"Forum der Ideen"
Martin Knauer, (Historisches Seminar, Universität Hamburg)*
*Der Autor ist per Email über die AHB-Mitglieder zu erreichen
Der Krieg vor den Toren - eine
speziell Hamburger Perspektive?*
* Unter leicht veränderter Fassung demnächst in: Martin Knauer/Sven Tode (Hg.),
Der Krieg vor den Toren. Hamburg im Dreißigjährigen Krieg 1618-1648, Hamburg 2000 (=
Schriftenreihe des Vereins für Hamburgische Geschichte, Bd. 60)
Geschichte ist immer auch Projektion. Krieg oder Frieden - dies reduziert sich mitunter auf eine Frage des Standortes und der jeweiligen Perspektive. Im Sommer 1648 stehen die Friedensverhandlungen in Osnabrück und Münster kurz vor dem Abschluß. Ungefähr zu jenem Zeitpunkt ersteigt der Hamburger Maler Gabriel Engels die Bastion St. Vincent im östlichen Bereich des neuen Festungsgürtels unweit der heutigen Lombardsbrücke und nimmt die Silhouette seiner Vaterstadt ins Visier. Drei vornehm gekleidete Begleiter, wohl Freunde oder Kollegen des Malers, blicken ihm über die Schulter und scheinen uns - den heutigen Betrachtern - die Richtigkeit des auf die Leinwand gebannten zu bezeugen. Diese erste Sichtweise ließe sich somit als topographische bezeichnen. Unser Auge folgt den Passanten, die auf einem aufgeworfenen Damm zwischen der Binnenalster und dem damals noch vorhandenen Pulverteich der Stadt zustreben. Im Hintergrund zeigen sich die Gebäude Hamburgs. Von Osten nach Westen lassen sich die Kuppeln von St. Gertruden, St. Jakobi, dem Dom und St. Petri erkennen, daneben die langgestreckten Schiffe der Klöster von St. Johannis, St. Maria-Magdalenen und dem Heiligen-Geist-Hospital sowie der Turm des alten Millerntores. Am Ufer sehen wir das Dammtor und weit in der Ferne die Spitze der kleinen St. Michaeliskirche, dem Vorgängerbau des 1668 errichteten "Michels", umgeben von den Häusern der sich entwickelnden Neustadt.

Gabriel Engels, Hamburg von Osten, 1648; Museum für Hamburgische
Geschichte,
Inv.-Nr. 1948.51; Öl auf Leinwand; 90 x 114 cm
(Wir bitten, die schlechte Qualität zu entschuldigen)
Der Blick auf Hamburg von Osten stellt eine Ausnahme dar. Seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bis ungefähr um 1800 zeigen fast alle überlieferten Darstellungen das Bild der Stadt von Süden, eine Ansicht, die sich zum festen Bestandteil städtischer Selbstdarstellung entwickelte. Engels wählte bewußt eine andere Perspektive. Er thematisiert eben nicht das mit der Elbseite verbundene geschäftige Treiben einer weltweit agierenden und wohlbefestigten Handelsstadt. Statt dessen trifft unser Blick auf ein grünes Niemandsland, jene damals noch weitgehend unbebaute Fläche vor den Toren der alten Stadtbefestigung, die durch den Bau der neuen Wallanlage entstanden war. Der niederländische Festungsbauingenieur Johan van Valckenburgh hatte Hamburg zwischen 1616 und 1625 mit einer neuen Fortifikation umgeben, die das städtische Territorium erheblich erweiterte. Im einen wie im anderen Falle handelt es sich allerdings keineswegs um eine realistische Wiedergabe hamburgischer Wirklichkeit am Ende des Dreißigjährigen Krieges. Vielmehr dient die ländliche Szenerie vor dem weitgespannten Himmel Engels zugleich als künstlerisches Stilmittel. Ebenso wie bei den überproportionierten Bäumen, dem scheinbar wildwuchernden Grün und der in Naturstudien vertieften Künstlergruppe läßt sich hier die Tradition holländischer Landschaftsmalerei erkennen.
Gabriel Engels (1592-1654), Sohn von Glaubensflüchtlingen aus dem Brabant, war im 17.
