Der Autor Thomas Hettche ist Initiator und mit Jana Hensel Herausgeber von Null. [ 3 ] Ein Jahr lang schrieben über dreißig Autoren, unter ihnen Marcel Beyer, Jan Peter Bremer, John von Düffel, Arno Geiger, Johannes Jansen, Steffen Kopetzky, Helmut Krausser, Judith Kuckart, Dagmar Leupold, Thomas Meinecke, Georg M. Oswald und Sabine Scholl Texte für Null. Beim DuMont Verlag erschien dann im Zuge seiner Lancierung als Literaturverlag das kollektive Netz-Schreibprojekt Null als Buch. Null, Pool und in Österreich Die Flut [ 4 ] boten ausschließlich geladenen Autoren die Möglichkeit, ihre Texte zu veröffentlichen. Die Leser, die den Veröffentlichungsprozess im Netz verfolgen konnten, hatten sich ansonsten ruhig zu verhalten oder in ihrem eigenen Forum zu schreiben, im Fall von Pool war das der Loop. Beim Pool wirkten 33 Autoren mit, darunter Moritz von Uslar, Christian Kracht, Helmut Krausser, Sven Lager, Georg Oswald und Elke Naters. Auch der Pool hat inzwischen aufgehört zu existieren, im Frühjahr 2001 ist the Buch [ 5 ] als Materialsammlung und erweiterte Anthologie erschienen. Mit Pool und Null wechselten Akteure und Konzepte des traditionellen Buchmarkts ohne große Brüche in das Neue Medium. Qualitäts- und Kontrollkonzepte ebenso wie Ästhetiken wurden ins Netz transferiert: Null wird als Internet-Anthologie bezeichnet, mit dem Internet zu tun hat im Wesentlichen, dass die Beiträge zuerst dort erschienen sind und dann erst gedruckt wurden. Autoren, die zum Teil noch nie mit dem Netz in Kontakt gekommen waren, veröffentlichten dort ihre Texte, bei Null von Anfang an mit dem Ziel, dass daraus wieder ein Buch entstehen solle. Die Unterscheidung zwischen Literatur im Netz und Netzliteratur illustriert mehr eine Haltung des Literaturbetriebs als tatsächlich unüberwindbare Haltungen und Ästhetiken. Das Umfeld der so genannten Literatur im Netz sind die traditionellen Verlage, Vermittlungsformen und das Feuilleton. Daher wohl konnte die Literatur im Netz, obwohl im Vergleich zur Netzliteratur ein kurzlebiges Phänomen, so viel mehr Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit gewinnen. Die Arbeiten ähneln in vielen Zügen der herkömmlichen Form der Anthologie. Das Netz ist Veröffentlichungsmedium und nicht Gegenstand ästhetischer Reflexion. Da die Autoren durchwegs schon in renommierten Verlagen publiziert hatten, war für die Rezensenten klar, in welches Umfeld diese Arbeiten gehören. Nicht die Frage der Literarizität und nicht die Frage der Authentizität wurde gestellt, sondern eine Antwort wurde gefunden: Das Feuilleton entdeckte die Literatur im Netz. Kritiker dieser Entdeckung waren teilweise die Autoren der Foren selbst, sie monierten fehlende ästhetische Merkmale und zu wenig wirklichen Umgang mit dem Medium. Ansonsten waren die Autoren der Internet-Foren Null und Pool aber auch auf zahlreichen Veranstaltungen anzutreffen, bei denen sie zu Literatur und Internet Stellung bezogen.Der Begriff Literatur im Netz ist eine Referenz an das Netz als Distributions- und Publikationsmedium, damit ist alles gemeint, was im Netz veröffentlicht wird. Anders die Netzliteratur, die auf die ästhetischen Möglichkeiten des Mediums eingeht, sie (mit)thematisiert, bloßlegt, aufzeigt, nutzt. Von hier gibt es direkte Verbindungen zur so genannten net.art. Die eher krasse Entweder-Oder-Position dieser Punkte hat sich durch die Projekte Null und Pool ergeben. Vor diesen beiden Projekten war Rainald Goetz mit seinem Abfall für alle [ 6 ] gewesen, das im Netz - nicht zuletzt durch den treffenden Titel - Charme besaß und 1999 als Buch erschien. Pool, Null und Goetz wurden einer breiten Öffentlichkeit erstmals als digitale Literatur bewusst. Die bereits seit Mitte der neunziger Jahre bestehende Netzliteratur wurde dabei kaum wahrgenommen. |
||||
|
Sie lesen den Beitrag |