Jahrhundert ein - für deutsche Verhältnisse - bedeutender Maler. Georg Greflinger,
Konrad von Hoevelen und andere zeitgenössische Schriftsteller machten sein Leben und Werk
weit über Hamburgs Grenzen hinaus bekannt. Berühmt war Engels für seine wohl an Hans
Vredeman de Vries geschulten Perspektiven, eine auf der Antikenrezeption
beruhende Architekturmalerei, die durch Darstellung exakt konstruierter Raumverhältnisse
im Betrachter Bewunderung über die illusionistische Perfektion erregen sollte. Die
Perspektiven oder Prospekte, wie sie mitunter auch genannt wurden,
besaßen überdies eine religiöse Bedeutung. Es ist insofern kein Zufall, daß sich
zahlreiche dieser zumeist nicht erhaltenen Architekturphantasien ursprünglich in
Hamburger Kirchen befanden.
Daß die zweidimensionale Wiedergabe räumlicher Proportionen letztlich auf die göttliche
Weltordnung verweisen sollte, läßt sich beispielhaft an einer Perspektive in
der Hamburger Katharinenkirche demonstrieren. Bis zu dessen Zerstörung im Zweiten
Weltkrieg befand sich hier ein großformatiges Tafelbild, das Engels 1630 speziell für
die Westwand des nördlichen Seitenschiffes angefertigt hatte. Dargestellt war das Innere
des Jerusalemer Tempels als dreischiffige Basilika in Zentralperspektive. Als biblische
Grundlage diente das Gleichnis von Pharisäer und Zöllner, wobei sich, hinter einem
Pfeiler stehend - den Pinsel in der Hand - auch hier der Maler mutmaßlich selbst
porträtiert hat. Fluchtpunkt und Anbringungsort des Bildes waren so berechnet, daß der
Gläubige, der durch den nördlichen Haupteingang die Kirche betrat, das Gemälde in ca.
33 Metern Entfernung sehen konnte und es dabei gleichsam als endlose Verlängerung der
realen Architektur wahrnahm. Es gibt viele Berichte von Zeitgenossen darüber
(u.a. bei Hoevelen), daß diese optische Illusion auch tatsächlich
funktionierte.
Kehren wir von der Perspektivmalerei zu Engels Ansicht von Hamburg zurück. Das Bild scheint uns heute eine friedliche Welt zu suggerieren. War dies auch seine ursprüngliche Absicht? Sollte dem kriegerischen Zeitalter im Falle Hamburgs ein bewußt friedfertiges Gemeinwesen entgegengehalten werden? Letztlich bleiben wir hierbei auf Vermutungen angewiesen. Sicherlich drückt die tiefe Stille vor der Stadt mehr aus als nur künstlerische Stimmung. Vielmehr ist das offene, diesseits der Mauern noch unverbaute Weichbild der Stadt zugleich ein Stück frühneuzeitlicher Lebenswirklichkeit. Wesentlich bedeutsamer ist aber wohl die Frage nach dem individuellen Standort, die Wahl des künstlerischen Genres und die sich hierin dokumentierende Weltsicht. Engels war Perspektivenmaler, d.h. er malte Illusionen, eingebildete Räume. So gesehen zeigt der Blick von Osten Hamburgs intime, gewissermaßen private Seite. Mit dem Frieden vor den Toren, dem Glück im stillen Winkel, verbildlichte der Künstler seine Version hamburgischer Wirklichkeit, mithin eine Projektion - für den Zeitgenossen wie für den Historiker.
Weiterführende Literatur
Hipp, Hermann, Hamburg, in: Wolfgang Behringer, Bernd Roeck (Hg.), Das Bild der Stadt
in der Neuzeit. 1400-1800, München 1999, S. 235-244.
Jaacks, Gisela, Hamburger Ansicht - einmal ohne Hafen, in: Hamburgs Museen, Mai
1988, S. 3
Schellenberg, Carl, Eine Hamburger Stadtansicht aus dem Jahre 1648, in:
Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 41 (1951), S. 227-232
© Martin Knauer (Text), Museum für Hamburgische Geschichte (Bild), Jens Jäger (Seite), 30. März 2000