2. NetzliteraturDie Netzliteratur ist im und mit dem WWW entstanden. Der Ausdruck beschreibt vor allem die deutschsprachige digitale Literatur, mit allen dazugehörenden Strukturen wie Mailinglisten, Zines, Webringen und Portalen. Diese Szene hat sich zu einem guten Teil im Umkreis des inzwischen eingestellten Internet-Literaturpreises 'Pegasus' entwickelt. 'Pegasus' bestand von 1996 bis 1998, er wurde gemeinsam von Die Zeit, ARD, Radio Bremen und im letzten Jahr seines Bestehens auch von IBM veranstaltet. 1999 gab es den 'Ettlinger Literaturwettbewerb' [ 7 ], der die Tradition von 'Pegasus' weiterführte. In Linz wurde im Jahr 2000 erstmals der 'Marianne von Willemer-Preis' [ 8 ] verliehen. Im Frühjahr 2001 wurde zum ersten Mal der Preis 'Literatur.digital' von t-online und dtv ausgeschrieben. [ 9 ]Netzliteratur, das sind Werke einzelner Autoren ebenso wie kollaborative Schreibprojekte, sind digitale Maschinen, die Text automatisch generieren und permutieren, Netzliteratur sind digitale Spiele, ist Browserkunst. Künstlerische Vorläufer finden sich fast überall - in Futurismus, Dadaismus, der konkreten und visuellen Poesie, in der Konzeptkunst, Mail Art, bei den Situationisten. Bei allem Mangel an Definitionen setzt sich für Netzliteratur immer mehr die Annahme durch, dass sie in ihrer Produktion und Präsentation vom Netz abhängig ist, also nicht auf CD-ROM oder Diskette gezeigt werden kann. Ästhetische Normen für Netzliteratur, geschweige denn ein Werkkanon, sind noch kaum vorhanden, und das ist mit ein Grund, der den Produzenten das Leben schwer macht. Relative Einigkeit herrscht über die Flüchtigkeit der Werke und über die dauernde Grenzüberschreitung. Christiane Heibach konstatiert das Verschwinden rein textueller Literatur zugunsten hypermedialer Oszillationen, wenn die multimedialen Möglichkeiten des Computers genutzt werden. [ 10 ] Die Sprache verschwindet zusehends aus der digitalen Kunst, umso mehr tritt das prozessuale und kommunikative Moment in den Vordergrund. "Literatur als Text verschwindet also, Text als Kommunikationsform wird im Gegensatz dazu verstärkt. Soweit Kommunikation also ein inhärenter Teil künstlerischer Projekte ist, wird Text als ästh-ethisches Phänomen zentral, erhält also eher einen funktionalen als einen schönheitsgebundenen Charakter." [ 11 ] Die Bildschirmoberfläche des Computers verleitet zu oberflächlicher Rezeption, das Erleben steht über der Kontemplation, soziologische, kommunikative und konzeptuelle Momente gewinnen an Bedeutung. Mit der Computertechnologie entstehen neue Erzählungen und Erzählformen, die man erst einmal als solche erkennen muss. |
||||
|
Sie lesen den Beitrag |
3. Hypertext, Literatur im Netz und Verlage:
Kathrin Röggla wurde 1971 in Salzburg geboren, studierte dort Germanistik und Publizistik. Sie veröffentlichte Niemand lacht rückwärts (1995), Abrauschen (1997), Irres Wetter (2000) und really ground zero (2001). Für ihre Werke erhielt sie zahlreiche Preise. Für das Festival Softmoderne erstellte Kathrin Röggla 1999 den Hypertext Nach Mitte [ 12 ]. Seit 1992 lebt Kathrin Röggla in Berlin. |
||||
|
Sie lesen den Beitrag |
[ 1 ] Berners Lee, Tim, "The World Wide Web: A very short personal history", http://www.w3.org/People/Berners-Lee/ShortHistory.html (30. 08. 2004). [ 2 ] http://www.walkerart.org (30. 08. 2004). [ 3 ] Null: www.dumontverlag.de/null. [Literatur im Netz], hg. v. Thomas Hettche und Jana Hensel, Köln, 2000; www.dumontverlag.de/null (30. 08. 2004). [ 4 ] http://www.ampool.de (12. 03. 2001; das Projekt lief im Sommer 2001 aus) und http://www.dieflut.at (30. 08. 2004). [ 5 ] the Buch. leben am pool, hg. v. Sven Lager und Elke Naters, Köln, 2001. [ 6 ] Goetz, Rainald, Abfall für alle. Roman eines Jahres, Frankfurt am Main, 1999. [ 7 ] http://ettlinger.literaturwettbewerb.de/ (30. 08. 2004). [ 8 ] http://www.aec.at/Willemer/ (30. 08. 2004). [ 9 ] http://www.t-online.de/literaturpreis/ (30. 08. 2004). [ 10 ] Heibach, Christiane, Literatur im Internet. Theorie und Praxis einer kooperativen Ästhetik. Berlin, 2000, S. 361. Zu einer Typologie der Netzliteratur vergleiche auch den Beitrag von Christiane Heibach in diesem Band. [ 11 ] Ebd. [ 12 ] http://new.heimat.de/home/softmoderne/SoftMo99/roeggla/ (30. 08. 2004). |
||||
| UHH > DigiLit > Christine Böhler: Das Netz beschreiben | |||||